Stephan Holthoff-Pförtner: Journalisten sollen dem Leser nicht erklären, was er denken soll

 

Die Bilder liefen nach dem Tod des Altkanzlers unentwegt über die Bildschirme: Helmut Kohl vor Gericht, Helmut Kohl vor einem Untersuchungsausschuss, um - erfolglos - zu klären, wer die Millionen für die CDU gespendet hatte. Neben ihm saß stets ein Mann mit lockigem ergrauten Haar: Sein Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner (68), der Funke-Gesellschafter und seit kurzem Präsident der Zeitschriften-Verleger ist und Journalisten und Medien vorwirft: "Wir haben die Ängste der Menschen völlig unterschätzt."

Wer Ämter hat und mit Journalisten zu tun, der mag sie meistens nicht. Stephan Holthoff-Pförtners prominentester Mandat, Kanzler Helmut Kohl, konnte Journalisten nicht ausstehen, selbst die liberale "Zeit" nicht: "Mich hat immer nur verwundert, mit welchem intellektuellen und journalistischen Anspruch sie auftritt", erzählte Kohl in einem Interview mit Kai Diekmann - das in der "taz" 2003 erschienen ist. "Meine Erfahrungen mit dieser Zeitung sind ziemlich übel." Laut Kohl habe er mit dem Redakteur einen langen Abend geplaudert und Platten gehört. "Natürlich sollte ich den Artikel vor Erscheinen noch mal lesen, doch sah ich den Beitrag erst, als er gedruckt war. Darin wurde dann ganz die alte Masche gefahren: der tumbe Tor aus Oggersheim, ungebildet, kaum der deutschen Sprache mächtig."

Der "Spiegel" verfolgte Kohl, weil er die Namen der Millionen-Spender nicht preisgab, und war laut Kohl selber anfällig: "Augstein hat immer wieder vergeblich versucht, meine Ehefrau Hannelore zu einem Interview, mit einem Bild meiner Frau, zu bewegen. Dafür sollte sie Anzeigenseiten für die Hannelore-Kohl-Stiftung und ZNS erhalten."

Den "stern" hasste Kohl wegen der Berichte nach dem Tod seiner Frau: "So gemein...  Zu diesem Blatt fällt mir gar nichts ein. Ich habe bis heute nicht begriffen, warum man eigentlich den 'stern' lesen muss."

Oft genug dürfte Kohl mit seinem Anwalt über Journalisten gesprochen haben, und es werden keine freundlichen Worte gefallen sein. Stephan Holthoff-Pförtner dagegen, auch ein Mann mit vielen Ämtern, hatte nie offensichtlichen Ärger mit Journalisten. Nicht vor Journalisten fürchtete er sich, als seine Homosexualität bekannt wurde, sondern vor Politikern, vor Parteifreunden in der CDU. In den achtziger Jahren strebte er eine politische Karriere an und wollte Oberbürgermeister von Essen werden: "Ein Landtagsabgeordneter sagte mir, dann müsse man sich mein Privatleben angucken. Das Signal hatte ich verstanden."

Holthoff-Pförtner kennt viele Journalisten, vielleicht mag er sie sogar, zumindest bekennt er in einem "kress pro"-Interview mit Bülend Ürük: Er lese täglich die "Neue Zürcher Zeitung" und "gerne das eine oder andere unserer Klatschblätter und das mit großem Genuss". Auch als die 550 Zeitschriften-Verleger ihn vor einem halben Jahr zum Präsidenten wählten, bereiteten ihm einige prominente Manager mehr Ärger als die Medien-Journalisten. Holthoff-Pförtner stand im wilden Zeitschriften-Herbst 2016, wie so oft in seinem Leben, einfach im Weg:

Einflussreiche Verleger wollten nach dem diplomatisch-sanften Hubert Burda als Nachfolgerin Julia Jäkel, die junge, kantige Chefin von Gruner-Jahr; andere fürchteten, nicht zu Unrecht, dass der Funke-Mann eine Fusion mit den Zeitungsverlegern anstreben werde. So murrte Mathias Döpfner, der Springer- und Zeitungsverleger-Chef, der sich auch an die holprigen Verkaufsverhandlungen mit Funke erinnert haben dürfte; Julia Jäkel kündigte sogar, wie auch Spiegel- und Zeit-Verlag, die Mitgliedschaft im Fachverband Publikumszeitschriften des VDZ.

Dabei ist Holthoff-Pförtner ein journalistisch denkender Verleger, von denen es immer weniger gibt. Als der  Funke-Teil der ehemaligen WAZ-Gruppe vor zehn Jahren keinen Geschäftsführer fand, übernahm Holthoff-Pförtner quasi diese Funktion und brachte, zusammen mit Bodo Hombach, den Kauf der "Braunschweiger Zeitung" auf den Weg. Das hat die WAZ-Gruppe gestärkt, erinnerte sich Bodo Hombach in einem "Horizont"-Interview, sozusagen sein Glanzstück in einer "unglücklichen Ehe", wie er seine Zeit als WAZ-Manager charakterisierte: Die Braunschweiger hatten und haben eine gute zweistellige Rendite und journalistisches Renommee.

Die Verhandlungen waren lange eine Bieter-Schlacht mit Springer; nach dem Verkauf begrüßte  Braunschweigs Bürgergesellschaft die WAZ mit Protesten, angeführt vom Oberbürgermeister. Da lud die Redaktion Hombach zu einem Gespräch mit Lesern ein nebst nachfolgender Berichterstattung: Solch eine Kommunikation mit den Lesern war für die WAZ ebenso neu wie irritierend, doch Hombach sagte zu - und kam mit Holthoff-Pförtner in das feindlich gestimmte Braunschweiger Land.

