Vize-Chefredakteur Yannick Dillinger: Wie die "Schwäbische Zeitung" an die Flugzeugkatastrophe von Überlingen erinnert

 

Die "Schwäbische Zeitung" geht für eine Regionalzeitung einen ungewöhnlichen Schritt: Zum 15. Jahrestag des Flugzeugunglücks von Überlingen hat sie eine aufwendige Multimedia-Reportage mit Videos, 360 Grad-Panoramen, Animationen, Bildern und Texten produziert. Das Storytelling heißt "Schmerz - боль" (russisch für Schmerz). Warum der Aufwand und was bezweckt die Zeitung damit? Der stellvertretende Chefredakteur und Digitalchef, Yannick Dillinger, gibt im kress.de-Interview Antworten. 

kress.de: In Zeiten, in denen sich viele Regionalzeitungen harte Sparmaßnahmen verordnen und sich zunehmend an Agenturtexten bedienen, kommen Sie mit einem großangelegten Storytelling. Warum?

Yannick Dillinger: Zunächst: Unsere Autoren wissen besser als jede Agentur der Welt, was die Menschen hier im Süden bewegt. Deshalb sind ihre Beiträge auch das größte Pfund, mit dem wir analog wie digital wuchern. Unser Anspruch bei "Schmerz" war es, ein relevantes Ereignis in einer angemessenen Tonalität, möglichst umfassend und modern zu beleuchten. Die Katastrophe ist heute noch großes Gesprächsthema in der Region. Daher haben wir unseren eigenen Grundsatz, den Alltag glänzen zu lassen statt Leuchttürme zu bauen, für dieses Projekt etwas über Bord geworfen. Wir möchten mit diesem Storytelling ein publizistisches Ausrufezeichen setzen - für die Menschen in unserer Region. Die Wahrheit liegt für uns in Laichingen, Spaichingen und Bad Saulgau. Unter anderem dort sind die Menschen, denen wir mit solchen Beiträgen zeigen wollen: Unser Journalismus ist wertvoll.

kress.de: Wie viele Redakteure haben daran mitgewirkt? Die Zeitung musste ja nebenbei auch noch gemacht werden...

Yannick Dillinger: Wir hatten die Idee zu dem Storytelling im März und haben dann recht schnell eine Kernmannschaft aus vier Redakteuren zusammengetrommelt - inklusive mir. Kollegen mit ganz unterschiedlichen Talenten. Neben dem Alltagsgeschäft haben wir immer wieder Archivmaterial gesichtet, Videos gedreht und geschnitten, Fotos bearbeitet, Texte geschrieben, optimiert und gekürzt. Für die Rekonstruktion des Unglücks haben wir unseren Mediengestalter ins Boot geholt, für die Texte aus der russischen Perspektive und die Übersetzung Politik-Redakteur Alexei Makartsev. Unheimlich wichtig für das Projekt war Martin Hennings, der vor 15 Jahren aus Überlingen über das Unglück berichtet hat und nun nicht nur passender Protagonist für das Spezial, sondern auch idealer Kontaktvermittler war.

kress.de: Sie haben ja keinen Aufwand gescheut. Das Multimediaprojekt erscheint auch in russischer Sprache. Wieso?

Yannick Dillinger: Die Idee mit der Übersetzung kam uns recht schnell. Wir haben ja den entscheidenden Vorteil, mit Alexei Makartsev einen russischsprachigen Redakteur zu haben. So sehr das Flugzeugunglück bei uns in der Region äußere und innere Spuren hinterlassen hat: Die Menschen in Russland, die Töchter und Söhne verloren haben, sind mit dem Ereignis natürlich nochmal völlig anders verbunden als die Menschen hier. Die Herausforderung war es also von Anfang an, ein Storyboard zu erstellen, das sowohl für die deutschen, als auch für die russischen Leser angemessen und passend sein würde.

kress.de: Was ist denn für die russischen Leser angemessen und passend?

Yannick Dillinger: Wir hatten das Glück, dass etwa Sulfat Chammatov für ein Skype-Interview bereitstand. Er hat vor 15 Jahren seinen Sohn Arthur verloren. Im Gespräch hat er uns bewegende Einblicke in seine Gefühlswelt gegeben. Auch erinnern wir im Storytelling an den Waisenjungen Dima, dessen Mutter bei dem Flugzeugunglück ums Leben kam, der dann von einer Familie aus dem Bodenseekreis adoptiert wurde und in Deutschland ein neues Leben begonnen hat. Diese Geschichten machen - gemeinsam mit den persönlichen Erinnerungen von Ersthelfern, Rettungskräften oder Obstbauern, in deren Gärten die toten Kinder fielen - das Spezial für uns komplett. In der russischen Version haben wir das eine oder andere Detail rausgelassen. Manche Wunden müssen nicht nochmal aufgerissen werden.

kress.de: Wie wollen Sie die Leser erreichen? Machen Sie Werbung dafür?

Yannick Dillinger: Natürlich machen wir Werbung dafür: in der gedruckten Zeitung, auf schwäbische.de, Facebook, Twitter, YouTube, Instagram usw. Wir haben bei unseren zurückliegenden Projekten gelernt, wie wichtig eine frühzeitige Strategie für die Ausspielung des Contents ist. Wir hoffen natürlich, dass sich viele Menschen besonders in unserer Region das Storytelling anschauen und uns hoffentlich auch viel ehrliches Feedback geben.

kress.de: Und wie machen Sie die Russen auf Ihr Produkt aufmerksam?

