Paul-Josef-Raue-Kolumne: Neugierde, Gaffer und Bürger-Reporter mit Smartphone

 

JOURNALISMUS! Paul-Josef Raue sieht beim Hochwasser in seiner Stadt, wie Gaffer immer dreister werden; er sieht, wie sich eine gute Idee der Medien in ihr Gegenteil kehrt: Der Bürger-Reporter mit seinem Smartphone verlangt, wie ein Journalist Zugang zu bekommen - auch für seine voyeuristische Ausflüge. Die Kolumne geht den Fragen nach: Wieviel Neugierde brauchen wir? Gibt es eine gute und eine schlechte Neugier? 

Die Lessing-Stadt Wolfenbüttel mit der weltberühmten Bibliothek ist eine dieser schönen deutschen Städte, wie sie Touristen mögen. Sie liegt am Rande des Harz, wo sich immer wieder viel Wasser sammelt, bisweilen zu viel. Als Ende Juli das Hochwasser Teile der Altstadt überflutet, sieht Bürgermeister Thomas Pink eine Frau, die auf einer Brücke, hinter einer unübersichtlichen Kurve, mit ihrem Wagen einfach stehenbleibt, aussteigt und mit ihrem Smartphone die Feuerwehr filmt. Die Reaktion des Bürgermeisters?

"Hätte ich die Frau zur Rede gestellt, wäre der Stau noch länger geworden und die Aufregung noch größer.  Zudem hatte ich genug zu tun, mich um die Evakuierung eines Seniorenstifts zu kümmern."

Solche Szene wiederholen sich, wenn Katastrophen oder Unfälle die Neugierde der Menschen befeuern; neu ist: Die Zuschauer haben mit ihren Smartphones die Technik, schnell das Hochwasser oder den Unfall nebst Opfern aufzunehmen und ebenso schnell zu verbreiten; sie werden zu Journalisten oder zumindest meinen sie, dieselben Rechte wie ein Journalist reklamieren zu dürfen. Der Bürgermeister in Wolfenbüttel ahnt, was passieren könnte, wenn er die Frau auf der Brücke am Filmen hinderte.

Als im Frühsommer in Wien eine Straßenbahn eine schwangere Frau zu Tode schleifte, stehen 250 Zuschauer um den Unfallort herum, hindern Arzt und Feuerwehr daran, der Frau zu helfen.

Die Gaffer herrschen die Retter an: "Es ist mein Recht, mich zu informieren, wo ich will." Und: "Wir sind hier nicht in der Türkei! Bei uns gibt es keine Zensur." Solche Argumente nutzen sonst Journalisten, wenn sie den Staat auffordern, er solle die von der Verfassung verbrieften Rechte einhalten. So lesen es die Leute, nicken beifällig – und fordern beim Gaffen ihr Recht ein, alles und jeden zu fotografieren. Dass auch Journalisten Regeln beachten müssen, ethische zumal, wissen sie nicht und wollen es nicht wissen.

Der Wolfenbütteler Bürgermeister rät zur Differenzierung: "Wer nur hinschaut, ist erst einmal ein Bürger, der sich dafür interessiert, was in seiner Nachbarschaft passiert. Zum Problem wird er, wenn er die Retter bei ihrer Arbeit behindert – etwa wenn bei der Evakuierung schwere Maschinen nicht mehr durchkommen und sich hundert Feuerwehrleute erst einmal Platz schaffen müssen." Aber da stehen sie, und die Maschinen kommen nur langsam voran, und die Helfer müssen sich zuerst um die Gaffer kümmern statt um das Hochwasser, die Deiche und die Sandsäcke.

Sinkt die Hemmschwelle bei den Journalisten aus dem Volk? Sind die Kinder der Medien, als Bürgerreporter aufgezogen, zu Schmuddelkindern geworden? Oder gab es solche Voyeure schon immer, aber sie fielen im Vor-Smartphone-Zeitalter keinem auf?

Im Ruhrgebiet, so berichtet die WAZ, behindern 300 Schaulustige Feuerwehr und Sanitäter nach einem schweren Unfall. Mit einem Polizeihund muss die Menge zurückgedrängt werden - begleitet von abfälligen und beleidigenden Rufen der Schaulustigen.

Vor wenigen Tagen schauen 50 Leute zu, wie ein Mann vom Hoteldach in Baden-Baden in den Tod springen will. Einige halten ihr Smartphone hoch und animieren den Mann, doch endlich zu springen. Ein Polizeisprecher wird von der Süddeutschen Zeitung zitiert: "Das hat selbst erfahrene Polizeibeamte erschaudern lassen. Es ist eine Schwelle überschritten worden, die die Vorstellungskraft übersteigt." Der Mann konnte gerettet werden.

Strafrechtlich sei da nichts zu machen, sagt die Polizei. Im Bremervörde allerdings hat Ende April das Amtsgericht einen 27 Jahre alten Mann zu vier Monaten Haft verurteilt, als er sein Recht als Gaffer handgreiflich durchsetzen wollte und einen Polizisten und einen Feuerwehrmann leicht verletzte. Die Liste der Gaffer-Geschichten ist lang und wird offenbar täglich länger.

Journalisten empören sich gerne über die Smartphone-Konkurrenz: "Schaulustige: Wenn schamlose Gaffer Leben gefährden", so die "Welt". Politiker wollen ein Gesetz verabschieden, das Gaffer zu Straftätern macht und Filmen und Fotografieren ahnden will mit einer Geldstrafe oder mit Haft bis zu zwei Jahren.

Wer in ein Wäldchen oberhalb von Wolfenbüttel geht, auf den Galgenberg, entdeckt einen Ort, wo im Mittelalter Verbrecher amtlich gerädert, geteert und erhängt wurden – zur Unterhaltung des Publikums. Die Obrigkeit wünschte die Gaffer – zur Abschreckung und zur Sicherung der Macht.

