Helmut Kohl oder die Kunst, einen Nachruf zu schreiben

 

De mortuis nihil nisi bene" gilt als ungeschriebenes Gesetz in unserer Gesellschaft: Nichts über einen Toten sagen, es sei denn Gutes. Aber gilt das auch für Journalisten?, fragt Paul-Josef Raue in seiner Kolumne. Nach dem Tod von Altkanzler Helmut Kohl überboten sich die meisten Kommentatoren mit lobenden Worten. Nur die "taz" fiel, wie gewohnt, aus der Rolle, aber auch im "Handelsblatt" fragte Thomas Tuma: "Wieso verlieren viele Medien plötzlich jede Kritikfähigkeit?"

Wie groß muss die Distanz sein zwischen Journalisten und den Mächtigen? Misst man sie in Metern, dann war sie bei Kai Diekmann sehr gering, dem Ex-"Bild"-Chefredakteur. Als einer der Söhne von Helmut Kohl von seinem toten Vater Abschied nehmen will, öffnet ihm Kai Diekmann die Tür der Oggersheimer Villa.

Weniger Distanz ist nicht möglich. Kai Diekmann war Teil der Macht, duzte Kohl, war Trauzeuge bei der zweiten Heirat, ging im Oggersheimer Haus ein und aus, wurde zum Teil der Familie, zu der Vater Kohl seine Söhne nicht mehr zählte. Unausgesprochen hielten sich auch Diekmanns Redakteure an die Regel: Nur Gutes über den Altkanzler und seine zweite Frau; nicht wenige in der Redaktion stöhnten und fragten sich: Ist das die rechte journalistische Haltung?

Kai Diekmann zählt zwar nicht mehr zu Redaktion, doch gibt er "Bild" das letzte Foto von Helmut Kohl, von ihm bei einem Privatbesuch aufgenommen. Chefredakteurin Tanit Koch, seine Nachfolgerin, druckt es auf der Titelseite. So ist der Boulevard.

Ist so der Boulevard? Ohne Distanz zu den Mächtigen? 1991 zeigte "Bild"-Chefredakteur Hans-Hermann Tiedje den Kanzler - quer über die Breite der Titelseite gelegt: "Der Umfaller"  - auf Kohls Versprecher anspielend, es werden wegen der Einheit keine Steuern erhöht. Tiedje verließ "Bild" wenig später.

Ein anderes Boulevard-Blatt, die linke "taz", zeigt größtmögliche Distanz und treibt im Tode noch derbe Scherze: "Blühende Landschaften" titelt sie über ein Foto mit schwarz-rot-goldenen Kränzen. Satire als Nachruf? Ist so auch Boulevard?

Das gefällt vielen Lesern nicht, nachdem Grünen-Chef Cem Özdemir sogar seine Rede beim Parteitag unterbrochen hatte für einen Nachruf auf "den großen Europäer" Kohl. Dem Shitstorm muss sich "taz"-Chefredakteur Georg Löwisch entgegenstemmen. Während der eine, der Eloquente, auf der "Bild"-Titelseite glänzt, trottelt der andere in Sack und Asche:

"Mit unserer Titelseite zum Tod von Helmut Kohl haben wir versucht, einen Kontrapunkt zu diesem Effekt zu setzen. Das ging daneben. Ein Witz, der von so vielen falsch verstanden wird, ist schlecht. Unsere Seite eins, die von uns durchaus als kritische Würdigung des Altkanzlers gemeint war, ist anders angekommen: als Respektlosigkeit gegenüber dem Tod eines Menschen. Die "taz" gestaltet ihre Titelseiten nach dem Prinzip 'Lieber frech und frei als brav'. In diesem Fall ist das missglückt. Und das tut mir leid."

