Blitzstart als Zitatgeber: Wer steckt hinter ueberredet.com?

 

Plötzlich war das Interview-Portal ueberredet.com in aller Munde. Kaum jemand hatte bisher davon gehört. Doch als der Country-Sänger Gunter Gabriel starb, zitierten gleich mehrere große Medien aus einem Gespräch dieses Portals. Aus dem Nichts erregte es große Aufmerksamkeit. Kress.de sprach mit dem 30-jährigen Macher Johannes-Simon Zettel über den Überraschungserfolg. 

Zettel arbeitete einst für "Markus Lanz". Mit seiner Interview-Seite möchte er eine neue Art von Journalismus kreieren. 

kress.de: Müssen Sie Ihre Interviewpartner überreden, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen oder warum heißt Ihr Projekt "ueberredet.com"?

Johannes Zettel: Bislang zum Glück nicht. Der Name soll ein Wortspiel sein, und ich finde ihn aufgrund seiner Doppeldeutigkeit originell.

kress.de: Naja, überreden bedeutet, jemanden gegen dessen Willen zu etwas zu bringen, das er eigentlich nicht möchte. Wo ist da die Doppeldeutigkeit?

Johannes Zettel: Ich möchte auf diesem Portal mit Menschen über spannende Dinge reden, gerade ohne sie dazu überreden zu müssen.

kress.de: Aber wie schaffen Sie es, Prominente von einem Interview mit einem relativ neuen und kleinen Portal zu überzeugen?

Johannes Zettel: Das dafür nötige Handwerk habe ich bei "Markus Lanz" gelernt. Für die Redaktion musste ich zahlreiche Gesprächspartner in die Sendung holen und sie von der vermeintlichen Notwendigkeit eines Interviews überzeugen. Das liegt mir also, und darin habe ich Erfahrungen. Und natürlich verfüge ich auch über ein Netzwerk. Außerdem biete ich einen ganz anderen Ansatz als viele andere Medien.

kress.de: Welcher ist das?

Johannes Zettel: Unsere Seite ist extrem minimalistisch aufgebaut. Nichts soll von den Inhalten ablenken. Es geht nur um den Content. Bei anderen Projekten werden Sie regelrecht zugebombt – nicht zuletzt mit Werbung. Ich setze auf die Oldschool-Variante mit schwarzem Text auf weißem Grund und außergewöhnlich langen Interviews. Ueberredet.com hat seine eigene Ästhetik.

kress.de: Gleich Ihr erstes Interview hat für viel Furore gesorgt. Auszüge aus einem Gespräch mit Gunter Gabriel zitierten nach dessen Tod Stern.de, bento, derwesten.de und InTouch. Wie haben Sie dieses Presse-Echo geschafft?

Johannes Zettel: Stern.de hat das sogar als Aufmacher gebracht. Bei Gruner + Jahr bin ich als Content Manager für die Living Digital GmbH fest angestellt. Daher kenne ich natürlich ein paar Kollegen aus dem Haus, auch vom "Stern". Im Fall Gunter Gabriel waren das Timing und der Inhalt entscheidend. Ohne das zu beabsichtigen, haben wir mit ihm praktisch seinen eigenen Nachruf produziert. Wir wollten ihn sogar noch für ein Konzert im Rahmen seiner Wohnzimmer-Tour engagieren. Dazu kommt es nun leider nicht mehr. Traurig, weil er wirklich ein feiner Kerl war.

kress.de: Aber Gabriel hat ja vor seinem Unfall noch andere Interviews gegeben.

Johannes Zettel: Ja, das stimmt. Unser Gespräch stammt ja aus dem Februar. Es gab zwar noch rund zehn weitere Interviews mit ihm danach, aber bei uns ging es explizit um Abschied. Wir haben mit ihm über den Tod seines Freundes Johnny Cash gesprochen, über sein Scheitern, seine Misserfolge. Und es geht eben auch um seinen Tod – wie er sich den vorstellt. Und dann verabschieden wir uns von ihm, indem die Drohne aufsteigt und zeigt, wie er wieder in seinem Hausboot verschwindet. Im Nachhinein finde ich diese Szene gruselig.

kress.de: War der Tod von Gunter Gabriel ausschlaggebend dafür, jetzt online zu gehen?

Johannes Zettel: Ja, absolut. Eigentlich hatten wir den Spätsommer zur Veröffentlichung angepeilt. Aber dann war klar, dass wir einen wunderbaren Film zu einem traurigen Anlass gedreht hatten und wir haben unseren Launch vorgezogen.

kress.de: Sie kooperieren mit den Gesellschaftern von "Goldene Heimat Film". Oder ist Ihr Portal ein Versuchslabor dieses Unternehmens?

Johannes Zettel: Wir sind privat befreundet und haben uns für dieses Projekt zusammengetan. Insofern betreiben wir dieses Versuchslabor gemeinsam.

kress.de: Welche Idee steckt hinter ueberredet.com? Wollen Sie eine Interview-Agentur für große Medien sein?

Johannes Zettel: Um ehrlich zu sein, habe ich das Projekt aus eigennützigen Gründen gestartet. Ich wollte Gespräche mit Leuten führen, deren Geschichten mich interessieren und denen vielleicht anderswo weniger oder gar kein Platz eingeräumt wird. Ohne große redaktionelle Agenda, ohne jemanden, der mir reinredet. Wenn andere das gut finden, freue ich mich.

kress.de: Wie finanzieren Sie das Projekt?

Johannes Zettel: Aus eigener Tasche. Wenn Sie so wollen, ist das ein Liebhaber-Projekt von Freunden. Vielleicht können wir die Interviews später mal monetarisieren oder vereinzelt sponsern lassen. Im Moment aber bleibt meine Festanstellung bei G+J mein Hauptstandbein.

kress.de: Könnten Sie sich auch vorstellen, ein Interview exklusiv einem Sender oder einer Zeitung anzubieten? Oder soll stets alles auf Ihrer Webseite erscheinen?

Johannes Zettel: Grundsätzlich sind wir für alles offen – solange man uns nicht in ein redaktionelles Korsett zwingen möchte. Ich glaube allerdings, dass der Ton, der Look und die Atmosphäre unserer Produktionen und Gespräche doch recht speziell und nicht für jedes Medium geeignet und sind. Aber über Anfragen freue ich mich natürlich.

kress.de: Nachdem Ihre Seite nun mit einem Paukenschlag den Markt erreicht hat: Wie soll es weitergehen? Wo steht "überredet" in einem Jahr?

Johannes Zettel: Die Antwort ist recht simpel. Ich möchte viele schöne Anekdoten und interessante Interviewpartner auf der Seite sammeln – von Heide Simonis bis hin zu den "Kassierern" ist quasi alles drin. Der Start verlief sehr vielversprechend. Daher bin ich guter Hoffnung, in einem Jahr ueberredet.com auf einer guten Flughöhe zu haben.

kress.de: Sind Sie wirklich ein Einzelkämpfer? Oder andersherum gefragt: Wie viele Journalisten arbeiten für das Projekt?

Johannes Zettel: Es ist tatsächlich eine One-Man-Show – in Zusammenarbeit mit befreundeten Kreativ-Kollegen. Philippe Czerlinski und Norbert Ebner von Goldene Heimat Film zum Beispiel, die bislang ebenfalls viel Zeit und Arbeit investiert haben. Noch machen wir das ganze tatsächlich aus Leidenschaft und nicht aus monetären Gründen.

kress.de-Tipp: www.ueberredet.com

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.