Wie können Flüchtlinge von regionalen Zeitungen profitieren, wenn sie kein oder kaum Deutsch sprechen? Vor dieser schwierigen Frage stand Georg Konstantinow, Projektleiter "Jugend, Bildung und Medien" beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z), im Herbst 2015. Unter dem Eindruck der vielen Menschen, die vor Krieg, Elend und Terror nach Europa flüchteten, suchte die sh:z-Geschäftsführung nach einem Weg, sinnvoll zur Integration der Ankommenden beizutragen.

"Schleswig-Holstein war mit seiner Nähe zur dänischen Grenze 2015 besonders stark frequentiert. Viele Flüchtlinge warteten hier auf ihre Weiterreise. Etwa 50.000 sind geblieben", erzählt Konstantinow. Für sie entwickelte er gemeinsam mit der Dortmunder Medienagentur mct das Projekt "Willkommen in Schleswig-Holstein" (Video). Es richtet sich in erster Linie an Flüchtlinge zwischen sechs und 22 Jahren, die sogenannte "Deutsch als Zweitsprache"-Kurse besuchen. 2.200 von ihnen nahmen an der ersten Projektrunde im Frühjahr 2016 teil, begleitet von 160 Lehrkräften. Drei Monate lang erweiterten die Schüler im täglichen Sprachunterricht mit Hilfe der Zeitung ihre Sprach- und Ortskenntnisse.

Das Lehrmaterial, bestehend aus einem Handbuch für Lehrer und Arbeitsheften für die Teilnehmer, erarbeiteten Verlag und Agentur auf Grundlage eines bereits seit vielen Jahren bestehenden Kita-Projekts, bei dem Kindergartenkinder an das Alphabet und die Schriftsprache herangeführt werden. Die Aufgaben wurden weiterentwickelt und in drei verschiedene Schwierigkeitsgrade unterteilt. "Wo liegt Schleswig-Holstein? Welche Orte sind wichtig? Findet ihr sie in der aktuellen Ausgabe?", lautet etwa eine Übung. Mal gilt es, die Gezeitentabelle in der Zeitung zu erklären, mal darum, ein Foto von einer Robbe zu entdecken. Landestypische Inhalte, sagt Georg Konstantinow, seien wichtig, um die Bindung zur neuen Heimat zu verstärken.

Von den Ergebnissen fühlt Projektleiter Konstantinow sich mehr als bestätigt: Das in dieser Form einzigartige Angebot hat einer anschließenden Evaluation zufolge in den meisten Fällen einen wertvollen Beitrag zur Integration geleistet, war hilfreich für den Spracherwerb und hat den Teilnehmern Spaß gemacht. Grund genug, in diesem Jahr eine neue Runde zu starten. Noch bis Ende Juni dauert der zweite Durchgang, an dem derzeit 1.500 Schüler und 60 Lehrer teilnehmen. Auch hier sind die ersten Rückmeldungen vielversprechend. "Die Kinder arbeiten gerne mit der Zeitung und nehmen sie mit nach Hause, um sie ihren Eltern vorzulesen", heißt es etwa aus einer Schule in Schleswig.

Was verspricht sich der sh:z von seinem Integrationsprojekt? "Wir können nicht erwarten, dass Flüchtlinge, die über kein oder ein nur geringes Einkommen verfügen, jetzt gleich unsere Abonnenten werden", sagt Konstantinow. Es gehe darum, die Stärke der lokalen Berichterstattung zu nutzen, um einen Beitrag zur Bildungsintegration zu leisten. "Lokalnachrichten, örtliche Verbundenheit, Einbettung in das soziale Gemeinwesen - davon haben die Flüchtlinge profitiert. Für uns als Verlag ist das eine wichtige Erkenntnis, weil wir stets auf der Suche nach Ideen sind, wie wir neue Zielgruppen erreichen können." Finanziert wird das Projekt "Willkommen in Schleswig-Holstein" zum Teil durch Spenden der Leser, den restlichen Betrag trägt der Verlag.

Obwohl es ökonomisch ein Zuschussgeschäft ist, dürften die Vorteile überwiegen: Das norddeutsche Medienhaus hat nicht nur die Kontakte zu Migranten und Bildungsreinrichtungen vertieft, die Aktion findet auch weit über die Region hinaus Beachtung. So verlieh der Weltzeitungsverband WAN-IFRA dem sh:z-Verlag beim World Young Reader Prize den ersten Preis in der Kategorie "Dienst am Gemeinwohl" und bezeichnete das Projekt als "großartiges Beispiel für andere Verlage".

In NRW haben sich bereits zwei Zeitungshäuser davon inspirieren lassen: die "Ruhr Nachrichten" in Dortmund und der "Hellweger Anzeiger" in Unna. Ihr gemeinsames Projekt "Hier ankommen" läuft seit vergangenem Herbst und spricht neben jungen Flüchtlingen auch Erwachsene an. Das Interesse ist groß: Projektleiterin Anke Pidun von der Medienagentur mct zählt bislang mehr als 3.200 Teilnehmer. Der nächste vierwöchige Übungszeitraum startet im September. Und auch in Schleswig-Holstein geht es weiter. Georg Konstantinow: "Wir werden wieder interessierte Einrichtungen einladen, an einem dritten Durchgang teilzunehmen."

Hintergrund sh:z:

Mit 22 regionalen Tageszeitungen in einer Gesamtauflage von rund 204.000 Exemplaren und mit rund 700.000 Lesern täglich ist sh:z das medienhaus eine der größten Verlagsgruppen im Norden. Geschäftsführer sind Axel Gleie, Joachim Liebler und Paul Wehberg. Chefredakteur sh:z ("Eckernförder Zeitung", "Flensburger Tageblatt", "Holsteinischer Courier", "Husumer Nachrichten", "Insel-Bote", "Landeszeitung", "Norddeutsche Rundschau", "Glückstädter Fortuna", "Nordfriesland Tageblatt", "Ostholsteiner Anzeiger", "Schlei-Bote", "Schleswiger Nachrichten", "Stormarner Tageblatt", "Sylter Rundschau" und "Wilstersche Zeitung") ist Stefan Hans Kläsener, Online-Chefredakteur: Joachim Dreykluft, stellvertretender Chefredakteur: Jürgen Muhl. Redaktionsleiter der A. Beig Druckerei und Verlag GmbH & Co. KG ("Barmstedter Zeitung", "Elmshorner Nachrichten", "Pinneberger Tageblatt", "Quickborner Tageblatt", "Schenefelder Tageblatt", "Uetersener Nachrichten" und "Wedel-Schulauer Tageblatt") sind Gerrit Bastian Mathiesen und Jan Schönstedt.

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