Julia Jäkels Thesen für das Geschäft von morgen: "Gute Frauen ziehen moderne Männer an"

31.07.2017
 

"Kreativität lebt auch von Diversität. Rund die Hälfte unserer Chefredakteure sind Frauen, und 45 Prozent der gesamten Führungskräfte sind Frauen", sagt Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel. Man habe das geschafft ohne Heckmeck, ohne Quotenvorgaben, auf ziemlich natürliche Weise: "Einfach dadurch, dass wir uns immer bemüht haben, die besten auszuwählen." Wie man in zwei Jahren 18 neue Magazine herausbringt, warum Verlage Experten der Digitalisierung sind und warum die Zeit von Großverlagen vorbei ist.

Gruner + Jahr ist Ende Juni 52 Jahre alt geworden. "Wir waren vom ersten Tag an: ein Verlagshaus. Und wir sind es bis heute", betont die Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, Julia Jäkel. Verlag bedeutet für sie: Kreativität finanzieren. In den vergangenen Jahren habe man angefangen, ein paar Dinge anders zu machen. Und dann noch ein paar. Das habe zunächst zu großer Verunsicherung geführt, innen ebenso wie außerhalb von Gruner + Jahr. Der Weg von G+J sei plötzlich wackelig erschienen. "Es hat gedauert, bis wir unsere Strategie erarbeitet hatten und sie verständlich machen konnten. Nach und nach aber sind uns ein paar Sachen gelungen. Ein paar auch nicht. Jedenfalls wurde sichtbar, was wir wollen: Wir setzen auf die Kraft von Innovation und Kreativität", so Jäkel. "Wir sind jetzt seit vier Jahren auf dem Weg. Dabei haben wir eine ganze Menge gelernt - daraus entstehen meine neun Thesen für einen modernen Verlag":

1. Strategie ist gut, Wachsamkeit ist besser. Die Strategie von G+J lässt sich ganz einfach zusammenfassen. Erstens, wir wollen best in print sein, die modernsten und innovativsten Magazinmacher. Das ist unser Anspruch. Und zweitens, wir wollen digital rund um unsere starken Marken wachsen. Zwei Sätze - das ist der Rahmen unserer Strategie. Der Rest ist Wachsamkeit. Denn die Medienwelt dreht sich rasant.  

Haben wir vor drei Jahren gewusst, dass wir zum größten Anbieter für inhaltegetriebene Kommunikation in Europa werden mit Territory? Nein. Konnten wir ahnen, dass zwei junge Kollegen mit einer Idee für eine mobile Vermarktungs-App auf uns zukommen würden? Nein, aber wir haben ihnen zugehört. Und ihnen eine Chance gegeben. Heute sind die beiden in zwölf Ländern aktiv und setzten mehrere Millionen Euro um.

Ich könnte weitere solcher Geschichten erzählen. Sie illustrieren: Strategie ist wichtig, ja sicher. Aber in Zeiten wie diesen kommt es mindestens ebenso auf Wachsamkeit an.

2. Magazine sind Medienprodukte für die digitale Gesellschaft. Gerade in der digitalen Welt flammt die Sehnsucht nach Langsamkeit, nach Haptik auf. Deshalb sagen wir: Wenn wir neue Magazine entwickeln, dann stellen wir Medienprodukte für die digitale Welt her. Wir haben in den vergangenen 24 Monaten 18 Magazine neu herausgebracht. Gerade erschienen ist "Hygge", ein Magazin für das gemeinsame Glück - denn das umschreibt das dänische Wort, nach dem das Magazin benannt ist.

Mehrere unserer neuen Magazine erzielen sechsstellige Auflagen - etwa "Barbara" oder "Essen + Trinken mit Thermomix" - oder kommen nahe an diesen Wert heran, etwa "Stern Crime". Das Interesse an Magazinen ist äußerst lebendig. Mehr als 30 Prozent unserer verkauften Auflage stammt von Zeitschriften, die wir in den letzten zehn Jahren gestartet haben. Und den Menschen sind die Magazine einiges wert: Im Schnitt kosten G+J-Magazine mehr als 5 Euro.

Schon 1960 wusste Marshall McLuhan: "Sobald ein neues Medium auftaucht, werden einem die Grundeigenschaften älterer Medien deutlicher bewusst." So verhält es sich in Zeiten der Digitalisierung nun auch mit den Magazinen. Sie sind zum Be-Greifen da. Das ist ihre Rolle. Und die hat Bestand.