Yannick Dillinger: Wir haben uns recht bald auf die Suche gemacht nach passenden Partnern in Russland. Mit einer großen Nachrichtenagentur in Baschkirien und einer landesweit erscheinenden Zeitung haben wir zwei gefunden. Die Kollegen haben von uns den Embed Code für die russische Version erhalten und trommeln für diese nun auf ihren Kanälen.

kress.de: Hat das Unglück denn in Russland eine ebensolche Bedeutung wie für Ihre Region?

Yannick Dillinger: Stellen Sie sich vor, ein Land muss um 71 Tote trauern - darunter 52 Kinder. Selbstverständlich sitzt der Schmerz auch 15 Jahre danach noch sehr tief bei den Russen.

kress.de: Wie soll sich das ganze refinanzieren? Müssen die deutschen und russischen Nutzer bezahlen?

Yannick Dillinger: Leider haben wir noch nicht die Möglichkeit, Storytellings auf schwäbische.de sauber einzubinden. Aus diesem Grund mussten wir auch hier wieder auf das externe Tool "Pageflow" ausweichen. Das heißt: Nein, wir verdienen damit zunächst mal kein Geld, da der Beitrag weder hinter unserer Paywall steht, noch die Zugriffe in unsere IVW-Statistik reinzählen. Wir diskutieren aktuell sehr konkret mit unserer hausinternen Entwicklung über mögliche Auswege aus dieser Situation. Trotzdem sehe ich es auch so schon als eine Art Content Marketing und damit als einen Invest in die Zukunft, weil wir mit diesem Storytelling lautstark und vehement für unseren Qualitätsjournalismus - analog wie digital - trommeln.

kress.de: Ist es das erste Mal, dass sich Ihre Redaktion derart intensiv einem Thema widmet?

Yannick Dillinger: Es ist nicht unser erstes Storytelling. Wir haben in den vergangenen Jahren rund 100 dieser Specials gebaut. Aber in dieser Dimension ist es sicherlich einzigartig.

kress.de: Das Flugzeugunglück von Überlingen hat zwei Mal für Schlagzeilen gesorgt. Einmal natürlich durch den Zusammenstoß in der Luft an sich und zwei Jahre später wegen der Tötung des Fluglotsen durch einen Opfer-Angehörigen. Allerdings liegt das 15 bzw. 13 Jahre zurück. Wie kommen Sie darauf, dass das Interesse daran heute noch groß sein könnte?

Yannick Dillinger: Wir stellen das fest - bei Gesprächen auf dem Marktplatz, in den Kneipen, in Internetforen. Das Interesse hat in den vergangenen Jahren kaum abgenommen. Noch heute treffen sich Hinterbliebene und Menschen aus dem Bodenseekreis regelmäßig, um gemeinsam die Trauer zu verarbeiten. Noch immer fahren Menschen ganz gezielt an den Unglücksort, um der Toten zu gedenken.

kress.de: Die traurige Geschichte ist reich an Kuriositäten: So wurde der Täter kurz nach seiner Haftentlassung 2008 in Nordossetien stellvertretender Minister für Bau und Architektur. Widmen Sie sich auch seiner Geschichte?

Yannick Dillinger: Ja, kurz. Der Fall Kalojew gehört zu dem Flugzeugunglück von Überlingen. Er bekommt aber eher ein kleines Kapitel.

kress.de: Wenn Sie auf 2002 und dann 2004 zurückschauen: Wie beurteilen Sie die seinerzeit aktuelle Berichterstattung Ihrer Zeitung im Nachhinein? Lagen Sie damals vorn?

Yannick Dillinger: Ich glaube, ja. Bei der Sichtung des Archivmaterials sind uns die ganzen Zeitungsseiten von damals in die Hände gefallen. Das war schon sehr angemessen und auffallend umfang- und kenntnisreich, was da veröffentlicht wurde. Deshalb bin ich ja auch so froh, dass sich sowohl Martin Hennings, als auch Alexei Makartsev bereiterklärt haben, noch einmal an einer Berichterstattung mitzuwirken.

kress.de: Bleibt dieses Storytelling ein einmaliges Projekt? Hängt es vom Erfolg ab, ob Sie so etwas wiederholen?

Yannick Dillinger: Eigentlich haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, den Alltag glänzen zu lassen. Unsere Aktivitäten müssen ein vertretbares Preis-Leistungs-Verhältnis haben und wir möchten dazulernen. Wie Sie an diesem Storytelling sehen können, zeigen wir ab und an aber auch gerne mal, was alles möglich ist.

kress.de: Welches Thema haben Sie für ähnliche Projekte demnächst im Auge?

Yannick Dillinger: Noch nichts Konkretes. Unsere Prämisse für solche Speziale ist im Normalfall: Das Thema muss relevant für die Leser in unserer Region sein und sollte im Idealfall eine recht lange Lebenszeit haben.

Kress.de-Tipp: Deutsche Version. Und hier: Russische Version.

Hintergrund: Yannick Dillinger (Jahrgang 1983) ist stellvertretender Chefredakteur und Digitalchef bei der "Schwäbischen Zeitung". In dieser Funktion ist er für die Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der digitalen Produkte des Hauses verantwortlich. Von 2012 bis 2014 war Dillinger Redakteur für Online und Social Media, davor drei Jahre lang Lokalredakteur in Wangen. Der gebürtige Pfälzer hat Germanistik sowie Politikwissenschaften studiert und anschließend beim "Vogtland-Anzeiger" in Plauen volontiert. Bei der Wahl der "Journalisten des Jahres 2016" des "Medium Magazin" belegte Dillinger den fünften Platz in der Kategorie "Chefredaktion Regional". Er twittert als @ydillinger.

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