Vorschlag für einen ganz anderen Journalisten-Preis

 

In seiner "JOURNALISMUS!"-Kolumne erinnert Paul-Josef Raue an den Publizistik-Preis, der in den achtziger und neunziger Jahren in Klagenfurt verliehen wurde und einzigartig blieb; er war ein Pendant zum Ingeborg-Bachmann-Preis, der in dieser Woche wieder Literatur-Kritiker an den Wörthersee zieht. Journalisten lasen vor Publikum aus ihren Reportagen, Essays und Glossen, die Jury debattierte öffentlich. Solch ein Debatten-Fest des Journalismus fehlt heute und sei empfohlen als Ergänzung zu Gala-Preisverleihungen, in denen Juroren loben und in denen die fehlen, für die Journalisten schreiben.

"Journalisten sind öffentliche Personen. Anders als Zugschaffner und Richter führen sie mit ihrer Klientel kein Gespräch. Der Automobilkonstrukteur lernt von den Käufern, der Journalist spricht in einen unsichtbaren Wald von Menschen." So leitet der Sprachlehrer Ernst Alexander Rauter 1987  eine Dokumentation des Publizistik-Preises Klagenfurt ein. Was waren das für Zeiten weit vor der "Lügenpresse"! Was waren das für Zeiten, als ein Journalist noch "über die Interessen seiner Kunden hinwegschreiben konnte, ohne dass es eine der beiden Seiten merkt"!  

Rauter schreibt: "Das Volkswort 'lügen wie gedruckt' hat Gründe", und denkt laut, was dreißig Jahre später Journalisten noch überraschen wird, erregen oder zum Umdenken verleiten: "Täglich schreiben Tausende von Tagesjournalisten Dinge, von denen sie wissen müssten, dass sie nicht wahr sein können, hielten sie inne und dächten nach, statt sich von Wörtern gedankenlos weiterstoßen zu lassen."

Der Publizistik-Wettbewerb in Klagenfurt war ein Aufstand gegen den Hochmut der Journalisten, war ein Plädoyer für das öffentliche Nachdenken, wie und warum wir schreiben nebst der Aufforderung zu sagen, was gut ist, vorbildlich und wertvoll in einer Demokratie.

Auch die Großen des Journalismus traten in Klagenfurt auf, als sie noch jung waren, nur ein wenig berühmt, aber gute Schreiber. An zwei von ihnen sei erinnert:

Kurt Kister war 31 Jahre alt,  Reporter und Kommentator bei der "Süddeutschen Zeitung", als er 1988 beim Publizistik-Preis aus der Feuilleton-Beilage der "SZ" las. Heute ist Kurt Kister Chefredakteur der "Süddeutschen", und das ist ungewöhnlich: Exzellente Schreiber und Reporter werden im besten Falle Chefreporter, aber selten Chefredakteure. Kurt Kister bekam in Klagenfurt keinen Preis;  die meisten in der Jury, eine Generation von Kister entfernt, mochten seine Artikel nicht über die "Achtundsiebziger" und den "Machtkampf der Computer" und auch nicht drei Streiflichter, davon eines mit dem Satz:

"Nicht das journalistische Ethos treibt die meisten Medienschaffenden an, sondern Konkurrenzdenken, Gewinnmaximierung und nicht zuletzt Eitelkeit."

"Dampfschiffhumor" entdeckt der Kritiker Harald Wieser bei Kister; ein anderer, SR-Intendant Manfred Buchwald, gibt zu, streckenweise nichts begriffen zu haben: Er  fühlt sich hin- und hergerissen zwischen "ernstem Anspruch und dem Verdacht, verarscht zu sein". Oberflächlich, peinlich, selbstgefällig - so kommt das Urteil der Jury.

Vordergründig verläuft die Debatte über die alte, nie zu entscheidende Frage zu Ironie und Albernheit: Wer versteht's; aber eigentlich lotet die Debatte die Untiefen zwischen den Generationen aus, zwischen den Achtundsechziger und den Nachgeborenen; dazwischen liegt zwar nur ein Jahrzehnt, aber es markiert einen Generationenbruch.

"Die Juroren sind zu alt", wirft Kister knapp und respektlos in der Debatte. Seiner Generation sei es weitgehend gleichgültig, in welchem Zustand sich die Achtundsechziger befänden. Als ihm Rauter vorwirft, er spreche mit höhnischem Ton und halte das für Ironie, fährt ihm Kister in die Parade: "Woher können Sie so schön beurteilen, was Ironie ist?" Die Dokumentation führt keine Antwort an.

