Redaktionsbesuch: Für dpa-AFX ist Print der Nischenmarkt

 

Handgemacht statt Bot-gesteuert - die Nachrichtenagentur dpa-AFX setzt auf Fachwissen, Geschwindigkeit und Kontextualisierung. Mit Erfolg - die Zahlen in der Nische von Wirtschafts- und Finanznachrichten steigen langsam, aber stetig. Wie geht das? Kress traf Geschäftsführer Martin Kalverkamp und Chefredakteur Bernd Zeberl (Bild) in Frankfurt zum Gespräch.

Sowohl Kalverkamp als auch Zeberl sind seit beinahe 17 Jahren bei dpa-AFX. Kalverkamp zunächst als Vertriebsleiter, seit 2008 als Geschäftsführer. Zeberl ist nach dem Volontariat geblieben, nach einer Lehre zum Bankkaufmann und einem VWL-Studium. Beide kennen das Unternehmen quasi von Anbeginn. Die dpa-AFX wurde 1999 gegründet, als Tochtergesellschaft der dpa Deutsche Presse Agentur, die heute 76 Prozent hält, und der österreichischen Austria Presse Agentur APA, die mit 24 Prozent beteiligt ist. "Ich habe den Aufbau von einer anfangs auf Web-Kunden fokussierten Nachrichtenagentur zur vollwertigen Realtime-Finanz-Nachrichtenagentur miterlebt und mitgestaltet", berichtet Kalverkamp. "Das waren sehr spannende Entwicklungsschritte. Heute steht dpa-AFX auf den beiden Säulen Neartime News für Finanz-Websites und Realtime News für Institutionelle Kunden im Bankenbereich."

Flache Hierarchien

"Wir sind natürlich auch dank der Zusammenarbeit mit der dpa-Wirtschaftsredaktion und dank unserer Netzwerke so schlank aufgestellt. Außerdem arbeiten wir mit sehr flachen Hierarchien und schnellen Entscheidungswegen", erläutert Zeberl, dessen Frankfurter Redaktion 30 Redakteurinnen und Redakteure umfasst. Allesamt festangestellt. Ganz einfach, weil es planbarer sei, erklärt Kalverkamp. "Wobei", fügt Zeberl hinzu, "wir Freie nicht grundsätzlich ausschließen. Nur brauchen wir eben wegen unseres speziellen Finanz- und Wirtschaftsbereichs sehr qualifizierte Mitarbeiter, und in einem Festangestellten-Verhältnis ist es leichter, sich in ein Thema wirklich einzuarbeiten."

Natürlich werden auch Volontäre ausgebildet - immer mit dem Ziel, sie danach fest einzustellen und bisher hat das immer geklappt.

"Das Jahr 2017 ist noch nicht abgeschlossen, aber der Trend ist auch in diesem Jahr weiter leicht wachsend", avisiert Kalverkamp. Leicht wachsend bei einem Gesamtumsatz im mittleren einstelligen Millionenbereich, präziser wird er nicht, aber: "Wir sind aufgrund unserer strategischen Ausrichtung vollkommen zuversichtlich für die kommenden Jahre."

Digital rules: Print ist ein Nischenmarkt

Mit zwischen 150 und 180 direkten Kunden hat die B-2-B-Agentur einen stabilen Stamm an Banken und Finanz-Websites. "Unsere Kunden sind von Anfang an rein digital gewesen. Da unser Fokus bei Realtime-Börsennachrichten und Aktienmarkt-Berichterstattung liegt, gibt es einen wichtigen Unterschied in den Zielgruppen im Vergleich zur dpa. Der klassische Medienmarkt ist für uns mit maximal fünf Prozent des Umsatzvolumens ein Nischenmarkt. Hier beliefern wir die Printredaktionen der "Börsen-Zeitung" und der "FAZ" sowie das "Handelsblatt" im Online-Bereich. Regionalzeitungen werden bereits über die Dienste der dpa bestens bedient und sind aufgrund unserer finanzmarktorientierten Ausrichtung auch keine Kernzielgruppe für dpa-AFX", führt Kalverkamp aus.

Der überwiegende dpa-AFX-Markt spielt sich in Bankensystemen ab, über Intranet und Terminalsysteme werden Real-Time-Berichterstattungen eingespeist. Vom Einsatz von Robotern im Agenturbetrieb ist die dpa-AFX nicht überzeugt, weil er einem ihrer wichtigsten Prinzipien widerspricht: Nachrichten müssen in einen Kontext eingeordnet und interpretiert werden.

