Mit flinken Fingern öffnet Kai Mudra die schwarzgrüne Kunststofftasche. Der Reporter zieht 57 Seiten holziges Papier - sauber geheftet - heraus und legt es kurz auf den einfachen Tisch im Erfurter Café "double b". Haben dürfte er dieses Papier nicht. Es ist das komplette Gutachten von Professor Joachim Bauer über Beate Zschäpe. Die Frau aus Jena ist Hauptangeklagte im Prozess gegen die rechtsextreme Terrorzelle NSU. Verminderte Schuldfähigkeit bescheinigt der Professor im Ruhestand Zschäpe am 364. Verhandlungstag Mitte Mai vor dem Oberlandesgericht (OLG) München.

Gerichtsverwertbare Gutachten bleiben normalerweise bei den Anwälten unter Verschluss. Reporter erfahren nur, was vor Gericht mündlich dazu besprochen wird. Gute Reporter besorgen sich solche Unterlagen - vollständig - auf anderen Wegen. "Skandalös" - so lautet das überwiegende Echo auf die Auszüge des Professoren-Gutachtens. Es ist eines von vielen Gutachten in dieser Zeit des NSU-Prozesses. Im Wesentlichen speist sich das Papier aus den Erkenntnissen von 16 Stunden Einzelgespräch mit Zschäpe.

An jenem Tag Mitte Mai sitzt der Thüringer Reporter Kai Mudra - wie so oft in den vergangenen vier Jahren seit Prozessstart am 6. Mai 2013 - auf der Pressetribüne im Saal A 101 des OLG München. Knapp 260 von mehr als 360 Prozesstagen erlebt er vor Ort als Berichterstatter für die "Thüringer Allgemeine". Der 55-Jährige ist einer von wenigen Journalisten, die so regelmäßig berichteten. Und ein besonderer dazu. Mudra recherchiert und schreibt schon über den NSU, als die Mörderbande noch gar nicht so heißt.

"Sicherheitsvorkehrungen sind wie am Flughafen. Jeder wird gefilzt, bevor man ins Gericht gelassen wird"

In Chemnitz in Sachsen geboren und aufgewachsen, lebt der journalistische Experte für Rechtsextremismus nun lange in Thüringen. Kaum ein Reporter hat Heimat und Zuhause so dicht an den zunächst Kleinkriminellen, die den rassistischen NSU ausbrüten.

An den ersten Prozesstag vor gut vier Jahren erinnert sich Mudra genau. Oben von der Empore fällt das Handy einer Gerichtsreporterin in den Saal. Es rutscht durch den Mini-Schlitz zwischen Fußboden und einer zwei Meter hohen Glaswand, hinter der alle nicht am Prozess Beteiligten hocken. Die "Sicherheitslücke" wird umgehend geschlossen, seitdem fällt nichts mehr in den Saal. "Die Sicherheitsvorkehrungen sind wie an Flughäfen. Jeder wird gefilzt, bevor man ins Gericht gelassen wird. Besucher dürfen nicht einmal etwas zum Trinken mitbringen", sagt Reporter Mudra. Für ihn hat der Saal "etwas von einer römischen Arena; für Angeklagte sehr unangenehm".

Bis zu 60 Anwälte zählt er an manchen Tagen im Saal - 14 Verteidiger der fünf Angeklagten, dazu Vertreter der Nebenkläger, Gutachter, Journalisten und "Schüler, Studenten, Schauspieler, Politiker, die sich das von der Empore aus als Besucher anschauen". Mit dicken Betonwänden und wenigen, kleinen Fenstern wird das Gebäude als Sechseck gebaut - ursprünglich für den Prozess gegen die Rote-Armee-Fraktion (RAF). Die linksextremen Terroristen ziehen vor mehreren Jahrzehnten eine Blut- und Mordspur durch Deutschland.

Nun ist der Saal - vor rassistisch-rechtsextremem Hintergrund - Schauplatz für einen der größten Strafprozesse in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945. Der Generalbundesanwalt wirft Beate Zschäpe die Mittäterschaft an zehn Morden gegen acht türkischstämmige Menschen, einen Griechen sowie eine Polizistin vor, dazu 15 Banküberfälle und zwei Sprengstoffanschläge. Zwei weitere Angeklagte sitzen wegen Beihilfe zum Mord und zwei wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht. Zschäpes beste Freunde, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, fehlen auf der Anklagebank. Sie bringen sich in einem Wohnmobil im November 2011 in Eisenach um.

Reporter Mudra spricht über den Auftritt einer jungen Ärztin vor Gericht, die Opfer einer dieser rassistisch motivierten Bombenanschläge wird. Seine Stimme wird brüchig, die Augen feucht. Masliya heißt sie, stammt aus Köln und ist damals - im Januar 2001 - 19 Jahre alt. Vor der Schule hilft sie oft im Geschäft der Eltern.

"Da sitzen auf der anderen Seite die Dumpfbacken und regen sich nicht einmal"

Eine angeblich vergessene Stollendose steht im Lagerraum in einem Regal. Die junge Frau öffnet den Deckel. Das mit Schwarzpulver gefüllte Gefäß explodiert, die damals 19-Jährige überlebt schwer verletzt. Sie macht vom Krankenbett aus Abitur, studiert Medizin und arbeitet heute als Ärztin. "Unglaublich tapfer kommt sie Jahre später in den Prozess und berichtet das genauso. Und da sitzen dann auf der anderen Seite die Dumpfbacken und regen sich nicht einmal", sagt Mudra. Die Hauptangeklagte ist für Mudra "nicht ferngesteuert. Sie wirkt bewusst und berechnend. Es gibt bei ihr ein paar unerklärliche Punkte".