3. Verlage sind Experten der Digitalisierung. In allen relevanten publizistischen Segmenten liegen die klassischen Verlage vorn. Auf Deutschland geblickt sind das im Bereich News "Spiegel" und "Bild"; bei People "Bunte" und "Gala"; bei Food die Angebote von G+J; bei Living ebenfalls; bei Frauen ist es die über 60 Jahre alte "Brigitte". Das ist ja nicht selbstverständlich. Man hätte doch annehmen können, dass im Digitalen ein Start-up käme, das die jungen Frauen im Digitalen mehr begeistert. Aber: Kein US -Player nimmt uns die Butter vom Brot. Kein Start-up macht uns etwas vor. Und für G+J kann ich sagen: Das Geschäft folgt. Wir spüren auch beim Umsatz die wachsende Sehnsucht nach seriösen Werbeumfeldern im Digitalen. Bei G+J stammt rund ein Fünftel der Werbeerlöse unserer publizistischen Marken aus dem Digitalen, und die Zahl wächst gerade steil an.

4. Facebook braucht einen Verantwortungs-Booster. Wir Verlage sind es, die die digitale Welt mit seriösen Inhalten speisen. Wir wissen, wie man Wahr von Falsch unterscheidet - und wie schwer das oft ist. Wir bieten den Anzeigenkunden verlässliche und sichere Umfelder, in denen keinerlei Markenrisiko besteht. Bei Facebook kann man sich da nicht so sicher sein. Ich habe Mark Zuckerberg im Detail gelesen und finde, dass man guten Willen braucht, um zu glauben, dass er seine Verantwortung schon vollständig erkannt hat. Ihm, so lese ich ihn, reicht es nicht mehr, nur Freunde zu verbinden. Facebook erhebt Anspruch auf das gesamte soziale Gefüge. Zuckerberg sieht in Facebook die globale Infrastruktur, um "Probleme wie Terrorismus, Naturkatastrophen, Seuchen, Flüchtlingskrisen und Klimawandel" zu lösen. Ich möchte mich über diesen Anspruch nicht erheben. Aber, lieber Mark Zuckerberg, übernehmen Sie doch bitte auch die Verantwortung für Fake News, Beleidigungen und Gewaltdarstellungen in Ihrem Netzwerk. Ich registriere hier eine wachsende Gesprächsbereitschaft, gut so.

5. Journalismus erlebt eine neue Wertschätzung. Die Debatte um Facebook hat vielleicht auch eine gute Seite: Journalismus erfährt wieder neue Wertschätzung. Seit einiger Zeit arbeiten Journalisten unter erschwerten Bedingungen. Unsere G+J-Kollegen bei der "Sächsischen Zeitung", und nicht nur sie, müssen sich als "Lügenpresse" beschimpfen lassen. Der amerikanische Präsident bezeichnet qualitativ hochwertige Medien wie die "New York Times" oder CNN als "Feind des amerikanischen Volkes". Doch jede Attacke durch Demonstranten, jede Beleidigung durch Präsidenten, jede neue Panne auf Facebook lässt das Zutrauen in die Leistung von Journalisten immer ein Stückchen wachsen. Menschen spüren wieder mehr, wie wichtig die Arbeit unseres - Ihres - Berufsstandes ist. Das war nicht nur beim Nannen Preis greifbar, den der "Stern" und G+J Ende April in Hamburg vergeben haben. Es waren drei Stunden voller Ernsthaftigkeit - und alle waren beeindruckt. Das sehen wir auch in den Vereinigten Staaten. Dort profitieren gerade "Washington Post" und "New York Times" davon, dass sie weiter kritisch hinschauen.

Dahinter steckt eine zentrale Erkenntnis: Journalisten - das sind diejenigen, die die Ausgänge aus den Filter Bubbles weisen. Das ist eine ganz neue Beschreibung für den Beruf Journalist. Sie zeigt, wie zeitgemäß das Schaffen ist. Und wie sehr es gebraucht wird.

6. Verlage dürfen groß sein, aber die Zeit von Großverlagen ist vorbei. Die neue Wertschätzung für den Journalismus, die Erfolge mancher Verlage: Sie sind schön und wichtig, sie dürfen uns aber nicht dazu verführen, uns in die gute alte Welt zurück zu träumen. Es bleibt elementar, dass wir vieles ganz anders machen als früher. Seien wir ehrlich, wir, die Branche, waren durch den jahrzehntelangen Erfolg sehr zufrieden mit uns. Wir haben manchmal ein bisschen den Dicken markiert, die einen mehr, die anderen weniger. Das ist heute vorbei. Zugespitzt formuliert: Verlage dürfen weiter groß sein - ja, sie müssen es vielleicht sogar -, sie sollten sich aber nicht mehr als Großverlage gerieren.

