Erol Kamisli über seinen Job als Leseranwalt: "Inzwischen werden wir von Polizei und Behörden empfohlen"

 

Wenn von Mittwoch bis Freitag dieser Woche rund 120 Journalisten aus ganz Deutschland auf der "Redaktionskonferenz" der Bundeszentrale für politische Bildung über Innovationen im Lokaljournalismus sprechen, wird auch er auf dem Podium sitzen: Erol Kamisli, Projektredakteur und Leseranwalt der "Lippischen Landeszeitung" aus Detmold. Mit seiner Reihe "Kamisli kümmert sich" gelingt es ihm, Brücken zu schlagen. Ein Porträt.

Das Gesicht von Erol Kamisli kennt in Detmold fast jeder. Oft wird er auf der Straße angesprochen. Kamisli ist 47 Jahre alt und arbeitet seit acht Jahren als Projektredakteur bei der "Lippischen Landeszeitung" ("LZ"). Er entwickelt neue Formate, verantwortet Bildungsprojekte. Und er ist Leseranwalt: "Kamisli kümmert sich", heißt die Reihe, der er seine Bekanntheit in der Region zu verdanken hat. Versehen mit seinem Konterfei, erscheint sie seit drei Jahren regelmäßig in der Zeitung, online und in den sozialen Medien.

In einer Mischung aus Recherche, Verbraucherschutz, Mediation und manchmal sogar Seelsorge geht Erol Kamisli die Probleme der Menschen an, die sich an ihn wenden. Sei es Ärger mit der Krankenkasse, klappernde Kanaldeckel oder schimmelige Wohnungen - der Journalist versucht eine Lösung zu finden. Seine schnörkellose Art, die Fähigkeit zuzuhören und sein herzliches Lachen mögen dabei ebenso wichtig sein wie der Drang, den Dingen auf den Grund zu gehen und die nötige Hartnäckigkeit. Kamislis Einsätze, von denen auch einige YouTube-Filme existieren, erinnern ein bisschen an Help-TV-Formate wie "Ich kämpfe für Ihr Recht" oder "Helfer mit Herz" - nur auf lokaler Ebene und ohne Herzschmerz.

Entstanden ist "Kamisli kümmert sich" mehr aus Zufall, als sich 2014 ein Musikerehepaar bei der "Lippischen Landeszeitung" meldete, das mit elf Katzen aus New York nach Detmold gezogen war und dem nun eine davon entlaufen war. "Normalerweise machen wir keine Aufrufe, wenn Tiere verschwinden", so Kamisli, "aber dieser Fall war einfach zu kurios". Denn das Ehepaar, das noch eine Wohnung im Big Apple besaß, setzte eine zweiwöchige New-York-Reise inklusive Unterkunft als Katzenfinderlohn aus.

"Es gab unglaublich viele Reaktionen", erzählt Erol Kamisli. "Danach haben der Geschäftsführer Ralf Freitag und ich uns zusammengesetzt und beschlossen, dass ich mich ab jetzt regelmäßig kümmere." Und so besucht Kamisli Beschwerdeführer, prüft Vorwürfe, ruft bei Ämtern und Behörden an, konfrontiert die entsprechenden Stellen mit den Sorgen und Nöten seiner Leser. Das heißt, ob es wirklich seine Leser sind, weiß Kamisli gar nicht. "Ich kontrolliere natürlich nicht, ob die Leute ein Zeitungsabo haben", sagt er und lacht.

Das Konzept funktioniert. "Inzwischen werden wir von Polizei und Behörden empfohlen", erzählt Kamisli im Gespräch mit kress.de. Die Erfolgsquote liege bei 80 Prozent - auch weil er in zähen Fällen immer wieder nachhake. Wie gut man als Medium Brücken schaffen kann, davon ist er selbst überrascht. "Ich weiß nicht, woran es liegt, aber die Leute haben Vertrauen. Wenn ich mich einschalte, sind eigentlich alle Beteiligten an einer Lösung interessiert."

