(K)ein Nachwuchsproblem für die Medien: Die Generationen "Y" und "Z" sind Chance und Herausforderung zugleich

 

Immer weniger junge Menschen wagen den Weg in die Kreativbranche. Wer sich dennoch traut, ist zumeist gut bis sehr gut qualifiziert. Und mit den Qualifikationen steigen die Ansprüche - zum Beispiel was die Wochenarbeitszeit betrifft.

Die "jungen Leute" wollen bloß "irgendwas mit Medien" machen - aber was, das wüssten sie nicht. So der vielleicht etwas altkluge, jedenfalls aber leicht spöttische Blick auf den potentiellen Nachwuchs seitens etablierter Medienmacher. Doch der hat sich plötzlich überholt. Denn in Schüler- und Abiturientenkreisen hat sich herumgesprochen, dass ein Überangebot an Arbeitssuchenden auf dem medialen Arbeitsmarkt herrscht.

"Entweder gibt es zu viele Lehrer - oder zu viele Journalisten": Diese Faustregel stimmte in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte immer wieder. Der - je nach Schulart - seit drei, vier Jahren vorherrschende Lehrermangel befindet sich aktuell in Ablösung durch den Journalisten- bzw. Kreativen-Mangel.

Die Begeisterung für "neue" und "soziale" Medien bei jungen und wohlgemerkt auch älteren Generationen hat - gepaart mit der Faszination, die die etablierten Medien seither auf alle Bevölkerungsschichten ausüben - Medienberufen in den zurückliegenden zehn Jahren in vielen Umfragen wieder sichere Beliebtheits-Spitzenplätze eingebracht. Die Zunahme spezifischer Studienangebote sowohl staatlicher als auch privater Hochschulen und Universitäten hat ein Übriges dazu getan. Online-Portale für Studienberatung im Medienbereich wie etwa der Medienstudienführer zeigen mehr als 800 entsprechende Studiengänge in Deutschland und Österreich, in der Schweiz und in Liechtenstein auf.

Noch nie war es dabei so einfach, sich von vornherein zu spezialisieren: Vorbei sind die Zeiten, in denen fast immer ein geisteswissenschaftliches Studium, gepaart mit "Learning-by-doing", zum Medienjob führte. Die Vielzahl neuer Studienangebote bietet dabei Vorteile für beide Seiten: Nachwuchstalente können nun von vornherein ihren individuellen Spezialisierungsinteressen nachgehen. Und die Arbeitgeber dürfen von Absolventen spezifisches Know-How erwarten.

Die gut erforschten und oft in Karriere- und Gesellschaftsressorts thematisierten Angehörigen der "Gen Y" und "Gen Z", d.h. die vielbeschworenen "Digital Natives", wissen häufig um diese Vorteile. Zumeist lassen sie sich in zwei Gruppen differenzieren: In die, die tatsächlich Karriere machen wollen und in die, die einen 08/15-Job als Dauerlösung im Auge haben - beispielsweise als Social-Media-Betreuer bei einer Landbäckerei. Letztere haben erfahrungsgemäß sehr gute Berufschancen, da weder Vereine noch kleine und mittelständische Unternehmen auf Webpräsenz und Social-Media-Repräsentanz verzichten wollen.  

Mitglieder der erstgenannten "Karrieristen"-Gruppe nutzen jede Gelegenheit, um Zusatzqualifikationen zu erwerben. Die Österreicherin Claudia Schanza kann dies schon seit längerem beobachten: Seit acht Jahren leitet sie an der Universität Liechtenstein den vierwöchigen Lehrgang Sommerakademie für Journalismus und PR. Teilnehmen darf nur, wer das Assessment-Center besteht, um eines der zwölf begehrten Stipendien zu ergattern.

"Voriges und dieses Jahr gab es minimal weniger Bewerbungen als davor", resümiert Schanza. "Aber dafür ist das Niveau noch stärker gestiegen." Es habe sich mittlerweile herumgesprochen, "dass es sich um keinen sonnigen Ausflug ins Rheintal, sondern um echte, harte Redaktionsarbeit handelt, dass wenig Zeit für Cocktails und Grillabende bleibt und dass im Gegenzug viel Input auf die Teilnehmer wartet." Wer sich um ein Sommerakademie-Stipendium bewerbe, habe eine gute Chance, sich persönlich vorstellen zu können: "Fast alle Bewerbungen führen zu einer Einladung zum Aufnahmetest",  erklärt die Leiterin. Es sei "verblüffend, wie viele Erfahrungen manche bereits in ihrem jungen Leben untergebracht haben: Auslandssemester, Praktika bei Fernsehsendern und in Printredaktionen, Spitzensport, Pfadfinderlagerleitung und sogar Chinesisch-Kenntnisse."

