"Bild" verliert deutlich: Niemand wird öfter zitiert als "Der Spiegel"

 

Eigentlich war Julian Reichelt bei "Bild" auch dafür angetreten, mit seinem Team Themen zu finden und zu setzen, die Deutschland bewegen. Zumindest im ersten Halbjahr 2017 haben sich deutlich weniger andere Medien für die Agenda des "Bild"-Generals interessiert. Der "Spiegel" von Klaus Brinkbäumer (Foto) führt nach den ersten sechs Monaten wieder unangefochten das Ranking der meistzitierten Medien von Media Tenor in Deutschland an.

"Bild" lag im Jahr 2016 das erste Mal beim Zitate-Ranking ganz vorne. Im ersten Halbjahr 2017 stellt das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" seine Wirkungsmacht dagegen wieder besser unter Beweis. Am Main können Werner D'Inka, Jürgen Kaube, Berthold Kohler und Holger Steltzner den Sekt zum Frühstück knallen lassen - lediglich ihre "Frankfurter Allgemeine" konnte im Vergleich zum Vorjahr nennenswert zulegen.

"Den Titeln der "FAZ"-Gruppe ist es endlich wieder besser gelungen, für ihre Kernkompetenz Beachtung zu finden", analysiert Roland Schatz, Gründer und CEO von Media Tenor International die aktuellen Trend-Daten.

Die "Frankfurter Allgemeine" wird mit ihren Analysen zu EU-politischen Themen wahrgenommen (zum Beispiel Brexit) oder zu den Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Ungarn (umstrittenes Hochschulgesetz). Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" kann sich inzwischen wieder als wichtigste Quelle am Finanzplatz Frankfurt positionieren. Mit Themen wie dem Bonistreit der Deutschen Bank oder dem Abzug von Goldman-Sachs-Bankern von London nach Frankfurt schärft sie ihr Profil zum Bankensektor.

Lange Zeit dominierte im Zitate-Ranking hinter der Inneren Sicherheit und parteipolitischen Themen die Flüchtlingsthematik als wichtiges Thema, zu dem andere Medien als Quellen zitiert wurden. Im ersten Halbjahr verliert das Flüchtlingsthema nun zunehmend an Bedeutung, außenpolitischer Themen gewinnen an Gewicht: "Bild" und "Bild am Sonntag" hatten sich zu Flüchtlingen, Asylpolitik und Integration 2016 die Themenführerschaft hart erarbeitet, beide Titel scheinen nun aber einen langen Atem vermissen zu lassen und überlassen das Thema anderen Medien", erklärt Roland Schatz.

Ungewöhnlich wenige Zitate zählt das Media Tenor Zitate-Ranking in einem Jahr mit drei Landtagswahlen und der Bundestagswahl im September zu innenpolitischen Sachthemen wie Steuern, Familie, Bildung oder Rente. "Viele deutsche Medien haben es bislang versäumt, sich in einem Wahljahr wie 2017 gezielt als Meinungsführer für bestimmte innenpolitische Sachthemen zu positionieren", macht Roland Schatz deutlich. "Hier können sich vor allem Regionalzeitungen hervortun. Vor dem Hintergrund der Dominanz außenpolitischer Themen entsteht allerdings der Eindruck, die Medien lassen sich von der Politik treiben."

Die Top 20 der meistzitierten Medien in den ersten sechs Monaten 2017:

1. "Der Spiegel" (Chefredakteur: Klaus Brinkbäumer; Stellvertretende Chefredakteure: Susanne Beyer, Dirk Kurbjuweit, Alfred Weinzierl). 555 Zitate.

2. "Bild"-Zeitung (Vorsitzender der Chefredaktionen und Chefredakteur Digital: Julian Reichelt; Chefredakteurin Print: Tanit Koch; Chefredakteur für digitale Entwicklungsprojekte: Manfred Hart; Stellvertreter der Chefredakteure: Daniel Böcking (Digital), Matthias Brügelmann (Print), Ulrike Zeitlinger-Haake (Print); Chefredaktion: Nikolaus Blome, Martin Brand, Martin Heidemanns, Florian von Heintze, Bettina Kochheim, Mandy Sachse, Wolf-Ulrich Schüler, Walter M. Straten). 469 Zitate.

3. "New York Times" (Chefredakteur: Dean Baquet). 410 Zitate.

4. "Bild am Sonntag" (Chefredakteurin: Marion Horn; Stellvertretender Chefredakteur: Tom Drechsler). 408 Zitate.

5. "Süddeutsche Zeitung" (Herausgeber: Johannes Friedmann, Albert Esslinger-Kiefer, Thomas Schaub, Christoph Schwingenstein; Chefredakteure: Kurt Kister, Wolfgang Krach; Mitglied der Chefredaktion, Innenpolitik: Heribert Prantl; Mitglied der Chefredaktion, Digitale Projekte: Stefan Plöchinger). 319 Zitate.

6. "The Washington Post" (Herausgeber: Fred Ryan; Chefredakteur: Martin Baron). 308 Zitate.