Faktor Mensch

Texte, die von Bots geschrieben würden, könnten maximal die Basis für eine Geschichte bieten, findet Kalverkamp. "Und wenn man dann doch den Faktor Mensch braucht, weil der das Hirn reinbringt und diese Basis schön und interessant lesbar macht, bleibt die Frage: was ist denn jetzt effizienter?", fragt der Manager.

"Aktuell", stimmt Zeberl zu, "sehen wir den Mehrwert darin nicht. Und kundenseitig ist es ohnehin kein so heißes Thema wie unter Journalisten." Klares Agenturmotto dabei: Schneller mehr wissen auswählt und eben auch einordnen. Als erstes gehen dabei Flashs raus, informative Einzeiler. Im zweiten Schritt folgt eine Einordnung, dann gegebenenfalls Hintergrundinformationen oder externe Expertenstimmen. "Wir können da durchaus gewichten", sagt Zeberl, "aber wir machen selbst keine Analysen. Wir haben hintergründige Formate, in denen wir auch Zusammenhänge erklären, aber wir kommentieren nie. Wir machen keine Meinungsartikel, denn gerade eine Finanzmarkt-Berichterstattung muss extrem seriös sein."

Zahlen-Liebhaber und Excel-Nerds

Dementsprechend sollten die idealen Mitarbeitenden einer Wirtschaftsagentur zumindest eine Affinität zu Fakten, Zahlen und Excel-Tabellen haben - aber noch wichtiger ist etwas anderes. "Die oberste Voraussetzung ist immer das Interesse und Begeisterung für die Sache", sagt Zeberl. "Das andere kann man lernen. Und eine ständige Lernbereitschaft gehört ja ohnehin zum Beruf. Man muss sich auf neue Situationen einstellen, auch auf neue Erklärwelten."

Solche neuen "Erklärwelten", von denen Zeberl spricht, können durchaus auch mal Kindernachrichten sein, oder Videoformate. Gerade kurze Erklärfilme komplexer Zusammenhänge trenden derzeit. Das Audio/Video-Team der dpa-AFX liefert sie. Es ist eines der vier Kernteams der Redaktion, neben dem Marktteam, dem Unternehmensteam und dem Konjunkturteam. Ressortleiter gibt es keine - die Tagessteuerung läuft an einem Nachrichtencheftisch zusammen. Täglich werden zwischen 6 und 24 Uhr im Durchschnitt um die 800 Nachrichten produziert, Spitzenwert war ein Tag mit etwas mehr als 1400 Nachrichten bei den USA-Wahlen im vergangenen November. Statt großer Konferenzen gibt es Runden in kleinen Kreisen, "Stehkonferenzen" nennt Zeberl sie.

Kurze Wege

Kurze Wege und schnelle Reaktionen sind das Geheimnis, das die dpa-AFX zu einem starken Wettbewerber macht. Die Hauptwettbewerber der dpa-AFX sind Dow Jones und, natürlich auch Reuters. Kalverkamp: "Dadurch, dass wir unabhängig von Plattformen sind, ist Reuters vertrieblich betrachtet kein Wettbewerber, aber redaktionell schließt der sportliche Wettkampf sie logischerweise mit ein. Inhaltlich bewegen wir uns auf Augenhöhe und sind redaktionell voller Selbstbewusstsein."

Zusätzlich hat dpa-AFX die Lizenzrechte, die englischsprachige Nachrichtenagentur Bloombergs auszuwerten; eine weitere Partnerschaft mit der US-amerikanischen Nachrichtenagentur RTT News (Real Time Traders News) bildet die Basis für den englischsprachigen Dienst der Agentur.

Der Wert der Nachrichtenagenturen als solcher wird auch weiterhin kontinuierlich steigen, davon ist Zeberl überzeugt. "Wir sind nicht die alleinige Basis, aber ein sehr wichtiger Baustein der Berichterstattung. Außerdem sind wir nicht an das Trägermedium Print gebunden, wir haben ja kein haptisches Produkt und waren von Beginn an faktisch nur im digitalen Onlinemarkt unterwegs. Und das ist die Zukunft."

Basis der Berichterstattung

Man ist entspannt - folglich gibt es auch viele Zukunftspläne. Eins ist jedoch klar: "Bei jedem neuen Format muss es auch immer um Monetarisierung gehen - es dürfen also keine Formate sein, die bestehende Formate substituieren, sondern es müssen immer Formate sein, über die man neue Kunden gewinnen kann", sagt Kalverkamp.

Eine eigene Website, wie es Dow Jones einst in Deutschland mal versucht hatte, will dpa-AFX nicht aufziehen: "Das widerspräche unserem Ansatz, dass unsere Kunden mit unseren Nachrichten Geld verdienen sollen. Wir sind und bleiben ein reiner B-2-B-Dienstleister."

Mitarbeit: Tania Witte

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