Hans Mathias Kepplinger: "Journalisten sind keine Lügner, aber Gläubige, die ihre Sicht für die Wahrheit halten"

 

Für eine Studie über Fehlentwicklungen im Journalismus ließ Hans Mathias Kepplinger 332 repräsentativ ausgewählte Tageszeitungs-Redakteure befragen. Es ging dabei um prominente, belegte Fälle unangemessener Skandalisierung und das "Totschweigen" von Nachrichten. Der renommierte Professor für Empirische Kommunikationsforschung untersuchte die Einstellung zur Verletzung journalistischer Berufsregeln. Kress.de sprach mit dem 74-Jährigen über die Ergebnisse, die er in seinem heute erschienenen Buch "Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken" darlegt.

kress.de: Die Pressefreiheit habe sich von einer Voraussetzung zu einer Bedrohung der Meinungsfreiheit entwickelt, schreiben Sie. Bedrohen wir Journalisten wirklich ein wichtiges Grundrecht?

Hans Mathias Kepplinger: So pauschal sehe ich das nicht. Diese Analyse betrifft nicht die Berichterstattung generell, sondern die Berichterstattung über kontroverse Themen wie die Migrantenkrise. Und es ist nicht meine Meinung, sondern die erfahrungsgesättigte Sichtweise eines Großteils der Bevölkerung. Ursache war die einseitige Präsentation der Interessen von Migranten durch die meisten Medien. Dadurch entstand der Eindruck, wer die Interessen der Einheimischen vertritt, sei rechtsradikal oder inhuman. Deshalb sagten im Oktober 2015 43 Prozent der Befragten, sie hätten den "Eindruck, dass man in Deutschland seine Meinung zu der Flüchtlingssituation nicht frei äußern darf oder sehr vorsichtig sein muss, was man sagt".

kress.de: Als ein Medienopfer beschreiben Sie den SPD-Politiker Thilo Sarrazin. Journalisten hätten ihm Thesen unterstellt, die er nicht aufgestellt habe. Sarrazin gilt bis heute als Unperson. Wäre hier mediale Selbstkritik angebracht?

Kepplinger: Ja. Einige Fernsehsendungen waren extrem unfair, einige Unterstellungen in Zeitungen liefen auf einen Rufmord hinaus.

kress.de: "Die Informationen sind Mittel zum Zweck und sie werden, falls sie ihren Zweck nicht erfüllen, durch zweckdienlichere ersetzt", schreiben Sie. Ist das nicht ein zu pauschaler Vorwurf?

Kepplinger: Diese Aussage bezieht sich auf eine Reihe von großen Skandalen - darunter die Skandalisierung von Christian Wulff und von Franz-Peter Tebartz-van Elst - und dort trifft sie zu.

kress.de: Stichwort Skandalisierung: 70 Prozent der Zeitungsredakteure halten Ihrer Studie zufolge Übertreibungen zur Beseitigung von Missständen für vertretbar. Ist das eine Verletzung der Berufsregeln?

Kepplinger: Sagen wir mal so: Es verletzt die Forderung, das Geschehen so darzustellen, wie es erkennbar ist. Darüber hinaus ist diese Haltung naiv oder unredlich, weil Übertreibungen negative Folgen besitzen können, für die kaum ein Journalist die Verantwortung übernehmen würde - obwohl er es müsste, weil er mit Absicht die erkennbare Realität falsch dargestellt hat.

kress.de: Beim skandalisierten Hitler-Putin-Vergleich, den Wolfgang Schäuble nicht gezogen hat, meint die Hälfte der Befragten, entscheidend sei nicht, was dieser gesagt, sondern was er gemeint habe. Und nur etwa ein Drittel ist der Meinung, dass "Spannungen mit Russland" ein wichtiger Grund dagegen gewesen sein könnten, die Aussagen Schäubles zuzuspitzen. Wie gefährlich ist diese Haltung?

