"NZZ"-Videochefin Sara Maria Manzo: "Wir wollen im Video spiegeln, wofür die Marke steht"

 

Bewegtbild ist das Medium der jungen Generation. Das weiß man auch bei der "Neuen Zürcher Zeitung" - und hat deshalb vor einem Jahr Sara Maria Manzo an Bord geholt. Inzwischen hat die frühere "Spiegel Online"-Redakteurin ein Videoteam aufgebaut, das jungen Nutzern Erklärfilme, Analysen und Standpunkte in die Timeline spült. kress.de stellt Sara Maria Manzo vor.

"Eigentlich wollte ich immer zum Fernsehen", sagt Sara Maria Manzo. Die 35-Jährige liebt das bewegte Bild, spannende Grafiken, visuelle Reize. Seit einem Jahr leitet sie das Video-Team der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ). Damit ist ausgerechnet ein mehr als 230 Jahre altes Zeitungshaus ihr Arbeitgeber. Dessen Printtradition und modernen Videojournalismus zusammenzubringen, ohne das hohe Qualitätsniveau zu verlassen - genau das ist die Aufgabe von Sara Maria Manzo.

Als die deutsche Journalistin im Sommer 2016 von "Spiegel Online" zur "NZZ" nach Zürich wechselte, gab es dort zwar schon Videos, doch so richtig bekam das keiner mit. Die Produktion war bei der zeitungseigenen Fernsehredaktion angesiedelt. Ein Fehler, der mit Manzos Berufung behoben wurde. "Fernsehen und Onlinevideos beruhen auf unterschiedlichen Voraussetzungen", sagt Sara Maria Manzo im Gespräch mit kress.de.

Sie schrieb ein Konzept, stellte Videojournalisten und Motion Designer ein. Letztere, erzählt die Video-Chefin, gab es zuvor nicht. Inzwischen besteht ihr Team aus acht Leuten. Das Durchschnittsalter entspricht in etwa der Zielgruppe: 25 bis 35 Jahre. Um die Aufmerksamkeit der Jungen zu bekommen, will die Neue Zürcher Zeitung sich aber keinesfalls anbiedern. Die Strategie orientiert sich vielmehr am Qualitätsversprechen der Zeitung. Manzo: "Wir wollen im Video spiegeln, wofür die Marke steht: Erklärvideos, Analysen, Hintergrund, Kommentare."

Etwa zehn verschiedene Formate umfasst das Zürcher Bewegtbildangebot. Eines der meistgeklickten ist "Zürich verstehen" - eine Reihe, die eigentlich für die Expat-Gemeinde der Schweizer Metropole gedacht war. Außerdem gibt es Politisches ("Rechte für Homosexuelle und Transgender: Wie weit ist die Schweiz?"), Außergewöhnliches ("Der Schallplattenretter") und viele Erklärfilme. Die Themen ergeben sich mal in den Ressortleitersitzungen, mal sind es eigene Ideen des Video-Teams. Wie kürzlich, als sich die Kollegen fragten, warum die Wetter-App von iOS eigentlich so unpräzise ist - prompt entstand ein Film daraus.

Sara Maria Manzo ist an jedem Video zumindest im Hintergrund beteiligt. Eigene Stücke wie das im Frühjahr erschienene Porträt einer jungen arbeitslosen Französin produziert sie nur selten. Neben dem Teamaufbau ist die Zeit dafür momentan einfach zu knapp. Es sei ihr aber wichtig, auch noch selbst journalistisch zu arbeiten und nicht nur zu koordinieren, sagt sie.

Die Video-Chefin kann Erfahrungen in allen gängigen Mediengattungen vorweisen. Während ihres Studiums arbeitete sie beim Radio und beim Fernsehen, absolvierte eine längere Station im Pariser ZDF-Studio. Anschließend besuchte sie die Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Sie schrieb für Printmarken wie "Geo", "FAZ" und "art". "Ich habe das gerne gemacht, aber auch gemerkt: Mein Medium ist das Fernsehen." Also heuerte sie nach dem Abschluss als Freie bei Radio Bremens Regionalmagazin "Buten und binnen" an, später kamen NDR und ZDF als Auftraggeber hinzu.

