Lassen Schriftsteller in ihren Romanen oder Drehbüchern Journalisten auftreten, nutzen sie oft ein Klischee: Sensationslüstern lauern Redakteure Prominenten auf, meist im Pulk, und bedienen die niederen Instinkte des Publikums. Vor allem TV-Regisseure mögen solche Szenen, gefallen sich als medienkritische Entlarver und bedienen doch nur das Zerrbild der Lügenpresse. Es geht auch anders: "Spiegel"-Redakteur Dieter Bednarz lässt in seinem "frei erfundenen Tatsachenroman" Daniel auftreten, Redakteur beim TV-Sender "Hamburg First".

Daniel ist unzufrieden mit sich, seiner Aufgabe, seiner Frau und seinem Leben überhaupt. Er begegnet dem buddhistischen Mönch Siri, der aus dem heißen Sri Lanka ins kühle Hamburg geflogen ist. Ein  "Spruchkasper" denkt Daniel zuerst, als ihm der Weise aus dem Osten mit sorgenzerfurchtem Blick sagt: "Der Traurige lebt in der Vergangenheit, der Ängstliche in der Zukunft, der Glückliche in der Gegenwart." Daniel beginnt übers Leben und seinen Job nachzudenken: "Hätte er sich nicht längst von 'Hamburg First' verabschiedet, wenn er ein wenig mutiger wäre?"

"Spiegel"-Redakteur Dieter Bednarz lädt in seinem dritten Roman den Leser ein, sich mit seinem "Kollegen" Daniel und dessen Sinn-Krise zu beschäftigen. Und das Lesen lohnt sich, im Sinne einer leichten Sommerlektüre, auch und gerade für Journalisten, denn Bednarz führt uns mit Daniel auf nachdenklich-selbstironische Weise in die Untiefen unseres beruflichen Daseins, nimmt uns mit auf die Gratwanderung zwischen Engagement und Karrierismus,  zwischen Information und Manipulation.

Untiefe 1: Wie viel Ego verträgt guter Journalismus? "Filmbeiträge machen und moderieren" - das will Daniel, der Hamburgs beste Journalistenschule mit Auszeichnung bestanden und dazu noch Meteorologie studiert hat. Und was macht er? Er sagt das Wetter an und sucht sich in Hamburg "Actionszenen", wie wir es aus dem Frühstück-TV kennen - um zum Moderator des "Alster-Journals" aufzusteigen. Aber der große, der scheinbar gute Journalismus bleibt ihm versagt. Oder bleibt ihm nur die narzisstische Bestätigung versagt?

"Wäre er nicht der bessere Moderator - wenn man ihn nur ließe?", fragt sich Daniel in einem schwermütigen Selbstgespräch. "Er war nicht aufmüpfig, eher fleißig und angepasst. Aber ein Schleimer war er auch nicht. Müsste er aufmüpfiger ein? Oder mehr schleimen? Wer war er? Was sollte er?"  Wer weiß, dass Bednarz den in der Branche grassierenden Ich-ismus nicht schätzt, der kann sich vorstellen, wie er beim Schreiben dieser Passagen gelächelt haben dürfte, spöttisch vielleicht.

Daniel bleibt der Wetterkasper, die Karriere macht ein anderer.

Untiefe 2: Wie arrogant sind Journalisten? Solch eine Frage stellen sich Leser und Zuschauer nur selten, aber Journalisten unentwegt - und die Hochnäsigsten oft am lautesten. Gommez, der Moderator des "Alster-Journals", ist für Daniel "der Inbegriff der Arroganz - und leider auch des Erfolgs, wenn auch eines fragwürdigen". Gommez, mit Fensterglas in seiner Brille, ist ein "Lackaffe, der Quoten-Heiland", aber er hat den Job, den Daniel gerne hätte.

Da ist er, der Neid, der Nachbar der Arroganz: "Warum nur wurde dieser Blender im Sender so gefeiert?", fragt sich Daniel. Gommez ordnet vor der Kamera seine Moderationsvorlage, als wäre er der junge Claus Kleber: Der Werbeblock wird zur Dauer-Beweihräucherung für Gommez - die Grenzen zwischen Werbung und Journalismus niederreißend. Daniel schüttelt es, nicht nur vor Neid, sondern auch weil Quote für ihn nicht alles ist und mit gutem Journalismus schon gar nichts zu tun hat.

