"Zwiebelfisch"-Autor Bastian Sick: "Verlage haben Qualität eingespart, und das verärgert die Leser"

 

Bastian Sick ist zurück. Der Autor von "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", das sich zwei Millionen Mal verkaufte, hat soeben ein neues Buch veröffentlicht. Die Rolle des Deutsch-Lehrers der Nation verlässt er dabei ein wenig. Stattdessen veräppelt der 51-Jährige mit humorvollen Kommentaren die Verhunzer der deutschen Sprache. Auf kress.de erklärt er, warum - und kritisiert Medien, die ihre Schlussredaktionen abgeschafft haben.

kress.de: Zuletzt war es etwas ruhiger um Sie geworden. Tut Ihnen die Ruhe nach dem großen Wirbel der vergangenen Jahre gut?

Bastian Sick: Sehr gut sogar. Die Ruhe hatte ich geplant. Ich wollte mich langsam, aber sicher aus dem Trubel zurückziehen, weil es doch sehr anstrengend geworden war. 

kress.de: Was haben Sie stattdessen gemacht?

Bastian Sick: Ich habe den Fokus darauf gelegt, meine Lebensziele zu verwirklichen. Mir ein Haus an der Ostsee gekauft, in dem ich einfach nur glücklich bin. Ganz wichtig waren mir die Projekte mit Udo Jürgens und Mireille Mathieu, den Idolen meiner Jugend. Diese beiden persönlich kennenzulernen und mit ihnen zu arbeiten, war der wirkliche Höhepunkt meiner Karriere.

kress.de: Nun haben Sie auch wieder ein neues Buch herausgebracht, das dreizehnte in dreizehn Jahren. Eigentlich ist es ja eine Art "Hohlspiegel"-Buch, das vor allem von Ihren originellen Bildunterschriften lebt. Auf die Erklärung grammatikalischer und orthographischer Regeln verzichten Sie fast völlig. Warum?

Bastian Sick: Weil es nicht funktionieren würde. Die Regeln habe ich in den Dativ-Büchern hinreichend erklärt. Bei den Happy-Aua-Büchern geht es um den schnellen Witz. Die überwiegende Zahl der Leser braucht die Erklärungen nicht. Nur wenn ein Wort durch die fehlerhafte Rechtschreibung fast schon gar nicht mehr zu verstehen war, habe ich es im Bildtext noch einmal aufgegriffen.

kress.de: Die amüsanten Beispiele aus Ihrem Buch stammen ja vorwiegend von Lesern. Wie konnten Sie die zur Mitarbeit bewegen? 

Bastian Sick: Das war gar nicht nötig. Die haben das ganz von allein gemacht.

kress.de: Sie haben keinen Aufruf über Facebook gestartet?

Bastian Sick: Nein. Die Leserpost ist seit meinen "Zwiebelfisch"-Kolumnen im "Spiegel" zum Selbstläufer geworden. Schon damals schickten mir die Leser Fotos von kuriosen Sprachverdrehern und haarsträubende Internet-Fundstücke. Daraus ist dann die "Happy Aua"-Reihe entstanden, die wiederum eine Flut weiterer Einsendungen nach sich zog. Ich verfüge inzwischen über so viele Beispiele, dass ich diese auch thematisch sortieren kann. Im neuen Buch gibt es Kapitel mit Supermarkt-Angeboten, mit Kleinanzeigen, falsch gebrauchten Fremdwörtern, verrückten Apostrophen und Unfällen mit unseren vier Fällen. 

kress.de: Ist die deutsche Sprache noch zu retten? Sie führen ja auch haarsträubende Stilblüten von Universitäten an. Besonders ulkig fand ich den Seminar-Titel "Formen der Korruption - Einführung in politikwissenschaftliche Arbeitstechniken".

Bastian Sick: Die deutsche Sprache ist noch zu retten, ja! Sie ist auch nicht ernsthaft in Gefahr. Allerdings hat sich in unserer Gesellschaft einiges geändert - und dadurch geraten viel mehr Fehler in Umlauf als früher. In den 70er- und 80er-Jahren war die geschriebene Sprache ausschließlich in der Hand von Profis mit soliden Rechtschreibkenntnissen. Heute kann jeder seine Anzeige selbst gestalten und eine Rezension bei Amazon schreiben. Wir sehen so viel mehr Fehler, weil es diesen Filter nicht mehr gibt. 

kress.de: Selbst Anzeigen für Nachhilfe wimmeln oft von Fehlern ...

