Wenn die junge Lokalreporterin Alice Trigger, ihr Spitzname: die Scharfe, im "East Barset Weekly Messenger" über den Kreisklassen-Fußball schreibt, lesen sich ihre Artikel wie militärische Frontberichte: "Auch diese Zitadelle hielt dem Eroberungszug der Sinderby Wanderers nicht stand. Die Geschichte nahm ihren Lauf, als Schiedsrichter Charles McGill aus Aylesbury zu Schlacht pfiff. Es war ein Ereignis von biblischem Ausmaß..."

Die Reporterin ist eine wichtige Figur in J.L. Carrs Roman "Wie die Steeple Wanderers den Pokal holten", der nahe dem Ende der Welt spielt und eine Hymne auf die Provinz und den Lokaljournalismus anstimmt. Nur - gab es die goldenen Zeiten wirklich in den siebziger Jahren, als alles noch analog war und die Zeitung aus Papier?

Die Lokalreporterin  in ihrer Lederkluft braust mit dem Motorrad, einer Yamamoto, über die Dörfer, schreibt über alles von Beerdigungen über Hochzeiten bis zu Sitzungen des Gemeinderats: Sie "rückte ihrem jeweiligen Opfer auf den Leib und fragte mit gezücktem Kugelschreiber: ,Gut, was wollten Sie sagen?'"

Die rasende Reporterin! J.L. Carr schreibt auch ihre Geschichte, die sich wie ein Nachruf liest auf verschwindende Originale im lokalen Journalismus.

Es gibt nur wenige Telefone und keine sozialen Netzwerke: Wer etwas erfahren will, der muss rausgehen und erfährt so mehr als nur die Torschützen eines Kreisliga-Spiels. Als die Steeple Wanderers ihren neuen Platz einweihen, einen besseren Acker, schreibt die Lokalreporterin wieder ihren Bericht von der Fußball-"Front":

"Die Hackthorner", das waren die Gegner, "machten ihren Strafraum dicht und verteidigten mithilfe ihrer Kehrseiten, Köpfe, Brustkörbe und, wie durchdringende Schmerzensschreie vermuten ließen, weiterer Körperteile grimmig ihr Territorium." Aber die Reporterin weiß mehr, sie redet mit den Helden der Provinz und ist besser als jedes soziale Netzwerk heute:

"Dolly Preston war für Jeremy Hope-Bowdler eingesprungen, der derweil als Trauzeuge bei der Hochzeit seines Cousins Henry Willerby mit der reizenden Jane Hurstly Smith in der Kirche St. Mary eine sehr gute Figur machte - siehe Seite 7. Als ich nach dem Spiel zu Dolly ging, fand ich sie weinend vor. Sie zwängte sich wieder in ihren schmalen Rock, zog dann ihren Trenchcoat über und sagte: ,Sieben zu null ist so beschämend.'"

Was geschähe heute, wenn die Redaktionen die Kreisklasse aus dem Getto des Lokalsports befreiten und im Triggerschen Stil darüber schrieben, so dass es nicht nur der Platzwart und Vorsitzende lesen: Gehobener Klatsch und Verbeugung vor dem Leben im Dorf?

Als die Kreisklassen-Fußballer Spiel um Spiel gewinnen, werden sie zum Objekt der landesweiten Presse, die - wie die Times -  nur "in Ermangelung einer aktuellen Wirtschaftskrise" Leserbriefe  druckt "statt wie gewöhnlich profilierungssüchtige Politiker zu Wort kommen zu lassen". Der Vorstand der Sindersby Wanderes schottet sich ab von der "Meute der Zeitungsleute", all dem "medialen Geheul" und diesem "ewigen Hickhack mit der Presse". So bleiben die auswärtigen Reporter vor einem Pokalspiel im Matsch stecken - bis auf einen, der am Vortag angereist war: "Er galt als jemand, der gut mit kleinen Leuten konnte." Aber Schreiben war offenbar nicht seine Leidenschaft:

"Es gelang dem Reporter, bis auf Sid Swift jeden Namen falsch zu schreiben, doch für Ärger sorgte das nicht, weil bis auf Alex und Giles niemand die anspruchsvollen Sonntagszeitungen  las; der Rest konsumierter die wichtigsten Neuigkeiten lieber garniert mit einer Soße aus blutigen Morden und den sexuellen Abarten der sogenannten besseren Leute."

Zum Höhepunkt des Romans wird nicht der Sieges-Bericht aus dem Wembley-Stadion, sondern das Interview von Mister Fangfoss mit dem TV-Starreporter aus London. Mister Fangfoss ist der Vereinsvorsitzende, ein Patriarch, der - spielte die Handlung heute - in Deutschland ein unerbittlicher Anhänger der AfD wäre.

Sein Medien-Gegenspieler heißt Bellman, ist ein Wichtigtuer, den sogar der Premierminister hofiert:

"Dieser Superheld war gefürchtet wegen seiner Masche, seine Opfer zuerst dazu zu verführen, sich selbst in höchsten Tönen zu loben, um sie dann mit den heikelsten Fragen zu bombardieren und bloßzustellen. Und wenn der jeweilige arme Tropf, nachdem er sich im besten Fall wie ein Trottel und im schlimmsten wie ein Schurke hatte darstellen lassen, noch den Mut aufbrachte einzuwenden: ,So habe ich es nicht gemeint...', donnerte Bellman: 'Mit Verlaub, WIE HABEN SIE ES DANN GEMEINT!?'"

Kann man den Boulevard besser beschreiben: Wer mit uns den Aufzug nach oben nimmt, fährt mit uns auch wieder runter?

Das Interview zwischen dem starrköpfigen Land-Patriarchen, der keine Regeln der Medienwelt kennt, geschweige denn befolgt, und dem hochnäsigen Journalisten, der die Welt und seine Zuschauer verachtet - die Schilderung dieses Interviews ist allein schon die Lektüre des Buches wert. Es endet, wie wenige Tage später das Pokalfinale, mit einem Sieg der Provinz.

"Nun hören Sie mal gut zu, Sie unverschämter Kerl!" Mit einem Monolog von Mr. Fangfoss endet das Interview. "Ich zähle nicht zu den Leuten, die sich öffentlich zum Affen machen, oder den Politikern, die lächelnd Ihre schleimigen Spötteleien über sich ergehen lassen... Und jetzt will ich, dass wir die Sendung abbrechen."

J.L. Carr hat ein wundersames Buch geschrieben, ironisch, aber nicht spöttisch, klug, aber nicht arrogant, unterhaltsam, aber nicht seicht: Eine Liebeserklärung an die Provinz, den Kreisklassen-Fußball, mehr oder weniger verschrobene Menschen und an eine Lokalreporterin, die die Menschen mag und zu ihnen geht. Dass das Buch schon vor vierzig Jahren erschienen ist, erhöht sogar den Reiz: Es ist ein Ausflug in die gute alte Fußball- und Medienwelt, als alles noch analog war und selbstverständlich.

Der Autor

Paul-Josef Raue hat viele Jahre in Castrop-Rauxel Fußball gespielt, war Trainer und pfiff als Schiedsrichter einige hundert Spiele.  35 Jahre lang war er Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, wo er die erste deutsch-deutsche Zeitung gegründet hat. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und unterrichtet an Hochschulen.

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