Kai Diekmann: Mein Freund Helmut Kohl

30.06.2017
 
 

Wie keinem anderen Journalisten vertraute Helmut Kohl dem langjährigen "Bild"-Chef Kai Diekmann, die "FAZ" bezeichnete Diekmann in dieser Woche sogar als "Ersatzsohn des Kanzlers". Am Samstag wird Helmut Kohl in Speyer beigesetzt. Kai Diekmann erinnert sich an den Kanzler der Einheit. Von Kai Diekmann.

Irgendwann im Frühjahr 2007: Auf der Suche nach meinem Sitzplatz gehe ich durch den ICE von Berlin nach Hamburg. In einem Abteil sehe ich ein bekanntes Gesicht.

"Guten Tag, Herr Bundeskanzler", sage ich. "Setzen Sie sich, ich kenne Sie", sagt Helmut Schmidt.

Dann geschehen drei Dinge: Helmut Schmidt hält sich eineinhalb Stunden an das Rauchverbot. Er ignoriert, dass ein ungeschickter Kellner ihm eine Tasse Kakao über die Hose schüttet und noch ungeschickter versucht, die Hose wieder vom Kakao zu befreien. Und er bombardiert mich mit Fragen. Fragen zu Helmut Kohl. Warum er dort so entschieden habe, warum da anders. Die ganze Zugreise lang fragt er mich aus, über den Mann, zu dem ihm immer ein Nichtverhältnis nachgesagt wurde.

Als ich Helmut Kohl von der Begegnung berichte, kommentiert er sie nicht weiter.

Doch ein paar Wochen später, an einem Montagmorgen, ruft er mich an: "Rate, wo ich bin." - "Keine Ahnung." - "Ich fahre gerade nach Hamburg hinein." - "Was machst du in Hamburg?" - "Ich treffe mich mit Helmut Schmidt in seinem Büro. Hast du später noch Zeit?"

Abends, als ich das Café Paris nahe dem Hamburger Rathaus betrete, sitzt Helmut Kohl bereits dort. Gelöst, fast überschwänglich, erzählt er von Helmut Schmidt.

Warum er das Treffen mit ihm vereinbart habe, frage ich. Kohls Antwort: "Ich möchte nicht eines Tages aufwachen, morgens im Bad stehen und in den Nachrichten hören, dass Helmut Schmidt nicht mehr ist - ohne dass wir uns ausgesprochen hätten."

Für ihn - als den Jüngeren von beiden - war es selbstverständlich, den Amtsvorgänger zu besuchen. Aus Respekt vor der Person. Vor dem Amt. Vor der Lebensleistung. Und aus einer zutiefst menschlichen Regung heraus. Das war Helmut Kohl.

Ein Gegenbesuch von Helmut Schmidt in Berlin war fest geplant. Dazu kam es nicht mehr.

Helmut Kohls schwerer Sturz im Februar 2008 und seine Folgen sollten fortan das Leben des Mannes bestimmen, der über 16 Jahre hinweg das Schicksal Deutschlands bestimmt hatte.

Während seiner Zeit im Kanzleramt hatte ich Helmut Kohl vor allem aus beruflicher Perspektive erlebt, als Journalist, als Bonner Korrespondent in den späten 80ern, als Politik-Chef von "Bild" in den 90er-Jahren.

Erst später, im Herbst seines Lebens, durfte ich ihn von Nahem kennenlernen.

Wenn ich gefragt werde, wie diese besondere, enge und so gar nicht selbstverständliche Beziehung entstanden ist, muss ich sagen: Ich kann es mir selber nicht erklären. Dass es etwas mit dem Interview zu tun hat, das ich als 17-Jähriger mit Helmut Kohl geführt habe, gehört ins Reich der Legenden.

Nein, es ist einfach passiert. Während vieler Gespräche, im Laufe der Jahre immer häufiger werdenden Begegnungen, gemeinsamen fröhlichen und manchmal auch bedrückenden Stunden. Auf jeden Fall fiel es mir noch im Jahr 2006 wahnsinnig schwer, das angebotene "Du" anzunehmen - mein Respekt vor der einzigartigen Lebensleistung dieses Mannes hat mich nie verlassen.

