"Spiegel"-Reporter Rafael Buschmann über Fußballjournalismus: "Bei regionalen Tageszeitungen besteht ein enormes Abhängigkeitsverhältnis"

 

In die Abgründe des Profi-Fußballs haben die "Spiegel"-Redakteure Rafael Buschmann und Michael Wulzinger geblickt. "Football Leaks" hat den beiden 1,9 Terabyte mit zwielichtigen Verträgen zugespielt. Nach dieser Enthüllungs-Plattform haben sie ihr Buch benannt. Buschmann traf den geheimnisumwobenen Mann, der dahintersteckt. Im kress.de-Interview berichtet der 35-Jährige von seiner Recherche. Er sagt auch den großen Crash im Fußball-Geschäft voraus.

kress.de: Wie hat sich Ihr privates Verhältnis zum Fußball durch die Recherche verändert?

Rafael Buschmann: Das Spiel als solches wird für mich wahrscheinlich immer seine Faszination behalten. Ich spiele ja auch selbst sehr gerne. Aber was die ständigen Übertragungen der Spiele angeht, spüre ich eine Ermüdung. Während unserer Recherchen habe ich über Wochen gar kein Fußball mehr geguckt. Ich bin dem ein wenig überdrüssig geworden, weil ich weiß, welche zweifelhaften wirtschaftlichen und manchmal kriminellen Mechanismen hinter dem Spiel stecken.

kress.de: Ihr Kontaktmann "John" von "Football Leaks" hat Ihnen ein Datenkonvolut von 1,9 Terabyte, also umgerechnet 18,6 Millionen Dokumente, zukommen lassen. Wäre das ohne die Unterstützung des Recherchenetzwerkes "European Investigative Collaborations" überhaupt zu verarbeiten gewesen?

Rafael Buschmann: Mein damaliger Ressortleiter und Ko-Autor Michael Wulzinger hat mich zum "Spiegel" geholt, weil er wollte, dass ich investigative Stoffe, die oft schlichtweg aus harten Daten bestehen, heran schleppe. Aber bei dieser riesigen Menge wussten wir am Anfang auch nicht, wie wir damit umgehen sollten. Wir haben uns das Material zunächst Ordner für Ordner, Pfad für Pfad angeschaut. Aber wir stellten schnell fest, dass wir nicht wussten, wo wir anfangen und wo wir aufhören sollten - und das trotz all der Möglichkeiten, die gerade der "Spiegel" für solche Auswertungen bietet. Ohne die Infrastruktur mit den 60 EIC-Kollegen und den dahinterstehenden zwölf anderen europäischen Medienhäusern wäre das nicht möglich gewesen.

kress.de: Tut es nicht weh, einen solch exklusiven Datenschatz mit Kollegen teilen zu müssen?

Rafael Buschmann: Natürlich war das eine Zerreißprobe. Als investigativer Journalist möchte man das nicht. So etwas teilt man normaler Weise nicht einmal mit seiner Ehefrau und will es schon gar nicht 60 fremden Kollegen in die Hand drücken. Dabei tat die Aufgabe der Exklusivität gar nicht mal so weh. Vielmehr wusste ich nicht, wie vertrauenswürdig die anderen sind, was sie womöglich mit dem Material anstellen. Meine größte Sorge war, dass uns eine Nachricht, ja vielleicht sogar das ganze Projekt wegbricht.

kress.de: War die Sorge berechtigt?

Rafael Buschmann: Überhaupt nicht. Es war eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit. Alle Kollegen waren absolut integer. Aber davon waren unsere EIC-Gründer, der stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteur Alfred Weinzierl und die beiden EIC-Koordinatoren Jürgen Dahlkamp und Jörg Schmitt vom ersten Tag an überzeugt. Und auch die Aufgabe der Exklusivität hat sich gelohnt, denn der Return war riesig. Zum einen hätten wir "Spiegel"-Reporter mit unseren eigenen Quellen und unserem nationalen Verständnis von Steuer- und Unternehmenspraktiken überhaupt nicht so tief in den Fußballsumpf eintauchen können. Da waren die vielen europäischen Kollegen, darunter auch Wirtschafts- und Steuerexperten, unglaublich hilfreich. Zum anderen sind die Dokumente in verschiedenen Sprachen verfasst; das konnten wir allein wirklich nicht stemmen. Daher waren die unterschiedlichen Nationalitäten und Mentalitäten der Kollegen ein Gewinn - übrigens auch menschlich. Ich glaube wirklich, dass ich nie zuvor in meinem Leben in so kurzer Zeit so viel gelernt habe.