Kepplinger: Ich halte es für richtig, dass Journalisten - wenn sie die Fakten seriös geprüft haben - bei ihrer Berichterstattung keine Rücksicht auf negative Folgen nehmen. Aber genau diese Prüfung hat im Fall Schäuble gefehlt. Stattdessen haben viele Journalisten ungeprüft eine erkennbar folgenreiche Verdächtigung verbreitet.

kress.de: Umgekehrt sind beim vermeintlichen Skandal um einen Business-Class-Fug des Bischofes Tebartz-van Elst, der auf eigene Kosten auf First Class upgradete, mehr als die Hälfte der Meinung, wichtig sei, was er gesagt und nicht, was er gemeint habe. In beiden Fällen führte das zur Irreführung der Leser und zum Schaden der Betroffenen. Wie erklären Sie sich das?

Kepplinger: Eine statistisch gesicherte Ursache der positiven Urteile über die irreführende Darstellung der Flugbuchung des Bischofs waren negative Meinungen der Befragten über den katholischen Klerus. In beiden Fällen - Schäuble und Tebartz-van Elst - neigen Journalisten, die die fragwürdigen Praktiken akzeptabel finden, dazu, ihr Urteil darüber mit der Zustimmung zu den gerade passenden Argumenten zu rechtfertigen. Das geht im Fall Schäuble mit dem Lob der angeblich sachlich vertretbaren Interpretation seiner Äußerungen einher. Und im Fall Tebartz-van Elst zeigt sich das in dem Lob des wörtlichen Zitats, trotz des Verschweigens seiner zum Verständnis notwendigen Ergänzung.

kress.de: Bei Gegendemonstrationen zu Pegida-Aufzügen kam es zu Gewalt. Sie belegen, dass in vielen Medien ein irreführender Eindruck erweckt wurde, von wem die Gewalt tatsächlich ausging. Diese Methode lehnen fast alle Befragten ab. Wie kommt es dennoch zu dieser fragwürdigen Berichterstattung?

Kepplinger: Seit Ende 2014 gab es eine massive Kampagne gegen Pegida, an der sich führende Politiker beteiligten. Teil dieser Kampagne waren Aufrufe zu Gegendemonstrationen, bei denen dann auch linksradikale Gewalttäter auftraten. Die Reporter befanden sich deshalb in einer Zwickmühle. Und den meisten, die den irreführenden Eindruck vermittelt haben, war vermutlich bewusst, dass das eigentlich nicht geht. Deshalb haben sie im Text oft versteckte Hinweise darauf gegeben, von wem die Gewalt tatsächlich ausging. Typisch war der Hinweis, dass sich Polizisten gegen linksradikale Gewalttäter wehren mussten.

kress.de: Obwohl ein Tsunami die Reaktorkatastrophe von Fukushima auslöste und die Reaktor-Sicherheitskommission zu dem Schluss kam, dass solche Ereignisse, die den GAU in Japan verursacht hatten, in Deutschland ausgeschlossen seien, berichteten deutsche Zeitungen anders. Das findet eine große Mehrheit der Journalisten richtig. Sie auch?

Kepplinger: Selbstverständlich können Journalisten, bei denen es sich überwiegend um physikalische Laien handelt, das Gefahrenpotential der Kernenergie anders einschätzen als ein Fachgremium. Vorausgesetzt, sie berichten neutral und hinreichend ausführlich über die Stellungnahme des Fachgremiums und die Gründe für deren Einschätzung. Das Gegenteil war aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Fall. Und in einem solchen Fall werden Journalisten ihrer wichtigsten Aufgabe nicht gerecht.

kress.de: Die da wäre?