Bastian Sick: Das ist wohl wahr. Lehrer berichten mir, dass es heute ein Problem sei, die Standards in Rechtschreibung und Grammatik zu vermitteln. Vor allem an Brennpunkt-Schulen stehen ganz andere Dinge im Vordergrund. Da ist die Frage, ob es "dem" oder "den" heißt, ein Luxusproblem. Lehrer, die viele Kinder mit Migrationshintergrund unterrichten, stehen eher vor der Frage, wie sie die Schüler dazu bringen, überhaupt auf Deutsch zu antworten.

kress.de: Geht es mit der deutschen Sprache also doch bergab?

Bastian Sick: Moment, ich sprach von Brennpunkt-Schulen. Gymnasiasten beherrschen die Rechtschreibung schon noch ganz gut.

kress.de: Und die Zeichensetzung?

Bastian Sick: Sagen wir mal so: Ich kenne ohnehin nur zwei Menschen, die darin perfekt sind: meinen Korrektor bei Kiepenheuer & Witsch sowie den Rechtschreib-Experten Christian Stang aus Regensburg.    

kress.de: In Ihrem Buch zeigen Sie auch viele Beispiele aus Zeitungen und Zeitschriften. Ist der Umgang mit der deutschen Sprache in den Medien schlampiger geworden?

Bastian Sick: Ja, eindeutig. Und wissen Sie warum? Weil die Medien ihre Schlussredaktionen abgeschafft haben. Nur "Spiegel", "FAZ, "Zeit" und "Süddeutsche Zeitung" leisten sich noch Korrektoren. Die anderen Verlage vertrauen auf Rechtschreibprogramme. Aber das ist falsch. Sie haben Qualität eingespart, und das verärgert die Leser. Fast alle regen sich über die vielen Druckfehler auf.

kress.de: War das nicht schon immer so?

Bastian Sick: Ja, aber nicht in dieser Häufigkeit. In der DDR zum Beispiel war die Rechtschreibung sogar ein Mittel des Widerstandes. Einem Leitartikel im "Neuen Deutschland" konnten sie ja schwer inhaltlich widersprechen, ohne auf einer Liste der Staatssicherheit zu landen. Wenn sie aber Anstoß an falscher Rechtschreibung nahmen, hatten sie ein Ventil. Es war die einzige Möglichkeit, in einem Leserbrief Protest zu äußern. 

kress.de: Sie haben schon vor mehr als fünf Jahren den fünften Fall entdeckt. Der "Vonitiv" ersetze praktisch den Genitiv, schreiben Sie. Oder zersetzt er ihn?

Bastian Sick: Er verdrängt ihn. Und zwar, weil immer mehr Menschen den Genitiv nicht mehr richtig beherrschen. Es fehlt wohl an Anschauung durch Beispiele. Der Mensch ist ein Rudeltier, und wenn alle den Vonitiv benutzen, dann verdrängt dieser den Genitiv.

kress.de: Warum "Vonitiv"? Was ist das?

Bastian Sick: Der Namen beschreibt die Verbreitung des "von". Selbst in der "Tagesschau" heißt es inzwischen häufiger "ein Bericht von unserem Korrespondenten aus Berlin" statt "ein Bericht unseres Korrespondenten aus Berlin". Missverständlich wird der Vonitiv in vielen Überschriften. 

kress.de: Zum Beispiel?

Bastian Sick: "Sicherheitsbeamter von Gauck beklaut", stand über einer Meldung in der "Schweriner Volkszeitung". Ich habe darunter geschrieben: "Ein derartiges Benehmen hätte man dem Bundespräsidenten gar nicht zugetraut."

kress.de: Neben dem Genitiv stirbt auch der Bindestrich aus. Warum setzt den kaum noch jemand?