Die Arbeit an der Reihe empfindet Kamisli, der ja auch noch andere Aufgaben hat, als ziemlich recherche- und zeitintensiv. Und sie erfordert Einfühlungsvermögen. Manchmal, erzählt er, stünden Leute ohne Terminabsprache vor der Tür. "Die kann ich ja nicht wegschicken. Sie kommen mit ihren Sorgen und manchmal auch mit ganzen Aktenordnern und wollen alles mit mir durchgehen." In solchen Gesprächen erreiche man schnell eine persönliche Ebene.

"Lokaljournalismus ist mein Ding", sagt Erol Kamisli. Er ist in Gießen aufgewachsen und hat nach dem Studium sein Volontariat bei der "WAZ" in Essen absolviert. 2009 wechselte er zur LZ nach Detmold. "Hier sind die Wege eher kurz und man kann mehr ausprobieren." Kamislis Eltern kommen aus der Türkei. Von großem Nutzen war ihm das, als Detmold während der Flüchtlingszuwanderung 2015/16 Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung war. Denn viele der Geflüchteten waren über die Türkei gekommen, wo sie teilweise Wochen und Monate verbracht hatten. "Sie konnten fast alle Türkisch sprechen, so dass ich mich gut mit ihnen unterhalten konnte. Deutsch ging gar nicht, Englisch partiell", erzählt Erol Kamisli.

In der Flüchtlingsberichterstattung seiner Zeitung sieht er im Nachhinein auch Fehler. "Wir waren ein bisschen besoffen von all dem Humanismus, der an den Tag getreten ist. Alle wollten helfen. Darüber haben wir die Sorgen und Bedenken, die es auch gab, erst mal gar nicht richtig wahrgenommen." Kamisli nennt ein Beispiel aus dem Ramadan. Hunderte Menschen in der Einrichtung hätten tagsüber gefastet und seien abends zum Fastenbrechen in die Moschee in der Innenstadt gegangen. "Da läuft ein ganzer Tross von Menschen durch die Straßen, und keiner weiß warum. Das macht den Leuten natürlich Angst", sagt Kamisli. Zahlreiche Anwohner riefen in der Redaktion der Lippischen Landeszeitung" an, diese nahm das Thema auf. Kurze Zeit später errichtete die Stadt ein Gebetszelt auf dem Gelände der Einrichtung - damit war das Problem gelöst.

"In der Flüchtlingsberichterstattung ist es wichtig, dass man rausgeht", sagt Kamisli. "Man muss zu den Leuten hin - egal ob es ein angenehmer oder unangenehmer Termin ist." Auch die Integration der Angekommenen dürfe nicht nur in schillernden Farben gemalt werden. "Neulich habe ich über einen iranischen Flüchtling berichtet, der eine Stelle als Bauzeichner bekommen hat. Das ist wichtig. Wir müssen aber auch Fälle zeigen, die nicht geklappt haben." Es sei eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. "Es gibt auch faule Tomaten im Kasten."

Apropos Essen. Einen nicht zu unterschätzenden Vorteil hat Kamislis Kümmerjob: Er hat immer Schokolade da, gestiftet von Lesern, denen er helfen konnte. "Kollegen, die was Süßes brauchen, kommen alle zu mir", sagt Erol Kamisli. Und lacht. 

kress.de-Veranstaltungshinweis: Bei der Redaktionskonferenz "Wir lieben Lokaljournalismus: attraktiv, modern, leistungsstark" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb vom 28. bis 30. Juni 2017 in Berlin analysieren rund 120 leitende Redakteure und Lokalchefs von Lokal- und Regionalzeitungen die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen im Spannungsfeld zwischen Populismus, Fundamental-Kritik und Willkommenskultur. Als Debatten-Plattform bringt die Veranstaltung die innovativen Köpfe der Branche zusammen. Nach dem Motto "Von den Besten lernen" präsentiert sie Trends und Lösungen aus der Praxis und zeigt, wie moderner lokaler Multimedia-Journalismus funktioniert.

Unter drehscheibe.org/blog wird live von der Redaktionskonferenz berichtet. Da die Plätze für akkreditierte Journalisten/Innen begrenzt sind, ist eine Anmeldung bis spätestens Montag, 26. Juni erforderlich an presse(at)bpb.de.

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