"JOURNALISMUS!"-Kolumne: In der "Fälscher"-Werkstatt der dpa

 

Seitdem im Internet die Wahrheit zum Luxus geworden ist, müssen Redaktionen Informationen noch sorgfältiger prüfen. Für seine Kolumne hat sich Paul-Josef Raue bei der dpa umgeschaut: Jeder Redakteur hat ein Faktenprüfer zu sein - so wie es die Agentur-Prinzipien verlangen. Stefan Voß baut im Newsroom dazu ein Team aus Spezialisten auf, das sich auf Fälschung und Wahrheit in den sozialen Netzwerken konzentriert.

Wenn Amokläufer morden, Terroristen bomben oder ein Kulturerbe in die Luft sprengen, muss Stefan Voß  vorbereitet sein; Zeit für eine sorgsame Recherche gibt es nicht, die Kunden drängen und fragen: Im Netz wird schon der Name des Täters genannt – warum schläft die dpa? Doch das bewährte Prinzip gilt: Sorgfalt geht vor Schnelligkeit.

Einen Massenmörder kennt Stefan Voß schon, sein Name taucht nach jeder Schießerei auf, jedem Amoklauf und jedem Attentat, auch in Deutschland: Samuel Whitcom Hyde ist ein 32-jähriger US-Comedian – offenbar der Liebling aller Fälscher im Internet. Ob nach dem Amoklauf in München oder dem Attentat in Manchester - Sam Hyde wird blitzschnell in den sozialen Netzwerken als Täter genannt.

Hydes Frau war beim ersten Mal völlig durcheinander, als sie seinen Namen in den Nachrichten hörte; sein Rabbiner rief ihn verzweifelt an, er solle doch mit der Gewalt aufhören; so erzählt Sam Hyde in einem Forbes-Artikel. Sam Hyde als Massenmörder ist eine Fälschung. 

Ob Fans oder Gegner ihn zum Massenmörder machten, ist unklar. Das spielt auch keine Rolle mehr: Nach einem Dutzend von Attentaten wurde er genannt und bei den nächsten wird er wieder auftauchen, das ist mehr als wahrscheinlich. Sam Hyde ist kein Problem für Stefan Voß mehr: Das Phänomen ist bekannt ebenso wie eine rothaarige Frau aus Mexiko, die jedes Mal angeführt wird – und auch sie ist schlicht eine Fälschung.

Aus dem Weinbau stammt ein Begriff, der nach Terror-Anschlägen und Amokläufen von Polizei und Medien genutzt wird: Die "Großlage", seit den siebziger Jahre üblich für riesige Weinbau-Gebiete, eben Lagen, die zusammengefasst werden. Die Großlagen des Terrors haben wenig mit dem Weinbau und den Freuden des Weins gemeinsam.

Stefan Voß spricht von "Großlagen", auf die er sich und sein Team vorbereitet: "Wir wissen: Sofort beginnen die Manipulationen. Da twittern Leute, die das Chaos verstärken, Angst verbreiten oder einfach nur Aufmerksamkeit finden wollen. Zyniker oder Spaßvögel schreiben von falschen Vermissten, falschen Tatorten, falschen Täter. Sie wollen für Panik sorgen."

Nach dem Amoklauf in München berichtete die Polizei von über siebzig Tatorten, die gemeldet wurden, und von zwei angeblichen Geiselnahmen – meist befeuert durch Meldungen in den sozialen Netzwerken, vor allem Mitteilungen in WhatsApp: "Das sind oft keine bewusste Falschmeldungen, sondern falsche Wahrnehmungen", weiß Stefan Voß, "entstanden aus Missverständnissen, Erregung, Furcht."

Wie geht die Nachrichtenagentur mit der Fülle von Informationen um? Wie reagiert sie auf nervöse Kunden in den Redaktionen? Ein Beispiel: Nach dem Attentat in Manchester war tausendfach in den sozialen Netzwerken zu lesen: Das Holiday Inn nahe der Arena in Manchester nehme 50 unbegleitete Kinder auf. Die dpa brachte die Meldung: "Ein Hotel in der Nähe soll Dutzende Kinder aufgenommen haben." Ausreichende Vorsicht? Ja, denn Nachricht stimmte nicht: Das Hotel dementierte von sich aus die via Twitter verbreitete Darstellung.

Es gehört zur guten Tradition bei dpa, misstrauisch nach allen Seiten hin zu sein. Wenn die Sachlage noch unklar ist, schickt die Agentur "Achtungs-Hinweise" an die Kunden, die nicht zur Veröffentlichung gedacht sind – zuletzt beim Tod von Helmut Kohl, als zunächst eine Bestätigung der Familie, eines Beauftragten der Familie oder der CDU fehlte. Bei politischen Entscheidungen gilt darüber hinaus noch die alte Regel: Zur Bestätigung einer Nachricht braucht dpa zwei unabhängige Quellen.

Redaktionen suchen nach Bildern und bedrängen die Agentur: Im Netz stehen schon Fotos vom Tatort – warum sendet dpa nichts? Nur - wie findet ein Journalist heraus, ob die Fotos keine Fälschungen sind? Nach dem Anschlag auf den Brüsseler Flughafen und nach dem Amoklauf in München verbreiteten soziale Netzwerke Fotos und Videos von Tatorten, die nach früheren Anschlägen in Moskau und einem Einkaufszentrum in Südafrika gemacht wurden.