"Wir sind stolz auf die Unabhängigkeit der Redaktionen" - mit diesem Zitat von Holthoff-Pförtner überschrieb die "Braunschweiger Zeitung" das zwei Seiten füllende Leser-Interview, "wir dulden Vielfalt nicht aus Schwäche, sondern aus Überzeugung." Mit einem Zitat endete es, bei dem sich Holthoff-Pförtner direkt an einen Leser wandte:

"Wir wissen, Herr Roßberg: Wir müssen uns um Sie bemühen, Sie aber nicht um uns. Wir investieren eine sehr hohe Summe in Ihr Vertrauen, wir wollen Sie behalten. Ihre Bindung an die Zeitung ist für uns viel wichtiger, als wir es für Sie sind."

Zuvor war zwischen den Lesern und Holthoff-Pförtner ein Streit über den vermeintlichen Links-Drall der WAZ ausgebrochen. Ein Leser fragte; "Nach der politischen Farbenlehre hieß es früher, die WAZ in Essen steht links. Bleibt die politische Freiheit der Redaktion erhalten?" Holthoff-Pförtner konnte einen ironischen Einwurf nicht verkneifen: "Ich beneide Sie um ihre Orientierungssicherheit" und fügte an: "Nachdem ich viele Jahre im Ruhrgebiet CDU-Kommunalpolitik gemacht habe, weiß ich nicht mehr, was rechts und links ist."

Mit einem Seitenhieb auf die Wulff-Landesregierung in Niedersachsen, die über die Landesbank am Verkauf beteiligt war, meinte er:

"Wenn es richtig ist, dass wir anfänglich politisch nicht erwünscht waren, kann ich Ihnen überhaupt nicht sagen, ob sich Ihre Landesregierung mehr an der Vita von Bodo Hombach oder an meiner Freundschaft zu unserem Ministerpräsidenten (Jürgen Rüttgers, CDU) reibt. Dinge laufen cross. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Herr Hombach, der Mitglied der SPD ist, rechts oder links von mir steht. Die Farbenlehre ist einfach unbrauchbar. Die WAZ hat eine klare Linie. Sie hat sich bisweilen an der Mehrheit orientiert, aber niemals Wahlen beeinflusst.  

Die Stärke unseres Hauses ist das Dulden von Meinungsvielfalt - aus Überzeugung. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Chefredakteur von der Geschäftsführung oder von den Gesellschaftern zum Gespräch gebeten wurde für etwas, das er schreiben wollte oder geschrieben hat."

Holthoff-Pförtner verscheuchte die Bedenken der Braunschweiger, ihre Zeitung ginge in einem Ruhrgebiets-Konzern unter: "Wir kommen ja nicht als Landbesetzer nach Braunschweig und Wolfsburg und veranstalten eine feindliche Übernahme. Wir sind über die Strukturen, die die Zeitung geschaffen hat, ausgesprochen dankbar. Wir wollen auch erfolgreiche Strukturen erhalten."

Das Nachdenken über das Wirken von Journalismus und von Medien ist geblieben. Die Kritik ist allerdings härter geworden und kommt im "kress pro"-Interview, gerade erschienen, ungewöhnlich heftig. Holthoff-Pförtner spricht über den Irrtum,  nach den friedlichen Revolutionen in Europa würde das goldenen Zeitalter der Demokratie ausbrechen; er spricht über den großen Fehler der Journalisten: "Bei dem, was wir großartig fanden, haben wir die Verunsicherung vieler Menschen, die Vereinsamung, die Ängste um Rechte und Status, um Sicherheit, völlig unterschätzt. Wir haben zu viele Leute nicht mitgenommen."

Er fordert ein "journalistisches Markenbewusstsein", auch um den vielen Lügen in den sozialen Netzwerken die Wahrheit entgegensetzen zu können. "Hier müssen wir Medienhäuser ansetzen. Alles andere ist gefährlich für unsere Gesellschaft."

Er zeigt zwei Wege, wie Medien die Demokratie stärken können:

  • Der eine folgt einem Militär-Prinzip, abgeschaut den US-Marines: "Führe von vorn  und lasse keinen zurück. Wir lassen viel zu viele zurück - ständig."

  • Der andere ist der Ratschlag an jeden Journalisten: "Er muss dem Leser nicht erklären, was er denken soll, sondern muss ihn gewinnen und überzeugen, einen Prozess mitzumachen. Das ist nicht leicht." 

Zur Info

Das Bülend-Ürük-Interview mit Holthoff-Pförtner ist in "kress pro"  5/2017 erschienen: "Es hatte sich eine Menge aufgestaut". In einem sehr persönlichen Interview spricht VDZ-Präsident und Funke-Gesellschafter Stephan Holthoff-Pförtner über den Krach im Verband, sein Outing, warum er adoptiert wurde und was er von Rupert Murdoch hält"

Der Autor

Paul-Josef Raue erlebte den Eintritt der WAZ in die mittelständische "Braunschweiger Zeitung" als deren Chefredakteur. Er arbeitete 35 Jahre lang als Chefredakteur von Lokal- und Regionalzeitungen, nach Braunschweig noch in Thüringen. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute Verlage, Redaktionen, speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

Ihre Kommentare
Kopf

Jens J. Meyer

24.08.2017
!

Womöglich erinnert sich Herr Groschek an seinen SPD-Genossen Bodo Hombach, der die Balkan-Expansion der WAZ-Gruppe gestaltete. Dazu ein Auszug aus dessen Lebenslauf:
"1998-1999 Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes
1999-2001 Sonderkoordinator des Stabilitätspakts für Südosteuropa, Brüssel
2002-2012 Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, Essen".


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