Vor einem Jahr starb Unister-Gründer Thomas Wagner: "Das stinkt zum Himmel"

 

Am 14. Juli 2016 kam einer der erfolgreichsten deutschen Internet-Unternehmer bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Der Gründer von Unister (unter anderem fluege.de, ab-in-den-urlaub.de, auto.de, news.de, Travel24.com AG), Thomas Wagner, starb im Alter von 38 Jahren - kurz nachdem er bei einem dubiosen Kreditgeschäft in Venedig betrogen wurden war. Der Fall bleibt bis heute mysteriös. Konstantin Korosides war lange Zeit Konzernsprecher von Unister und Freund von Wagner. Er glaubt nicht an einen Unfall.

kress.de: Vor einem Jahr ist Unister-Chef Thomas Wagner bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen. Steht inzwischen fest, was die Ursache für den Absturz des Privatflugzeugs war? 

Konstantin Korosides: Wissen Sie, es gibt immer noch keinen abschließenden Bericht der slowenischen Flugaufsicht. Drei Möglichkeiten für die Ursache stehen im Raum: Zum einen die Vereisung der Flügel. (Anmerkung der Red.: Eine Vereisung schließt die slowenische Flugaufsicht auf Anfrage der Leipziger Volkszeitung vom 13. Juli mittlerweile aus).  Zweitens: Fremdeinwirkung in der Form, dass ein Gegenstand das Höhenruder traf und drittens ein Materialfehler an der Piper 32.

kress.de: Glauben Sie an einen Unfall? Immerhin ist die Vorgeschichte mit dem Kredit-Geschäft in Venedig ja äußerst dubios.

Konstantin Korosides: Ich tue mich schwer mit der These eines normalen Unfalls. Und ich sage auch ganz deutlich, dass es nicht das erste Mal ist, dass jemand nach einem so genannten RIP-Deal den Rückflug nicht überlebt. Einem deutschen Unternehmer ging es vor vielen Jahren in der Nähe des  Flughafens Innsbruck genauso. Das habe ich aber erst nach dem Absturz von Thomas erfahren.

kress.de: Das ist ein schwerwiegender Vorwurf, den Sie da äußern.

Konstantin Korosides: Für mich stinkt das Ganze zum Himmel. Wir haben es hier ja nicht mit Kleinkriminellen, sondern mit einem Kartell der Organisierten Kriminalität rund um RIP-Deals zu tun. Dreh- und Angelpunkt ist dabei Italien. Die Polizei dort weiß das, macht aber nichts. Vielleicht wird sie geschmiert, was ja in Italien auch nicht unüblich ist.

kress.de: Sie waren nicht nur Konzernsprecher, sondern auch Freund. Wie konnte sich ein so erfolgreicher und als misstrauisch bekannter Geschäftsmann auf einen RIP-Deal einlassen? Er musste 1,5 Millionen Euro in bar nach Venedig mitbringen, um im Gegenzug 12 Millionen Euro in Schweizer Franken als Kredit zu erhalten. Das riecht doch nach einem unseriösen Angebot.

Konstantin Korosides: Da spielte zunächst die menschliche Ebene eine Rolle. Mich hatte - ungefähr im Januar 2016  - ein bekannter Leipziger Politiker kontaktiert. Sowohl Thomas als auch ich waren mit ihm per Du. Er wollte ein Treffen mit einem Leipziger Immobilienhändler vermitteln. Dieser sagte, er wolle Unister helfen.

kress.de: Sie hielten das Angebot also für ehrlich gemeint?

Konstantin Korosides: Da im Laufe der Jahre immer wieder auch kuriose Angebote kamen, war ich etwas misstrauisch. Obwohl ich  zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Unternehmen war, sagte ich zu Thomas: Hör es Dir halt mal an, sei aber vorsichtig.

Der Grund lag auf der Hand: In Leipzig behaupteten diverse Leute, dass dieser Immobilienhändler angeblich mit einem Leipziger Widersacher von Thomas über Kreuz liege. Dies konnte und kann ich  nicht beurteilen. Jedenfalls begünstigte das scheinbar einiges, was danach kam. Nach dem Prinzip, "der Feind meines Feindes ist mein Freund" vertraute Thomas da offensichtlich einigen Leuten, vor allem einem ehemaligen Leipziger Bank-Manager, der wiederum von dem Immobilienhändler vermittelt worden war. Ich glaube, ab da lief alles schief, wie in einer Schicksals-Tragödie aus der es kein Entrinnen mehr gab.

kress.de: Was bedeutet das?

