Politikberater Sebastian Frevel über die Nähe von Journalisten und Politikern: "Gute Redaktionen lösen das Spannungsfeld auf"

13.07.2017
 
 

Dürfen Journalisten und Politiker miteinander befreundet sein? Und wie nah darf das überhaupt sein? Verliert man dadurch seine Unabhängigkeit? Eine Einordnung von Sebastian Frevel.

Darf der Journalist Kai Diekmann mit dem Politiker Helmut Kohl befreundet sein? Ja.

Darf der Journalist aus dieser Freundschaft Kapital schlagen zur Selbstinszenierung, für seine Texte und sein Medium? Das bleibt nicht aus. Aber wer glaubt, man müsse diese freundschaftliche Beziehung einfach nur transparent machen und sei damit aus dem Schneider, der irrt.

Eine gute Redaktion hat das Problem nicht

Die Beziehung zwischen Politikern und Journalisten war und ist eine besondere. Es braucht Nähe, Vertrauen und sehr viel professionelle Distanz zugleich. Natürlich entstehen aus langen Gesprächen, durchzechten Nächten und aufreibenden Delegationsreisen auch Nähe und Freundschaften, ja sogar Liebe.

Für den Beruf des Journalisten sind diese Beziehungen nicht ohne Spannung. Berufsethos und Loyalität zu Freunden können leicht kollidieren. Die kritische Distanz geht schnell verloren, Selbstzensur und Parteinahme sind greifbar nah. Unser Hirn kann nicht anders. Zuweilen ist auch der beste Freund politisch nicht derselben Meinung. Und wenn doch, setzt man sich leicht dem Vorwurf der Hofberichterstattung aus. Andersherum können Fairness und Loyalität abrupt enden, wenn das öffentliche Interesse überwiegt. Erfahrene Politiker wissen, dass nach zu viel Nähe auch mal eine überzogene journalistische Absetzbewegung folgt, um dröhnende Distanz zu markieren. Vermutlich ist für echte, tiefe Freundschaft erst Raum, wenn einer seine Funktion nicht mehr ausfüllt.

Keine Zeile über Papa

Derselbe Berufskonflikt tritt in noch einer anderen Konstellation auf. Juliane Schäuble, die Tochter des Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble, ist Leiterin des Politikressorts beim Tagesspiegel. Doch im Tagesspiegel findet sich "keine Zeile über Papa" und schon gar kein politisches Weihnachts-Spezial. Denn der Tagesspiegel hat den Konflikt erkannt und klug gelöst: "Es gebe genügend Kollegen, die seine Arbeit besser einschätzen könnten", lässt Juliane Schäuble sicherheitshalber den aufmerksamen Lesern im Focus ausrichten.

Beide Seiten, Politik und Journalismus, müssen um Vertrauen von Wählern und Lesern kämpfen. Der Vorwurf, Politiker und Journalisten steckten alle unter einer Decke ist weit bis ins bürgerliche und linksliberale Milieu salonfähig. Umso wichtiger ist kritische Debatte wie im Kohl/Diekmann-Fall von FAZ, Zeit, "Bild" und kress.de. Ex-"Bild"-Chef Kai Diekmann mag seine professionelle Distanz zu Gunsten einer echten Freundschaft verloren haben. Für Politik und Presse gilt das durchgängig nicht. Denn auch Mandatsträger und hohe Beamte kennen die Kehrseite der öffentlich gepflegten Freundschaft genau: Neid und Missgunst sind ein Ansporn, besonders kritisch zu berichten. Wer nicht zum Inner Circle gehört, sieht zu, dass man von sich aus draußen bleibt.

Wer meint, bei einem Freund würde eine gute Geschichte nur darauf warten, geschrieben zu werden, der kann gut und gerne aus journalistischer Pflicht einen Hinweis in jeder Redaktion dieser Welt hinterlassen, sich am nächsten Tag am Kiosk sein Lesevergnügen kaufen und das leise Lächeln des Tippgebers genießen. Richtig ist deshalb, eine persönliche Beziehung im Redaktionsteam offen zu legen und die Berichterstattung anderen zu überlassen. So werden Journalisten ihrer Verantwortung gerecht. Teamarbeit zahlt sich aus.

Autor: Sebastian Frevel

Zur Person: Sebastian Frevel ist Experte für Corporate und Public Affairs und geschäftsführender Gesellschafter der von Beust & Coll. Beratungsgesellschaft. Er twittert unter FREVEL_Berlin

 

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Kopf
H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

16.07.2017
!

P.S.- OPERATIONALISIERUNGSEBENE:
JOURNALISTEN SOLLTEN u n b e d i n g t den "MECHANISMUS der KRITISCHEN SELBSTREFLEXION" ( aus der 'RATIONALEN DISKURSETHIK' ) einschalten!.....
oder zumindest BERUFS-ETHISCH--PROFESSIONELL HaJo FRIEDRICHS Ansicht über "GUTE Journalisten" beherzigen.
MfG
Hans Georg Eiker


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