Nachrichtenchef Michael Klein über Journalisten und Politiker: Diekmanns Urteil über Kohl ist journalistisch wertlos

07.07.2017
 
 

Dürfen Journalisten und Politiker miteinander befreundet sein? Und wie nah darf das überhaupt sein? Verliert man dadurch seine Unabhängigkeit? Eine Einordnung von Michael Klein, Nachrichtenchef "Wetzlarer Neue Zeitung".

Helmut Kohl war - in Wirken und Gestalt - einer der ganz großen Staatsmänner des vergangenen Jahrhunderts. Als junger Lokalredakteur in Bonn stand ich bei einer Veranstaltung, auf der Kohl eine Rede halten sollte, einmal unerwartet neben dem Mann, dessen Name damals für viele mit dem Wort "Bundeskanzler" identisch war. Kohl beeindruckte schon allein durch seine Statur. Er füllte jeden Raum, den er betrat. Das konnte beängstigend wirken. Aber dieser Ausstrahlung konnte man auch schlicht erliegen. So war das wohl bei Kai Diekmann.

In seinen persönlichen Erinnerungen an den Altkanzler schreibt der frühere "Bild"-Chef, dass er diesen "für seine Lebensleistung bewunderte". Dieser Satz spiegelt die Art von menschlichen Beziehungen, die Helmut Kohl pflegte: Entweder man war Freund oder Feind. Den Platz dazwischen gab es nicht. So machte Kohl Politik, so schrieb er deutsche und europäische Geschichte. Nur so erklärt sich auch Kohls Verhalten bei der Annahme von Parteispenden. Die Freundschaft zu den Spendern, das Versprechen, sie nicht zu nennen, waren für Kohl unumstößlich.

Von den Schattenseiten Kohls ist bei Diekmann indes kaum die Rede. Wie auch? Diekmann bewunderte Kohl. Das ist weit mehr als eine positive Würdigung seiner Politik für Deutschland und Europa. Bewunderung macht blind. Wenn Diekmann von "Verrat" und "Feigheit" der CDU gegenüber Kohl spricht, dann übernimmt er vollständig dessen Sicht. Dass es auch einen anderen, ernstzunehmenden Blick auf die Geschichte gibt, diskutiert er nicht einmal. Und wenn von der "Entfremdung von seinen Söhnen" die Rede ist, die Kohl unerwartet getroffen habe, schwingen gar einseitige Schuldzuweisungen mit. Das journalistische Gebot, der Gegenseite Gehör zu geben, gerät hier gänzlich außer Kraft. Die "Zeit" hat recht, wenn sie schreibt, dass Diekmann vom Journalisten zum Pressesprecher Kohls geworden ist.

In dieser Rolle ist Diekmann ein wunderbarer Zeitzeuge. In seinen Schilderungen erfährt man persönliche Ansichten des Altkanzlers, die das Bild über ihn vervollständigen, womöglich auch korrigieren können. Nur eines geht nicht: Man kann nicht als "Ersatzsohn des Kanzlers" ("FAZ") dessen Leben und Wirken unbefangen journalistisch einordnen. Hier zeigt sich das Dilemma, das mit der Persönlichkeit des Altkanzlers eng verbunden ist: Nur in der Rolle als Freund und Bewunderer war es Diekmann überhaupt möglich, Kohl so nahezukommen. Ein unbefangener Journalist hätte das kaum geschafft.

Das Problem ist nicht die Freundschaft zwischen einem Politiker und einem Journalisten an sich. Die kann ganz ohne Hintergedanken entstehen - von beiden Seiten. Und da nicht das Gegenteil bewiesen ist, sollte man Kohl und Diekmann unterstellen, dass es bei ihnen so war. Zum Problem wird eine solche enge Beziehung erst, wenn sie beruflich ausgenutzt wird. Und da drängen sich Fragen auf:

War für Kohl, der Zeit seines Lebens den "linken" "Spiegel" als persönlichen Feind sah, die Freundschaft zum Chefredakteur der "Bild"-Zeitung womöglich auch Teil eines Kalküls nach zigfach empfundener Kränkung? Nach dem Motto: Denen werde ich es zeigen? Klar ist: Diekmann schrieb über Kohl, was dieser gerne über sich lesen mochte: viel Gutes. Das gab es beim "Spiegel" nicht.

War auch für Diekmann, dessen Zeitung von exklusiven Nachrichten lebt, die Freundschaft zum Altkanzler womöglich zugleich Teil eines Kalküls? Wie sonst wäre eines der letzten privaten Bilder von Kohl auf die Titelseite von "Bild" gelangt? Klar ist: "Bild" hat von der persönlichen Freundschaft profitiert.

Man könnte darüber hinweggehen und die Exklusivität neidlos anerkennen. Aber damit wäre das Bild nicht vollständig. Denn nichts ist umsonst. Dass eine Zeitung kaum kritisch über jemanden schreibt, über den der eigene Chefredakteur vor allem Gutes zu berichten weiß und mit dem er auch noch eng befreundet ist, liegt nahe. Wenn aber Journalismus gesteuert wird, und sei es nur indirekt durch einen verdienstvollen Altkanzler, wird er angreifbar.

Was hätte Diekmann also tun sollen? Sein intimes Wissen über Helmut Kohl für sich behalten? Manches Interessante hätte man so doch nie erfahren. Er hätte natürlich alles aufschreiben dürfen. Aber er hätte es nicht als Journalist tun dürfen. Weil er als "Bewunderer" Kohls die Rolle des Journalisten längst verlassen hatte. Er hätte es an anderer Stelle tun sollen als ausgerechnet dort, wo seine Rolle als Journalist am tiefsten verankert ist. Es gibt Blogs - und es gibt Bücher.

Diekmann war Trauzeuge bei Kohls zweiter Heirat. Er wurde zu einem Teil der Familie. Somit hatte er keine innere Distanz mehr zu dem, worüber er schrieb. Das macht Diekmanns Urteil über Kohl journalistisch wertlos. Denn Urteilsfähigkeit resultiert aus Unbefangenheit.

 

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