Konstantin Korosides: Es folgte eine lange Kette von seltsamen Vorgängen, bei denen Thomas offensichtlich seine sonst so guten Instinkte verloren hat und einfach nicht die Bremse fand. Möglicherweise hatte er sich zu sehr von seinen Gefühlen leiten lassen und landete schließlich geradezu blind in einer Falle in Venedig. Eine Falle die vorsätzlich gestellt wurde - von wem auch immer. Bislang ist aber nur ein Täter verurteilt. Die beiden Tragödien - Darlehensfalle in Venedig und Flugzeugabsturz über Slowenien  - wirken dennoch wie zwei Seiten einer unheilvollen Medaille.

Zudem: Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum Thomas auf den Venedig-Deal setzte. Immerhin war über den Immobilienhändler und Politiker auch eine zweite Schiene ins Rollen gebracht worden. Dabei ging es, worüber im August 2016 bereits die Leipziger Volkszeitung teils berichtete, um einen 25-Millionen-Euro Kredit aus China. Am Tag nach Thomas Rückkehr aus Venedig war für Freitag 19 Uhr ein nächstes Gespräch dazu angesetzt. Thomas hatte irgendwann mal im Mai 2016 von diesem China-Fonds erzählt, ohne Details zu nennen, meinte aber, er fände das schwierig.

kress.de: Hat Wagner den Venedig-Deal denn ohne vorherige Beratung durchgezogen?

Konstantin Korosides: Das kann man so nicht sagen. Nach meiner Kenntnis stand der Venedig-Termin normal in Thomas' öffentlichem Kalender. Einige Unister-Führungskräfte waren auch in die Planung rund um den Trip involviert. Zudem hatten Anwälte von Unisters Haus-Kanzlei CMS Hasche Sigle, die im Verfahren am Landgericht Leipzig gegen die Darlehens-Vermittler als Zeugen aussagten, den Darlehensvertrag vorher geprüft. Sie kamen zwar zu dem Ergebnis, dass es sich um ein merkwürdiges Geschäft handele, dass sie aber keine Einwände hätten. Die Barzahlung, die Thomas leisten musste, wurde in dem Vertrag als "Kredit-Ausfallversicherung" benannt.

kress.de: Und dadurch erschien das Geschäft nicht völlig unseriös?

Konstantin Korosides: Richtig, wenngleich mir immer noch die Haare zu Berge stehen, als ich nach dem Absturz Stück für Stück das ganze Ausmaß des Desasters mitbekam.

kress.de: Der "Kredit" in Venedig bestand dann zum großen Teil aus Falschgeld. Er wurde also betrogen. Das hätte doch Folgen für das Unternehmen gehabt, das ohnehin in Schwierigkeiten steckte.

Konstantin Korosides: Die 1,5 Millionen Euro Verlust hätte Unister verkraften können. Man darf ja nicht vergessen, dass wir es mit einem Konzern zu tun haben, der alleine gut eine Milliarde Euro ins Marketing nur für Google Adwords investierte. Hinzu kommen geschätzt an die 100 Millionen Euro netto für Fernsehwerbung im Laufe der Jahre.

kress.de: Aber zu dem Zeitpunkt des Venedig-Deals war das Unternehmen ja nicht mehr ganz so flüssig.

Konstantin Korosides: Natürlich hätte es nach Bekanntwerden des Venedig-Desasters intern große Aufregung gegeben, Thomas wäre zudem negativ durch die Presse gezogen worden. Auch wenn es anders dargestellt wurde: Dieses Darlehen war nach Überzeugung einiger nicht Thomas' letzter Strohhalm, wie behauptet wird. Es gab Arbeitsgruppen bei Unister, die sehr seriös und über Monate einen Börsengang konzipiert hatten - sowohl für den Reisebereich als auch andere Portale. Die Hoffnung bestand, das in wenigen Monaten realisieren zu können, obwohl auch das nicht einfach gewesen wäre.

kress.de: Thomas Wagner lagen vor dem Desaster in Venedig mehrere Übernahmeangebote vor. Dabei ging es um dreistellige Millionen-Summen bis zu 900 Millionen Euro, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Warum hat er die nicht angenommen?

Konstantin Korosides: Sie müssen wissen, Thomas war ein Internet-Krieger. Solche Leute ticken anders. Er wollte nicht die zweite Geige spielen. Nach 20 Jahren Internet in Deutschland gab es nur zwei, von alten Konzernen unabhängige, einst als Start-Ups gegründete Unternehmen, die in der Nähe von einer Milliarde bewertet wurden: Rocket Internet in Berlin und Unister in Leipzig. Thomas wollte die Nummer eins sein. Dafür müssen Sie aber schon die Milliarden-Grenze knacken. Das hat in Deutschland bislang nur Oliver Samwer geschafft. Thomas hatte den Ehrgeiz für die Milliarde.

kress.de: Zwischendurch musste er nach einer Steuerrazzia im Jahr 2012 auch noch eine Woche in Dresden in U-Haft sitzen...