Eine Entschuldigung von der "taz"! Wäre sie nicht erfolgt, hätte der Presserat sicher eine Beschwerde bekommen. Auf die Entscheidung des Presserats müssen wir also verzichten - schade! Wie lauten die ethischen Regeln für einen Nachruf? Darf man kritisch nach dem Tod eines Mächtigen schreiben?

Wolf Schneider ließ seine Schüler in der Journalistenschule gleich zu Beginn der Ausbildung Nachrufe schreiben: Sie waren Teil der Nachrichten-Übung.

Heute ist für Schneider der Grundsatz "Über Tote nur Gutes", zumindest bei Kohl, nicht zu halten. Mehr will er nicht sagen und verweist auf "Die Sieger", seine 500 Seiten starke Weltgeschichte des Ruhms, in der er für mächtige Politiker wenig Schmeichelhaftes entdeckt.

Nachträgliche Reaktion von Wolf Schneider:

Gesagt habe ich das Gegenteil: Noch nie hat es ein Politiker an die Spitze der Macht gebracht, ohne den bürgerlichen Anstand, die christliche Moral und manchmal auch ein paar Gesetze mit Füßen getreten zu haben. Wer ihn als einen Großen würdigt, hat das in Kauf zu nehmen und sollte es erwähnen.

Die Parteispendenaffäre? Dass Kohl damit "seinen Nachruhm ruiniert" habe (wie der "Spiegel" schrieb) ist natürlich Unsinn: erstens, weil dieser Nachruhm in Straßburg seinen Höhepunkt erreichen wird; zweitens, weil die weltberühmten Menschen immer die unangenehmsten oder ekelhaftesten waren: Ohne rasende Egozentrik kann keiner es zum Weltruhm bringen. So lautet die Summe meiner Weltgeschichte des Ruhmes, "Die Sieger": "Wer im Lexikon verzeichnet ist, war mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Scheusal, als wer nicht im Lexikon verzeichnet ist."
(Goethe eingeschlossen, natürlich.) 

Es lobten nicht alle. Thomas Tuma, Vize-Chefredakteur des "Handelsblatt", stört der "mediale Weihrauch", die "Seligsprechung, ja: Heiligenverehrung". Die Kolumnistin Silke Burmester fühlt sich im Deutschlandfunk wie in einer "Kohl-Matrix":

"Die Medien verhielten sich so, als habe das Schicksal auf ganz und gar unerwartete Weise, noch dazu auf eine schwer erträgliche, zugeschlagen. Als sei ein Flugzeug vom Himmel gefallen, als habe ein Amokläufer in einem Kindergarten gemetzelt." Sie kritisiert die endlose Berichterstattung im Fernsehen:

"Ein Tod ist kein Tod mehr. Er hat die Kraft des Innehaltens, der Besinnung verloren. Ein Tod ist auch in der öffentlich-rechtlichen Medienberichterstattung ein Ereignis, das es auszuschlachten gilt. Schlachteplatte bei ARD und ZDF."

Selbst der "stern" ist voller Verehrung, also das Magazin, das durchweg Spott über "Birne" gegossen hatte. "stern"-Autorin Ulrike Posche durfte 2014 den kranken Kohl und seine Frau in Oggersheim besuchen: Sie schreib eine Home-Story über das "Glück der späten Jahre"; sie verfasst auch den mehrseitigen Nachruf und greift tief in die Sprachbild-Kiste: "In der Pfalz war ein Plauderton rundgezogen wie die Ecken der Rebstöcke" oder "Leben hat nur einen Sinn, wenn es ordentlich mit Speck angebraten ist" oder "Im Körper des Kolosses wohnt die Seele einer Mimose."

Auch "stern"-Chefredakteur Christian Krug verbeugt sich im Editorial tief und ist nahe einer Entschuldigung ob der Birne-Berichte zu Lebzeiten: "Haben wir ihn ungerecht beurteilt? Das mag sicher in einigen Artikeln so gewesen sein. Aber so funktioniert die Demokratie."

Ungerechtigkeit als Funktions-Element der Demokratie?

