Zum 100. Geburtstag von Dietrich Oppenberg: "Zum Verleger muss man geboren sein"

 

Zeitlebens hat sich Dietrich Oppenberg, Gründer der "NRZ", für die Freiheit der Presse und der Journalisten eingesetzt. Am Samstag, 29. Juli, würde er seinen 100. Geburtstag feiern. kress dokumentiert Auszüge aus dem Geleit für ein Buch zum 70. Geburtstag Oppenbergs, das Wilhelm Haferkamp und Karl-Heinz Sohn, enge Wegbegleiter des Verlegers und damals Mitgesellschafter und mit den Geschicken der Rheinisch-Westfälischen Verlagsgesellschaft betraut, verfasst haben. Viele Aussagen sind noch heute gültig und zeigen doch genau, welche Verantwortung Verleger haben. Von Bülend Ürük und Frank Hauke.

"Ein Verleger ist, besonders wenn er Zeitungen oder gesellschaftskritische Bücher verlegt, stets ein politischer Mensch. Er ist nicht bloß Hersteller und Anbieter einer Ware, obgleich er gerade mit seinen Leistungen mitten im Marktgeschehen steht. Wie der Wettbewerb im Zeitungs- und im Buchverlagsgewerbe erkennen lässt, müssen auch die Produkte "Zeitung" und "Buch" bei der Kundschaft ankommen.

Sie müssen nicht nur objektiv gut, sondern auch verkäuflich sein. Wie sich eine Zeitung nur im engen Zusammenwirken von Redaktion, Vertrieb und Anzeigenakquisition erfolgreich herstellen lässt, bilden im (Buch-) Verlagswesen die Autoren zusammen mit Lektorat, Vertretern und Buchhandel die Grundlage der langfristigen Existenzsicherung des Unternehmens.

Weit mehr als in vergleichbar großen Unternehmen der Verarbeitung und des Handels wird ein Verlag von der Persönlichkeit des Verlegers geprägt.

Auch wenn dies im Zeitungsgewerbe heute nicht mehr ganz so zu sein scheint wie in früheren Jahrzehnten, gilt doch letzten Endes auch hier, dass der Verleger die Redaktion und diese Zeitung prägen.

Mit der politischen Dimension von Verlagen hängt es wohl auch zusammen, dass ihre Erzeugnisse Profil erkennen lassen (müssen): mehr konservativ, eher liberal oder aber auch links von der Mitte. Wer will eine ähnliche "Profilierung" in den Erzeugnissen der Elektroindustrie, der Automobil - oder der Konsumgüterindustrie erkennen?

Auch wenn letztlich jeder Unternehmer ein Zoon politikon ist, weil für andere verantwortlich und in einem gesellschaftlichen Umfeld tätig, reicht die politische Natur des Verlegers weit über das Unternehmen, die Verantwortung für Mitarbeiter und über das Unternehmensfeld hinaus. Sie umschließt vielmehr das Produkt selbst.

Wohl deshalb verstanden sich in der Vergangenheit Verleger mit großem Namen gelegenheitlich mehr als Freund, Ratgeber und Partner ihrer Autoren als am Gewinn ihres Unternehmens orientiert.

Konnte sich dies ein Buchverleger noch erlauben, so waren solch emotionale Verhaltensweisen für einen Zeitungsverleger oft existenzgefährdend. Dies nicht zuletzt wegen der enormen Investitionskosten, des redaktionellen und des Vertriebsaufwandes und des daraus entstehenden Kosten - und Leistungsdrucks.

Nicht selten ging überdies die politische Zielsetzung von Zeitungen nicht mit der entsprechenden Kosten- und Ertragsorientierung einher. Die traurige Entwicklung der den politischen Parteien nahestehenden Zeitungen macht dies deutlich. Im Buchverlagswesen wiederum kann der Verleger Autoren, Lektorat und Vertrieb so aufeinander einstimmen, dass er immer (mal) wieder auch Autoren herausbringt, die zwar seiner eigenen, des Verlegers politische Linie entsprechen, die er jedoch ergänzen lässt durch "Erfolgsautoren", die ihm und der Kostenrechnung des Verlags auskömmliche Deckungsbeiträge liefern. Dabei kann es durchaus auf den Glücksfall geben, der beides - politische Grundhaltung und gute Verkäuflichkeit - miteinander verbindet.


