Publizist Richard Kiessler über die Nähe von Journalisten und Politikern: Auf einem schmalen Grat

24.07.2017
 
 

Dürfen Journalisten und Politiker befreundet sein? "Der Journalist ist kein Neutrum. Und der Politiker schon gar nicht", sagt Richard Kiessler, ehemaliger Chefredakteur der "Neuen Rhein Zeitung / Neue Ruhr Zeitung" in Essen.

Journalisten, kann man behaupten, haben keine Freunde (zu haben), nur Interessen. Das gleiche gilt für Politiker. Freundschaften zwischen diesen beiden im unteren Mittel der sozialen Prestigeskala angesiedelten Berufsgruppen, so die oft eingeforderte Maxime, sind zu vermeiden.

Diese Sicht ist puristisch, ja eine verlogene Mär. Sie entspricht nicht der Realität und aller Erfahrung. Ebenso wirklichkeitsfremd sind eingeforderte Überzeugungen, der Journalist habe "objektiv" zu berichten und sich jedweder Wertung zu enthalten. Der Journalist ist kein Neutrum. Und der Politiker schon gar nicht.

Im Verhältnis von Journalisten und Politikern ergeben sich Annäherungen. Der eine sucht die Nähe, der andere gewährt sie. Oder umgekehrt. Eine Freundschaft ist das noch lange nicht, kann aber aus gegenseitiger Nähe erwachsen. Gefährlich werden solche Freundschaften, wenn sich der Journalist zum Berater des Politikers aufschwingt oder der Politiker die Loyalität des Journalisten einfordert. Wenn ein Journalist den Drang verspürt, Politik machen zu wollen, muss er die Seiten wechseln. Sonst korrumpiert der Freund den Freund. Die offenkundige oder nicht einmal reflektierte Kumpanei beschädigt das hohe Gut der journalistischen Glaubwürdigkeit.

Um die Spannung zwischen Nähe und Distanz auszuhalten, dürfen Journalisten und Politiker, die sich anfreunden, nicht ihre unterschiedlichen Funktionen, Pflichten und Aufgaben aus dem Blick verlieren.  Freundschaftliche Nähe bedeutet nicht, sich blind oder gemein zu machen oder seine Unabhängigkeit preiszugeben. Im Gegenteil: Eine gepflegte, geübte Streitkultur kann das freundschaftliche Fundament festigen und für beide Seiten fruchtbar sein.

Nach meiner Erfahrung bewähren sich Freundschaften zwischen Journalisten und Politikern in besonderem Maße, wenn sie bisweilen unterschiedlicher politischer Meinung sind. Freundschaften haben Bestand, wenn sich Journalisten und Politiker auf verschiedenen fachlichen Feldern bewegen, das heißt, der Freund nicht über den Freund zu schreiben oder zu berichten hat. Zweckfreundschaften dienen hingegen der gegenseitigen Instrumentalisierung, sind zeitlich befristet und enden meistens enttäuschend. Echte Freundschaften haben Bestand, auch über die aktive Zeit des jeweils anderen hinaus. Zudem sind Journalisten mimosenhafte Wesen, die auf Kritik ihrer Arbeit gekränkt reagieren, Politikern fehlt in vielen Fällen die Resilienz, sich gegen Kritik abzuschotten.

Stabile Freundschaften zwischen Journalisten und Politikern sind eher selten und ein schmaler Grat. Beide Berufsgruppen tendieren in der Fülle ihres beruflichen Alltags in aller Regel zu oberflächlichen sozialen Beziehungen. Eine „Selbstadoption“ wie im Fall Kai  Diekmann ist singulär und nicht zur Nachahmung empfohlen. Ein aus purer Gefolgschaftstreue gewonnener Scoop schmückt ein Medium nicht wirklich.

Von Richard Kiessler, vormals früher Chefredakteur der "Neuen Rhein Zeitung / Neue Ruhr Zeitung" und heute Publizist / Consultant Public Affairs aus Essen.

 

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