Aber auch um die Ansprüche, die die Nachwuchs-Generationen an ihre Jobs stellen, weiß die Ausbilderin. Denn eine Tendenz sei deutlich: "Immer mehr träumen nicht von der Arbeit für ein bestimmtes Medium wie etwa dem 'Spiegel' oder einen TV-Sender. Das neue Ziel heißt 'Festanstellung'." Da die Gehälter aktuell zuweilen bescheidener ausfallen als früher, wünschten Bewerber dafür andere Benefits: "Selbst wenn ich Absolventen auf Bitten von Chefredakteuren konkrete Stellen vermitteln möchte, dann lehnen sie schockiert ab, weil sie am Wochenende oder abends arbeiten müssten und ihre Work-Life-Balance gefährdet sehen." Diese Erwartungen des Nachwuchses hört Schanza auch aus anderen Branchen: "Am liebsten wäre sehr vielen eine Wochenarbeitszeit von 30 Stunden Wochenarbeitszeit, und das von Montag bis Freitag."

Die jungen Generationen stellen diese Ansprüche jedoch keinesfalls aus kompletter Unwissenheit heraus - im Gegenteil: Selten zuvor hatten selbst Schüler und angehende Abiturienten so viele Gelegenheiten, sich über Jobprofile en detail noch vor Schulabschluss zu informieren, nicht nur via Internet. Zahlreiche Messen informieren über Berufsbilder und Karrierechancen. Allein im Medienbereich finden regelmäßig in ganz Deutschland Info-Veranstaltungen privater und öffentlicher Träger statt, wie beispielsweise die Mediale Hamburg, die bundesweite Veranstaltungsreihe Traumberuf Medien und das jährliche Medienfest NRW in Köln, das unlängst stattgefunden hat.

Am Rande des "Medienfestes" erwähnte Prof. Dr. Holger Sievert, Leiter der Macromedia Media School, dass sich renommierte Agenturen mit ernsthaften Nachwuchsproblemen an ihn wenden. Es habe sich herumgesprochen, dass die Arbeitszeiten in der Kreativbranche nicht unbedingt immer mit der für die X- und Y-Generationen elementaren Work-Life-Balance vereinbar seien. Somit bestätigt Sievert Schanzas Eindrücke und Erfahrungen.

Manche potentielle Arbeitgeber, die auf der Suche nach neuen Talenten sind, erkennen das Generationen-Dilemma und reagieren mit attraktiven "Add-Ons" - zum Beispiel mit flexiblen Arbeitszeiten, kostenlosen Getränken und Obst, Team-Events, Kreativitäts-Ecken mit Lounge-Sofas und anderen Workspaces, wie sie auch bei Google und Co. zu finden sind. Dies berichtete Agentur-Geschäftsführer Ercin Filizi (https://www.vucx.de/). Dass derlei Annehmlichkeiten tatsächlich die Produktivität des Einzelnen sowie gesamter Units steigern können, wurde in den vergangenen Jahren zur Genüge bestätigt. Dass die jungen Generationen derartige Arbeitsbedingungen einfordern, muss also nicht zwingend nachteilig sein. Was aus Sicht älterer Semester unter den Personalern und Arbeitgebern zuweilen als realitätsfern, bequem und naiv erscheint, kann sich, wenn das Personal gut ausgebildet ist, auf den zweiten Blick sogar rechnen.

Es gibt also, so die Quintessenz, passende Arbeitsplätze für viele Interessenten - Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen sich nur passgenau finden. Engagierte Talente, so Claudia Schanza, "haben immer noch beste Chancen, Karriere zu machen". Und wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann kann das auch so bleiben.

Hintergrund: Unsere Autorin, Prof. Dr. Verena Renneberg, M.A., ist Diplom-Fernsehjournalistin. Sie leitet den Studiengang "Kommunikation und Medienmanagement" an der IST-Hochschule für Management. In der Sommerakademie für Journalismus und PR unterrichtet sie zum Thema "Online-Medien".

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