Ein weiteres Beispiel: Ein Foto von Ariana Grande mit Blut im Gesicht war nach dem Attentat in Manchester in sozialen Netzwerken zu sehen. War die Sängerin verletzt worden? Nein, das Foto war zwei Jahre alt und entstand bei Filmaufnahmen

Nach der Explosion auf dem Ariana-Grande-Konzert in Manchester brachte das Londoner Boulevardblatt "Daily Mail", die zwölftgrößte Zeitung der Welt, online Porträts von Kindern, die vermisst wurden: Mindestens drei waren Fälschungen. 

Dies "zynische Spiel mit gefälschten Vermisstenfotos" entdeckte Ende Mai der "Faktenfinder" der "Tagesschau". Christoph Tanneberger erzählt auf der Faktenfinder-Seite die Geschichte des jungen amerikanischen Food-Blogger John. "I am alive - ich bin am Leben", zeigte er sich auf seinem Youtube-Kanal "ReportOFTheWeek" mit dem Hinweis: "Mir geht es gut - und ich bin in den Vereinigten Staaten, nicht im Vereinigten Königreich!"

Was dpa und "Tagesschau" leisten, ist in den großen Zeitungen der USA schon Routine. In der "Washington Post" schreibt Glenn Kessler, der Faktenprüfer, täglich eine eigene Kolumne, in der er "Pinocchios" vergibt: Je nach Schwere der Lüge kann es fünf lange Nasen geben, etwa für Donald Trump, der es durchschnittlich auf fünf Falschaussagen am Tag bringt. Dem "FAZ"-Medienredakteur Michael Hanfeld erzählte Glenn Kessler: "Die Hälfte der Storys geht auf Hinweise der Leser zurück, die von der Gegenrecherche, die Kessler täglich mit zwei, drei Kollegen unternimmt, im Augenblick nicht genug bekommen können."

Mit einigen Faktenfindern ist Voß in Kontakt, auf jeden Fall behält er ihre Arbeit im Blick - wie etwa die von US-Journalisten, die sich auf Bekenner-Videos spezialisiert haben: "Dieser Austausch ist notwendig, jeder Hinweis hilft." In einer seiner Twitterlisten (siehe Info im Anhang) sind auch die Experten aufgelistet, die helfen herauszufinden, ob vermummte Männer im YouTube-Video zum IS gehören oder Trittbrettfahrer sind.

Die dpa investiert in Zeiten der Lüge und baut um Stefan Voß ein Team aus verschiedenen Ressorts auf: Software- und Social-Media-Spezialisten, die Fehler in Text, Foto, Video entdecken können. Journalisten bei dpa gehen vor wie in einem Indizien-Prozess: Fälschungen sind relativ leicht zu entdecken, die Wahrheit dagegen nur schwer.

Info 1: Fälschungen

Dies sind die sieben Fälschungen, die Journalisten erkennen müssen und die mit hoher Wahrscheinlichkeit nach jeder Gewalttat auftauchen:

1. Falsche Vermisstenmeldungen nach einem Anschlag auf eine große Menschenmenge

2. Falsche Fährten mit Hinweisen auf weitere Täter, Tatorte, Geiselnahmen usw.

3. Falsche Täter

4. Falsche Tatort-Aufnahmen

5. Falsche Bekennervideos bei Terroranschlägen

6. Verwirrende Zeitstempel (Facebook und Twitter zeigen die Uhrzeit des Lesers, Youtube und Instagram die Pazifik-Zeit)

7. Problem Messenger-Dienste: Bei WhatsApp o.ä. ist es beinahe unmöglich, den Urheber der falschen Information ausfindig zu machen

Info 2: Twitterlisten

@StefanVoss hat eine Reihe von Tweet-Listen zusammengestellt, die jeder nutzen kann (zum Teil verifiziert); eine Auswahl:

Science of Search  - 3 Experten für Suchmaschinen, im Aufbau

Landespolitik – 1315 Landespolitiker bundesweit- Liste nicht im Detail verifiziert

Fotoforensics – 5 Experten, Journalisten, Freaks / Verifying images, FotoForensics, Digital

Bekennervideos - 2Mitglieder, im Aufbau)

WarFacts - 10 Mitglieder

FakeNews – 33 Experten von Medien, und Blogs, deutsch und international

KeyFacts – 20 Experten zu zentralen Länderfakten zur geopolitischen Einordnung

thinktanks-all – 271 271 Mitglieder

PolizeiRegional – 27 twitternde Polizei quer durch die Republik

Wahlen/Umfragen

Verification – Experten für fact checking and assessing the validity of social media

thinktanks-africa - 10 Mitglieder

Medienbeobachtung – 27 Mitglieder wie Bildblog, Niggemeier etc.

Twitternde Journalisten  42 Mitglieder rund um den Berliner Polit-Betrieb

ThinkTanks - 26 Mitglieder

Terrorismus - 112 Mitglieder

Info 3: Interview

Im "Medium Magazin" 4/2017 ist ein Kurzinterview mit dem "Verification Officer" Voß zu lesen: "Die Verification ist mit dem klassischen Journalisten-'Werkzeugkasten' nicht mehr zu leisten. Wir müssen mit neuen Techniken und Tools die Tweets und Posts unter die Lupe nehmen."

Der Autor

Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Erfurt, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, wo er die erste deutsch-deutsche Zeitung gegründet hat. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er schreibt in verschiedenen Regionalzeitungen Kolumnen, zurzeit über Luther und die Sprache, berät Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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