"Wir fragen unsere kressköpfe": Warum sich Axel Brüggemann fürs Sky-Moderieren freiwillig eine Fliege umbindet

 

Mit Wigald Boning, Ina Müller und Fritz von Thurn und Taxis über Wagner-Opern diskutieren, dann Sängern und Regisseuren der Bayreuther Festspiele fachkundig die Stirn bieten und darüber nie seinen augenzwinkernden Humor verlieren: Das kann der langjährige Springer-Musikjournalist Axel Brüggemann, der auch schon mal "WamS"-Textchef war. Nach vier Stunden Live-Moderation schwingt er sich aufs Klapprad.

kress.de: Herr Brüggemann, Sie sind das Sky-Gesicht für die Hochkultur-Einsätze. Wie lange mussten Sie eigentlich überlegen, um sich einen Ruck für die Arbeit bei der Pay-Plattform geben, bei der viele zunächst an Fußball, Blockbuster und US-Serien denken?

Axel Brüggemann: Um ehrlich zu sein: ich habe keine Sekunde gezögert. Bei Sky ist etwas möglich, das anderenorts nur selten zu finden ist: Man macht Kultur nicht wegen des "Kulturauftrags", sondern freiwillig und aus Leidenschaft. Diese Herangehensweise schafft vollkommen neue Konzepte wie das fast vierstündige Live-Programm von den Festspielen. Und, klar, da schauen wir auch ein bisschen beim Fußball ab: Es geht bei uns nicht darum, alles, nur weil es Kultur ist, gut zu finden, sondern über den Abend zu streiten. Bei einem 0:0 zwischen Deutschland und Österreich sagt auch niemand "Ein tolles Spiel". Das ist unser Vorbild: Wir schauen gemeinsam eine Oper an und danach wird über jeden Ton, die Inszenierung, den Abend diskutiert – offen, kontrovers und leidenschaftlich. Durch diese Herangehensweise eröffnet Sky einen vollkommen neuen Blick auf die Kultur. Und es ist eine Freude, dabei zu sein. 

kress.de: Durch Ihre lockere, gleichzeitig fundierte Art schlagen Sie für die Kulturberichterstattung viele Brücken. Wie sehr muss man in Ihrer Funktion eigentlich Gegenwind aus dem konservativen Feuilleton und von den "Wagnerianern" fürchten?

Axel Brüggemann: Ach, irgendwann lernt man in unserer Branche, dass es immer Gegenwind gibt. Und als Norddeutscher weiß man, dass man beim Gegenwind eben kreuzen muss und auch vorankommt. Tatsächlich sehe ich eine Entwicklung: Vor einigen Jahren war das, was wir gemacht haben wirklich noch Blasphemie. Inzwischen bekommen wir Rückenwind, vor allen Dingen von den Sängern, Musikerin, den Intendanten – sie alle sehen: Da sind Leute, die für die Klassik und die Kultur brenne, die uns als Menschen vorstellen und die es schaffen, zu zeigen, warum wir das alles überhaupt machen. Auch Künstler sind Menschen, und ihre Kunst hat auch immer etwas mit ihrem Leben zu tun. Das wollen wir zeigen. Und das wirkt dann auch beim Publikum: Es lernt seine Stars vollkommen neu kennen, unverkrampft, offen und mit Sinn für humorvolle Zwischentöne. Ich glaube, dass diese Art der Kultur-Darbietung in einigen Jahren vollkommen normal sein wird.  

kress.de: Sie sprechen die Themen aus der Wagner-Welt direkt und unverkrampft an. Wie wichtig ist es Ihnen, mögliche Schwellenängste im Publikum abzubauen? 