Im Oktober 1998, ungefähr zwei Wochen nach dem Wahlsieg von Gerhard Schröder, waren wir noch beim Kanzler-Du (Kohl duzte, ich siezte). Bei der Verabschiedung eines Parlamentskorrespondenten fragte er im Hinausgehen: "Kommst du später noch auf einen Wein?" Ich sagte zu.

Den Bungalow auf dem Gelände des Bonner Kanzleramts kannte ich nur hell erleuchtet. Jetzt war alles dunkel. Dunkel und leer.

Helmut Kohl wohnte dort zwar noch, aber die neuen Hausherren von Rot-Grün hatten das Personal komplett abgezogen.

Helmut Kohl wirkte in dem Bungalow, den er 16 Jahre lang bewohnt hatte, fast hilflos. Der Mann, der 1989 mit traumwandlerischer Sicherheit deutsche Geschichte geschrieben hatte, hatte nun Schwierigkeiten, die Lichtschalter zu finden. Nach einem Vierteljahrhundert in der Bundespolitik, im Dienst für sein Land, war Helmut Kohl das normale Leben fremd geworden.

Irgendwo trieb ich eine Flasche Wein und zwei Gläser auf. Keinen Korkenzieher. Wir drückten schließlich den Korken durch den Flaschenhals.

Es war an diesem Abend nicht einmal zwei Jahre her, dass wir uns über Freundschaft in der Politik unterhalten hatten. Helmut Kohl erzählte mir damals vom Rücktritt Ludwig Erhards als Bundeskanzler im Jahr 1966. Er erzählte, wie eilig es der versammelte CDU-Bundesvorstand auf einmal hatte, den Kanzler-Bungalow zu verlassen. Wie Erhard zu ihm sagte: "Sie sehen, Herr Kohl, wie das ist, wenn man zurücktritt. Da ist plötzlich niemand mehr da."

Und wie er - als jüngstes Bundesvorstandsmitglied ohne besondere Nähe zu Erhard - sich schämte, dass dieser große alte Mann da ganz alleine saß. Kohl blieb damals auf einen Wein, Erhard trank Whisky.

Jetzt, an dem Herbstabend 1998, wurde ich selber Zeuge der Fallhöhe, die der Mann zu spüren bekam, der für eine gesamte Generation völlig untrennbar mit dem Kanzleramt verbunden war. Kanzler war gleichbedeutend mit Kohl. Und nun, gerade einmal zwei Wochen nach der Wahlniederlage, war sein Bungalow dunkel und kein Korkenzieher da. Ein bedrückender Abend. Es sollte nicht der letzte bleiben. Die Spendenaffäre, der Suizid seiner Frau Hannelore, die Entfremdung von seinen Söhnen trafen ihn unerwartet. Und tief.

Umso mehr hat mich überrascht, Helmut Kohl nie verbittert erlebt zu haben. Selbst in den schwierigsten Stunden nicht. Zufällig war ich im Januar 2000 in seinem Berliner Büro Unter den Linden, als er ganz ruhig den Verzicht auf den CDU-Ehrenvorsitz diktierte. Anschließend tranken wir Rotwein. Schweigend.

Der Verrat und die Feigheit seiner Partei hatten ihn tief verletzt, aber er ist darüber eben nicht verbittert.

Allen Konflikten, allen Anfeindungen und allen Schicksalsschlägen zum Trotz: Helmut Kohl war gelassen, in sich ruhend, zutiefst dankbar für sein Leben und jenseits von Zynismus. Ein "elder statesman", der lange Reisen unternahm, dessen Leidenschaft für Politik und andere Menschen nie nachließ, der weiterhin jungenhaften Spaß an der Inszenierung hatte und ebenso großen Sinn für Unsinn.

