Stiftung-Warentest-Vorstand Hubertus Primus: "Wir haben das Glück gehabt, dass die Politik sich nie bei uns eingemischt hat"

 

Die Stiftung Warentest befindet sich im Wandel. Mithilfe einer Kapitalaufstockung will sie sich komplett von staatlicher Unterstützung abkoppeln. Zugleich erschließt sie mit dem Logo-Lizenz-System eine neue Erlösquelle. kress.de sprach mit Alleinvorstand Hubertus Primus.

Die Stiftung Warentest ist ein einzigartiges Konstrukt - auf der einen Seite staatlich geförderter Verbraucherschutz, auf der anderen Seite Zeitschriften- und Buchverlag, der sich zwar nicht auf dem Anzeigenmarkt, wohl aber im Vertrieb behaupten muss. "Wir wollen dem Verbraucher mit objektiven Informationen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen", fasst Alleinvorstand Hubertus Primus das Selbstverständnis der Stiftung gegenüber kress.de zusammen. "Diesen Auftrag erfüllen wir unter anderem mit den Mitteln eines Verlages."

Und das funktioniert noch immer ganz gut. Laut dem kürzlich erschienenen Jahresbericht 2016 müssen die von der Stiftung Warentest herausgegebenen Zeitschriften "Test" und "Finanztest" zwar Rückgänge am Lesermarkt hinnehmen, doch am Kiosk hat "Test" 2016 sogar leicht zugelegt, "Finanztest" hat sich gehalten. Das seien "herausragende Ergebnisse", so Primus. "Test" verkaufte insgesamt im vergangenen Jahr monatlich rund 411.000 Hefte - 10.000 weniger als im Vorjahr -, "Finanztest" kam auf 206.000 Hefte, was einem Rückgang um 7.000 entspricht. Die beiden gedruckten Zeitschriften erwirtschafteten mit knapp 34 Millionen Euro im vergangenen Jahr noch immer mehr als zwei Drittel des Gesamtumsatzes.

Eine neue Erlösquelle ist erst vor wenigen Jahren hinzugekommen: das Logo-Lizenz-System. 2013 eingeführt, spülte es im vergangenen Jahr Primus zufolge 4,2 Millionen Euro in die Stiftungskasse - das entspricht etwa 8,5 Prozent der Gesamterlöse. Die Zahl der Lizenzverträge hat sich bei rund 630 eingependelt. Vor 2013 konnten die Logos der Stiftung Warentest einfach so genutzt werden - kostenfrei und ohne Vertrag. Das führte immer wieder auch zu Missbrauch des Gütesiegels wie etwa Werbung mit veralteten Testergebnissen oder der Auszeichnung von Produkten, die nie getestet worden waren. "Es gab einen relativen Wildwuchs", erzählt Alleinvorstand Primus. Nun habe die Stiftung nicht nur eine weitere Einnahmequelle gehoben, sondern zugleich verschwinde auch die unzulässige Werbung mit den Qualitätsurteilen. "Es gibt zwar immer noch etwa 300 Abmahnungen im Jahr, aber das sind meist Kleinigkeiten wie eine falsche Schriftgröße."

Die Stiftung Warentest kann die neue Erlösquelle gut gebrauchen - strebt sie doch endlich die Loslösung von staatlichen Zuwendungen an, die sie jährlich erhält. 2016 lag die Zuwendung aus dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz bei fünf Millionen Euro. In diesem Jahr sinkt sie auf 3,9 Millionen Euro - auch deshalb, weil der Staat eine kräftige Kapitalaufstockung der Stiftung um insgesamt 100 Millionen Euro vornimmt. Zehn Millionen Euro sind bereits im Dezember 2016 geflossen, weitere 90 Millionen sollen in diesem Jahr folgen.

"Wenn das Zinsniveau steigen sollte, ist angedacht, dass die Stiftung künftig komplett mit den eigenen Erlösen und dem eigenen Kapital auskommt", so Primus. Dann sei endlich das Ziel erreicht, nicht nur unabhängig von den Anbietern, sondern auch unabhängig vom Staat zu arbeiten. "Wir haben das Glück gehabt, dass die Politik sich nie bei uns eingemischt hat. Trotzdem ist es besser, wenn man völlig autark ist. Man weiß ja nie, wer in Zukunft eine Regierung stellt."

Fragt man Hubertus Primus, welche Kriterien die Stiftung Warentest anlegen würde, müsste sie Zeitschriften auf Qualität testen, schwingen seine Erfahrungen als langjähriger Chefredakteur von "Test" deutlich in der Antwort mit: "Wichtig wäre erst mal transparentes Darstellen der Informationen - also ruhig auch mal Recherchewege offenlegen. Und dann natürlich: Wie stark werden Informationen überprüft?" Man könne die Formel für journalistische Qualität aber auch auf einen Satz bringen: "Diejenigen, die mehr Geld für den Journalismus ausgeben als fürs Marketing - das sind die Erfolgreichsten."

Hintergrund Hubertus Primus

Hubertus Primus, 61, ist der erste Vorstand der Stiftung Warentest, der aus dem Journalismus kommt. Nach seinem Jura-Studium arbeitete er ab Mitte der 1980er Jahre für das "Rechtsmagazin für die Wirtschaft" sowie frei für das "Industriemagazin" und die "Süddeutsche Zeitung", bevor er als Redakteur zur "Stiftung Warentest" wechselte. Ab 1993 war er Chefredakteur von "Finanztest", ab 1999 Chefredakteur von "test" und als Bereichsleiter Publikationen Mitglied der Geschäftsführung. Seit 2012 ist Hubertus Primus Alleinvorstand der Stiftung Warentest.

Hintergrund Stiftung Warentest

Die Stiftung Warentest wurde 1964 vom Deutschen Bundestag gegründet. Sie prüft Produkte und Dienstleistungen nach wissenschaftlichen Methoden in unabhängigen Instituten und veröffentlicht die Ergebnisse in ihren Publikationen. Laut Eigenaussage auf der Website test.de kennen 93 Prozent aller Deutschen die Stiftung Warentest. Mehr als 100.000 Produkte sind bislang getestet worden. Chefredakteurin der Zeitschrift "test" ist Anita Stocker. Heinz Landwehr ist Chefredakteur von "Finanztest". Die "test.de"-Redaktion leitet Andreas Gebauer.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.