Nur Johannes Kunz, einer der Intendanten des ORF, hat genau zugehört, entdeckt keinen Angriff auf die Achtundsechziger, sondern Selbstironie, etwa in dem Satz Kisters:

"Wir Achtundsiebziger haben frühzeitig erkannt, dass die Veränderung der Geschichte ziemlich mühsam, die Veränderung der eigenen Persönlichkeit dagegen relativ einfach ist... Wir haben uns nämlich mehrheitlich gleich an den Anforderungen der Belletristik der Achtziger, also den Stellenanzeigen ausgerichtet."

Das Beeindruckende der Debatte: Der Autor rückt in den Vordergrund, nicht aus Eitelkeit, sondern aus der schmerzhaften Einsicht, dass jede Generation ihre eigene Sprache hat, ihren eigenen Zugang zur Wirklichkeit. Solch eine Debatte täte uns heute gut, wo viele reden, sie müssten die Jungen erreichen - aber meist nur über digitale Technik und Fertigkeit räsonieren.

Der älteste Juror, der 72-jährige Ex-Chefredakteur Otto Schulmeister, entdeckt zum Ende der Debatte in Kurt Kister "einen versteckten Moralisten", der sich wie seine Generation überhaupt die Frage stellen müsste: "Äpfelchen, wohin rollst du, Publizistik?"

Cordt Schnibben ist 35 Jahre alt und seit vier Jahren Reporter bei der "Zeit", als er 1987 in Klagenfurt liest, ein Jahr vor Kister. Ihm liegt die Jury zu Füßen. "Vorbildlich, überzeugend, akribisch genau", rühmt sie. Der große Lehrmeister Walther von La Roche adelt Schnibben: "Sie haben die journalistische Recherche zu Ansehen gebracht und haben gleichzeitig Image entblättert" - und zwar das von "Spiegel", "Stern" und Boris Becker, über den er in "Spiel, Satz und Aus" geschrieben hat.

Die Jury ist fasziniert  von der Kritik an zwei "Großmagazinen", die den "Vormarsch der Werbewirtschaft in den Journalismus" belegt. Schnibben hat in der Tat mit "Verflucht, sind wir alle Hedonisten?" die großen Magazine entzaubert mit ihrer Masche, unentwegt Trends entdecken zu wollen - etwa die auf den Luxus.

Klaus Harpprecht lobt bei Schnibben eine journalistische Tugend, welcher der Star-Reporter treu blieb und die dreißig Jahre nach Klagenfurt noch wichtiger geworden ist: Denen auf die Finger zu schauen, deren Aufgabe es ist, anderen auf die Finger zu schauen.

Allerdings ist Harpprecht auch der einzige, der kritisiert: Im Boris-Becker-Porträt habe Schnibben das Verhältnis von Held und Volk nicht tief genug ausgemessen, habe Oberflächenbeobachtung an Oberflächenbeobachtung gereiht. Da scheint Wolf Schneider, Schnibbens Lehrmeister, explodiert zu sein:

"Jawohl, es ist ein Oberflächenportrait. Aber die Oberfläche wird mit einer beklemmenden Dichte geschildert. Sie kriegt so scharfe Konturen und so grelle Farben, wie ich das noch nie beieinander gesehen habe." Und wer weiß, wie schwer Schneider ein uneingeschränktes Lob fiel, darf staunen: "Es werden Idole entthront. Und das scheint mir staatsbürgerlich und journalistisch außerordentlich wertvoll."

Zum Ende deutet sich eine Kontroverse an, die bis heute unentschieden ist:

Muss ein Journalist stets die Gegenseite fragen? Warum haben Sie nicht mit der Chefredaktion von Stern und Spiegel gesprochen, kritisiert Harpprecht den "Zeit"-Reporter. Nein, meint La Roche, das sei bei solch großen Blättern nicht nötig, und der Kulturchef Hubert Fink stimmt zu: "Es ist naiv zu glauben, Chefredakteure bestätigen so etwas einem Konkurrenten."

"Die Art der Ausrede ist interessant", notiert die Dokumentation Klaus Harpprecht.

Einen Preis bekommt auch Cordt Schnibben nicht. Das ist 1987. Ein Jahr später spricht Schnibben mit der Chefredaktion, wird Reporter beim "Spiegel" und oft mit Preisen geehrt.