Kepplinger: Die wichtigste Aufgabe der Journalisten ist die möglichst sachliche und neutrale Vermittlung eines realitätsgerechten Bildes des aktuellen Geschehens. Das betrifft die Gewichtung von Themen, die Präsentation von Fakten und von Sichtweisen der gesellschaftlichen Akteure. Nur auf dieser Grundlage können sich die Menschen eine eigene Meinung bilden, indem sie aus den Darstellungen ihre eigenen Folgerungen ziehen.  Werden Themen gezielt hoch- oder heruntergespielt, Fakten selektiv präsentiert und Experten entsprechend der redaktionellen Linie zitiert, ist eine eigenständige Meinungsbildung der Leser, Hörer und Zuschauer nicht möglich. Sie wird subtil manipuliert.

kress.de: Sie haben auch den Fall der Büchner-Preis-Trägerin Sibylle Lewitscharoff untersucht, deren Rede vier Tage später skandalisiert wurde. Sie sprechen von "selektiver Instrumentalisierung polemischer Begriffe". Wie denken die Befragten darüber?

Kepplinger: Etwa ein Drittel, um genau zu sein 34 Prozent, finden das "durchaus vertretbar", fast jeder Zehnte, exakt acht Prozent, "völlig akzeptabel". Ein bemerkenswerter Befund.

kress.de: Warum?

Kepplinger: Frau Lewitscharoff hat bedeutende Probleme der künstlichen Erzeugung und Erhaltung von Leben mit großer Sensibilität anschaulich beschrieben und analysiert.  Diese Sachverhalte besitzen eine erhebliche praktische und moralische Bedeutung, weil mit ihnen sehr viele Menschen konfrontiert sind. Sie werden aber bisher weitgehend totgeschwiegen, weil ihre offene Diskussion die Interessen einflussreicher Kräfte in der Medizin und in der Bevölkerung berühren. Wenn ein erheblicher Teil der Journalisten die Tabuisierung einer solchen Thematik mit fragwürdigen Mitteln mehr oder weniger akzeptabel findet, deutet das auf einen bedenklichen Mangel an Urteilsfähigkeit.

kress.de: Über das "Totschweigen" schreiben Sie: "Kommunikationsblockaden sind die Folge eines informellen Konsenses zwischen Journalisten, die wichtige Ereignisse, Themen und Entwicklungen ähnlich einschätzen." In welchen Fällen werden Nachrichten verschwiegen?

Kepplinger: Zur Diskussion gestellt haben wir drei exemplarische Fälle: Die Nichtbeachtung von Ereignissen zur Abwehr politischer Gefahren am Beispiel der frühen Pegida-Großkundgebungen, das Verschweigen von Informationen zur Verteidigung der eigenen Deutungshoheit am Beispiel des umfassenden UNSCEAR-Reports der UN über die Folgen der Reaktorkatastrophe bei Fukushima für die Gesundheit der Japaner und die Blockierung von Informationen zur Vermeidung von eigenen Reputationsverlusten am Beispiel der sachlich begründeten Kritik von Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg und Susanne Gaschke an einigen skandalisierenden Medienberichten über sie.

kress.de: Und was haben Sie herausgefunden?

Kepplinger: Ein Viertel der Journalisten findet das Verschweigen der Medienkritik der betroffenen Politiker mehr oder weniger akzeptabel. Noch bemerkenswerter ist der aus Sicht der Journalisten wichtigste Grund dafür: auch wenn die Kritik der Politiker "an einzelnen Artikeln zutreffen" möge, ändere das "nichts an ihrem skandalösen Verhalten". Demnach steht für diese Journalisten fest, wie die Politiker sich verhalten haben - obwohl zum Beispiel im Fall Wulff der Artikel, der zur Aufhebung seiner Immunität führte und damit seinen Rücktritt unausweichlich machte, aufgrund eines Gerichtsbeschlusses nicht mehr verbreitet werden darf und nach den üblichen Kriterien als Falschmeldung betrachtet werden muss. Der Anker dieses Denkens sind nicht die verfügbaren Fakten sondern die eigenen Vorurteile, die dagegen ins Feld geführt werden.    

kress.de: Eine Ursache des Totschweigens sei die Befürchtung unerwünschter Wirkungen. Sie unterscheiden positive und negative Ängste. Positive solle man zeigen, negative dürfe man nicht zeigen. Haben Sie für beide Kategorien Beispiele?