Untiefe 3: Wie verändern sich die Medien? Oder: was macht ein Chefredakteur, der sich weniger als Journalist sieht denn als Change-Manager? Kruse heißt der Chefredakteur, der englische Begriffe mag: "Statt 'Hamburg First' neuen 'Input' oder 'Content' zu geben, zwei Begriffe, mit denen Kruse unablässig um sich warf, fiel ihm nicht viel mehr ein, als zu streichen... Er hatte das Callcenter für Zuschaueranfragen abgeschafft, so dass Anrufe mit Anregungen und Beschwerden auf einer Mailbox landeten - die dann niemand abhörte."

Auch Daniel verschwindet vom Bildschirm, weil er, anders als Gommez, nicht unentwegt dem Chefredakteur huldigt.  Stattdessen soll er Zuschauer finden, die an seiner Stelle das Wetter ansagen: "Sender-Empfänger-Bindung", schwadroniert der Chefredakteur, "schon mal gehört?" Das sei "unique", sagt der Chef, und Daniel sagt: "Geht klar, Herr Kruse." Ohne  den Besuch des Mönchs wäre unser verhinderter Johannes-B.-Kerner-Nachfolger wohl tatsächlich von der Köhlbrandbrücke in die Elbe gesprungen.

Doch ausgerechnet in dem Ehrwürdigen Siri an seiner Seite entdeckt Daniel ein Aufsager-Talent, und es kommt zu unterhaltsamen "Action-Szenen" - etwa im Tierpark Hagenbeck, wo Siri einen wildgewordenen Elefanten besänftigt und das Wetter ansagt, verknüpft mit buddhistischer Weisheit: "Wildheit führt auf keine gute Bahn. Dient dem Guten, so kommt Ihr auch auf eine gute Bahn."  

Der Rat gilt wohl auch dem selbstgefälligen Chefredakteur. Und wer Bednarz kennt, der ahnt, dass der "Spiegel"-Redakteur mit Kruse jenen Aktionismus kritisiert, mit dem heute in der Branche umgekrempelt wird, von links auf rechts und wieder zurück - aus Mangel an überzeugenden Strategien und Konzepten.

Untiefe 4: Wie findet der Redakteur seine Zuschauer und Leser? Unentwegt suchen erst Chefredakteure, dann die Mitarbeiter den Kontakt zu Lesern und Zuschauern; unentwegt sprechen sie  vom "Dialog", dem Sesam-öffne-Dich der digitalen Welt.

"Guten Abend, liebe Zuschauer, herzlich willkommen zu Ihrem Alster-Journal", beginnt Daniel seine Moderation. "Wie geht es Ihnen? Haben Sie es sich daheim gemütlich gemacht?" Daniel spricht mit seinen Zuschauern, sucht den  Dialog. "Er moderiert nicht kalt lächelnd gestanzte Sätze weg. Für ihn sitze vor dem Fernseher keine Einschaltquoten, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Für ihn sind Zuschauer so etwas wie Freunde, für die selbst eine kleine informative Sendung wie das Alster-Journal ein Lagerfeuer sein soll, an dem sie sich wärmen können."

Daniel am Moderatorentisch: Geht sein Traum in Erfüllung? Nein, nachts ist er ins verlassene Studio geschlichen, schlüpft in seine Traum-Rolle, beginnt zu weinen, begräbt alle Hoffnungen, jemals der gute Journalist sein zu können - und schreibt seine Kündigung. Der Dialog mit dem Leser: Ein Traum, nur ein Traum.

Untiefe 5: Leben Journalisten nur für ihren Beruf? Ist "Work and Life" aus der Balance? Karriere ist ein Unwort unter Journalisten, aber viele verlieren sich in ihrem Beruf. "War die Karriere so wichtig?", fragt sich Daniel und gibt sich selber die Antwort: "Scheiß Karriere. Wenn das Schicksal ihn fragen würde: Lieber Chefredakteur oder Vater von, sagen wir mal drei Kindern, was würde er wählen?"

