"Wir fragen unsere kressköpfe": Wie viel Selbstbewusstsein Stefan Raiser aus seiner ZDFneo-Serie zieht

 

Mit Popcorn-Eventfilmen wie den RTL-Produktionen "Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen" oder "Bermuda-Dreieck Nordsee" hat sich Dreamtool Entertainment-Boss Stefan Raiser einen Namen gemacht. Aktuell zeigt seine Firma mit der "Blaumacher"-Serie auf ZDFneo eine ganz andere Seite seines Könnens. Angehenden Produzenten rät er im kress.de-Interview dazu, erst mal selbst ein Drehbuch zu schreiben - um zu merken, "wie schwierig das ist".

kress.de: Herr Raiser, die von Kritikern hochgelobte Dramaserie "Blaumacher" mit Marc Ben Puch, Laura Berlin und Lisa Martinek hätte man noch vor einigen Jahren nicht unbedingt als erstes eine Herkunft aus Ihrer Produktionsfirma Dreamtool zugeordnet. Wie erklärt sich Ihre Hinwendung zur anspruchsvollen Serie?

Stefan Raiser: Dreamtool steht in erster Linie für sehr aufwändige TV-Events mit hohem Production Value. Auf den Erfolg dieser Produktionen sind wir stolz. Sie dominieren in der Wahrnehmung, weil diese Fernsehproduktionen echte Leuchttürme mit hoher Strahlkraft sind. Nichtsdestotrotz haben wir schon immer auch sogenannte anspruchsvolle Fernsehfilme, Debut-Produktionen und Arthouse-Kinofilme gemacht. Wir sind zuallererst inhaltsgetriebene Produzenten mit einem breiten Interesse. "Blaumacher" habe ich mit dem renommierten Autor Bernd Lange von null entwickelt. Die Serie hat bei uns und den Zuschauern einen Nerv getroffen. Diese Woche starten wir mit den Dreharbeiten zu unserem ersten Family Entertainment Kinofilm "Liliane Susewind" abermals ein neues Kapitel. Bei 1,5 Millionen verkauften Büchern steckt ein enormes Potential in dieser Marke. Zudem arbeiten wir an "Der Überläufer" von Siegfried Lenz, ein kraftvoller Stoff, dessen Verfilmung ein bedeutender Beitrag zu 75 Jahre Kriegende werden kann.

kress.de: Alle Welt redet vom goldenen Zeitalter der Qualitätsserien. Deutsche Produzenten haben sich bislang oft etwas schwer gehalten, daran Anschluss zu halten. Was macht Ihrer Erfahrung nach anspruchsvolles serielles Erzählen in Deutschland schwierig?

Stefan Raiser: Na ja, ich tue mich schwer mit Begrifflichkeiten wie "Qualitätsserie" oder "anspruchsvolles serielles Erzählen". Was soll das sein, wer legt das fest und bevormundet den Zuschauer mit dieser Beurteilungsschablone? Eine Serie ist entweder gut oder schlecht und das würde ich schlicht daran bemessen, ob sie berührt, mich dadurch unterhält und am Ende des Tages Zuschauer findet und bindet. Das gelingt in Deutschland zu selten, weil wir viel zu wenig Geld ins Development stecken und einen eklatanten Missstand bei der Ausbildung der Autoren haben. "Blaumacher" ist der Gegenentwurf. Exzellenter Autor, ausreichend Zeit und von uns ein sehr hohes Investment ins Development.

kress.de: Wie erklären Sie sich, dass "Blaumacher" keinen Sendeplatz im ZDF-Hauptprogramm, sondern bei ZDFneo gefunden hat?

Stefan Raiser: "Blaumacher" war von der ersten Sekunde an für und mit ZDFneo entwickelt, insofern stellte sich die Frage nie. Es ging darum eine ZDFneo-Temperatur zu treffen und nicht beliebig zu sein. Der Zuspruch zeigt, dass das gelungen ist. Die Ausstrahlung über sechs Wochen hinweg, aber alle Folgen vom ersten Tag an online, ist von ZDFneo genau richtig gedacht.

kress.de: Dreamtool-Produktionen standen in der Vergangenheit gerne mal für (mit charmantem Augenzwinkern) Testosteron-aufgepumpte Popcorn-TV-Events. Wie wichtig ist es für Sie, der Branche und verantwortlichen Redakteuren zu zeigen, dass man auch zwei Gänge darunter gut in der Spur liegt?