Zum Verleger muss man mehr als zum "normalen" Unternehmer berufen, vielleicht sogar geboren sein. Dietrich Oppenberg genoss eine solide Ausbildung, war schon in früher Jugend politisch tätig, mochte sich nie so recht "arrangieren" und war in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit auf engste mit der deutschen Zeitungslandschaft verbunden. Die "NRZ" ist, bei allem Respekt vor den Redakteuren und den übrigen Mitarbeitern des von ihm gegründeten Blattes, sein Kind; und sie ist es bis heute geblieben, auch wenn sich die Verlagsstruktur, zu der sie gehört, geändert hat.

Er hat die parteipolitische Unabhängigkeit dieser Zeitung, wie dies nicht zuletzt die redaktionellen Leitsätze und die Thesen zur Unternehmenspolitik der Rheinisch-Westfälischen Verlagsgesellschaft erkennen lassen, bis heute und stets erfolgreich verteidigt. Die "NRZ" ist im besten Sinne des Wortes zu einem publizistischen Markenbegriff geworden, der aus dem deutschen Zeitungsspektrum nicht mehr fortzudenken ist.

Auszug aus "Der Verleger", Geleit von Wilhelm Haferkamp und Karl-Heinz Sohn, erschienen 1987


Zur Person: Dietrich Oppenberg, geboren am 29. Juni 1917 in Essen, war Gründer, Verleger und bis zu seinem Tod am 24. März 2000 Herausgeber der "NRZ Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung". "Der überzeugte Sozialdemokrat setzte sich für den Auf- und Ausbau des Presseversorgungswerks ein, wo er fast 50 Jahre den Vorsitz des Verwaltungsrats innehatte. Die soziale Sicherung von Redakteuren war für ihn wesentliche Voraussetzung für deren Unabhängigkeit", hielt "Der Spiegel" beim Tod des Verlegers fest. Oppenberg kann zu Recht noch heute als Vorbild für jeden Medienmanager gelten.

Der Zeitungsverleger ist einer der Stifter der Stiftung Presse-Haus NRZ. Zweck der Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur mit dem Ziel der Förderung der Medienvielfalt, insbesondere dem Erhalt und der Stärkung einer unabhängigen Presse. Zu den geförderten Projekten gehört unter anderem der Dietrich-Oppenberg-Medienpreis, der gemeinsam mit der Stiftung Lesen vergeben wird. Dem Kuratorium der Stiftung Presse-Haus NRZ gehören an als Vorsitzender Hermann Hartwich, stellvertretende Vorsitzende ist Dr. Sabine Oppenberg; weitere Mitglieder sind Dr. Richard Kiessler, Prof. Dr. Karl-Heinz Sohn und Dieter ten Eikelder, der auch Vorstand ist. Geschäftsführer ist Heinrich Meyer.

Beinahe hätte es Dietrich Oppenberg mit seiner "NRZ" übrigens gar nicht gegeben. Im Oktober 1945 beschlossen die britischen Besatzungsbehörden, im Gegensatz zum amerikanischen Modell der Gruppenzeitungen, parteriorientierte Blätter zu lizensieren. Das "Rheinecho", der SPD nahestehend, erschien unter Lizenz Nr. 18 mit einer Auflage von 152.000 Exemplaren. Für den plötzlich verstorbenen Lizenznehmer wurde Dietrich Oppenberg als Verlagsleiter bestellt und gründete somit im Ruhr-Verlag seine erste Zeitung in Düsseldorf. Doch Oppenbergs Bemühungen, aus dem "Rheinecho" eine unabhängige Meinungszeitung zu machen, scheiterten am Widerstand der SPD-Bezirksleitung. Deshalb verließ Oppenberg das "Rheinecho" schon nach kurzer Zeit und verfolgte weiter seinen Plan, eine Zeitung für Essen herauszugeben. Am 13. Juli 1946 erhielt er die Lizenz und gründete die "NRZ". Er löste das Ruhrgebiet und den Niederrhein aus dem Zeitungsverbund mit dem "Rheinecho", das noch eine Auflage von 180.000 Exemplaren hatte.

kress.de-Tipp: "kress pro" ist das Magazin für Führungskräfte bei Medien. "Zum "kress pro"-Abo.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.