"Dort habe ich wahnsinnig viel gelernt", erzählt Manzo, "aber was mir gefehlt hat, war die Möglichkeit, zu experimentieren, auch mal neue Wege zu gehen." Daher wechselte sie 2012 zu "Spiegel Online". "Es gab viel Freiraum. Wir haben zum Beispiel ein Projekt über Nichtwähler gemacht, bei dem wir Videos hinter Zeichnungen gelegt haben. So etwas gab es vorher nicht." 2015 ergriff sie die Chance, den jungen "Spiegel Online"-Ableger "Bento" mitzuentwickeln, bei dem sie anschließend als Videoredakteurin arbeitete.

Nun leistet Sara Maria Manzo seit einem Jahr Pionier- und Überzeugungsarbeit in der "NZZ". Vielen Redakteuren dürfte das Medium Video eher fremd sein. Zumal seine öffentliche Wahrnehmung zum Großteil von Quatsch-Content, Best-of-Schnipseln und aus YouTube Zusammengeklautem geprägt ist. "Webvideos haben leider einen schlechten Ruf", sagt Sara Maria Manzo. "Ich finde das so schade. Das Medium kann viel mehr."

In Zürich, sagt sie, sei sie mittlerweile komplett angekommen. Von den Redaktionskollegen wollte sie von Anfang an nur auf Schweizerdeutsch angesprochen werden. "In der ersten Ressortleitersitzung habe ich vielleicht 40 Prozent verstanden." Mittlerweile sei das Züridütsch kein Problem mehr, aber die Berner verstehe sie immer noch schlecht, sagt Manzo und lacht. Als Kind einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters, das in Frankreich studiert hat, beherrscht Manzo alle Landessprachen der multilingualen Schweiz.

Überrascht hat sie der hohe Stellenwert des persönlichen Gesprächs in der "NZZ"-Redaktion. "Bei 'Spiegel Online' wurde nahezu alles über Chat gelöst", erzählt Manzo. "Hier kommen die Kollegen zu mir ins Büro, wenn sie etwas absprechen wollen." Zuerst habe sie sich gewundert: "Warum schreiben die nicht eine E-Mail?" Mittlerweile habe sie gelernt, dass ein echtes Gespräch viel schneller zum Ziel führt.

Mit dem, was sie bislang mit ihrem Team erreicht hat, ist Sara Maria Manzo zufrieden. Die Reichweite der "NZZ-"Videos habe sich in dem einen Jahr mehr als verdoppelt. Wichtigster Ausspielkanal neben nzz.ch ist Facebook. Die besten Videos werden mehr als eine Million Mal auf Facebook angeschaut. Auch mit Instagram experimentiert ihr Team. Dort tummeln sich noch jüngere Leute. Außerdem, sagt Manzo, sei das Medium wahnsinnig visuell. Und das ist ja genau ihr Terrain.

Hintergrund "Neue Zürcher Zeitung":

Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) ist eine Schweizer Tageszeitung und erscheint im gleichnamigen Verlag. Die Erstausgabe stammt aus dem Jahr 1780. Das traditionsreiche Blatt ist laut eigenem Leitbild einer "freisinnig-demokratischen Ausrichtung" verpflichtet. Die "NZZ" genießt einen Ruf als überregionale Qualitätszeitung. Im Jahr 2016 betrug die verkaufte Auflage rund 105.000 Exemplare.

Chefredakteur: Eric Gujer
Stellvertreter: Luzi Bernet, Colette Gradwohl, Thomas Stamm, Daniel Wechlin
Tagesleitung: Colette Gradwohl, Christoph Fisch, Thomas Stamm, Anja Grünenfelder, Daniel Wechlin

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