Stefan Raiser: Redakteure sind schlaue Köpfe und nicht so oberflächlich wie Sie vielleicht meinen. Ich habe mich immer gefreut, dass stets unsere Leistung als Produzenten und auch sämtliche Produktionen zwei oder mehr Gänge darunter gesehen wurden. Event können hierzulande nicht viele und wer dabei "in time" und "in budget" mit einem so hohen Production Value zuverlässig liefert kommt mit den besten Empfehlungen. Unsere Produktionen wie "Schattenkinder", "Schwestern" oder "Zweimal zweites Leben" haben zudem das Vertrauen genährt, dass inhaltliches Erzählen auf höchstem Niveau bei uns in guten Händen ist.

kress.de: Die großen Privatsenderfamilien haben ihre fiktionalen Budgets in den vergangenen Jahren stark eingedampft. Wie schwer ist es, im Buhlen um die Öffentlich-Rechtlichen im Konkurrenzkampf nicht unterzugehen?

Stefan Raiser: Meiner Wahrnehmung nach brauchen die Privatsender deutsche Fiction mehr denn je und investieren wieder enorm. Diese Phase muss die hiesige Branche nutzen und nachhaltig erfolgreiche Serien etablieren, die auch dann standhalten, wenn aus dem amerikanischen Markt wieder passende Lizenzware kommt, die für vermeintlich kleineres Geld Sendeplätze bespielen könnte. Auch auf den diesjährigen May Screenings war eine Trendwende nicht in Sicht, was uns deutsche Produzenten freut, aber ewig wird das so nicht weiter gehen. Für meine Ideen und Projekte spüre ich ein gesteigertes Interesse von Privaten und Öffentlich-Rechtlichen, das ist sehr motivierend und macht jeden Tag große Lust. Ich hatte nie mehr zu tun als jetzt. 

kress.de: Mit dem RTL-Film "Nina Undercover" hatten Sie ja schon einmal Vorbereitungen für eine Serien-Produktion gelegt, die so dann doch nicht umgesetzt wurde. Kamen Sie für den aktuellen Serien-Hype damit einfach zu früh?

Stefan Raiser: Eine alleinerziehende Mutter dreier Waisen, die in ihren Job beim BND zurückkehrt, war, ist eine starke Prämisse. Offensichtlich waren wir damals nicht überzeugend genug oder zur falschen Zeit unterwegs. Aufstehen, Mund abwischen. Wir lernen stetig dazu und wer weiß was noch passiert mit dem Projekt ... 

kress.de: Wie sehr nimmt die Geschäftsführer-Tätigkeit mit dem Pitchen um Konzepte oder dem Vorbereiten von Exposés eigentlich bei Ihnen die Überhand? Vermissen Sie manchmal vor lauter Antragsbürokratie das direkte Ärmel-hoch-Filmemachen?

Stefan Raiser: Mein Partner Felix Zackor und ich haben eine klare Aufgabenteilung. Ich beschäftige mich überwiegend mit dem kreativen Part. Es gibt eine gesunde Schnittmenge und wir sind uns seit Schulzeiten gegenseitig ein gutes Korrektiv. Jeder sollte alle Facetten des Filmemachens kennen und können, aber nicht zwingend in Perfektion.  

kress.de: Dreamtool-Produktionen sind auch bei den Mitwirkenden, nicht zuletzt den Schauspielern, oft für den zupackenden, unverkrampften Arbeitsstil bekannt. Wie schaffen Sie es, die gute Stimmung am Set aufrecht zu erhalten?

Stefan Raiser: Ich glaube, wir sind authentisch, haben eine klare Haltung und Vision, legen Wert auf Verlässlichkeit und verstehen was von unserem Handwerk. Das spüren unsere Mitstreiter vor und hinter der Kamera. Ich bin bei meinen Filmen permanent am Set was eine ganz andere Nähe zum Team und zu den Schauspielern ermöglicht. Keiner mag den aalglatten Produzenten, der nur zum Fototermin aufschlägt und hinterher so tut, als ob er den Film alleine gemacht hätte.

kress.de: Auch mit viel Erfahrung, Routine und guten Kontakten sowie verlässlichen Mitarbeitern kann man ja nur eine bestimmte Anzahl von Arbeitsstunden in der üblichen Woche unterbringen. Woher nehmen Sie Ihre Energie?