Axel Brüggemann: Wagner bleibt immer ein Stück Arbeit. Wer fünf Stunden Oper schaut, kann das nicht Mal eben so. Aber es ist schon wichtig, die Leute mitzunehmen, ihnen die Geschichte hinter der Oper zu erzählen, Musik einzuordnen, es leichter zu machen, sich in diesem Mammut-Werk zurecht zu finden. Und dann, wenn der Vorhang aufgeht, ist jeder auf sich gestellt – und die Musik beginnt zu wirken. Ich finde es einen Erfolg, wenn am Ende jeder durchgehalten hat, vielleicht sogar berührt wurde, wenn er glücklich, wütend oder erschöpft ist. Und wie bei einem echten Theaterbesuch geht es danach im Fernsehen darum, die unterschiedlichen Eindrücke auszutauschen. Denn das ist letztlich ja der Sinn der Kunst: Eine Grundlage zu haben, um über Dinge zu reden, über die wir oft nur ungern sprechen: Liebe, Hass, Verzweiflung, Angst oder Freude.

kress.de: Aus Bayreuth zu berichten ist ja eigentlich ein Traumjob. Wie schwer fällt es Ihnen allerdings, sich in diesem speziellen Kosmos – auch bei der Intendanz, bei Künstlern und Regisseuren – auf Augenhöhe zu behaupten?

Axel Brüggemann: Zunächst sind wir auch hier in erster Linie Journalisten, keine Künstler, nicht Teil des Theater-Apparats. Unsere Aufgabe ist eine andere als die des Theaters: Wir berichten, wir ordnen ein, wir suchen die Geschichten rund um die Aufführung. Und ich muss sagen, dass gerade in der Klassik – und gerade in Bayreuth – viele Künstler verstehen, was wir tun. Wir sind keine Kritiker, die ihren Daut nach oben oder nach unten richten. Wir sind Geschichtenerzähler, Erklärer und wollen eine Brücke zwischen Publikum und Künstlern bauen. Und gerade in dieser Funktion werden wir nicht nur ernst genommen, sondern gefördert, wo es nur geht. Das Festspielhaus lässt uns mit der Kamera in jeden Winkel gehen, die Sänger lassen Einblicke in ihr Leben zu. Unter anderem machen wir ein Car-Karaoke mit Klassik-Sängern, das ist in Bayreuth längst zum Kult geworden, und jeder will dabei sein!

kress.de: Sie laden Gäste in Ihr Wagner-Studio ein, die man nicht unbedingt als erstes mit den Festspielen in Verbindung bringt – darunter Thomas Hermanns, Fritz von Thurn und Taxis und Wigald Boning. Was können diese Stimmen zur Diskussion um vermeintlich "hehre" Kulturthemen beitragen?

Axel Brüggemann: Das ist der eine Teil der Gästeliste, der andere ist Dr. Sven Friedrich, der Leiter des Wagner-Museums, oder Thomas Lausmann, Korrepetitor der Bayreuther Festspiele – außerdem kommen viele Sänger und Regisseure ins Studio. Für mich liegt die Spannung gerade darin, die Welt der Kunst mit der Welt der Kunst-Konsumenten zusammenzuführen. Alle Gäste, die Sie nennen, haben eine Grund-Affinität zur Oper, freuen sich, zu kommen. Und für manchen Sänger sind die zum Teil sehr bodenständigen Verbindungen unserer Gäste zum Werk Wagners durchaus spannend. Letztes Jahr etwa hat Fritz von Thurn und Taxis Walhall und Gott Wotan mit der FIFA verglichen – das hat für eine launige Debatte gesorgt.

kress.de: Wie aufwändig ist aus Ihrer Sicht die Vorbereitung auf Ihre Gespräche und die Berichterstattung?