kress.de: Wieviel hat der "Spiegel" für die zugespielten Dokumente bezahlt?

Rafael Buschmann: Wir haben niemals Geld für die Daten bezahlt. Der Motivation unseres Informanten lag auch kein finanzieller Anreiz zugrunde. Er hatte sechs- und siebenstellige Angebote von Spielerberatern und Rechtsanwälten, die das Material aufkaufen wollten. Wenn es ihm um Bezahlung gegangen wäre, dann hätte er dort hingehen können.

kress.de: Was war dann das Motiv von "John", die aus zahlreichen Ländern stammenden Verträge über Transfers, Transferbeteiligungen, Steuervermeidungen und mit Ausrüstern wie Adidas zu veröffentlichen?

Rafael Buschmann: Gebetsmühlenartig hat er wiederholt, dass es ihm um die Sauberkeit des Sports geht und darum, den Fußball den einfachen Menschen zurückzugeben.

kress.de: Glauben Sie das?

Rafael Buschmann: Wissen Sie, ich habe mir im Laufe der Jahre abgewöhnt, die Motive meiner Informanten in Frage zu stellen oder sie mir zu eigen zu machen. Wenn Sie mich danach fragen, kann ich nur das weitergeben, was er mir gesagt hat. Alles andere ist Spekulation.

kress.de: Wie kritisch kann Sportjournalismus heute noch sein, da jeder Spieler seinen eigenen Medienberater, jeder Verein sein eigenes Internet-TV hat? Wie werden kritische Journalisten von Vereinen und Verbänden behandelt?

Rafael Buschmann: Das hängt weniger mit den Reportern zusammen, als mehr mit den Medienhäusern, für die sie arbeiten. Wenn man für eine Redaktion schreibt, die davon abhängig ist, dass der Reporter eine Akkreditierung für das nächste Bundesliga-Spiel bekommt, dann wird es mit dem unabhängigen Journalismus schwierig. Denn Fußballvereine entziehen bei kritischer Berichterstattung schon mal den Platz auf der Pressetribüne.

kress.de: Haben Sie das auch schon erlebt?

Rafael Buschmann: Es kam einige Male vor, dass ich nicht ins Stadion gehen konnte. Als ich zum Beispiel mehrere Enthüllungsgeschichten über Borussia Dortmund und Bayern München schrieb, wurde ich - natürlich ohne, dass dies offiziell je in Zusammenhang gesetzt wurde - von der Liste für das Champions-League-Finale 2013 gestrichen. Dort standen sich die beiden Klubs in London gegenüber. Ich bin dann trotzdem hingeflogen, weil meine Redaktion stark genug war, das durchzusetzen.

kress.de: Das dürfte eine Ausnahme gewesen sein...

Rafael Buschmann: Oft besteht bei regionalen Tageszeitungen und kleineren Medienhäusern ein enormes Abhängigkeitsverhältnis, weil die es sich nicht leisten können, vom Informationsstrom des Vereins abgeschnitten zu werden. Noch schlimmer steht es um Reporter, die für Zeitungen arbeiten, die gleichzeitig Medienpartner der Klubs sind. Solche Konstruktionen gibt es immer häufiger. Da wird es wirklich sehr schwierig. Die oft unkritische Berichterstattung hat nichts damit zu tun, dass diese Kollegen Fans wären, wie ihnen manchmal vorgeworfen wird. Sie wollen einfach im Job bleiben. Diese Abhängigkeit tut dem Journalismus nicht gut.

kress.de: Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Sportfunktionären und Spielern verändert, seit Sie die finanziellen Ungereimtheiten im Fußball-Geschäft enthüllt haben?