Die Antwort gibt seine Frau: "Daniel und Journalismus, das passte irgendwie. Es passte viel besser als: Daniel und Vaterspielen. Darauf,  tröstete sie sich über ihre Kinderlosigkeit hinweg, wäre es bei ihm doch hinausgelaufen: auf das Spielen von Vaterschaft."

Dieter Bednarz' "Schwer erleuchtet" kommt daher wie ein dahinplätschernder Sommerroman. "Vergnüglich" nennt ihn eine Kritikerin. So kann man den Roman lesen, kann Mönch Siri mit seinen Weisheiten nebst Einführung in den Buddhismus als  unterhaltsam und klug verstehen: Das niedliche Buchcover in buddhistisch-frohem Orange stützt den Verdacht, "Schwer erleuchtet" sei nur ein Roman für unbeschwerte Stunden.

Doch tatsächlich bieten die 400 Seiten weitaus mehr: Sie geben immer wieder Anlass, über das rechte, das wahre  Leben nachzudenken; Journalisten bieten einige Kapitel Gelegenheit, über ihren Beruf zu reflektieren. Dieter Bednarz rutscht dabei nicht ins Belehrende ab, auch nicht in ätzende Satire. Er beherrscht sein journalistisches Handwerk: Weil er den Leser ernst nimmt, überlässt er ihm, ob er mit dem Roman seinen Spaß hat rund um einen erleuchteten Besucher  oder ob er Buddhas Mahnungen ernst nimmt - ohne gleich Buddhist zu werden.

Dieter Bednarz hat das Thema Buddhismus für seinen Roman nicht gewählt, weil Spiritualität nun mal ein großes Thema ist; er lässt seinen Mönch Siri nicht wie einen Deus ex Machina aufsteigen. Wie Daniel und dessen Maya haben auch er und seine Frau Esther vor fünfzehn Jahren in einem buddhistischen Tempel auf Sri Lanka geheiratet, hat Bednarz mit dem wahren Mönch Siri lange am Strand über Gott, die Welt und den Sinn des Leben meditiert; tatsächlich hat Bednarz damals den Mönch eingeladen ins Grindel-Viertel, in dem er in Hamburg lebt und in dem der Roman spielt. Dann ist der Ehrwürdige Siri im Jahr nach der Tempel-Hochzeit wirklich zu Besuch gekommen - "und hat halb Hamburg erleuchtet", wie Bednarz lächelnd behauptet.

"Schwer erleuchtet" ist ein schweres Stück Literatur, leicht erzählt. Es ist nebenbei ein Roman über den Journalismus, über einen Wetter-Moderator, der ein großer Journalist werden möchte und als Möchtegern-Buddha unter einer bayrischen Tanne hören muss: "Niemand rettet uns, außer wir selbst. Niemand kann und niemand darf das. Wir müssen selbst den Weg gehen." So sprach Buddha zu seinen Anhängern. So spricht der Ehrwürdige Siri zu Daniel. Und so ist es wohl auch.

Info

"Schwer erleuchtet" von Dieter Bednarz ist jetzt als Knaur-Taschenbuch erschienen (400 Seiten, 9,99 Euro). Seine beiden ersten Romane "Überleben an der Wickelfront" (2009)  und die Scheidungs-Story "Man darf sich doch mal irren! Unser Leben nach der Wickelfront" (2013) wurden von Regina Ziegler für das ZDF verfilmt und waren Tages-Quotensieger. "Schwer erleuchtet" will der Drehbuchautor und Produzent Rolf-Rene Schneider als Spielfilm in die Kinos bringen.

Der Autor

Paul-Josef Raue ist wie Bednarz im Ruhrgebiet aufgewachsen, wo beide ihre journalistische Laufbahn begannen. Bednarz erhielt seine "sehr lesernahe Ausbildung zum Journalisten" in der WAZ-Redaktion (Bochum-) Wattenscheid, Raue als Lokalsport-Mitarbeiter bei den "Ruhr-Nachrichten" in Castrop-Rauxel. Nach seinem Studium und der Ausbildung auf der Hamburger Journalistenschule war Raue 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, wo er die erste deutsch-deutsche Zeitung gegründet hat. Auf kress.de erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und unterrichtet an Hochschulen.

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