Was läuft inhaltlich bei dem Schweizer Medienprojekt? "Die 'Republik' wird keine linke Zeitung"

02.08.2017
 

"Ich glaube, ich werde mich neu erfinden müssen", sagt "Republik"-Gründervater Constantin Seibt, wenn man ihn auf seine künftigen Themen anspricht. Wenn man die letzten Artikel hernimmt, die Seibt für den "Tages-Anzeiger" schrieb, ist kein inhaltliches Muster zu erkennen. Sein "Republik"-Partner Christof Moser ist der deutlich politischere Journalist. Kurt W. Zimmermann ist auf Spurensuche gegangen.  

Hat das ganze Tamtam um das digitale Magazin "Republik" auch irgendetwas mit Journalismus zu tun?

Zur Antwort ist ein Ausflug nach Wien lohnenswert. Dort fand in der letzten Maiwoche 2017 der European Newspaper Congress statt, das jährliche Spitzentreffen der europäischen Zeitungs- und Zeitschriftenbranche. Seibt präsentierte dabei seine "Republik"-Idee.

Interessant daran war zweierlei. Zuerst einmal redete Seibt nicht zu seinen bisher üblichen Lesern und Fans aus dem helvetisch-publizistischen Amateurlager, sondern er redete zu den Profis der Branche, zu Chefredakteuren und Verlagsleitern von Helsinki bis Barcelona. Zum Zweiten redete Seibt zu einem internationalen Publikum, das die monatelange Beschallung der "Republik"-Marketinglautsprecher nicht mitbekommen hatte. Seibt recyclierte routiniert seine üblichen rhetorischen Versatzstücke bis hin zur Gefährdung der Demokratie.

Die Reaktionen der Profis waren dann eher von mildem Spott durchsetzt. Für Heiterkeit sorgte vor allem, dass ausgerechnet die Schweizer, die Erfinder der Demokratie, nun diese Demokratie journalistisch retten müssten. Der Chef eines großen deutschen Verlagshauses sagte es etwas bösartig: "Dieser Seibt ist ein talentierter Waschmittelverkäufer. Den würde ich in unserer Werbeabteilung jederzeit einstellen. In unseren Redaktionen, wo es um Inhalte geht, sehe ich ihn eher weniger."

Die Einschätzung ist nicht falsch. Die "Republik" ist bisher das inhaltsleerste Projekt, das es im aktuellen Journalismus gibt.

Das kann und wird sich wahrscheinlich noch ändern. Derzeit aber ist auch die geduldigste Diskussion mit den zwei republikanischen Gründerfiguren Constantin Seibt und Christof Moser in diesem Punkt ergebnislos. Es gelingt den beiden nicht, so etwas wie ein publizistisches Konzept zu formulieren. Als konkreteste Programmpunkte kommt "kein Bullshit" (Seibt), es kommen "große Recherchen und große Geschichten" (Moser), es kommen "high-class long forms" (Seibt).

Thematisch wird die "Republik" auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fokussieren. Sport ist nicht geplant. Dominieren werden die langen Erklärstücke, die long forms, die angekündigten ein bis drei fundamentalen Texte pro Tag. Es wird daneben gelegentlich auch kurze Memos geben, etwa, wenn in Bern die Session läuft.

"Ich glaube, ich werde mich neu erfinden müssen", sagt Seibt, wenn man ihn auf seine künftigen Themen anspricht. Das ist wohl richtig. Mit jenen Artikeln, die Seibt ansonsten produzierte, ist die Demokratie mit Sicherheit nicht zu retten. Wenn man die letzten Artikel hernimmt, die Seibt für den "Tages-Anzeiger" schrieb, ist kein inhaltliches Muster zu erkennen. In der Regel sind es lockere, oft verspielte Unterhaltungstexte.

Sein letzter Artikel für sein Blatt war über den britischen Biologen David Goodall, der auch im Alter von 102 Jahren noch forschen will. Zuvor schrieb er über die chinesischen Versuche, das Sozialverhalten seiner Bürger zu kontrollieren. Davor äußerte er sich über schweizerische Tugenden wie das korrekte Anstehen an der Migros-Kasse. Davor, immerhin, ging es um Donald Trump.

