Jan Wolf Schäfer zur Wirtschaftsberichterstattung beim "Focus": "Wir sehen Chancen und nicht gleich Risiken"

22.06.2017
 

Der ehemalige "Bild"-Mann Jan Wolf Schäfer ist seit April für das neue Ressort "Politik und Wirtschaft" des "Focus" verantwortlich. Was Schäfer unter "moderner Relevanz" versteht, wenn er über seine Devise für Wirtschaftsgeschichten im "Focus" spricht, und warum er eine Zielgruppe mit positiver Lebenseinstellung ansteuert.

"Was uns von anderen unterscheidet: Wir sehen Chancen und nicht immer gleich die Risiken. Was sind eventuell auch positive Effekte von neuen Entwicklungen, seien es nun technologische oder wirtschaftliche", sagt Jan Wolf Schäfer im Interview mit "Wirtschaftsjournalist"-Chefredakteurin Susanne Lang.

"Wirtschaftsjournalist": Im April gab es ein großes Porträt über "den neuen Patriarchen" bei VW, Hans "Michi" Piëch. Wo besteht da der Unterschied zum "Manager Magazin", das ebenfalls anhand wichtiger Köpfe die Situation der großen Unternehmen analysiert?

Jan Wolf Schäfer: Die Geschichten im "Manager Magazin" sind toll erzählt. Der Unterschied zu uns ist: Wir zeigen ein sehr viel persönlicheres Bild der Menschen. Was denkt er oder sie, in welcher Welt lebt die Person, welche Netzwerke im Hintergrund gibt es. Wie sieht es im Büro aus, was steht auf dem Schreibtisch, befinden sich dort Kunstgegenstände, wer sind Gegner, wer Freunde und so weiter.

"Wirtschaftsjournalist": Also boulevardesker?

Jan Wolf Schäfer: Ich würde es mit moderner Relevanz umschreiben. Eine relevante Geschichte, aber stärker über die Person erzählt als über die reine Nachricht: ohne Menschen keine Fakten, kein Hintergrund, keine Nachricht.

"Wirtschaftsjournalist": Ist der Ansatz wirklich neu für den "Focus"?

Jan Wolf Schäfer: Es ist ein Konzept, das weiterentwickelt wurde. Robert Schneider hat einen neuen Geist reingebracht. Wir konzentrieren uns auf die modernen einflussreichen Influencer, wie man neudeutsch sagt. Das ist der Dax-Chef genauso wie die Bundeskanzlerin, umfasst aber auch Start-upChefs. Nehmen Sie die neue DaimlerKampagne mit dem Rapper, "A$AP Rocky". Die hat mit Autos kaum noch etwas zu tun, es geht nur noch um Image. Das transportieren sie über eine Person, die nicht Boris Becker ist, sondern die für etwas Neues steht: Brüche im Lebensweg. Das interessiert uns: Wer hat diese Kampagne konzipiert, und wieso fährt Daimler sie?

"Wirtschaftsjournalist": Stichwort Image: Ist die Zielgruppe der "Focus"-Wirtschaft nach wie vor der mittelständische Unternehmer? Es heißt, dass man eine deutlich jüngere, hippere Zielgruppe ansprechen will, mit lockerer Lektüre.

Jan Wolf Schäfer: Wir wollen alle ansprechen, die Einfluss haben und etwas bewegen wollen. Das können Jüngere sein, aber auch Ältere. Wir wollen vor allem zeigen, wer wichtig wird. Das meine ich mit moderner Relevanz. Was uns dabei von anderen unterscheidet: Wir sehen Chancen und nicht immer gleich die Risiken. Was sind eventuell auch positive Effekte von neuen Entwicklungen, seien es nun technologische oder wirtschaftliche? Wir wollen nicht gleich abwinken, nach dem Motto: Oh, wir wissen schon, warum das alles schlecht ist und welche Probleme damit kommen werden.

"Wirtschaftsjournalist": Das ist der Unterschied zum "Spiegel"?

Jan Wolf Schäfer: Das haben Sie jetzt gesagt. Meiner Meinung nach ist es wichtig, die Risiken nicht außer Acht zu lassen, aber Neues auch nicht gleich zu verteufeln, nur weil es neu ist. Wir wollen die Frage zulassen: Kann das möglicherweise auch positive Konsequenzen haben. Dahinter steckt eine andere Lebenseinstellung. An die Leute, die diese Lebenseinstellung teilen, wollen wir uns wenden.

"Wirtschaftsjournalist": Unter Journalisten reift ja allgemein die Einsicht, dass man mit nur destruktiver Berichterstattung keine Leser mehr halten kann, weil zu deren Alltag mehr gehört als das, was schlecht läuft.

Jan Wolf Schäfer: Ja, das gehört auch dazu in einem Land, das eigentlich sehr gut dasteht. Nicht nur zu kritisieren, wo Dinge schlecht laufen - die muss man auch benennen -, aber auch zu beschreiben, wo wir gut aufgestellt sind. Das ist auch die Aufgabe von "Focus".

kress.de-Tipp: Das Gespräch mit Jan Wolf Schäfer ist ein Auszug aus einem großen Interview im "Wirtschaftsjournalist" Ausgabe 2/2017. Dort verrät Schäfer auch, warum er von "Bild" zu "Focus" gewechselt ist und wie er seine ehrgeizigen Ziele mit einem nach dem Umzug nach Berlin arg geschrumpften Redaktionsteam erreichen will. Den "Wirtschaftsjournalist" gibt es im Newsroom-Shop oder im iKiosk.

Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

Zur Person: Jan Wolf Schäfer, geboren am 28.06.1973 in Kiel, studierte VWL in Kiel und Bergen (Norwegen). Im Anschluss volontierte er an der Journalistenschule Axel Springer. Nach Stationen bei "Bild" und "Euro am Sonntag", kehrte er zu "Bild" zurück und wurde stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros. Im März 2013 übernahm er die Ressortleitung der Wirtschaft, im Oktober 2013 übernahm er zusätzlich die Leitung des Ressorts "Politik". In dieser Doppelfunktion ist er seit April 2017 auch beim "Focus" tätig. Zudem gehört Schäfer der Chefredaktion um Robert Schneider an. Schäfer ist verheiratet und hat drei Kinder.

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