Axel Brüggemann: Auf meinen Moderationskarten steht für vier Live-Stunden nichts anderes als die Namen meiner Gäste. Der Rest ist: geplante Improvisation. Wenn Sie so wollen ist meine Vorbereitung ein Leben mit der Oper. Und ich glaube das hat am Ende auch den Erfolg im letzten Jahr ausgemacht: Jeder merkt, dass wir ein offenes Format haben, in dem Fachwissen auf Improvisation stößt und die Geschichten, die ein Gast erzählen will wichtiger sind als ein geplantes Frage-Korsett. Auch in diesem Jahr haben wir wieder Spiele vorbereitet, unkonventionelle Talk-Momente – ich weiß nicht, welche Situationen im Studio daraus entstehen werden. Aber ich freue mich auf das, was kommt. Offenheit erfordert Wissen – das ist die beste Paarung für Live-Formate.   

kress.de: In wie weit kann es Sky schaffen, die etablierten Kultursender wie Arte und 3sat gelegentlich von links oder rechts zu überholen?

Axel Brüggemann: Ich glaube, dass es nicht um das Überholen geht. Ich bin ja auch für die öffentlich-rechtlichen Sender tätig. Dort sind die Erzählformen oft etwas starrer, aber die Mittel größer. Sky will die anderen Sender, glaube ich, gar nicht angreifen, das wäre auch Quatsch: Arte oder 3Sat senden wöchentlich Opern und Konzerte, oft unmoderiert. Sky sucht eine andere Form: die Bayreuth-Show oder moderierte Reportagen wie "Art in the City", wo ich in ganz Europa Street-Art-Künstler treffe, lassen die Kunst hautnah erleben und stellen sie zur Debatte. Wir haben den Mut selbst das, was wir zeigen, nicht immer toll finden zu müssen. So bewerben wir nie das einzelne Buch oder die einzelne Ausstellung, sondern die Kunst als Raum der Debatte an sich. Das alles ist kein Widerspruch, sondern eine vollkommen eigene Welt, die Sky da aufgebaut hat.

Wir erkennen allerdings, dass unsere Konzepte inzwischen auch bei einigen öffentlich-rechtlichen Redakteuren angekommen sind. Und das ist doch gut: Konkurrenz lässt keine Routine zu, sondern fordert immer wieder zu Neuem heraus. Das hat in der Kultur lange gefehlt – mir gefällt diese neue Freude am Erfinden neuer Formate auf allen Seiten. Am Ende profitieren davon sowohl die Künstler als auch das Publikum.   

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene Karriere zurückblicken: Wo haben sie am meisten gelernt und was hilft bei der Vor-Ort-Berichterstattung aus den Kulturtempeln?

Axel Brüggemann: Ich bin ja von Haus aus Print-Journalist, und ohne die sieben Jahre bei der "Welt am Sonntag", zunächst in der Kultur, dann als Textchef, wäre ich nicht der Journalist, der ich heute bin. Hier habe ich gelernt, mich nicht mit dem Einfachen zufrieden zu geben, sondern so lange zu bohren, zu arbeiten, zu fragen, bis am Ende ein Text herauskommt, der wirklich einzigartig ist, der sich von anderen Zeitungen unterscheidet, der eine eigene Perspektive einnimmt, eine eigene Geschichte erzählt. Für das Fernsehen musste ich lernen, dass viel weniger Worte nötig sind, und dass das Bild sich eignet, um das Wort in Frage zu stellen, dem Zuschauer die Offenheit zu geben, den Raum zwischen Bild und Wort selber aufzulösen, dass die Spannung von Bild und Text Synapsen schließt, die zutiefst emotional sind. Noch heute genieße ich die Vielfalt, für Zeitungen zu schreiben, Bücher zu schreiben, Reportagen zu machen und gleichzeitig Shows zu erfinden und zu moderieren. Alles beeinflusst hier alles.  

kress.de: Allein schon der Einsatz in Smoking und Fliege kann für viele Journalisten strapaziös sein. Woher nehmen Sie Ihre Begeisterung? Wie tanken Sie nach einem langen Festspiel-Tag wieder Energie?

