Näher an die Leser: "BZ" horcht sich auf dem Kiez um

 

Im Smart grast Johannes Malinowski die letzten Winkel Berlins ab. Um an interessante Geschichten zu gelangen, verstärkt die Berliner Boulevardzeitung "BZ" mit dem Projekt "Kiezreporter" ihre Lokalberichterstattung. Der 27-jährige Absolvent der Axel-Springer-Akademie soll mit Menschen und Themen in Kontakt geraten, an die das Blatt sonst nicht kommen würde. Funktioniert das? kress.de hat Malinowski befragt.

kress.de: Als Kiezreporter sind Sie täglich in der Hauptstadt unterwegs. Wie reagieren die Menschen? Sind sie auf Anhieb aufgeschlossen oder müssen sie sich ziemlich bemühen, um an Geschichten zu kommen?

Johannes Malinowski: Es läuft ja umgekehrt, die Leute wenden sich an mich, um mir ihre Geschichten zur erzählen. Meine Handy-Nummer haben wir veröffentlicht, und unter dieser bzw. meiner Mailbox bin ich rund um die Uhr erreichbar. Außerdem stehe ich jeden Tag eine Stunde mit unserem "BZ"-Auto an einem vorher im Blatt und online bekannt gegebenen Standort, um den Lesern den direkten Kontakt zu ermöglichen. Ich reagiere also meist auf die Themen, mit denen mich unsere Leser konfrontieren.

kress.de: Spüren Sie dabei etwas von der sogenannten Vertrauenskrise, in der sich die Medien befinden? Gibt es vielleicht sogar Feindseligkeiten?

Johannes Malinowski: Überhaupt nicht! Ich bin ja dort, um den Kontakt zur Zeitung anzubieten; damit die Menschen Themen im Blatt finden, die sie besonders beschäftigen. Wenn die Leute zu uns kommen und mir ihre Geschichten erzählen, impliziert das schon ein gewisses Vertrauen in die "BZ". Nach zwei Wochen habe ich im Umgang mit den Menschen keine einzige negative Erfahrungen gemacht.

kress.de: Überrascht Sie das?

Johannes Malinowski: Nein, mich überrascht das nicht. Die Leser merken, dass wir sie und ihre Sorgen ernst nehmen und uns darum kümmern. Für Feindseligkeiten gibt es da auch gar keinen Grund.

kress.de: Sind Sie allein unterwegs, oder haben Sie einen Fotografen dabei?

Johannes Malinowski: Wir sind zu zweit. Mein Kollege macht Fotos und Videos, die wir dann nicht nur fürs Blatt verwenden, sondern auch online und über die sozialen Netzwerke, etwa Facebook Live, spielen.

kress.de: Wenn Sie die Themen zusammenfassen: Wo drückt der Schuh am meisten?

Johannes Malinowski: Ein Thema, das mich ständig begleitet, ist die Wohnproblematik. Kürzlich hatten wir in Berlin ein großes Unwetter. Die vollgelaufenen Keller beschäftigen die Menschen immer noch. Müll, der auf den Gehwegen liegt und nicht abgeholt werden kann, weil die Straßen zugeparkt sind, ist ebenfalls ein großes Ärgernis. Natürlich erzählen mir die Menschen auch vom Krach in der Nachbarschaft.

kress.de: Wenn es ums Wohnen in Berlin geht, ist in den Medien meist von den stark steigenden Mieten der Hauptstadt die Rede. Hören Sie das an der Basis auch oft?

Johannes Malinowski: Nein, bisher noch gar nicht. Die anderen Themen scheinen die Menschen mehr zu bewegen.

kress.de: Sind Sie schon auf Geschichten gestoßen, die eine Bedeutung über den Kiez hinaus haben?

Johannes Malinowski: Im Prinzip könnte man jede Geschichte auf größere Beine stellen. Das, was ich vor Ort höre, steht ja stellvertretend für viele Themen, die die Berliner bewegen. Und das machen wir dann zum Teil auch. Wir wollen kein bloßer Kummerkasten sein. Wir fragen zu jeder Problematik die entsprechenden Institutionen an, also zum Beispiel die Stadtreinigung oder die Bezirksämter. Die Geschichten entwickeln sich dadurch schon von allein weiter und bekommen übergeordnete Bedeutung. Wir können natürlich nicht jedes Thema, das die Menschen an uns herantragen, im Blatt veröffentlichen – hier ist unser Platz natürlich beschränkt. Aber online auf BZ-Berlin.de und auf Facebook berichten wir natürlich umfassend.

kress.de: Was ist das übergeordnete Ziel der Aktion "Kiezreporter"? Erhoffen Sie sich, die Auflage zu stabilisieren?

Johannes Malinowski: Wir verfolgen mehrere Ziele. Zum einen legen wir den Menschen transparent dar, wie wir arbeiten. Die Leser können per Video und auf unserer Homepage mitverfolgen, wie sich ihre Geschichten weiterentwickeln. Das ist natürlich das beste Mittel, um Glaubwürdigkeit zu schaffen und der Krise, die Sie vorhin angesprochen haben, zu begegnen. Außerdem bieten wir den Lesern ganz konkrete und leichte Zugangsmöglichkeiten zu Reportern unserer Zeitung. Und natürlich spielt es eine Rolle für unsere Auflage. Guter Journalismus soll sich auch gut verkaufen.

kress.de: Eigentlich sollte das Projekt nur drei Wochen gehen. Nun verlängert Ihre Zeitung die Aktion. Warum?

Johannes Malinowski: Die Entscheidung hat die Chefredaktion getroffen. Ich bin sehr froh darüber, weil mir das eine Menge Spaß macht. Offenbar ist man mit dem Format zufrieden und sieht, wie erfolgreich es auch für die Leser-Blatt-Bindung ist.

kress.de: Wird der "Kiezreporter" zur festen Institution? Oder ist spätestens nach der Bundestagswahl Schluss?

Johannes Malinowski: Anders als Formate anderer Zeitungen, die sich bis September verstärkt um Probleme in den Regionen kümmern, hat der "Kiezreporter" nichts mit der Bundestagswahl zu tun. Wie lange die "BZ" das weitermacht und ob es vielleicht zur festen Institution wird, weiß ich im Moment nicht. Schön wäre es natürlich.

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