Courage-Preisträgerin Christine Auerbach: "Zum Thema sexuelle Gewalt gibt es zu wenig guten Journalismus"

 

"Nein heißt Nein", heißt das Radio-Feature, für das Christine Auerbach vom Bayerischen Rundfunk kommenden Samstag den Courage-Preis des Journalistinnenbundes erhält. Darin geben Opfer sexueller Gewalt beklemmende Einblicke in ihre Leidensgeschichten.

Es war eine aufwendige Recherche. Ein knappes halbes Jahr brauchte Christine Auerbach, bis ihr einstündiges Feature über sexuelle Gewalt am 16. Februar 2017 auf Bayern2 on Air gehen konnte. Betroffene zu finden, die im Radio ihre persönliche Leidensgeschichte erzählen, erforderte Geduld und Sensibilität. "Ich habe etliche Fraueninstitutionen angeschrieben: Frauennotrufe, Frauenhäuser, Weißer Ring", erzählt Auerbach, die als Autorin beim Bayerischen Rundfunk arbeitet.

Drei Frauen willigten schließlich ein. In "Nein heißt Nein" legen sie offen, was ihnen widerfahren ist, schildern unfassbare Brutalität, mitunter sogar innerhalb der eigenen Familie, geben Einblicke in ihre Hilflosigkeit und seelische Einsamkeit. Dabei bleiben die drei Protagonistinnen weitgehend anonym, auch weil sie zum Teil Jahrzehnte später noch immer die Reaktionen ihrer Peiniger fürchten. "Die Sendung geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut", schreibt der Journalistinnenbund in der Begründung des Courage-Preises für aktuelle Berichterstattung, der in diesem Jahr an Christine Auerbach geht.

Auerbach ist es wichtig, das emotionale Thema "so nüchtern und wenig effektheischend wie möglich" darzustellen. Musik setzt sie - wenn überhaupt - nur unterstützend ein. Es gibt keine Geigen, keine Tränendrüse. Stattdessen sachliche Einordnungen und flankierende O-Töne. Die Autorin spricht mit einer Rechtsmedizinerin und einer Aktivistin, einem Polizisten und einer Helferin beim Notruf. Sie erklärt, warum es trotz kürzlich erfolgter Gesetzesänderung schwierig bleibt, juristisch gegen sexuellen Missbrauch vorzugehen. "Das Thema ist sehr komplex", sagt Christine Auerbach. "Stigmatisierung, Scham, Schuld, Macht - all das spielt mit hinein."

Besonders kompliziert sei es gewesen, betroffene Männer zu finden, erzählt die 35-Jährige. Denn auch Männer können Opfer sexueller Gewalt sein, wenn auch nicht so häufig wie Frauen. Erst kurz vor Produktionsende meldete sich ein Betroffener, zögerte aber noch, seine Geschichte zu erzählen. Die Sicht der Männer findet sich nun in Form eines Experteninterviews wieder, das Auerbach mit Matthias Becker führt. Er ist Deutschlands einziger Männerbeauftragte und arbeitet für die Stadt Nürnberg.

Christine Auerbach hat schon öfter Beiträge produziert, die aufrütteln. Ihre Leidenschaft sind eigentlich Auslandsthemen. Die Münchener Journalistin war mehrere Monate in Russland, sie hat ein Feature über das Leben in den französischen Banlieues gemacht, während der ägyptischen Revolution eine junge Medienmacherin aus Kairo porträtiert. Vor wenigen Wochen war sie mit einem Kollegen vom Fernsehen in Bangladesch, um zu verfolgen, was aus den alten Schrottschiffen wird, die von Deutschland aus dorthin verschifft werden. "Ich möchte die großen Probleme an persönlichen Geschichten und Schicksalen aufzeigen", sagt sie.