Stefan Raiser: Die Energie und Leidenschaft fürs Filme machen, ziehe ich vor allem aus der kreativen Arbeit mit Autoren. Sie sind meine wichtigsten Partner, in allen Phasen des Projekts und ich würde mir wünschen, dass Autoren hierzulande mehr Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren. Die Traumfrau, die mich geheiratet hat, mein Sohnemann und zuletzt Serien wie "This is us" sorgen für den nötigen Ausgleich. 

kress.de: Sie haben beim Filmdrehen ja schon früh von der Pike auf mitgemacht. Wenn Sie einmal zurückblicken: Welche Erfahrungen aus Ihrem bisherigen Lebenslauf haben Sie fit für das Dreamtool-Produzieren gemacht?

Stefan Raiser: Vom Kabelträger, Aufnahme- und Produktionsleiter beim SWR über das Film Studium in Ludwigsburg und später an der USC und UCLA in Los Angeles gab es zahlreiche prägende Stationen. Gegen Ende des Studiums an Businessplan Wettbewerben teilzunehmen und nach intensiven Prozessen eine Wagniskapitalgesellschaft als Dreamtool Partner zu gewinnen hat das Fundament gelegt. Ich verbringe von je her Zeit in den USA, darf bei Freunden in Writers Rooms sitzen und versuche permanent zu lernen mit dem Ziel das Beste aus beiden Welten in meiner Arbeit zu vereinen. Sich "fit" machen endet nie.

kress.de: Was würden Sie einem angehenden Produzenten raten, der die Hochschule mit hohen Hoffnungen verlässt - und dann auf die harte Geschäftsrealität trifft?

Stefan Raiser: Schreibe selbst mal ein Drehbuch, damit Du weißt, wie schwierig das ist. Sei demütig vor diesem kreativen Prozess und kenne das Handwerk. Schau rund um die Uhr Fernsehfilme und Serien. Besorge Dir verfilmte Drehbücher und lies so viel wie möglich. Kenne die Sendeplätze im Schlaf und mach Dir jeden Tag die Einschaltquoten klar, sie sind nun mal die Währung, ganz egal, wie wir das finden. Last but not Least, suche dir Verbündete, Brüder im Geiste die Deine Vision des Filmemachens teilen und auf die Du Dich verlassen kannst, komme was wolle. 

kress.de: Sie haben schon länger ein "kressköpfe"-Profil angelegt. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Stefan Raiser: Für seriöses Netzwerken ist kress.de unerlässlich, so auch für mich.

kress.de: Mit welchem Geschäfts- oder Kooperationspartnern, Querdenkern oder Kreativköpfe würden Sie sich - idealerweise über die "kressköpfe" - gerne einmal zu einem Mittagstermin verabreden?

Stefan Raiser: Dr. Mathias Döpfner ist die herausragende Persönlichkeit. Seine Antworten auf meine Fragen würden mich brennend interessieren.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Stefan Raiser: Es heißt Showbusiness und nicht Showart, was viele Kreative in der Film- und Fernsehbranche oft vergessen. Deshalb schaue ich gerne über den Tellerrand hinaus und interessiere mich für das ganze Spektrum des Mediengeschäfts. Kress ist dafür die perfekte Informationsquelle.

 

kress.de-TV-Tipp: Die einfühlsame, originelle Dramaserie "Blaumacher" mit Marc Ben Puch und Lisa Martinek läuft seit 7. Juni auf ZDFneo. Alle sechs Folgen können online abgerufen werden. Die letzte lineare Ausstrahlung einer neuen Folge findet am Mittwoch, 12. Juli um 21.45 Uhr bei ZDFneo statt.

kress.de-Tipp: Sie arbeiten in der Medien- und Kommunikationsbranche? Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.de und legen in der Personen-Datenbank "Köpfe" ein Profil an. Ihren Köpfe-Eintrag können Sie mit einem Passwort bequem selbst pflegen und aktualisieren. Mit Ihrem Profil können Sie sich auf kress.de - beispielsweise mit Kommentaren - präsentieren und sind zudem - wenn gewollt - auch im Netz leicht auffindbar. Wir als Redaktion verknüpfen die Kopf-Profile mit Personalmeldungen und präsentieren am Wochenende die populärsten Köpfe der Woche.  

Alle Neuzugänge bei den "Köpfen" finden Sie hier.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.