7. "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Herausgeber: Werner D'Inka, Jürgen Kaube, Berthold Kohler, Holger Steltzner). 268 Zitate.

8. "Welt am Sonntag" (Herausgeber: Stefan Aust; Chefredakteure: Ulf Poschardt; Peter Huth; Stellvertreter des Chefredakteurs: Oliver Michalsky, Arne Teetz: Stellvertretende Chefredakteurin: Dagmar Rosenfeld). 239 Zitate.

9. "Handelsblatt" (Verleger: Dieter von Holtzbrinck; Herausgeber: Gabor Steingart; Chefredakteur: Sven Afhüppe; Stellvertretende Chefredakteure: Peter Brors, Thomas Tuma). 202 Zitate.

10. "Die Welt" (Herausgeber: Stefan Aust; Chefredakteur: Ulf Poschardt; Stellvertretende Chefredakteure: Peter Huth, Oliver Michalsky, Arne Teetz: Stellvertretende Chefredakteurin: Dagmar Rosenfeld). 201 Zitate.

11. "Der Tagesspiegel" (Verleger: Dieter von Holtzbrinck; Herausgeber: Giovanni di Lorenzo, Sebastian Turner; Chefredakteure: Stephan-Andreas Casdorff, Lorenz Maroldt). 191 Zitate.

12. "Wall Street Journal" (Herausgeber: William Lewis; Chefredakteur: Gerard Baker; Stellvertretender Chefredakteur: Matthew J. Murray). 190 Zitate.

13. "Rheinische Post" (Herausgeber: Karl Hans Arnold, Man­fred Droste, Flo­rian Merz-Betz, Irene Wen­de­roth-Alt; Chefredakteur: Michael Bröcker; Stellvertretende Chefredakteure: Horst Thoren, Stefan Weigel; Mitglied der Chefredaktion: Eva Quadbeck). 168 Zitate.

14. NDR (Chefredakteur: Andreas Cichowicz). 160 Zitate.

15. CNN (Chefredakteurin: Meredith Artley). 160 Zitate.

16. WDR (Chefredakteurin: Sonia Mikich). 157 Zitate.

17. "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (Herausgeber: Werner D'Inka, Jürgen Kaube, Berthold Kohler, Holger Steltzner). 156 Zitate.

18. Redaktionsnetzwerk Deutschland (Chefredakteur: Wolfgang Büchner; Mitglieder der Chefredaktion: Rüdiger Ditz, Marco Fenske, Matthias Koch). 143 Zitate.

19. "Die Zeit" (Herausgeberrat: Jutta Allmendinger, Danny Minton Beddoes, Florian Illies, Josef Joffe, René Obermann; Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo; Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth, Sabine Rückert, Bernd Ulrich; Mitglieder der Chefredaktion: Malin Schulz, Holger Stark, Stefan Willeke). 137 Zitate.

20. "Financial Times" (Chefredakteur: Lionel Barber). 129 Zitate.

Einordnung Roland Schatz: "Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen "Der Spiegel" und "Bild" im vergangenen Jahr im Zitate-Ranking sind die Hamburger im ersten Halbjahr 2017 wieder deutlich überlegener. Seit Trumps Präsidentschaft erleben die US-Medien einen enormen Aufmerksamkeitsschub."

kress.de-Übersicht: Meistzitierten Medien zu unterschiedlichen Branchen

Innere Sicherheit / Spionage / Kriminalität

1. "Der Spiegel"

Einordnung Roland Schatz: "Innere Sicherheit bliebt das Thema, zu dem andere Medien am häufigsten zitiert werden. Die Meinungsführerschaft hat hier unverändert der "Spiegel" inne. Die "Süddeutsche Zeitung" schließt zur "Bild" auf. Die "FAZ" verbessert sich unter die Top 10."

Parteien/Parteipolitik

1. "Der Spiegel"

Einordnung Roland Schatz: "Im Jahr der Bundestagswahl gewinnen parteipolitische Themen an Bedeutung. Neben dem Spiegel kann sich vor allem die "Bild am Sonntag" von Marion Horn Gehör verschaffen, nicht zuletzt durch ihre Wahlumfrage im Sonntagstrend. Auch die Wahlumfragen von ARD und ZDF haben Konjunktur."

Außenpolitik

1. "The Washington Post"

Einordnung Roland Schatz: "Zu außenpolitischen Themen hat sich im ersten Halbjahr insbesondere die "Washington Post" hervorgetan mit ihren Recherchen zu Trumps Verquickungen in der Russland-Affäre, wo ihm unzulässige Einflussnahme auf die Justiz vorgeworfen wird."

Flüchtlinge/Asylpolitik

1. "Der Spiegel"

Einordnung Roland Schatz: "Nach mehr als eineinhalb Jahren intensiver Aufmerksamkeit für alles, was mit Flüchtlingen, Asylpolitik und Abschiebungen zu tun hat, klingt das Interesse für exklusive Recherchen oder zitatewürdige Interviews zu dieser Thematik immer deutlicher ab."