Bastian Sick: Das ist eine Folge der Globalisierung und der damit einhergehenden Flut von Anglizismen. "John F. Kennedy Airport" schreibt man im Englischen ohne Bindestrich. Es ist aber ein urdeutsches Sprachmerkmal, zusammengesetzte Worte zusammenzuschreiben - oder wenigstens zu koppeln. Begriffe mit Vor- und Zunamen werden durchgekoppelt. Das kennt das Englische nicht, und bedauerlicherweise übernehmen wir das.

kress.de: Sie schreiben, dass "unser Sprachstandard von Informatikern und Web-Designern festgelegt wird, deren Muttersprache Pascal oder Java ist". Was macht die Digitalisierung mit unserem Deutsch?

Bastian Sick: Sie macht es jedenfalls nicht besser. Nun will ich aber keine Schimpftirade gegen technische Neuerungen wie Smartphones, Chat und Apps loslassen. Ich profitiere ja selbst davon. Aber ich schicke keine SMS los, ohne sie vorher noch einmal gelesen zu haben. Das machen gerade junge Leute anders. Ihnen geht es darum, schnell eine Information zu versenden - egal, wie sie geschrieben ist. 

kress.de: Werden wir diesen Trend noch aufhalten können?

Bastian Sick: Nein, und das macht auch nichts, denn wie er in seinen Kurznachrichten schreibt, ist jedermanns Privatsache. In meinem Buch finden Sie ausschließlich Beispiele aus professionellem Kontext: Zeitungsmeldungen, Werbung, Angebotsschilder. Und dort erwarte ich dann eben auch Professionalität in Rechtschreibung und Zeichensetzung. Das gilt für die Lokalzeitung genauso wie für den Restaurantbesitzer um die Ecke. Wenn dieser seine Speiseangebote ausdruckt, könnte er das vorher jemandem zu lesen geben, der es im Zweifel korrigiert. Macht er das nicht, muss er es sich auch gefallen lassen, mit seinen "gefühlten Auberginen" in meinem Buch zu landen.

kress.de: Wie geht es weiter? Wollen Sie den "Zwiebelfisch" neu beleben? Oder hat sich das totgelaufen?

Bastian Sick: Der "Zwiebelfisch" lebt! Ich habe ja immer noch einen rege besuchten Blog im Internet, ganz einfach zu finden: bastiansick.de. Dort habe ich mich zuletzt in einer Kolumne mit den schleswig-holsteinischen Wahlbenachrichtigungen befasst. 

kress.de: Was hat Ihnen daran nicht gefallen?

Bastian Sick: Sie waren in "Leichter Sprache" verfasst, also für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Das wurde einem aber nirgendwo erklärt. Viele Wähler nahmen daher an, das sei die neue amtliche Rechtschreibung. Darin wurde beispielsweise alle Zusammensetzungen gekoppelt: "Land-Tag", "Brief-Wahl", "Vor-Name". Mag ja sein, dass das für die 3 Prozent Wähler mit Beeinträchtigung einfacher zu lesen ist. Für die 97 anderen Prozent war das nur verwirrend - und verärgernd.

kress.de-Buchtipp: Bastian Sick, "Schlagen Sie dem Teufel ein Schnäppchen - Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache", 224 Seiten, Broschur, 12,99 Euro, ISBN: 978-3-462-05029-5

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Frank Schumann

Frank Schumann

SCHLUSSREDAKTION.DE – Agentur für redaktionelle Dienste
Geschäftsführer

07.07.2017
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Lieber Herr Sick!
Sie sagen: „Nur ‚Spiegel‘, ‚FAZ‘, ‚Zeit‘ und ‚Süddeutsche Zeitung‘ leisten sich noch Korrektoren.“ Das ist falsch! Unsere vielen Kunden sind namhafte Verlage, die uns beauftragen, damit Fehlerfreiheit in ihren Zeitschriften herrscht. Weil ihnen ihre Leserinnen und Leser wichtig sind und sie wissen, dass korrekte Orthografie, Grammatik und Interpunktion Qualitätsmerkmale sind, die die Wertigkeit ihrer Objekte unterstreichen.
Viele Grüße
Frank Schumann
Schlussredaktion.de


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