Rafael Buschmann: Das hat sich nicht erst mit "Football Leaks" geändert. Seit längerem arbeite ich zunehmend an investigativen Themen, ich habe aber auch Berufsjahre erlebt, in denen ich Vereine und Mannschaften eng begleitet habe. Wenn die Funktionäre und Spieler merken, dass da jemand schreibt, der gründlich recherchiert, der nachfragt und sich nicht abschrecken lässt, passiert sogar manchmal das Gegenteil. Ich beobachte, dass ich häufiger zu Hintergrundgesprächen eingeladen werde und auch Anrufe von Funktionären erhalte.

kress.de: Auch von Spielern?

Rafael Buschmann: Ja, kürzlich rief mich sogar ein Nationalspieler an, der wissen wollte, warum sein Gehalt plötzlich in der Zeitung steht. Wohlgemerkt: Es war nicht sein Berater, sondern der Spieler selbst. Ich habe ihm erklärt, dass das zu dem Kontext des Sittengemäldes einer Branche gehört, die über keinerlei Bodenhaftung mehr verfügt. Es war ein konstruktives Gespräch, und ich hatte den Eindruck, dass er verstanden hat, dass es nicht um ihn, sondern den grundsätzlichen Ansatz geht.

kress.de: Welcher Spieler war das?

Rafael Buschmann: Tut mir leid, aber ich habe ihm Diskretion zugesichert.

kress.de: Zu einem anderen Thema: Sie berichten, dass Adidas Real Madrid im Jahr mehr Geld zahlt, als der Bundesligist Hertha BSC als Gesamt-Etat zur Verfügung hat. Ist sportlicher Wettbewerb auf Augenhöhe überhaupt noch realistisch?

Rafael Buschmann: Das ist die größte Gefahr für die Glaubwürdigkeit des Fußballs überhaupt. Die Schere zwischen den armen und reichen Vereinen klafft immer weiter auseinander - gerade, was die Champions-League- und Investoren-Gelder betrifft. Problematisch ist, dass kleinere Vereine dazu neigen, immer waghalsigere Risiken eingehen, um mit allen Mitteln Geld zu generieren. Sie fragen dabei oftmals gar nicht, woher diese Gelder kommen. Und das ist ja auch eine der zentralen Fragen unseres Buches: Wie können Vereine ohne Bedenken Geld annehmen, über dessen Herkunft sie nichts wissen? Es drängen chinesische und arabische Investoren auf den Markt, die niemand kennt. Und das führt - siehe 1860 München - eben nicht nur nach oben.

kress.de: Welche Folgen hat das für den Wettbewerb?

Rafael Buschmann: Die logische Konsequenz wird sein, dass die Topklubs Jahr für Jahr viel mehr Geld bekommen werden als Hertha oder Werder. Das führt zu einem Missverhältnis bei der sportlichen Leistung und damit zu einem Spannungsabfall und Glaubwürdigkeitsverlust. Ich glaube, diese Entwicklung werden die Fans mit der Zeit noch stärker ablehnen. Wenn man perspektivisch weiterdenkt, kann der nächste Schritt eigentlich nur sein, dass die Topklubs aus allen Ligen ausgegliedert werden und unter sich einen Wettbewerb austragen. Wird der Fan noch verstehen, wenn irgendwann vier Mateschitz-Vereine in der Champions League gegeneinander spielen? Das zerstört den Wettkampf-Gedanken.

kress.de: Ist "Financial Fairplay" eine reine Schimäre?