Innenpolitik

1. "New York Times"

Einordnung Roland Schatz: "Auch zu innenpolitischen Themen beriefen sich die deutschen Medien vor allem auf die US-Titel, sei es zu den FBI-Ermittlungen gegen Mitglieder der Trump-Administration, zum Einreiseverbot oder zum Umbau von Obamacare.

EU-Politik

1. "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Einordnung Roland Schatz: "Die "FAZ" hat sich mit ihren Analysen zu den Verhandlungen und zum Zeitplan für den EU-Austritt Großbritanniens ins Gespräch gebracht, aber auch zum Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Ungarn wegen des umstrittenen Hochschulgesetzes."

Automobil

1. "Bild am Sonntag"

Einordnung Roland Schatz: "Die "Bild am Sonntag" bleibt zum Abgasskandal in der Automobilbranche und anderen Branchenthemen die wichtigste Quelle, der "Spiegel" verschafft sich allerdings inzwischen deutlich mehr Gehör und überholt die "Bild", die nach dem ersten Quartal noch auf Platz 2 rangierte."

E-Technik / IT

1. "Wall Street Journal"

Einordnung Roland Schatz: "Themen wie Digitalisierung, Robotik oder Künstliche Intelligenz durchziehen derzeit Debatten in fast allen Lebensbereichen, die IT-Branche steht daher unter besonderer Beobachtung des "Wall Street Journal" - deutsche Medien spielen in dieser Debatte weiter keine Rolle."

Banken

1. "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung"

Einordnung Roland Schatz: "Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" kann sich inzwischen als wichtigste Quelle am Finanzplatz Frankfurt positionieren. Mit Themen wie dem Bonistreit der Deutschen Bank oder dem Abzug von Goldman Sachs-Bankern von London nach Frankfurt schärft sie ihr Profil zum Bankensektor."

Sonderthemen: Deutsche Medien zu wichtigen Themen im Bundestagswahlkampf

Arbeitsmarkt

1. "Bild"

Steuern / Steuerpolitik

1. "Handelsblatt"

Einordnung Roland Schatz: "Unter anderem mit der exklusiven Nachricht, dass SPD-Kanzlerkandidat Schulz die Agenda 2010 aufweichen wolle, hat sich "Bild" zum Meinungsführer bei Arbeitsmarktthemen positioniert. Das "Handelsblatt" war die bislang wichtigste Quelle für Steuerthemen."

Familie / Kinder

1. "Bild am Sonntag"

Bildung

1. "Welt am Sonntag"

Hintergrund Roland Schatz: "Kinderbetreuung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, G8/G9 und Inklusion waren die Top-Themen im NRW-Wahlkampf, in den Wahlprogrammen für die Bundestagswahl haben diese Themen Priorität - die Medien schöpfen das Potenzial zur Meinungsführerschaft nicht aus."

Bauen / Bauprojekte / Wohnen

1. "Der Tagesspiegel"

Rente

1. "Saarbrücker Zeitung"

Einordnung Roland Schatz: "Nur wenigen Medien gelingt es, sich als wichtige Quelle zu Themen wie Wohneigentum und Mietpreise ins Gespräch zu bringen, auch nicht dem "Tagesspiegel", dessen Dominanz auf den Recherchen zum Stand der Dinge in Sachen Hauptstadtflughafen beruht."

Hintergrund: Die Auswertung

Insgesamt haben die Analysten um Roland Schatz im ersten Halbjahr 2017 in den Politik- und Wirtschaftsteilen der 40 deutschen Meinungsführermedien 11.480 Zitate (Vorjahr 1. Halbjahr: 12.897 Zitate) ausgewertet. Jeder Artikel wird von den Analysten gelesen und jedes Zitat auf seine Relevanz geprüft, zudem überprüfen sie, ob eine inhaltliche Recherche-Leistung mit dem Zitat verknüpft ist und Nachrichten transportiert werden oder nicht.

Untersucht wurden "Berliner Zeitung", "Bild", "Die Welt", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Leipziger Volkszeitung", "Süddeutsche Zeitung", "taz", "Tagesspiegel", ARD Tagesschau und Tagesthemen, ZDF Heute und Heute Journal, Bericht aus Berlin, Berlin direkt, Fakt, Frontal 21, Kontraste, Monitor, Panorama, Plusminus, Report (BR), Report (SWR), Börse im Ersten, "Die Zeit", "Focus", "Spiegel", "Stern", "Super Illu", "Brand Eins", "Bild am Sonntag", "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", "Welt am Sonntag", "Handelsblatt", "Wirtschaftswoche", "Capital", "Manager Magazin" sowie die 7-Uhr-Nachrichten vom Deutschlandfunk. Bei Printmedien wird der Politik- und Wirtschaftsteil ausgewertet. TV- und Hörfunksendungen werden vollständig erfasst, ebenfalls das "Handelsblatt".

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