Kurt W. Zimmermann: "Der auffallendste Aspekt der 'Republik' ist ihr aggressiver Überlegenheitsanspruch"

01.08.2017
 

Die "Republik" bietet eine Premiere der besonderen Art. Noch nie ist ein neues Medienprojekt mit einer derart aufgeladenen Attacke gegen die bestehenden Medien gestartet. Kurt W. Zimmermann, Chefredakteur des "Schweizer Journalist", findet dies allenfalls als Marketingstrategie klug.

Das erste Mal erlebte ich journalistische Euphorie im Frühjahr 1977. Die Migros startete ihr Boulevardblatt "Tat". Es sollte eine konsumentennahe Konkurrenz zum dominierenden "Blick" werden. Die Schweizer Journalisten waren elektrisiert. Hunderte meldeten sich, um beim Projekt mitzutun. 50 wurden angestellt. Es waren viele Namen darunter, die später Mediengeschichte machten, beispielsweise Roger Schawinski, Urs P. Gasche, Paul Stierli, Fredy Hämmerli, Carli Just, René Schuhmacher, Hanspeter Bürgin, Christoph Grenacher. Ich war beim Blatt Inlandredaktor.

Das zweite Mal erlebte ich journalistische Euphorie im Frühjahr 1995. Tamedia startete ihr Nachrichtenmagazin "Facts". Es sollte das erste Newsmagazin der Schweiz werden.

Wieder waren die Journalisten elektrisiert. Wieder meldeten sich Hunderte, um beim Projekt mitzutun. 70 wurden angestellt. Erneut waren viele Namen darunter, die später Mediengeschichte machten, beispielsweise Jürg Wildberger, René Lüchinger, Res Strehle, Urs Paul Engeler, Catherine Duttweiler, Andreas Dietrich, Daniel Dunkel, Urs Weber, Stefan Barmettler, Markus Schneider, Walter de Gregorio. Ich war Herausgeber des Blatts.

Die "Tat" überlebte 16 Monate, "Facts" überlebte zwölf Jahre. Aber kein Journalist, der am Anfang dabei war, hat das jemals bereut. Beim Start eines neuen publizistischen Angebots mitzutun, ist die beste Zeit, die ein Journalist im Leben haben kann. Man versucht, gemeinsam den Journalismus neu zu erfinden, man testet neue Konzepte und Ideen, man geht Risiken ein, macht Fehler, man streitet sich und man feiert zusammen.

Bei der "Republik" ist die Euphorie derzeit noch eine Stufe höher. Wieder haben sich unzählige Journalisten gemeldet, die dabei sein wollen. Zehn werden angestellt. Die Euphorie ist diesmal darum noch deutlich höher, weil es sich, anders als bei "Tat" und "Facts", nicht um ein Projekt aus einem Großunternehmen handelt, sondern um so etwas wie eine Basisbewegung. Zwei unabhängige Journalisten, ohne Verlagsetagen im Rücken, haben beschlossen, den Journalismus neu zu erfinden.

Der bisher auffallendste Aspekt der "Republik" ist ihr aggressiver Überlegenheitsanspruch. Ich habe noch nie ein neues Medienprodukt gesehen, das medienpolitisch dermaßen aufgeladen war. Das Projekt startete mit einem massiven Dauerangriff auf die bestehende Medienindustrie und die bestehende Publizistik. Dort, so der ständige Refrain, wird nur noch gespart und vielfach nur noch flache Banalität produziert. Das ruiniert nicht nur den Journalismus, sondern gleich die Demokratie.

Die "Republik" wurde dadurch zu einem Projekt des Heimatschutzes. Sie machte sich zu einem publizistischen Rütli, zur Wiese des Widerstands, auf der die Nation aus einer schweren Bedrohungslage errettet werden muss.

Ob das sehr klug war? Ich habe meine Zweifel.

Klug war es allenfalls als Marketingstrategie. Die "Republik" surfte mit ihrer Verdammung der heutigen Verlagsbranche auf der Welle der Medienfeindlichkeit, die sich derzeit allenorts und weltweit akzentuiert. Insofern war das Medien-Bashing sinnvoll als rhetorischer Hebel zur erfolgreichen Geldbeschaffung.

Weniger klug war es, weil die "Republik" dadurch eine Erwartungshaltung in den Himmel projizierte, die sie niemals erfüllen kann. Es müssten schon unglaublich gute und hart recherchierte Storys sein, die es bis in die Nähe der Demokratierettung schaffen. Solch durchschlagende Geschichten gibt es in den gesamten Schweizer Medien vielleicht vier-, vielleicht sechsmal im Jahr.

Das Risiko, das die zwei "Republik"-Gründer eingehen, ist durch diese selbstgewählte Erlöser-Pose sehr hoch geworden. No risk, no fun, werden sich Constantin Seibt und Christof Moser sagen. Sie kennen die Gesetze unseres Gewerbes. Sie wissen nur allzu gut, wie sich die von ihnen attackierte Verlagsbranche rächen wird, wenn sie die hochgetriebenen Erwartungen nicht einlösen können. Die Häme wird ebenso gewaltig sein wie jetzt die Euphorie.

Autor: Kurt W. Zimmermann, Chefredakteur des "Schweizer Journalist"

kress.de-Tipp: Der Text ist das Editorial zur "Schweizer Journalist"-Ausgabe 6/7 2017 (erschienen im Juni 2017), die sich in ihrer Titelgeschichte "Journalisten als Verleger" mit der "Republik" beschäftigt. Die "SJ"-Ausgabe gibt es gedruckt und als E-Paper. Der "Schweizer Journalist" (Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

kresstour-Tipp: Publishing Schweiz 2017 - Das Land der Erfinder (vom 21. bis 22. September 2017 in Zürich). Abseits der deutschen Medienzentren tüfteln Führungskräfte der Szene in Zürich an Konzepten für den Journalismus von morgen. In einigen Bereichen sind die Schweizer inzwischen führend. So zählt Ringier mit seiner Videostrategie und dem Einsatz von Virtual Reality zu den dominierenden Häusern in Europa. Tamedia gibt mit der Pendlermarke "20 Minuten" einen der weltweit erfolgreichsten Titel heraus. Und die NZZ-Gruppe steigerte zuletzt ihre Paid-Content Erlöse. Besuchen Sie mit der kresstour die Köpfe hinter den erfolgreichsten Konzepten des Nachbarlandes und informieren Sie sich aus erster Hand. 

Zusätzlich sind wir bei den spannendsten Content Start-Ups des Landes zu Gast. So erklärt "Republik"-Macher Constantin Seibt, wie er in kürzester Zeit fast 14.000 Menschen für ein Produkt begeisterte, das es noch gar nicht gibt. Dazu geben die CEOs von Watson, LikeMag und Scope Content Einblicke in ihr Geschäft mit neuen Zielgruppen.

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