Die großen Magazine und Zeitungen bleiben in Klagenfurt unter sich. Als sich im vierten Jahr eine Klagenfurter Lokalredakteurin in die Teilnehmer-Riege verirrt, gibt es einen "Ausrutscher", wie im Vorwort der Dokumentation angedeutet, aber nicht ausgeführt wird: Provinzialität muss das Thema gewesen sein.

Carina Kerschbaumer, die Lokalredakteurin, bekommt einen Preis. Harald Wieser, Ex-"Kursbuch"-Herausgeber, meint zwar, die Gerichtsreportage über den Totschlag einer 27jährigen Verkäuferin sei überhaupt nicht elegant, aber:

"Es stellt sich die alte Journalistenfrage: Hätte hier Eleganz das Thema überspielt und kaputt gemacht? Dieser schlichte Stil ist der Vorzug des Textes."

1997 kommt das Ende des Publizistik-Preises. Klaus Harpprecht schreibt in der "Zeit" einen Nachruf - und vergleicht den Preis mit dem parallel laufenden Ingeborg-Bachmann-Preis: Den Verlegern und Besuchern des Wettstreits der Dichter entgehe, "dass die Journalisten alles in allem das bessere Deutsch als die Literaten schrieben".

Das Ende des Publizistik-Preises hat mit dem politischen Umschwung in Kärnten zu tun: Die Partei Jörg Haiders kann das Klagenfurter Kulturressort besetzen. Der FPÖ-Vertreter streicht den Preis "sang-, klang- und kommentarlos". Die Gründe? Harpprecht vermutet ein "grundsätzliches Misstrauen gegen das Volk der Journalisten, die sich in der Tat nicht geneigt zeigten, den Nationaltrommler Haider als rot-weiß-roten Klein-Messias zu umschwärmen".

In unseren Pegida- und Lügenpresse-Zeiten stünde es Journalisten und Verlegern gut an, wieder einen solchen Preis auszuloben - der öffentlichen Debatten wegen und des Streits, was guter Journalismus sei, wie Journalisten arbeiten und warum sie trotz allem für die Demokratie, das Volk und die Zukunft entscheidend sind. Journalisten in einer Arena von Hamburg, Hannover oder Dresden, Berlin, Essen oder München, Konstanz, Leipzig oder Flensburg - um denen öffentlich auf die Finger zu schauen, deren Aufgabe es ist, anderen auf die Finger zu schauen.

Quellen

Die vier Dokumentationen "Internationaler Publizistik-Preis Klagenfurt 1986" bis 1989, herausgeben von H. Felsbach und anderen, erschienen in der gelben List-Reihe "Journalistische Praxis" (nur noch antiquarisch erhältlich).

Info

Gewinner des Publizistik-Wettbewerbs zählt Klaus Harpprecht in seinem Zeit-Artikel 1997 auf:

"Margrit Sprecher, die brillante Reporterin der Weltwoche, und Hans Werner Kilz, der hernach Chefredakteur des Spiegels, dann der Süddeutschen Zeitung wurde, Tilman Spengler mit einer Geo-Reportage und Henryk M. Broder, der Essayist und Pamphletist (nun beim Spiegel), Verena Lueken, die Filmkritikerin der FAZ (heute Korrespondentin in New York) und Christoph Dieckmann von der ZEIT, Eva Karnovsky, die aus Südamerika für die SZ schreibt (damals fürs FAZ-Magazin), Eleonore Büning, die Musikkritikerin ... Eine unvollständige, eine eindrucksvolle Liste."

Themen des Wettbewerbs waren beispielsweise 1987, aufgelistet von Verena Hruska-Deutelmoser:

  • Wie weit darf ein Autor einen Text inszenieren?

  • Wie erreichen Sprache und Bilder die Vorstellungskraft und das Verständnis der Leser?

  • Wie persönlich kann die Beziehung eines Reporters zum Thema sein? Oder wie stark nimmt er sich heraus aus dem Erlebten?

  • Entsteht ein Porträt eher durch kommentierende Beschreibung oder durch das Für-sich-selbst-sprechen-Lassen des zu Porträtierenden?

  • Für wen schreibt der Fachmann, für die Kollegen seiner Zunft oder für interessierte Laien?

  • Darf es Texte geben, die sich erst beim zweiten Lesen erschließen?

Der Autor

Paul-Josef Raue ist vom Alter her ein Achtundsechziger, aber las nie in Klagenfurt: Er blieb ein Journalistenleben lang ein überzeugter Lokalredakteur. 35 Jahre lang war er Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, wo er die erste deutsch-deutsche Zeitung gegründet hat. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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