Publizist Wilfried Goebels über Journalisten und Politiker: "Nähe macht blind"

06.07.2017
 
 

Dürfen Journalisten und Politiker miteinander befreundet sein? Und wie nah darf das überhaupt sein? Verliert man dadurch seine Unabhängigkeit? Eine Einordnung von Publizist Wilfried Goebels.

Nähe macht blind, zumindest verzerrt mangelnde Distanz nicht selten den Blick auf das Betrachtungsobjekt. Diese physikalische Gesetzmäßigkeit gilt auch im Journalismus. Ein verstörendes Beispiel für journalistische Grenzverletzung liefert seit langen Jahren der ehemalige Chef der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann. Dass Reporter Diekmann eine enge persönliche Freundschaft zum ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl pflegte, ist nicht verwerflich. Der journalistische Sündenfall besteht darin, dass er diese Freundschaft für die "Bild"-Zeitung instrumentalisierte und durch Exklusiv-Geschichten aus dem innersten Zirkel vermarktet hat.

Das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten bleibt immer eine Gratwanderung. Dichte Netzwerke, Hintergrundkreise und Einzelgespräche sichern dem Journalisten einen Informationsvorsprung und dem Politiker die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge zu verbreiten. Die Schattenseite: Mancher gerät in Gefahr, durch persönliche Nähe die politische Distanz zu verlieren. Wenn Ex-"Bild"-Chef Diekmann nach dem Tod des Altkanzlers als Türöffner im Hause Kohl fungiert und die "Bild"-Zeitung parallel in eine Art Heiligenverehrung verfällt, bleibt ein schaler Geschmack.

Die journalistische Binse des großen Reporters Hanns Joachim Friedrichs gilt heute wie damals: Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache - auch nicht mit einer guten. Positive Beispiele gibt es genug: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" würdigte das Lebenswerk des Altkanzlers mit erkennbarer Sympathie distanziert-kritisch. Keine Anbiederung, dafür Fakten und Hintergründiges ohne indiskreten Blick durchs Schlüsselloch. Auch der "Spiegel", den Kohl abgrundtief verachtet hat, bemühte sich durchaus erkennbar um Objektivität. 

Helmut Kohl war sicher nicht der einzige Politiker, der Journalisten nach den Kriterien wohlwollender Berichterstattung kategorisierte. Da passierte es häufiger, dass kritische Reporter bei Kohls Auslandsreisen keinen Platz in der Kanzlermaschine fanden. Aber dass auch Journalisten nicht immer uneigennützig handeln, musste der frühere nordrhein-westfälische CDU-Landesvorsitzende Kurt Biedenkopf erleben. Als er in den 80er Jahren das Angebot eines Journalisten-Kartells in Düsseldorf ausschlug, für Exklusivnachrichten im Gegenzug eine freundliche Kommentierung zu bekommen, wies der die Offerte brüsk zurück. Danach ließen die Reporter kein gutes Haar am CDU-Chef - Biedenkopf wurde später abgelöst.

Journalisten werden von Politikern umschmeichelt, manches Info-Häppchen, Interview oder die diskrete Einflüsterung sollen verhindern, dass der Reporter bei der Recherche zu tief in die Innereien der Parteien vordringt. Fast jeder Journalist dürfte sich schon mal selbstkritisch fragen, ob er die notwendige Distanz in jedem Einzelfall gewahrt hat. Presse und Politik sitzen auf zwei Seiten des Schreibtischs - ohne Distanz zu den Mächtigen ist politische Kontrolle schlicht undenkbar. 

Altkanzler Kohl mochte die Presse nicht: Daran ist vom Prinzip der Gewaltenteilung her nichts auszusetzen. Pressefreiheit begründet nicht den Anspruch auf Sympathie. Helmut Kohl wäre aber sicher überrascht gewesen über manche respektvolle Würdigung seines Wirkens als großer Europäer. Auch in Medien, die ihm politisch in der Vergangenheit nicht nahe gestanden haben. 

Autor: Wilfried Goebels

Zur Person: Unser Autor Wilfried Goebels war mehr als 30 Jahre als politischer Journalist und Korrespondent in Bonn und Düsseldorf tätig. Dabei schrieb er neben einer Reihe von Regionalblättern vor allem für die Zeitungen der Funke Mediengruppe. Er ist heute als politischer Berater im Medienbereich aktiv.

 

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