Rafael Buschmann: Ja, das ist ein Papiertiger. Es war ein Baby des damaligen UEFA-Präsidenten Michel Platini, mit dem er den Fußball gerechter machen wollte - was in Anbetracht der ganzen Fifa-und Uefa-Skandale schon ziemlich absurd klingt. Seitdem Platini nicht mehr im Amt ist, ist der Geist des "Financial Fairplay" endgültig erloschen. Nach dem Studium der Football-Leaks-Unterlagen muss ich aber sagen, dass es ohnehin nie eine Chance hatte, weil die Vereine ihren Bilanzen schönen und fälschen - sie benutzen dafür Steueroasen, private Firmen, Strohmänner. Der Fußball erscheint uns vogelfrei.

kress.de: Inwiefern?

Rafael Buschmann: Weil die Vereine von Finanzberatern und Bankern umgeben sind, die das Geld um die ganze Welt verschieben, bis kein Außenstehender diese Wege noch nachvollziehen kann. Werbegelder landen in Panama, Belize oder den British Virgin Islands.

kress.de: Welche deutschen Klubs tun sich da negativ hervor?

Rafael Buschmann: Das kann ich nicht seriös beantworten, weil letztlich alle Vereine mit denselben Beratern kooperieren. Und selbst wenn sie das ablehnen, wissen sie nicht, mit welchen Leuten ihre Spieler zusammenarbeiten. Die gesamte Branche hat ein Glaubwürdigkeits- und Legalitätsproblem.

kress.de: Können die "Fooball Leaks"-Enthüllungen etwas dazu beitragen, die Milliarden-Schraube anzuhalten?

Rafael Buschmann: Die Enthüllungen werden ihren Wert haben - allein schon, wenn die Abwicklung von Werbegeldern in die Steueroasen geändert wird. Denn diese sind oftmals eine Form von verdeckten Gehaltszahlungen, deren Besteuerung den europäischen Ländern entgeht.

kress.de: Das klingt gut, aber auch ein wenig abstrakt. Gibt es konkrete Erfolge?

Rafael Buschmann: Ja, nehmen Sie den Fall Christiano Ronaldo, der bis zu 15 Millionen Euro zu wenig Steuern auf seine Werbegelder bezahlt haben soll. Er ist einer von bislang sechs Spielern, die im Rahmen der Enthüllungen von "Football Leaks" nun mit rechtlichen Problemen zu kämpfen haben. Und die Ermittlungen in Frankreich, Spanien und England haben gerade erst begonnen.

kress.de: Wann wird diese Milliarden-Schraube überdreht sein?

Rafael Buschmann: So desillusionierend es klingt: Das wird noch eine Weile dauern. Es ist einfach viel zu viel Geld im Umlauf. Banker, mit denen ich gesprochen habe, vergleichen das mit 2006, als die Geldhäuser mit immer neuen Modellen horrendes Geld verdienten. Und dann platzte diese Blase.

kress.de: Was ist das wahrscheinlichste Szenario für einen Crash im Fußball-Geschäft?

Rafael Buschmann: Wenn die TV-Gelder ausbleiben. Denn trotz aller Werbeeinnahmen ist die Branche in ihrer großen Breite am stärksten von der Vergabe der Verwertungsrechte abhängig. Denken Sie an die Kirch-Pleite. Da ist von einem Tag auf den anderen ein Imperium zusammengebrochen. Wenn die Fernsehsender nicht mehr zahlen können, dann stehen die Vereine vor nahezu unlösbaren Aufgaben. Denn diese müssen die langfristigen und äußerst kostspieligen Verträge weiter erfüllen. Ohne die Einnahmen aus dem TV-Geschäft können sie das aber nicht. Dann kann es zum Crash kommen.

kress.de-Buchtipp: Rafael Buschmann, Michael Wulzinger, Football Leaks - Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball, Paperback, 288 Seiten, Preis: 16,99 Euro, ISBN: 978-3-421-04781-6

Ihre Kommentare
Kopf

Don Krypton

21.06.2017
!

Die Überschrift ist echter Anti-Clickbait. Ich habe seit Monaten kein so gutes Interview mit so umfangreichen, wesentlichen Inhalten unter einem dermaßen langweiligen Kopf gesehen. Wenn BILDblog nicht kurz beschrieben hätte, worum's ging, hätte ich den Text nie gelesen.


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