ARD-Chefredakteur Kai Gniffke: "Wir sollten den Teufel tun, unserem Publikum zu sagen, was es zu denken hat"

 

JOURNALISMUS! Die Paul-Josef-Raue-Kolumne fragt: Was ist Journalismus in unruhigen Zeiten? Unbedingt Haltung zeigen oder einfach sachlich berichten? Den Bürgern zuhören oder ihnen die Meinung sagen? Kai Gniffke (56) beantwortet diese Fragen: Der Chefredakteur von "ARD aktuell" und somit der "Tagesschau" erzählt in einem Interview, was ein Journalismus leisten muss, der seriös sein will.

Jan Freitag, ein freier Journalist, stellt klare, herausfordernde Fragen, aber an einer Stelle drängt sein Unmut heraus: Nachdem Kai Gniffke beharrlich auf die Objektivität der "Tagesschau" verwiesen hatte, spricht Freitag von dem "fast verbissen objektiven Ansatz"; vermutlich hätte er das "fast" gerne noch gestrichen.

In letzter Zeit ist über die Objektivität von Journalisten debattiert worden wie selten zuvor. Auslöser waren die Pegida-Spaziergänge mit der "Lügenpresse" als Lieblings-Thema und sind US-Präsident Trump, der - so eine Harvard-Untersuchung -von der ARD zu 98 Prozent negativ dargestellt werde und somit die Tagesthemen weltweit an die Spitze der Anti-Trump-Medien stehen.

Für Gniffke ist  die Untersuchung von "äußerst eingeschränktem Wert"  und "weit weg von jedem journalistischem Kriterium". Doch die Frage bleibt:

Verändert Trump unsere Debatten? Offensichtlich Ja. Aber verändert er auch unser Selbstbewusstsein, unsere Prinzipien? Was haben wir von all der Objektivität, denkt sich offenbar der Gniffke-Interviewer und fragt: "Gebietet ein Populist wie Donald Trump, der diverse Spielregeln von Demokratie und Kommunikation missachtet, nicht eine klare Positionierung seriöser Medien?" Gniffkes Antwort ist klar:

"Überhaupt nicht. Wir haben uns nicht zu positionieren, sondern nur nüchtern zu beschreiben, wie sich Trumps Politik unter Berücksichtigung aller Fakten darstellt. Wir sollten den Teufel tun, unserem Publikum zu sagen, was es zu denken hat. Auch nicht zwischen den Zeilen. Das wäre das Ende unserer Glaubwürdigkeit und ehrlich gesagt auch das Gegenteil von dem, was ich unter gutem Journalismus verstehe. Für Positionen gibt es die Kommentare, da sind sie gut aufgehoben."

Das ist die alte, manche meinen: schon ehrwürdige Definition von Journalismus, wie sie der "Guardian"-Chefredakteur Charles Prestwich Scott aufschrieb. Das war 1921, als in Deutschland der Journalismus erst das Laufen lernte:

"Zuerst sammeln wir Nachrichten und müssen, um der Seele des Journalismus wegen, sehen, dass sie nicht verschmutzt sind - weder in dem, was es gibt, noch in dem, was es nicht gibt; so wie wir schreiben, muss das ungetrübte Gesicht der Wahrheit zu sehen sein. Kommentieren ist frei, aber heilig sind die Tatsachen."

Dagegen steht die Forderung, Journalisten sollten Haltung zeigen - also Position beziehen für die gute Sache, welche auch immer das sei. Als die "Süddeutsche Zeitung" ein Alphabet der "Zukunft des Journalismus" veröffentlichte,  schrieb vor acht Jahren Kurt Kister, heute Chefredakteur, das H - "H wie Haltung":

"Der Journalist muss zunächst einmal berichten, vielleicht nicht als Erster, aber doch möglichst am besten. In der Presse wird nicht mehr Geschwindigkeit so wichtig sein, sondern Exklusivität - nicht schneller wissen, sondern wirklich besser wissen. Und der Reporter muss die Nachrichten, das Geschehene einordnen können, erklären. Ideal ist es, wenn er das alles auch noch in origineller Sprache aufschreibt, so dass es unterhaltsam zu lesen ist."

Wer wollte widersprechen? Wer wollte sich dazu bekennen, Einseitigkeit als  Haltung zu schätzen? Der eine und der andere Journalist - auch in der ARD - will seine Haltung schon zeigen, wenn es um die Finsterlinge dieser Welt geht - nicht nur im Kommentar. Wenn Kai Gniffke sagt, als amerikanischer Staatsbürger hätte er Trump nicht gewählt, dann fügt er gleich hinzu:

"Das ist überhaupt kein Maßstab für meine Arbeit und bei aller Unterschiedlichkeit der Sichtweisen völlig irrelevant. Wir berichten ja auch seit Jahrzehnten über Saudi-Arabien, also ein Regime, das ich in Bezug auf Menschenrechte und Demokratie um ein Vielfaches verwerflicher finde. Wer wie wir ausgewogen und sachlich über wirklich Schändliches in aller Welt informiert, muss das ja wohl auch bei Donald Trump schaffen."

Journalisten, die das Böse als böse anprangern, geraten in einen Zwiespalt: Sie haben die Guten schulterklopfend auf ihrer Seite, aber mobilisieren auch die vermeintlich Bösen. Bekam Pegida nicht erst Zulauf, als die Dresdner Spaziergänge in der "Tagesschau" immer weiter nach vorne rutschten? Ist der "Trump-Bump" in einigen US-Medien vielleicht vom Präsidenten provoziert worden? Gehört das verzerrte Gesicht sogar zur Strategie eines Präsidenten, der so die Themen bestimmt, die Agenda für sein Land und die Welt?

