Michael Konken zur Finanzierung von Journalismus: "Ein Paradigmenwechsel, inszeniert von Journalisten und Politik, muss her"

28.07.2017
 
 

"Wir brauchen eine andere Finanzierung des Journalismus. Sozusagen eine Abgabe für den Journalismus. Staatsfern natürlich", sagt Michael Konken, ehemals Bundesvorsitzender des DJV. Man müsse sich endlich eingestehen, dass fast alle Modelle den Journalismus anders zu finanzieren, gescheitert seien.

Eine wichtige Rolle in der Glaubwürdigkeit spielen immer noch die Tagesszeitungen, deren Zukunft ich allerdings dunkel sehe. Wir verschließen weiter die Augen vor dem rasanten Auflagenverlust der Printmedien, so, als wäre es ein Tabuthema. Schon werden nicht mehr Auflagen, sondern Reichweiten zum Begriff, um den Auflagenverlust zu verschleiern.

Ich muss hier und heute noch einmal meine Forderung, die ich 2010 erhob, wiederholen. Wir brauchen eine andere Finanzierung des Journalismus. Sozusagen eine Abgabe für den Journalismus. Staatsfern natürlich. Etwas was in anderen Staaten bereits geschieht. In der Schweiz wird es gerade aktuell diskutiert.

Wir müssen uns endlich eingestehen, dass fast alle Modelle den Journalismus anders zu finanzieren, gescheitert sind. Das viel gelobte Modell "Correctiv" finanziert sich auch aus Stiftungen. Auch aus Geldern der Bundesanstalt für politische Bildung.

Trotz aller Kritik, die ab und zu hochkommt, hat das ihrer Arbeit und der Glaubwürdigkeit nur gering geschadet. Nur, dieses Modell ist nicht unbegrenzt kopierbar und niemand weiß, wie lange es funktioniert.  Crowdfunding ist zum Modellbegriff für die Zukunft des Journalismus geworden.

Es wird allerdings nicht reichen, um langfristig Qualitätsjournalismus in seiner Vielfalt zu sichern und Journalisten so zu honorieren, dass sie unabhängig arbeiten können.

Auch dafür gibt es mittlerweile viele Beispiele. Um Vielfalt zu erhalten, benötigen wir viele ähnliche Rechercheverbünde, die kritisch und investigativ Themen aufgreifen und auf Dauer finanziell gesichert sind. Der Stellenabbau der vergangenen Jahre hat sich negativ auf die Qualität ausgewirkt. Und - der Medienkonsument quittiert es mit Abkehr von diesen Medien. "Da steht doch nichts mehr drin". Wie oft habe ich den vergangenen Monaten diesen Satz gehört als Begründung für die Abkehr von der Lokalzeitung.

Es wird allerhöchste Zeit, endlich das Thema der Finanzierung des Journalismus voran zu bringen. Ein radikaler Paradigmenwechsel, eine große Lösung inszeniert von Journalisten und Politik, aber nicht von der Politik abhängig. Passiert das nicht, wird die Öffentlichkeit sich noch mehr auf dubiose Nachrichten -  das Wort Nachricht ist dabei schon ein Hohn - verlassen. Wenn wir die Wurzeln des Journalismus nicht mehr gießen, dann vertrocknen ihre Blüten und die Schädlinge vernichten ihn.

Bei den Wurzeln denke ich vor allem an die Lokal- und Regionalzeitungen. Wenn diese Wurzeln des Journalismus absterben, dann  gibt es auch keine-Online Zeitungen mehr auf lokaler Ebene und damit wohl auf keine Meinungsbildung in den Keimzellen unserer Demokratie. Und ich wage die Behauptung, es wird in Zukunft keine tragfähigen Geschäftsmodelle geben. Auch Bezahlschranken haben keinen durchschlagenden Erfolg. Sie reichen oft nur, die Redaktion einmal in der Woche zum Kaffee einzuladen. Ein Zitat eines bekannten Chefredakteurs einer bekannten Regionalzeitung, bei einem Kaffee, also "unter Drei".

Was passiert, wenn nicht endlich gehandelt wird? Dann werden noch mehr die Verbreiter der Fake News ihre Runde machen und merkwürdige Nachrichtenseiten von Hobbyjournalisten werden die öffentliche Meinungsbildung bestimmen. Wenn auch eine aktuelle Forsa Umfrage zum Ergebnis kommt, dass 80 Prozent der deutschen Internetnutzer fordern, mit einem Gesetz gegen Fake News vorzugehen, so zeigt das zwar die Befindlichkeit, wird den Journalismus aber nicht von eigenen Lösungen entbinden.

Die Öffentlichkeit wird noch weniger seriöse Informationen erhalten und die Demokratie dürfte langsam all denjenigen Tür und Tor öffnen, die mit großer Klappe und unhaltbaren Versprechungen für ihren Niedergang sorgen. Aktuelle Beispiele muss ich nicht nennen. Und das nicht nur in der großen Politik. Auch auf kommunaler Ebene geht  die Qualität der Politik spürbar zurück. Nur - es fehlen schon jetzt Journalisten, die der Dominanz des Dilettantismus journalistisch kritisch und unabhängig begegnen. Denn, es gibt vielfach bei lokalen Medien ein Abhängigkeitsverhältnis zu kritikunfähigen Politikern und Wirtschaft.

Personen, die medial geschont werden, auch, um Werbeeinnahmen nicht zu gefährden. Doch -  der Bürger nimmt wahr, was in seinem Gemeinwesen passiert oder besser - nicht passiert. Wird die Situation nicht journalistisch gespiegelt, wendet man sich ab von der Lokalzeitung und fühlt sich zu denen gezogen, die mit ihren unprofessionellen lokalen Medienseiten den Unmut der Bürger formulieren.  

Wir prangern in der ganzen Welt die Presseunfreiheit an. Nur - wenn unsere Medienlandschaft nicht mehr funktioniert, dann werden auch wir keine Möglichkeiten mehr haben, diese Verstöße öffentlich zu machen.

Autor: Michael Konken

Zur Person: Michael Konken war von 2003 bis 2015 Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). An der Universität Vechta lehrt er seit 2002 Journalismus und Kommunikation.

 

Ihre Kommentare
Kopf

Joachim Müller

28.07.2017
!

Und wie sehen diese Lösungsvorschläge einer staatsfernen Journalismus-Finanzierung konkret aus?


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