Kepplinger: Beispiele für positive Ängste sind die Angst vor BSE und der Kernenergie. In solchen Fällen liegen die Ursachen der Ängste nach der herrschenden Meinung in der Natur der Sache. Beispiele für negative Ängste sind die Angst vor Überfremdung und dem Islam. In solchen Fällen liegen die Ursachen der Ängste nach herrschender Meinung im Charakter und den Einstellungen derer, die die Ängste äußern. Beide Hinweise auf die Ursachen sind nicht unbegründet, durch ihre maßlose Übertreibung aber trotzdem falsch.

kress.de: Wenn Sie auf Ihre Untersuchungsergebnisse blicken: Ist die zunehmende Medienkritik berechtigt? Was müsste sich ändern?

Kepplinger: Den oft zu hörenden Vorwurf der "Lügenpresse" halte ich für falsch und irreführend. Journalisten sind keine Lügner, die die Wahrheit kennen und in übler Absicht das Gegenteil verbreiten. Viele sind aber Gläubige, die bei kontroversen Themen ihre berufs- oder ressortypische Sichtweise irrtümlich für die Wahrheit halten. Das grenzt zuweilen an intellektuellen Hochmut. Ein Großteil der Journalisten müsste, damit er seine Aufgabe als neutraler Vermittler zwischen dem aktuellen Geschehen und der Bevölkerung wahrnehmen kann, bescheidener und kritischer werden - selbstkritischer und kollegenkritischer.

kress.de-Tipp: Hans Mathias Kepplinger, Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken, 232 Seiten, 11 Abbildungen, 28 Tabellen, 21,00 Euro, ISBN (Print) 978-3-86962-284-2

Ihre Kommentare
Kopf

Klaus Utermöhle

29.06.2017
!

Großen Glückwunsch, Herr Keplinger! Aber vermutlich werden die, die Sie meinen, das nicht für die wahre Wahrheit halten. Es ist schwer, umzudenken. Noch schwerer ist es, gesellschaftshierarchischen "Besitzstand" aufzugeben.


Anna-Sophie

29.06.2017
!

Es wird einigen selbsterklärten Weltverbesserern innerhalb der schreibenden Zunft ganz und gar nicht in den Kram passen, ihren Snobismus zugunsten eines ansatzweise gleichberechtigten, öffentlichen, wertfreien Diskurses hinunterzuschlucken. Herr Kepplinger malt eine zutiefst wünschenswerte, leider gegenwärtig utopische Zukunft. Schön aber, dass "es mal einer gesagt hat".


Susanne Günther

01.07.2017
!

Danke für dieses Interview und Danke, Prof. Kepplinger, für dieses Buch. Wir brauchen eine Debatte über den sogenannten Qualitätsjournalismus, und zwar auch im Interesse der Akteure. Die Print-Auflagen schwinden, die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk wächst und die Gegenkultur im Netz wird nicht ernst genommen. Dabei werden die Journalisten gebraucht, um den Mächtigen auf die Finger zu sehen.


Lothar W. Pawliczak

03.07.2017
!

Auffällig ist, daß die meisten Journalisten sich äußerst selten der Diskussion zu ihren Beiträgen stellen. Faktisch nie beteiligen sich Journalisten erkennbar (Vielleicht tun sie das ja unter Pseudonymen.) an Leserdiskussion, die mit Internet-Kommentaren zu Beiträgen stattfinden. Immerhin: Daß es diese Kommtarfunktionen gibt, ist schon ein Fortschritt im Rahmen des Strukturwandels der Öffentlichkeit mit dem Internet. Oft sind diese Kommentare interessanter als die Beiträge selbst.


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