Vielleicht hilft es weiter bei der Suche nach inhaltlichen Kriterien, wenn man betrachtet, was Seibts Partner Christof Moser vor seiner Kündigung bei der "Schweiz am Sonntag" geschrieben hat. Der frühere Bundeshaus­korrespondent Moser ist der deutlich politischere Journalist als Seibt.

Sein letzter Artikel im Blatt drehte sich um das europäische Datenschutzgesetz. Davor schrieb er über die Einkommen von Nationalund Ständeräten, die Regulation von Big Data und über die Verhandlungen der Schweiz mit Brüssel zur Personenfreizügigkeit.

Moser fragt bei seinen Themen nach. Im Gegensatz zu Seibt redet er mit Experten, Politikern und Verbandsvertretern, manchmal am Telefon, manchmal persönlich.

Dennoch, auch aus seinen Artikeln lässt sich nicht erschließen, wie die "Republik" inhaltlich punkten will. Moser grast die üblichen institutionellen Pflichtthemen ab, die sich identisch auch in den Politikressorts der anderenZeitungen niederschlagen. Es ist der übliche graue Sachthemen-Teppich aus der etablierten Politik. Auch das wird die Demokratie schwerlich retten.

Selbst politisch ist die "Republik" nicht leicht einzuordnen. Nach der Gründung dachte man, dass hier ein Magazin mit deutlichem Links-Drall entstehen würde. Schließlich startete Seibt bei der linken "Wochenzeitung" und verstand sich auch beim "Tages-Anzeiger" als Salon-Sozialist. Moser wiederum ist als SP-Sympathisant positioniert.

"Die 'Republik' wird keine linke Zeitung", sagt Moser inzwischen. Auch Seibt verweist auf "Nonkonformismus", der stattdessen zu pflegen sei. Ob das klug ist? Wenn neben die journalistische Verschwommenheit auch noch eine politische Unverbindlichkeit tritt, dann wäre das Projekt erst recht in der diffusen Nebelzone angekommen.

In der zweiten Jahreshälfte, so sagt das Gründerduo, soll nun das publizistische Profil der "Republik" entwickelt werden. Es ist schon einigermaßen ulkig, dass inzwischen fast 7 Millionen Franken auf dem rekordhohen Konto eines journalistischen Start-ups liegen und das Start-up dann erst beginnt, sich sein Produkt konkret zu überlegen.

Nun, womöglich ist allzu viel journalistische Vorbereitungsarbeit aber gar nicht nötig. Die Gründung der "Republik" folgte einem Drehbuch, das weniger aus der Medien- als vielmehr aus der Musikindustrie stammt. Mit Constantin Seibt wurde ein Star geschaffen und rund um den Star dann eine begeisterte Community aufgebaut. Die "Republik" kann auf eine Fangemeinde zählen, wie es sie im Schweizer Journalismus noch nie gab.

Autor: Kurt W. Zimmermann, Chefredakteur des "Schweizer Journalisten"

kress.de-Tipp: Der Text ist ein Auszug aus einer Story von Kurt W. Zimmermann über das Digitalmagazin "Republik", die in "kress pro" erschienen ist.  Die Ausgabe 5/2017 (vom Juni 2017) gibt es in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de und der "Schweizer Journalist" im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

kresstour-Tipp: Publishing Schweiz 2017 - Das Land der Erfinder (vom 21. bis 22. September 2017 in Zürich). Abseits der deutschen Medienzentren tüfteln Führungskräfte der Szene in Zürich an Konzepten für den Journalismus von morgen. In einigen Bereichen sind die Schweizer inzwischen führend. So zählt Ringier mit seiner Videostrategie und dem Einsatz von Virtual Reality zu den dominierenden Häusern in Europa. Tamedia gibt mit der Pendlermarke "20 Minuten" einen der weltweit erfolgreichsten Titel heraus. Und die NZZ-Gruppe steigerte zuletzt ihre Paid-Content Erlöse. Besuchen Sie mit der kresstour die Köpfe hinter den erfolgreichsten Konzepten des Nachbarlandes und informieren Sie sich aus erster Hand. 

Zusätzlich sind wir bei den spannendsten Content Start-Ups des Landes zu Gast. So erklärt "Republik"-Macher Constantin Seibt, wie er in kürzester Zeit fast 14.000 Menschen für ein Produkt begeisterte, das es noch gar nicht gibt. Dazu geben die CEOs von Watson, LikeMag und Scope Content Einblicke in ihr Geschäft mit neuen Zielgruppen.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.