Die "Dumpfbacken" hat Mudra schon seit den 1990er Jahren in seinem journalistischen Notizblock. Haargenau kann er Daten, Zahlen, Fakten aufzählen, ohne dass damals schon klar ist, dass das alles auf dem kriminellen Konto der NSU-Bande zu Buche schlägt. Etwa von 1995, als im Horten-Kaufhaus in Jena ein Sprengsatz in die Auslage gepackt wird. Oder als 1996 ein Puppentorso mit Davidstern und Drähten wie Zündschnüre einer Sprengladung an eine Autobahnbrücke nahe Jena gehängt wird - mit einer Spur zu Uwe Böhnhardt. Oder als 1997 ein Kind vor dem Theaterhaus in Jena einen Koffer mit Hakenkreuz-Bemalung findet, im Theater abgibt und die Polizei schließlich einige Gramm TNT im Koffer feststellt. Oder als 1997 zwei Briefbombenattrappen an die "Thüringische Landeszeitung" und die Stadtverwaltung Jena geschickt werden - mit einer Spur zu Beate Zschäpe. Oder als im Januar 1998 eine Garage nahe der Kläranlage in Jena durchsucht und ein Kilo TNT-Sprengstoff und Röhren zum Bombenbauen gefunden werden - angemietet von Beate Zschäpe. Nach der Garagen-Razzia tauchen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ab.

Reporter Mudra hat Ende Januar 1998 einen Journalistentermin und erfährt dort erstmals namentlich von dem Trio. Doch die Zeit scheint noch nicht reif, sich ernsthaft mit möglichen Neonazi-Hintergründen zu befassen. "Es waren die Jahre nach dem Mauerfall, dem Zusammenbruch der DDR. Die Leute waren zumeist mit anderem als mit Neonazis beschäftigt. Viele haben ihre Rente, ihre Arbeit klären müssen", sagt der Reporter und ordnet in diese Zeit auch die "Einwanderung" von Neonazis nach Ostdeutschland: "Die Neonazis im Westen haben zu der Zeit das Potenzial im Osten gesehen und hatten in einem halbwegs rechtsfreien Raum die Möglichkeit, im Osten etwas aufzubauen."

Im Jahr 2003 erfährt Mudra auf Nachfrage bei der zuständigen Staatsanwaltschaft im ostthüringischen Gera, dass die Ermittlungen und die Fahndung gegen Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos eingestellt sind. "Das hätte nicht sein dürfen. Ein Haftbefehl gegen Böhnhardt nach einer Verurteilung war auf zehn Jahre ausgestellt - also längst nicht abgelaufen", listet Mudra eine von vielen Ermittlungspannen im NSU-Fall auf. Die Suche endet in einer Zeit, als der NSU die ersten Morde vor rassistischem Hintergrund begangen haben soll.

"Ich halte für naheliegend, dass sie sich mit dem Wohnmobil in die Luft sprengen wollten"

Es beginnt am 9. September 2000 in Nürnberg. Enver Simsek aus dem hessischen Schlüchtern wird mit acht Schüssen verletzt. Er stirbt zwei Tage später.

Der Auftakt einer rassistischen Mordserie, die - nach allen bisherigen Erkenntnissen - am 4. November 2011 in Eisenach in Thüringen eine dramatische Wende nimmt. Uwe Mundlos erschießt Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil und bringt sich dann selber um. "Ich halte für naheliegend, dass sie sich mit dem Wohnmobil in die Luft sprengen wollten", meint Mudra. Dazu kommt es nicht, das Fahrzeug brennt ab ohne Explosion. Beate Zschäpe sprengt derweil in Zwickau, 180 Kilometer weiter östlich, eine Haushälfte, vermutlich um Spuren in ihrer Wohnung zu verwischen. "Die Polizei leugnete zunächst einen Zusammenhang zwischen der Explosion in Zwickau und Eisenach", sagt Mudra.

Die Dienstpistole der in Heilbronn umgebrachten Polizistin Michèle Kiesewetter wird in Eisenach im Wohnmobil gefunden, Banküberfälle in Arnstadt, Eisenach und an anderen Orten in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern passen ebenfalls Stück für Stück ins Bild. "Es macht jeden Tag Bäng, immer mit neuen Details", erinnert sich der Reporter. Wenig später - am 8. November - stellt sich Zschäpe in ihrer Heimatstadt Jena auf der Polizeidirektion, begleitet von einem Familienanwalt. "Ich bin die, die Sie suchen", sagt die Frau, die nun in München vor dem Staatsschutzsenat die Hauptangeklagte ist - auf mehr als 400 Seiten Anklageschrift.

"Der Senat hat sich sehr gut eingearbeitet in die Materie. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl ist beeindruckend. Er und sein Senat sitzen an manchen Tagen bis zu 60 Juristen gegenüber. Der Druck ist unglaublich. Ein Fehler - und ihm fliegt alles um die Ohren", sagt der Reporter. Er sieht gute Chancen, dass der Prozess in diesem Jahr zum Ende kommt. "Unfassbar ist das alles", sagt Mudra. Er möchte endlich wieder mehr Zeit in Thüringen als in München auf der Gerichts-Empore verbringen.

Zum Autor: Der Verfasser des Textes, Dirk Lübke, ist Chefredakteur des "Mannheimer Morgen" und hat von 2012 bis 2014 mit Kai Mudra bei der Zeitung "Thüringer Allgemeine" zusammengearbeitet. Lübkes Porträt ist zuerst im "Mannheimer Morgen" erschienen.

 

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