Publizist Ulrich Reitz über die Nähe von Journalisten und Politikern: "Gegen Freundschaft kann man sich nicht wehren"

04.07.2017
 
 

Dürfen Journalisten und Politiker miteinander befreundet sein? Und wie nah darf das überhaupt sein? Verliert man dadurch seine Unabhängigkeit? Eine Einordnung von Publizist Ulrich Reitz.

Die "Zeit" schrieb gerade, es sorge für "Empörung", dass Kai Diekmann sich als der "bessere Sohn" Helmut Kohls inszeniere, von seiner einmaligen Nähe zum Ex-Kanzler und dessen Frau Maike Kohl-Richter die "Bild" Kapital schlagen lasse und dazu beitrage, dass ein besonderes Leben unversöhnlich zu Ende gehe. Ist an dieser Betrachtung überhaupt irgendetwas richtig?

Wir wissen es nicht, aber es gibt schon starke Indizien, dass Kohl für Diekmann väterlichere Gefühle entwickelt hatte als für seine beiden leiblichen Söhne. Dafür gab es Gründe, die sind bekannt. Was also hätte Diekmann daran noch inszenieren sollen? Und dass Diekmann "seine" Bild profitieren ließ - das sollte für jeden Journalisten im Verhältnis zu seinem Medium doch der Normalfall sein, oder? 

Journalisten suchen Nähe zu Politikern, umgekehrt ist es genauso, und beide Seiten wissen, es geht dabei mindestens auch um beiderseitigen Nutzen. 

Ganz abgesehen davon, dass nicht nur die "Bild" Nutznießer war, sondern auch schon mal die geliebhasste "taz", waren es doch vor allem sehr viele Leser: von Kohl brachte Diekmann schließlich meist Exklusives mit, bisweilen ikonographische Fotos wie das im Rollstuhl vor dem Brandenburger Tor, und ein Journalist, der davon nicht Kenntnis genommen hätte, wäre seinem Berufsethos untreu geworden. 

Schließlich, dass Kohls Leben unversöhnlich endete, eine Binse: Kohl unterteilte nun einmal in Freund und Feind, gerade Journalisten, wobei die Feindesgrenze knapp hinter der Verehrungslinie begann. Ich habe ihm persönlich einmal gesagt, wie sehr mich das an ihm störe, auch, weil es auf einem Missverständnis beruhe: Journalisten sollten schreiben, was sei, und nicht, was ihm gefalle. Kohl tat es unwirsch ab. (Das war im inoffiziellen Teil nach einem Interview für "Focus" am Wolfgangsee.) Ein Versöhner wollte Kohl eben zeitlebens nicht sein. Er war ein höchstsensibler Raufbold, der darum besser austeilen als einstecken konnte. Weshalb hätte er anders sterben sollen, als er gelebt hatte?

Persönliche Nähe korrumpiert, aber gegen freundschaftliche Gefühle kann man sich auch nicht wehren. Wenn so etwas passiert, gibt es zwei Wege, damit umzugehen. Ein Kollege, der sich in eine Parteipolitikerin verliebt hatte, eröffnete mir vor Jahren, er werde von nun an nicht mehr über diese Partei schreiben. 

Kai Diekmann hielt es anders: er machte seine Freundschaft, ja Bewunderung, zu Kohl transparent, was ich für fair halte. Jeder Leser könnte mühelos wissen, woran er bei Kohl/Diekmann war. 

Von Journalisten, die unbeirrt daran glauben, ihre Aufgabe bestünde darin, die eigene politische Haltung Lesern als Wahrheit zu verkaufen, geht eine größere Gefahr aus.

Autor: Ulrich Reitz

Zur Person: Unser Autor Ulrich Reitz ist Publizist in Düsseldorf. Er war Chefredakteur von "Focus", "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und "Rheinische Post". Er twittert unter UReitz, hier geht es zu seinem Debatten-Blog.

 

Ihre Kommentare
Kopf

M. Schnepper

04.07.2017
!

Die Frage ist doch, ob sich nach Diekmanns beispielloser Distanzlosigkeit der vergangenen Tage noch einmal eine journalistische Anschlußverwendung für ihn findet. I doubt it.


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