In antiken Rom durften die Bürger in den Arenen sogar über Leben und Tod abstimmen. Ob sich die Smartphone-Gaffer in Baden-Baden daran erinnerten, als sie den Mann auf dem Dach zum Sprung animieren?

Der Mensch war schon immer neugierig und wird so bleiben. Die Frage: Kann man die Neugierde verbieten?, ist eine Scheinfrage. Es geht nicht, selbst wenn die Strafen noch so hoch wären. Kann man das Wegschauen anordnen, wenn wir an einem Unfall vorbeifahren? Nein, nicht durchsetzbar. Neugierde verbieten? Der Schaden wäre zu groß. Wir wissen: Wer Volontäre einstellt, nennt als eine Voraussetzung gerne - Neugierde. Wer Gründer und Forscher für ihre Erfolge auszeichnet, preist gerne - Neugierde.

Wo ist die Grenze zwischen guter und schlechter Neugierde? Journalisten haben die Grenze selber verschoben: War es Voyeurismus, als TV-Sender in Endlos-Schleifen die Flugzeuge in die Türm fliegen ließen am 11. September? Wenn sie Bilder von Krieg, Bürgerkrieg und Gewalt in nahezu jeder Nachrichtensendung zeigen? Bilder von brennenden Bussen in Deutschland und brennenden Häusern in Südeuropa? Das Bild vom Attentäter, der den russischen Botschafter in Ankara erschossen hat, als Weltphoto des Jahres ausgezeichnet?

Das Foto zeigt den Attentäter in Siegerpose, mit hochgestrecktem Zeigefinger vor seinem Mordopfer: Die Auszeichnung führte zu ethischen Debatten um die Grenzen des Journalismus. Dürfen Journalisten wirklich alles, auch alles, was den Bürgern sonst verboten ist. War das angemessen?

Der Pressekodex untersagt eine "unangemessen sensationelle Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird". Aber, so der Einwand: Müssen Journalisten nicht zeigen, wie gewalttätig, grausam und hasserfüllt die Welt ist, insbesondere Despoten und Terroristen? Ermuntern die Bilder nicht, dafür zu sorgen, die Welt und vor allem die Mächtigen besser zu machen? Es ist die alte, wohl nie zu beantwortende Frage: Stoppen solche Bilder einen Krieg? Den Terror? Gewalt überhaupt?

Die Gaffer, die sich als Journalisten verstehen, sind weit von solchen Debatten entfernt, sie führen sie nicht, aber nutzen die Debatten zu ihrer Rechtfertigung: Die Presse ist frei, also müssen auch die Bürger frei fotografieren und filmen dürfen, wo immer es ihnen beliebt. Karl-Markus Gauss schreibt in einem Essay der Süddeutschen Zeitung.

"Wer die Gaffer im digitalen Vollzug ihrer Existenz einschränkt und ihnen das Recht streitig macht, vom zuschauenden zum fotografierenden  Gaffer zu werden, der wird sich wundern, wie viel unberechenbare Revolte in befriedeten Menschen steckt." Gauss wundert sich nur noch: "Was immer ihnen politisch zugemutet und sozial über sie verhängt wird, nur höchst selten empören sie sich noch dagegen."  

Um die Freiheit zum Gaffen kämpfen sie, als hinge das Wohl der Demokratie davon ab.

Karl-Markus Gauss empfiehlt ein Mittel gegen Gaffer, das offenbar besser wirkt als jede Strafandrohung: Werden Gaffer beim Gaffen gefilmt, hören sie sofort auf. Zurück-Filmen also! Dem Objektiv ins Auge schauen!

 

Info

Aus dem Pressekodex, Ziffer 11 Sensationsberichterstattung, Jugendschutz:

Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.

Richtlinie 11.1 – Unangemessene Darstellung: Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.

Bei der Platzierung bildlicher Darstellungen von Gewalttaten und Unglücksfällen auf Titelseiten beachtet die Presse die möglichen Wirkungen auf Kinder und Jugendliche.

Richtlinie 11.2. - Berichterstattung über Gewalttaten: Bei der Berichterstattung über Gewalttaten, auch angedrohte, wägt die Presse das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Sie berichtet über diese Vorgänge unabhängig und authentisch, lässt sich aber dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen. Sie unternimmt keine eigenmächtigen Vermittlungsversuche zwischen Verbrechern und Polizei.

Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.

Richtlinie 11.3. - Unglücksfälle und Katastrophen: Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden

Der Autor: Paul-Josef Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, wo er die erste deutsch-deutsche Zeitung gegründet hat. Auf kress.de erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und unterrichtet an Hochschulen.

Ihre Kommentare
Kopf
H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

08.08.2017
!

Sehr geehrter Herr Raue,
aus meiner Sicht handelt es sich bei diesen Menschen nicht um "Kämpfer für ihr Recht auf....., sondern um die sichtbaren Erscheinungsformen der "fortschreitenden EROSION der staatlichen Ordnung" oder anders formuliert:
"Der NATURZUSTAND steht eben NICHT am ANFANG, sondern am ENDE der BÜRGERLICHEN GESELLSCHAFT".
(siehe dazu auch O. Spengler/ R.Sieferle/ Prof. David Engels u.a.)
H. Georg Eiker


Dieter Mohn

08.08.2017
!

Es gibt Situationen dann kann man nicht weg sehen. Es dann aber die Opfer zu filmen und ins Netz zustellen ist pervers. Hohe Strafen für Gaffer? Wir verfolgen einen anderen Ansatz. Informationen finden Sie hier: www.gafferwand.de


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