Die Kunst, einen Nachruf zu schreiben? Es ist einfach Handwerk: "Man darf Abstand, Rationalität und Ruhe bewahren. Journalismus ist kein Schlachtfest. Journalismus ist Nachricht, Bericht, Analyse." So schließt Silke Burmester ihre DLF-Kolumne. Aber hat nicht auch "taz"-Chefredakteur Löwisch Recht? Er schreibt: "Wenn ehemals Mächtige sterben, dann setzt häufig eine unkritische Verklärung ein. Der Leitsatz ,Von den Toten nichts, wenn nichts Gutes' führt oft genug auch zum unaufrichtigen Umgang mit dem Wirken eines Politikers."

Diese Kriterien setzt auch Thomas Tuma im "Handelsblatt" an und empfiehlt "kritische Würdigungen": Sie sind wahrer und wahrhaftiger als einseitige Hymnen. Tuma erinnert an Debatten über die Medien: Zu nah an der Macht, kaum mehr Wächter. "Die Kohl-Festspiele haben die Verdachtsmomente jedenfalls nicht ausgeräumt. Zu beobachten war Journalismus auf halbmast. Dabei hätte ein bisschen mehr Ausgewogenheit Kohl nicht kleiner, aber uns Medien vielleicht glaubwürdiger gemacht."

Im Londoner "Economist" steht "Morgue" (Leichenhalle) in jeder Ausgabe auf der letzten Seite und ist die meistgelesene Rubrik des Nachrichtenmagazins. "Ann Wroe verwandelt den Tod in Lesefreude" schrieb die "Süddeutsche Zeitun"g in einem Porträt der Nachruf-Autorin.

Das sind Ann Wroes Regeln, wem sie einen Nachruf ins Totenreich schreibt:  Verstorbene müssen nicht berühmt sein, sie müssen ein interessantes Leben geführt haben. Sie schildert das Leben der Toten aus deren Sicht, liest Interviews, Reden und Blogs, googelt wie verrückt "nicht nach Offensichtlichem, sondern nach Abseitigem" und tingelt durch Youtube, "denn ich muss wissen, wie sich die Person bewegte, wie es wirkte, wenn sie einen Raum betrat, wie sie klang". Ihr Rezept ist es, kein Rezept zu haben, verriet sie Viola Schenz von der "SZ":

"Keinem Muster folgen; nicht chronologisch vorgehen; niemanden glorifizieren, sondern Schwächen erwähnen und damit das Menschliche, etwa den braunen und den schwarzen Schuh, den  Gerald Ford bei seiner Hochzeit trug; Charakteristisches in vermeintlich unwichtigen Details erkennen. Und nie schreiben, wie und woran jemand gestorben ist, Nachrufe sollen das Leben feiern."

Als "Spiegel Online" in einem Interview Wolf Schneider fragte: "Ärgert es Sie, dass Sie Ihre Nachrufe nicht mehr redigieren können?", antwortete er: "Ich fürchte nicht, dass man mich nachträglich zur Sau machen könnte." Da ist es wieder, das Vertrauen, dass mit dem Tod alles gut werde - selbst bei Journalisten: "De mortuis nihil nisi bene."

Der Autor

Paul-Josef Raue lernte das Nachruf-Schreiben bei Wolf Schneider im ersten Jahrgang der Hamburger Journalistenschule von Gruner+Jahr. Ein eigenes Nachruf-Kapitel gibt es nicht im "Neuen Handbuch des Journalismus", das er zusammen mit Wolf Schneider geschrieben hat. Es wäre eine Überlegung wert, eines einzufügen bei der nächsten Neuauflage, sagt er. Raue arbeitete 35 Jahre lang als Chefredakteur von Lokal- und Regionalzeitungen, zuletzt in Magdeburg, Braunschweig und  Thüringen. Er berät heute Verlage, Redaktionen, speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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