Meiner Idee, der Jubiläumsausgabe der "tageszeitung" - deren Hassobjekt er seine ganze Kanzlerschaft hindurch war - 2004 sein allererstes Interview zu schenken, stimmte der medial so oft und gern Gescholtene fröhlich zu. Wir sprachen über linken Verrat, linke Lebenslügen, linke Idioten und schrieben "25 Jahre taz - heute gibt's Kohl" auf die "taz"-Titelseite.

Für seine Gegner hatte er, wenn überhaupt, nur Spott übrig. Oder eine wegwerfende Handbewegung.

"Der Mensch ist fehlbar und auch du, lieber Kai, bist zwar überzeugter Katholik, aber kein Heiliger", schrieb er mir vor ein paar Jahren.

Auch er war kein Heiliger, vor allem aber war er kein Scheinheiliger. Etwas, was er vielen seiner Kritiker voraushatte.

Helmut Kohl war keiner, der jammerte. Selbst dann nicht, als das zunächst unentdeckt gebliebene Schädel-Hirn-Trauma ihn 2008 zur Sprachlosigkeit verdammte.

Bei meinem ersten Besuch nach dem Unfall konnte er nicht reden. Er versuchte es. Als er trotz aller Anstrengung scheiterte, schlug er wütend mit der Hand auf sein Klinikbett. Immer wieder. Mit der schieren Kraft seines Willens gelang es ihm nach und nach, wieder Worte zu formen, 2011 in der Münchner St.-Michael-Kirche sogar die Trauerrede für seinen Freund Leo Kirch zu halten.

Beklagt hat er sich nie. Im Gegenteil: Er war sich des Glücks bewusst, das er bei allem Unglück gehabt hatte. "Der gute Verlauf meiner Genesung bis heute ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit", schrieb er mir zum Jahreswechsel 2009. "So danken wir Gott, dass wir noch einmal davongekommen sind. Dass das Leben für mich auch würdig und lebenswert geblieben ist."

Helmut Kohl verlor auch im Rollstuhl weder seine Größe noch seine Fröhlichkeit: "Ich war nie jemand, der zum Trübsinn neigte", sagte er. Und wenngleich er nun mit dem Mund nicht mehr so herzlich lachen konnte, wie er wollte - er tat es mit den Augen. Wenn ich ihm aus seiner - mitunter deftigen - Korrespondenz mit Franz Josef Strauß vorlas, mit Luis Trenker oder Astrid Lindgren, dann blitzte aus den weisen Elefantenaugen schelmische Freude auf. Mehr noch, wenn er unter Menschen war. Helmut Kohl mochte die Menschen.

Als das offizielle Berlin 2014 den 25. Jahrestag des Mauerfalls feierte, wollte er an einem ganz anderen Ort sein. In Potsdam. Gemeinsam mit unseren Ehefrauen sowie Georg Friedrich von Preußen und dessen Frau besuchten wir das Grab Friedrichs II. in Sanssouci, dessen Umbettung Helmut Kohl 1991 persönlich begleitet hatte. Als Besucher ihn an Friedrichs Grabstein erkannten, kamen sie auf ihn zu und dankten ihm für die Deutsche Einheit.

Ein bewegender Anblick. Helmut Kohl hat solche Momente geliebt und es gab sie oft.

Das Alleinsein war vielleicht das Einzige, das ihm je Angst gemacht hat. Er war es nicht. Besucher gaben sich in seinem Haus die Klinke in die Hand. Und Maike Kohl-Richter war für ihn das, was Helmut Kohl mir kurz vor seiner Hochzeit geschrieben hatte: "Ich bin sicher, dass ich mit ihr eine wirkliche Frau für den Rest meines Lebens gefunden habe. Nicht von vielerlei Nebensächlichkeiten abgelenkt, sondern in der Erkenntnis, dass sie meine Frau fürs Leben ist, die in ihrem ganzen Wesen zu mir steht."

Helmut Kohl war 2002 der Trauzeuge meiner Frau Katja gewesen, auf seinen Wunsch hin übrigens. Ich hätte mich gar nicht getraut, den Mann, den ich für seine Lebensleistung bewunderte und damals noch siezte, zu fragen. Nun, im Mai 2008, war ich gemeinsam mit Leo Kirch Trauzeuge, als die Volkswirtin Maike Richter und der Altkanzler sich in der kleinen Klinik-Kapelle in Heidelberg vor Gott das Jawort gaben - elf Wochen nach dem Unfall.