Axel Brüggemann: Wir sind nun über eine Woche in Bayreuth und haben über 30 Einspielfilme gedreht – jeden im Smoking, jeden bei über 30 Grad! Das Tolle ist, dass man die Anstrengung immer erst am Abend merkt, im Bett, wenn man 1-2-3 im Schlummerland ist. Aber ich versuche, gerade in diesen anstrengenden Wochen, immer auch raus zu kommen und etwas zu tun, was nichts mit Fernsehen zu tun hat: Morgens laufe ich gern, ich habe immer mein Klapprad dabei, und nach Drehschluss ist ein kühles Bier mit dem Team auch eine schöne Entspannung. Außerdem finde ich Ruhe, wenn ich eine halbe Stunde finde, um meiner Frau vom Wahnsinn vor Ort zu erzählen, um dann zu merken, dass die Welt zu Hause ganz andere, viel größere Geschichten erzählt. Produktionen wie Bayreuth sind wie ein Tunnel. Es macht Riesen-Spaß – aber man freut sich dann auch, am Ende wieder zu Hause zu sein. 

kress.de: Was würden Sie Kollegen ohne ausgeprägte Bayreuth- oder ähnliche Festspiel-Erfahrungen empfehlen? Wie schafft man es, derlei Events nicht nur für Glamour-Presse oder das Zeitungsfeuilleton Erhellendes abzugewinnen?

Axel Brüggemann: Indem man die Menschen als Menschen trifft, egal, ob es ein Bühnenarbeiter, ein Star-Tenor, ein einfacher Gast oder eine Bundeskanzlerin ist. Wenn man sich für die Geschichten der Menschen an sich interessiert, nicht für ihre Position, kann man eigentlich gar nichts falsch machen: dann landet man unweigerlich bei der Leidenschaft. Und ich bin sicher, dass sich die Leidenschaft von Angela Merkel nicht von der Leidenschaft eines Otto Mustermann unterscheidet. 

kress.de: Sie haben schon länger ein "kressköpfe"-Profil angelegt. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Axel Brüggemann: Die kressköpfe sind für mich eine Plattform, um Leute, die ich aus dem Auge verloren habe, wiederzufinden oder von ihnen wiedergefunden zu werden. Außerdem nutze ich das Portal, um zu sehen, wer was tut – und zuweilen sogar, um jemanden zu finden, mit dem ich gern zusammenarbeiten würde.

kress.de: Mit welchem Geschäfts- oder Kooperationspartnern, Querdenkern oder Kreativköpfen würden Sie sich denn – idealerweise über die "kressköpfe" – gerne einmal zu einem Mittagstermin verabreden?

Axel Brüggemann: Mich interessieren besonders Begegnungen mit Menschen, die Interesse daran haben, Neues auszuprobieren – egal, ob sie aus einer Redaktion kommen, ob sie Programmverantwortung haben, ob sie aus den Presse- und Öffentlichkeitsstellen der Kultur kommen: Ich glaube, dass die Kultur ein so kleines Feld ist, dass wir Grenzen aufheben und zusammen an unseren Idealen und der Form sie zu vermitteln arbeiten sollten. 

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Axel Brüggemann: Natürlich verfolge ich schon, wer sich verändert, wer von wo nach wo wechselt, besonders aber auch, welcher Mensch, den ich kenne, mit neuen, visionären Ideen vorankommt und mit welchen Partnern er sie umsetzt. Ich schaue regelmäßig nach, um zu wissen, was in unserer Branche so los ist.

TV-Tipp: Sky überträgt auf dem Kunstkanal Sky Arts HD ab 25. Juli ab 15.00 Uhr live "Die Meistersinger von Nürnberg", der Neuinszenierung, mit der die Bayreuther Festspiele eröffnet werden. Flankiert wird die Opernübertragung mit kundigen, aber auch launigen Hintergründen in der Axel-Brüggemann-Sendung "Bayreuth - die Show" mit dem Musikjournalisten und Wagner-Biografen.

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