"Frankfurter Rundschau"-Chefredakteurin Bascha Mika: "Ich möchte, dass Frauen sichtbar bleiben"

 

Mit einem Preis für ihr Lebenswerk hatte Bascha Mika noch nicht gerechnet. Sie ist mitten dabei, die havarierte "Frankfurter Rundschau" wieder flottzumachen. Zudem engagiert sie sich in der Journalistenausbildung und kämpft als Feministin und Buchautorin gegen eingefahrene Rollenmodelle. Dafür gibt es die Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbunds.

Lebenswerk - das klingt nach Ruhestand, Rückblick, Gewichtigkeit. Es klingt so gar nicht nach dieser quirlig-zierlichen Frau mit dem offenen Lachen, die mit großer Leidenschaft ihre Handschrift in den männlich dominierten deutschen Qualitätsjournalismus einbringt und - abgesehen von "Bild"-Chefin Tanit Koch - derzeit Deutschlands einzige Chefredakteurin einer überregionalen Tageszeitung ist. Oder besser gesagt einer Tageszeitung mit überregionalem Anspruch. Denn genau daran, die über Rheinhessen hinausreichende Bedeutung der "Frankfurter Rundschau" wiederherzustellen, arbeitet Bascha Mika gerade.

Die 63-Jährige erhält die Hedwig-Dohm-Urkunde des Journalistinnenbunds - für ihr Lebenswerk. "Nonkonformistisch, mutig und voller Elan geht sie keiner journalistischen Herausforderung aus dem Weg", begründet Journalistinnenbund-Vorsitzende Rebecca Beerheide. "Ich fühle mich sehr geehrt", sagt Mika im Gespräch mit kress.de, "auch wenn ich ehrlich gesagt erst einmal zusammengezuckt bin. Ich dachte, so eine Auszeichnung erhält man frühestens mit 85." Mit Hedwig Dohm, einer Publizistin und Feministin aus dem 19. Jahrhundert, fühlt sie sich innerlich verbunden. "Unmöglichkeiten sind Ausflüchte für sterile Gehirne. Schaffe Möglichkeiten", schrieb Dohm einmal. "Sterile Gehirne", wiederholt Mika, "schön, oder?"

Möglichkeiten schaffen - das wäre auch eine gute Überschrift zu ihrem eigenen Werdegang. Die gebürtige Schlesierin machte den Journalismus erst mit Mitte 30 zu ihrem Hauptberuf. Nach einer Banklehre und einem geisteswissenschaftlichen Studium fing sie als CvD in der Nachrichtenredaktion der "taz" an. Zehn Jahre später, 1998, wurde Bascha Mika Chefredakteurin der linksalternativen Zeitung - zu einer Zeit, in der die notorisch unterfinanzierte "taz" ums Überleben kämpfte und von internen Querelen um die politische Linie geschüttelt wurde. Mika erklomm einen Schleudersitz. "Als ich Chefredakteurin wurde, war ich Nummer 13 innerhalb von acht Jahren." Sie blieb elf Jahre an der Spitze - länger als jeder und jede andere bis heute.

Mit ihrem Abschied 2009 zog Bascha Mika sich für einige Jahre komplett aus dem Tagesgeschäft zurück. Sie widmete sich ihrem Herzensthema Feminismus, schrieb streitlustige Bücher. 2011 erschien "Die Feigheit der Frauen: Rollenfallen und Geiselmentalität", 2014 "Mutprobe - Frauen und das tückische Spiel mit dem Älterwerden". Vor allem aber engagierte sie sich in der Ausbildung des journalistischen Nachwuchses. Von 2009 bis 2014 leitete sie den Studiengang "Kulturjournalismus" an der Berliner Universität der Künste. Schon zuvor war Mika als Mentorin und Lehrbeauftragte tätig. Die Zukunft der jungen Frauen liegt ihr besonders am Herzen. "Ich möchte, dass sie ihrer Berufung nachgehen, ökonomisch unabhängig sind, sichtbar bleiben."

Vor drei Jahren ist Mika - unter Beibehaltung eines Lehrdeputats - in den tagesaktuellen Journalismus zurückgekehrt: Als Chefredakteurin der "Frankfurter Rundschau" (FR) versucht sie, die arg gebeutelte linksliberale Zeitung wieder zu überregionaler Bedeutung zurückzuführen. Keine leichte Aufgabe, nachdem die "FR" in der Vergangenheit mehrfach Besitzer und Strukturen gewechselt hatte, ohne dass der Abwärtstrend gestoppt werden konnte. Ausgerechnet die konservative "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sprang 2013 in die Bresche und rettete die "Rundschau" aus der Insolvenz, indem sie das Blatt vom DuMont-Konzern erwarb.

Bascha Mika glaubt fest an die Zukunft ihrer Zeitung. "Die Ironie ist ja", sagt sie, "dass die 'Frankfurter Rundschau' seit der Übernahme durch den FAZ-Verlag so konsequent auf ihrem linksliberalen Weg ist wie schon lange nicht mehr." Seit ihrem Antritt 2014 ist viel passiert. Mika und ihr Chefredakteurskollege Arnd Festerling haben die "FR" auch dank der neuen Verlagsstrukturen wirtschaftlich wieder aus dem Tal geholt. Inhaltlich versuchen sie mit Serien und Hintergrundstücken eine "Rundschau"-typische Leseransprache zu etablieren. Und auch optisch gibt es Veränderungen: Vor wenigen Wochen erst haben Mika und Festerling das Blatt einem grundlegenden Relaunch unterzogen.

Nun muss sich zeigen, was das alles langfristig bewirkt.  Derzeit setzt die "FR" täglich etwa 70.000 Exemplare ab. Bascha Mika hat noch viel vor. "Die ,Rundschau' muss weiblicher werden", sagt sie. "Schon aus ökonomischen Gründen - Frauen lesen mehr als Männer. Das ist ein Teil des Programms, mit dem ich angetreten bin." Sie ist noch mittendrin in ihrem Lebenswerk.

kress.de-Tipp: Ein ausführliches Porträt über Bascha Mika finden Sie in der nächsten Ausgabe von "kress pro". Das Magazin für Führungskräfte in Medien erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. 

So begründet die Journalistinnenbund-Vorsitzende Rebecca Beerheide die Preisvergabe:

"Über all die Jahre hat sich Bascha Mika, ob als Publizistin oder als Chefredakteurin, für einen unabhängigen und meinungsstarken Journalismus eingesetzt. Streitlustig hat sie Debatten über eingefahrene Rollenmodelle angeregt und das Selbstverständnis von Männern und Frauen hinterfragt. Für viele junge Journalistinnen hat Bascha Mika, die lange Zeit die einzige weibliche Chefredakteurin einer überregionalen Zeitung war, eine Vorbildfunktion. Nonkonformistisch, mutig und voller Elan geht sie keiner journalistischen Herausforderung aus dem Weg."

Preisverleihung und Jahrestagung des Journalistinnenbundes:

Die Hedwig-Dohm-Urkunde wird am 1. Juli 2017 im Rahmen der Jahrestagung des Journalistinnenbundes in Frankfurt am Main (30.6.-2.7.2017) überreicht. Dies geschieht während der Festgala am Samstag, 1. Juli 2017, 19 Uhr im Kunstverein Montez e.V., Honsellbrücke am Hafenpark.

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