Die Arbeit an "Nein heißt nein" hat Auerbach berührt, vielleicht auch ein wenig verändert. Was ihren Interviewpartnerinnen widerfahren ist, sei ihr an die Nieren gegangen, sagt sie. Vor allem, dass bis heute keiner der Täter belangt worden sei. "Ich bin sehr menschenfreundlich, aber das hat mich superwütend gemacht. Man verliert teilweise den Glauben." Die drei Frauen seien aber alle sehr stark daraus hervorgegangen.

Auerbach selbst hört jetzt genauer hin. "Ich bin kritischer geworden, sage schneller etwas, wenn ich frauenfeindliche oder übergriffige Äußerungen höre." Für eine Recherche im Auftrag des BR-Jugendsenders Puls hat sie kürzlich zahlreiche Raps durchstöbert. "Wenn ich höre, was die teilweise so texten, kann ich nur denken: Ihr Rapper-Würstchen mit euren Sexfantasien habt keine Ahnung, um was es eigentlich geht - haltet doch einfach die Klappe."

Den Courage-Preis sieht Christine Auerbach als Bestätigung. "Es ist ja ein Thema, über das man nicht gerne redet und über das es auch viel zu wenig gute journalistische Arbeiten gibt." Positives Feedback gab es nicht nur vom Journalistinnenbund, sondern auch von den Protagonistinnen. Alle drei seien mit dem Ergebnis und ihrer Darstellung zufrieden gewesen, sagt Auerbach gegenüber kress.de. Und dann meldete sich noch der Mann, der zunächst gezögert hatte. Er sei nun bereit, seine Geschichte zu erzählen.

Das Feature:

"Nein heißt nein - Warum es auch nach der Änderung der Gesetze so schwierig ist, gegen sexuellen Missbrauch vorzugehen". Hier zum Nachhören in der ARD-Mediathek.

Über den Courage-Preis:

Der Courage-Preis für aktuelle Berichterstattung wird vom Journalistinnenbund seit 2016 vergeben. Er zeichnet herausragende, hintergründige, gendersensible und aufklärende Berichterstattung zu aktuellen Themen aus. Die derzeitigen Mitglieder der Jury sind: Eva Hehemann, Helga Kirchner, Sissi Pitzer, Sibylle Plogstedt und Annette Hillebrand (Stand: Mai 2017).

Der Preis wird am 1. Juli 2017 im Rahmen der Jahrestagung des Journalistinnenbundes in Frankfurt am Main (30.6.-2.7.2017) überreicht.

Aus der Begründung der Jury:

"Christine Auerbach nähert sich dem schwierigen Thema, zu dem über ein Jahr nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/16 vermeintlich alles gesagt ist, behutsam, aber mit klarer Sprache. (...) Atmosphärisch dicht, lässt sie ihre HörerInnen nicht nur am Schicksal der drei missbrauchten Frauen teilhaben, sie macht auch die politische Dimension des neuen Sexualstrafrechtes deutlich und benennt die moralisch-ethischen Dilemmata, die bei Missbrauch und Vergewaltigung immer eine Rolle spielen. (...) Scham, Entsolidarisierung, Abhängigkeit, Machtausübung, diese Gefühle und Begriffe lässt die Autorin spürbar werden, durch die Qualität ihres Textes und die Auswahl der O-Töne, die hervorragende audiophone Produktion. Die Sendung geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut."

Über Christine Auerbach:

Christine Auerbach (35) arbeitet als Autorin beim Bayerischen Rundfunk, vor allem für die Redaktion Politik und Hintergrund. Nach dem Studium der Politikwissenschaft und Komparatistik besuchte sie die Deutsche Journalistenschule in München. Sie ist multimedial unterwegs und in Radio, Fernsehen, Online gleichermaßen zu hause. Ihr Platz ist weniger hinter dem Schreibtisch als draußen bei den Menschen, deren Geschichte sie aufspüren will. Ihre Recherchen haben sie bisher nach Russland, Ägypten, USA, Frankreich und Bangladesch geführt. Sie ist Preisträgerin des CNN-Journalist Award 2012 und des Columbus Radio Preis 2017.

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