Wer die Beziehung von Maike Richter mit dem Altkanzler von Anfang an begleitet hatte, wusste um ihre Wirkung. In ihrer Gegenwart wurde Helmut Kohl ungewöhnlich sanft, referierte nicht wie sonst, sondern hörte zu, nahm sich zurück, war fast wie ausgewechselt. Nach seinem Sturz betonte er immer wieder: "Ohne Maike wäre ich nicht davongekommen."

Doch es wurde still um ihn. Und er wurde es auch.

Das Reden fiel ihm zunehmend schwer. Das Leben nicht. Diejenigen, die öffentlich zu wissen glaubten, wie es ihm ging, wussten es in Wahrheit nicht.

Helmut Kohl hat sich nie aufgegeben. Im Gegenteil: Er hat seine letzten Jahre genossen. Er hatte Freude an seinem Garten und den Körben mit Sauerfleisch und Wein, die der "Deidesheimer Hof" bis zuletzt schickte. Mit großer Disziplin machte er jeden Morgen seine Schwimmübungen. Er las "NZZ", "FAZ" und "Bild" oder ließ sich daraus vorlesen.

Sonntagabends besuchte ihn sein Pfarrer zu Hause, um mit ihm die Heilige Messse zu feiern. Helmut Kohl hat geliebt und er wurde geliebt.

"Wer keine Freunde hat, ist ein ganz armer Hund. Und hier hat es der liebe Gott, Gott sei Dank, gut mit mir gemeint", sagte er.

Er selbst war ein Mann, der seine Freundschaften fast zärtlich pflegte.

Zu meinem 40. Geburtstag schickte er mir folgenden Gruß: "Ich wünsche Ihnen gute Freunde, die sagen, was ist. Und nicht das, was Sie gern hören." Kurz darauf lud er mich mit den Worten zu sich ein: "Ich möchte dir etwas schenken, das man sich nicht kaufen kann."

Wir stiegen ins Auto und sein Fahrer brachte uns nach Speyer. Der Dom war relativ voll, der Sonnenschein fiel wunderschön durch die romanischen Fenster. Wir nahmen auf einer Kirchenbank im Mittelschiff Platz.

"Warte", sagte er, "gleich" - und da erklang auf einmal Orgelmusik. Helmut Kohl hatte den Organisten heimlich gebeten, Bachs "Toccata und Fuge" zu spielen. Während die Musik den Dom füllte, hielten die Besucher inne, lauschten andächtig. Die mitreißende Freude im Gesicht von Helmut Kohl über meine Freude an diesem Geschenk werde ich nie vergessen.

Das letzte Mal habe ich ihn vor wenigen Wochen an seinem 87. Geburtstag in Ludwigshafen besucht. Er war gerade von einem kurzen Klinik-Aufenthalt nach Hause zurückgekehrt, saß in seinem Rollstuhl im Garten und genoss die warme Frühlingssonne. Es war ein schöner Tag. Helmut Kohl war sehr, sehr müde.

Auf einem Messingkreuz, das er mir einmal zu Weihnachten schickte, ist ein Zitat des Religionsphilosophen Romano Guardini eingraviert: "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens". Von dieser Dankbarkeit bin ich erfüllt.

Danke, lieber Helmut!

Kai Diekmann

Unser Autor Kai Diekmann, geboren am 27. Juni 1964, war von Januar 2001 bis Dezember 2015 Chefredakteur von "Bild". Seine persönliche Erinnerung ist zuerst in "Bild" erschienen.

 

Ihre Kommentare
Kopf

Kritischer Journalismus

01.07.2017
!

Bei einer Flasche Wein im Kanzlerbungalow... und dann wundert man sich, warum Zeitschriften nicht mehr kritisch sind und die Abozahlen zurückgehen. Mit der Politik auf Du und Du. Die Macht macht blind.


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