Konstantin Korosides: Ja, das hat ihn schwer getroffen. Er kam mit Tränen in den Augen aus dem Gefängnis und hatte wirklich Angst, sein Unternehmen zu verlieren. Unister war nach einem solch massiven Angriff, wie er in Sachsen durchgezogen wurde, imagemäßig kolossal angeschlagen. Die Dresdner Staatsanwaltschaft rund um die Integrierte Ermittlungseinheit Sachsen hat völlig überzogen.

Heute muss man sagen, Thomas hätte ein solches Unternehmen nicht in Sachsen hochziehen dürfen, oder er hätte von Anfang an intensiver mit der dortigen Politik zusammenarbeiten müssen.

kress.de: Warum war Sachsen schwierig?

Konstantin Korosides: Schwierig war, dass es nach meinem Eindruck in Sachsen teilweise immer noch verkappte Aggressionen gegen den Kapitalismus gibt. Man kann, glaub ich schon sagen, dass es in anderen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, aber selbst in Sachsen-Anhalt, kein so queres Verhältnis zur Privatwirtschaft gibt, wie es Thomas in Sachsen teils erlebte. Aber vielleicht war Unister auch einfach zu jung, zu stürmisch.

kress.de: Unister hatte auch Förderer in Sachsen.

Konstantin Korosides: Das stimmt. Und ich will nicht pauschalisieren: Sachsen hatte Unister über die Landes-Wirtschaftsförderung und die städtische Wirtschaftsförderung Leipzig durchaus immer wieder unterstützt. Außerdem haben wir auch einige wirklich gute Politiker kennengelernt.

kress.de: Was wäre mit Unister passiert, würde Wagner heute noch leben?

Konstantin Korosides: Unister würde es heute noch geben - vielleicht nicht meh hundertprozentig in den Händen der fünf Gründer, aber Thomas hätte sicherlich noch erhebliche Anteile daran. Er hätte seinen Börsenplan durchgezogen und das bei Umsätzen von 400 bis 500 Millionen Euro auch geschafft. Dies haben mir Manager nach seinem Tod bestätigt. Der Travel-Bereich war immer schon  sehr profitabel. Man darf ja nicht vergessen, dass die in der Spitze bis zu 2000 Mitarbeiter gut 80 Millionen Euro Personalkosten im Jahr bedeuteten. Unister hatte das alles weitestgehend aus eigener Kraft gestemmt -  ohne Venture Capital.

kress.de: Was bedeutet sein Verlust heute für Sie?

Konstantin Korosides: Thomas' Tod ist bis heute ein Trauma für mich, für uns. Es ging nicht nur das Unternehmen verloren, sondern ein ganz wichtiger, liebenswürdiger und klasse Mensch lebt nicht mehr. Dramatisch ist auch, dass es kein Testament gibt, weil er nicht mit seinem Tod rechnete.

kress.de: Glauben Sie, dass der Fall jemals aufgeklärt wird?

Konstantin Korosides: Offen gesagt, habe ich da wenig Hoffnung. Wir haben es mit einer schlampigen Justiz in Italien zu tun. Und die Ermittler in Sachsen veröffentlichten bis heute nicht das Video, das nach meiner Kenntnis Thomas mit dem RIP-Dealer "Levy Vass" zeigt. Ich frage mich: Warum nicht?

Zur Person: Dr. Konstantin Korosides zeichnete von 2009 bis 2015 für die gesamte interne und externe Kommunikation im Internetkonzern Unister verantwortlich. Dabei koordinierte er auch Arbeiten mit Unister-Testimonials wie Michael Ballack (ab-in-den-urlaub.de), Reiner Calmund (fluege.de), Sonja Zietlow und Dirk Bach (holidaytest.de). Der 45-jährige Politologe schrieb früher unter anderem für "Die Welt", "Süddeutsche Zeitung", "Focus" oder den "Spiegel". Zudem führte er fünf Jahre die Öffentlichkeitsarbeit des "Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter" im Haus der Presse in Berlin. Zudem lernte er Verlagskaufmann in der Axel Springer SE. Heute leitet er die Unternehmenskommunikation von billiger.de und Shopping.de.

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