Ein Satz mit Sprengkraft: "In Zukunft wird der wichtigste Kontaktpunkt zwischen einer Marke und ihren Kunden ein akustischer Bot ohne grafische Elemente sein." Mit dieser Prognose stand Sophie Kleber, Executive Director für Produkt und Innovation der Digitalagentur Huge, nicht allein in Austin als Prophetin eines erheblichen Wandels im Marketing: Chatbots und die dahintersteckende künstliche Intelligenz waren das meistdiskutierte Thema der SXSW 2017.

In Deutschland mögen das viele nur für die nächste Blase halten. Schließlich werden Bots in unseren Regionen häufig nur als funktions- und wortschatzarme Facebook-Bots wahrgenommen. Doch steckt auch hinter Amazons Alexa, Google Home und Apples Siri nichts anderes als künstliche Intelligenz in Form von Bots. "Und wenn eine Maschine mit einem Nutzer menschlich spricht, baut dieser eine emotionale Bindung auf", sagt Huge-Frau Sophie Kleber. Ihre Vision: eine Software begleitet Menschen durch den Tag - als persönlicher Assistent, genauso aber auch als emotionale Stütze.

Wie weit der Stand in der englischen Sprache ist, demonstrierte in Austin Jason Mars, Professor für künstliche Intelligenz an der Uni Michigan und Gründer von Clinc. Seine Bot-Software ermöglicht die Recherche in den eigenen Finanzströmen und beantwortet Fragen wie "Letztes Jahr hab ich Urlaub an diesem See gemacht und da war eine hohe Restaurantrechnung - welche war das?" in der Live-Demo auf der SXSW schnell und fehlerfrei.

Auch die Medienbranche wird sich dem Thema Bots nicht entziehen können. Künftig werden intelligente Systeme Plattformen, Apps oder in den Ökosystemen der großen Social Networks für Nutzer maßgeschneiderte Informationsangebote aus unterschiedlichsten Quellen zusammenstellen und diese mittels intelligenter Mustererkennung und automatisch durchgeführter Plausibilitätsprüfung auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen. Dabei greift das System oder der "Bot" nicht nur auf deutsche Medienangebote zu, sondern liefert eine Übersetzung fremdsprachiger Quellen in guter Qualität gleich mit. Aus diesen Artikeln, Videos und Podcasts kondensiert die Software dann mit zunehmender Intelligenz das Wesentliche - und zwar selbstständig. Dabei weiß er, basierend auf der bisherigen Nutzerinteraktion, was dieser möchte oder führt ihn durch die Informationsdichte.

Dies bedeutet für Medien nicht nur eine drastische Veränderung in der Inhaltedistribution - sondern eine komplette Neuausrichtung aller Bereiche, von der redaktionellen Arbeit bis zum Geschäftsmodell. Darin liegt auch eine Chance für Qualitätsjournalismus: Originäre, gut recherchierte Inhalte werden durch künstliche Intelligenz wieder mehr Gewicht erhalten, da der Bot das Nachgeplapperte, Kopierte oder Nicht-Gesicherte aus dem Newsstream ausblendet.

Erste Angebote gibt es, doch sind sie funktional beschränkt. Zum Beispiel "Resi", die Nachrichten-App des ehemaligen WeltN24-Mannes Martin Hoffmann, oder "Novie", der Bot von Funk, dem ARD/ZDF-Jugendangebot. Beide liefern Nachrichten im ChatStil. Nick Denton, Gründer des Blog-Unternehmens Gawker Media, sieht darin die Zukunft von Nachrichten: "Die nächste Phase der Medien wird aus der Idee einer authentischen, entspannten Konversation über Dinge, die wichtig sind, entstehen."

Auch die Finanzierung von Medien wird von Bots berührt werden - und das schneller, als Zweifler glauben. Kurz nach der SXSW erklärte der US-Dessoushersteller Cosabella, sich von seiner Mediaagentur getrennt zu haben. Der Ersatz: eine Software mit künstlicher Intelligenz. Der Erfolg: Die Mediainvestments seien dreimal effizienter, die Kundenbasis habe sich um 30 Prozent verbreitert.

Im gesellschaftlichen Gesamtkontext ist das Feld von künstlicher Intelligenz für Medienhäuser jedoch noch fast ein Randthema. Beispiel Gesundheitswesen: Intel hat mit der Uni Pennsylvania eine Software entwickelt, die Ärzte alarmiert, wenn die Daten eines ins Krankenhaus eingewiesenen Patienten auf die Gefahr eines Herzstillstands hinweisen - obwohl diese Gefahr nicht offensichtlich ist. Innerhalb eines Jahres stieg die Zahl der so gefährdeten Patienten um 20 Prozent. Bis zum Jahr 2020 will der Chipkonzern ein System entwickelt haben, mit dem ein Patient auf Basis aller seiner Daten - von der Blutuntersuchung bis zur handschriftlichen Arztnotiz - innerhalb von 24 Stunden im Krankenhaus eine individuelle Behandlungsempfehlung erhält.

Bei solchen Projekten entsteht in deutschen Köpfen schnell eine dystopische Vision: Hilfe, die Maschinen übernehmen uns! Basierend auf dieser sehr negativen Grundhaltung kann es nicht überraschen, dass Deutschland mal wieder bei einem wichtigen Innovationsthema zurückliegt. Auf der SXSW nährt man sich der Thematik unaufgeregter und differenzierter. Die Folgen künstlicher Intelligenz - von Arbeitsplatzabbau bis Kontrollverlust - werden keineswegs ausgeblendet. Doch versucht hier niemand, Technik zu verhindern, sondern Lösungswege zu erarbeiten.

So stellte Huge-Direktorin Kleber in Austin den Entwurf einer Selbstverpflichtung für Designer in Sachen künstliche Intelligenz vor. Hauptelement: Die Nutzer sollten nicht zum Versuchstier für Software werden - sie müssten die Genehmigung geben, wenn ihre Daten für das Testen einer noch nicht fertigen Software verwendet werden. 

Autor: Frank Horn

kress.de-Tipp: Der Text stammt aus dem Dossier "SXSW 2017: Die Digitaltrends" der "kress pro"-Ausgabe 3/2017 (erschienen im April 2017). Darin schreibt auch Richard Gutjahr über Augmented Reality, Ulrike Langer über die Bedeutung von AR und VR für Medienunternehmen, Thomas Knüwer porträtiert News-Startups und Felicitas Hackmann liefert Tipps für SXSW-Neulinge. Das Dossier gibt es als E-Paper und gedruckt.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

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