"Vielleicht hat man der Berichterstattung am Anfang gelegentlich angemerkt, dass viele Journalisten Pegida kritisch sehen", sagt Gniffke. "Aber daraus haben wir gelernt. Das Herz eines Journalisten darf nie übers Hirn bestimmen, sonst wird das Denken beeinträchtigt. Für Pegida gilt daher ebenso wie für Trump: Wir haben nicht zu fragen oder gar zu beantworten, ob uns populistische Bewegungen oder demokratisch gewählte Präsidenten gefallen oder nicht."

Auch wer im Scott'schen Sinne möglichst neutral die Nachrichten auswählt und berichtet, bekommt im Netz den Hass der Leser zu spüren. Bis zu 20.000 Kommentare am Tag kommen allein bei der Tagesschau rein, darunter auch viele negative. Als beim G20-Gipfel der schwarze Block in Hamburg wütete, warf die Polizeigewerkschaft der ARD vor: "Liebe @tagesschau, es sind ebenfalls Kolleginnen & Kollegen zum Teil schwer verletzt worden! Keine Berichterstattung wert? Unfassbar!"

Die Kommentatoren interessierte nicht, dass der Tweet einfach nicht stimmte. Einer schrieb: "Tja, liebe @tagesschau, schon scheiße, wenn euer Lügengebilde anfängt zu bröckeln...Könnt Ihr morgens eigentl. noch in den Spiegel schauen?" Bis zu zwanzigtausend Kommentare gehen täglich bei ARD-aktuell ein.

Wie sollen Journalisten auf diese Fülle und diese Wucht reagieren? Das Mantra der gutwilligen Journalisten lautet: Den Dialog suchen! Diesen  Rat geben sie gerne den Politikern, aber einigen Journalisten schwant,  auch sie sollten den Dialog suchen. So werden Leser-Beiräte und Leser-Konferenzen gegründet, Foren und Salons und Sprechstunden organisiert, gleichzeitig im Netz aber Kommentar-Spalten geschlossen und Meinungen wegmoderiert.

Wenn wir uns den Dialog als eine Medaille vorstellen, hat sie offenbar eine gute und eine schlechte Seite: Die gute ist das Auge-in-Auge-Gespräch, die schlechte die Shit-Kommentare im Netz. Kai Gniffke gründete vor kurzem eine Aktion "Sag's uns ins Gesicht" und stellte fest: "Wenn man einem Menschen aus Fleisch und Blut Auge in Auge gegenübersitzt, wird der Tonfall fast automatisch ein anderer als bei anonymen Beiträgen im Netz."

Er erlebte so die Grenze der schriftlichen Kommunikation im Netz: Wer nur - oft schnell und vorschnell - schreibt, sieht nicht, wie der andere reagiert, wie sein Körper spricht und sich sein Gesicht verändert. So nerven sich alle: Die Leser und Zuschauer, die sich nicht ernst genommen fühlen,  und die Journalisten, die meinen, mit so viel Unvernunft nur Zeit zu verlieren. Dieses Genervtsein kann Gniffke selbst im Interview nicht unterdrücken, wenn er negativ kommentierende Zuschauer als die ausmacht, die den Journalismus angreifen:

"Unsere Berichterstattung steht auch weiterhin nicht zur Abstimmung. Die Sendung heißt ja 'Tagesschau' und nicht 'Deutschland sucht die Supernews'. Wir machen den Menschen als Dienstleister in Sachen Information ein Angebot, das sie nutzen, kritisieren, gegebenenfalls auch zugunsten eines anderen Anbieters ablehnen können."

So heftig reagierte Gniffke nicht im Mai, als er bei "Sag's uns ins Gesicht" live per Facebook mit Zuschauern diskutierte. "Ich hatte gedacht, dass es ein paar Leute gibt, die richtig losmaulen und auch verbal schärfer werden", sagte er zu dpa. "Das war überhaupt nicht der Fall, es fiel kein beleidigendes Wort. Es war sogar sehr zivilisiert. 'Du Hetzer, du Arschloch', das schreibt sich viel leichter, als es jemandem ins Gesicht zu sagen."

Wer geschützt in einem Sender sitzt, ist ähnlich überrascht wie Hauptstadt-Korrespondenten von Zeitungen, wie Menschen - so Gniffke -  "ticken, die man aus der Distanz für völlig unzugänglich hält". Gniffke jedenfalls hat Lust am digitalen Auge-in-Auge-Gespräch gefunden: "Die Chance, dem Chefredakteur ins Gesicht zu sagen, was man von unserer Arbeit hält, werden wir dem Publikum weiter geben. Egal, ob es um den Ukraine-Konflikt, die AfD, China oder Donald Trump geht."

Ein bisschen feudaler Güte schwingt schon mit: "Dem Publikum eine Chance geben" - das klingt wie früher, als der Herzog ausritt zu seinen Untertanen.

Quelle

Journalist 07/2017: Gehen Sie mit Donald Trump zu hart ins Gericht, Herr Gniffke?

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, wo er die erste deutsch-deutsche Zeitung gegründet hat. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standardwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt in verschiedenen Regionalzeitungen Kolumnen, zurzeit über Luther und die Sprache, berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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