Sondern wie? Bei G+J beantworten wir das in erster Linie mit: Partnerschaftlichkeit. Wir wollen gute Partner sein in einem Markt, der weit mehr als früher verlangt, dass wir ständig bereit sind, Neues zu lernen. Lernen können wir am besten von und mit anderen. Wir von G+J möchten im Markt als diejenigen gelten, die kompetent sind, kreativ, verlässlich und mit denen es Spaß macht zusammenzuarbeiten. So ist Vorwerk zu uns gekommen - und heraus kam "Essen + Trinken mit Thermomix". So ist auch der Landwirtschaftsverlag zu uns gekommen, weil er Lust hatte auf einen Partner, der mit ihm zusammen rund um "Landlust" Neues schaffen möchte. So funktioniert die Ad Alliance, das gemeinsame Dach der RTL-Vermarktungstochter IP und unserem Vermarkter e|MS: weil hier Menschen Freude am Gelingen haben und neugierig aufeinander sind.

Ich möchte Ihnen noch einen zweiten Begriff nennen, der uns wichtig ist: Hemdsärmeligkeit. Neue Produkte entstehen auch deshalb, weil wir aus Gewohnheiten ausbrechen. Weniger Power Point wagen. Schneller, schlanker zum Ziel kommen. Wir sind mutiger, und wir können uns auch mehr Mut leisten. Von den vielen neuen Zeitschriften, die wir in den vergangenen 24 Monaten gelauncht haben, sind die meisten bereits profitabel. Wir bei G+J - und viele andere in der Branche - haben gelernt, anders zu arbeiten. Und wir haben auch gelernt, die Dinge sein zu lassen, wenn sie nicht funktionieren. Wir haben im vergangenen Jahr "Frei" nach ein paar Monaten wieder vom Markt genommen, weil es die Leserinnen nicht verstanden haben. Scheitern ist nicht schön, es ist kein Ziel. Aber: Nur wer scheitern darf, kann auch gewinnen.

7. Kreativität braucht Atmosphäre. Ich werde häufig gefragt: Wie ist euer Prozess bei Innovationen, wie organisiert ihr das? Tja, gute Frage. Ja, wir haben mit dem Greenhouse ein Innovationslabor für digitale Neuerungen geschaffen, das sehr gut funktioniert und inzwischen auch von Externen gern angefragt wird. Kreativität lässt sich aber nicht in fest definierte Prozesse und Abläufe gießen. Kreativität ist: Kultur und Geist. Menschen. Kreativität braucht Luft. Es geht um Offenheit, Gedankenschnelligkeit, Mut, Neugier. Und das braucht es allerorten, jederzeit, nicht nur in vorbestimmten Bahnen.

Kreativität hat auch ganz viel mit Vertrauen zu tun. In beide Richtungen: Die Mitarbeiter müssen das Vertrauen haben, dass sie mit verrückten Einfällen kommen dürfen - und dass sie, falls es nicht klappt, nicht persönlich zur Verantwortung gezogen werden. Und meine Kollegen und ich in der Geschäftsführung haben das Vertrauen in das Potenzial der eigenen Leute. Wir machen sehr gute Erfahrungen damit, Kolleginnen und Kollegen aus der zweiten oder dritten Ebene mehr Verantwortung zu geben.

8. Gute Frauen ziehen moderne Männer an. Kreativität lebt auch von Diversität. Rund die Hälfte unserer Chefredakteure sind Frauen, und 45 Prozent der gesamten Führungskräfte sind Frauen. Weit mehr als vor ein paar Jahren. Wir haben das geschafft ohne Heckmeck, ohne Quotenvorgaben, auf ziemlich natürliche Weise. Einfach dadurch, dass wir uns immer bemüht haben, die besten auszuwählen. Und, das kann ich Ihnen sagen, ich sehe bei uns, dass das nicht nur gut ist für die Frauen. Auch die guten, modernen Männer finden das gut. Weil es einfach mehr Spaß macht, und weil unsere Gesellschaft so ist.

9. Du musst den Weg gehen, der zu dir passt. Wir haben dem vor ein paar Jahren allgegenwärtigen und heute noch immer beliebten Schlachtruf der Disruption widerstanden, auch wenn das Kraft gekostet hat. Wir haben nicht alles Alte über Bord geworfen. Im Gegenteil, wir haben den Wert unserer starken Marken geachtet - und uns überlegt, wie wir mit ihnen und mit den erlernten Fähigkeiten in die Zukunft kommen. Aber, und das ist mir wichtig zu betonen: Ist das der Weg, den Sie jetzt alle gehen müssen? Sicherlich nicht. Es ist unser Weg. Der, der zu uns passt. Der uns Freude macht - und auf dem uns einiges gelingt. Wir, das kann ich Ihnen versprechen, gehen ihn weiter.

kress.de-Tipp: Der Essay von Julia Jäkel stammt aus "kress pro". Die Ausgabe 5/2017 (vom Juni 2017) gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

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