DJV-Vorsitzender Frank Überall: "Wir müssen aus dem Diesel-Skandal lernen"

 

Der Diesel-Skandal ist nicht alleine ein Problem der Autobranche, sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Frank Überall. Im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük ruft Überall dazu auf, journalistische Rahmenbedingungen zum Beispiel beim Schutz von Whistleblowern zu verbessern.

kress.de: Herr Überall, haben die Journalistinnen und Journalisten in Deutschland den Diesel- und Kartell-Skandal verschlafen?

Frank Überall: Ich denke nicht. Immerhin war es das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", das die Hintergründe dieses Falls ausführlich aufgedeckt hat. Das war eine enorme investigative Leistung. Ich beschäftige mich als Journalist und Wissenschaftler ja seit vielen Jahren mit Korruptionsfällen. Das, was jetzt als Verdacht in der Autobranche im Raum steht, habe ich mir so aber auch nicht vorstellen können.

kress.de: Aber viele Jahre sind die mutmaßlichen Absprachen doch geheim geblieben. Warum wurde darüber nicht berichtet?

Frank Überall: Journalisten können nur über das berichten, was sie erfahren. Das Kartell des Schweigens hat in der Automobilindustrie etwa ein Jahrzehnt lang funktioniert. In dieser Zeit ist nichts, aber auch gar nichts nach außen gedrungen. Darüber hinaus gilt aber: Die gesetzliche Lage von Whistleblowern ist prekär. Spätestens der Diesel-Skandal muss der Politik vor Augen führen, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht. Wir müssen aus diesem Skandal endlich lernen!

kress.de: Was fordern Sie konkret?

Frank Überall: : Um interne Missstände - nicht nur - in der Autobranche aufzudecken, sind Journalistinnen und Journalisten auf Insider angewiesen, die ihnen Informationen geben, so genannte Whistleblower. Die sind nach dem Gesetz in Deutschland aber nicht so geschützt, wie es internationaler Standard ist. Besonders bedauerlich ist, dass die Große Koalition in ihrem Koalitionsvertrag für die jetzt zu Ende gehende Legislaturperiode einen verbesserten Schutz für Whistleblower festgeschrieben hatte - leider ist das aber nicht umgesetzt worden. Wer auch immer nach der Bundestagswahl regiert, sollte das auf dem Plan haben: Der DJV wird da weiter Druck machen!

kress.de: Könnte es nicht auch sein, dass Journalistinnen und Journalisten angesichts der wirtschaftlichen und politischen Macht der Autokonzerne eingeschüchtert sind?

Frank Überall: Nennen wir doch das Kind beim Namen: Automobilkonzerne sind finanzstarke und wichtige Anzeigenkunden der Medien. Bei kritischen Berichten sind nicht nur die Rechtsabteilungen der Unternehmen hellwach, sondern auch die Anzeigenabteilung aus dem eigenen Verlag oder Sender. Aber das kann doch nur heißen, dass die Recherche wasserdicht sein muss, bevor veröffentlicht wird. Das ist kein Hinderungsgrund für Berichterstattung - darf es auch nicht sein, sondern Ansporn, besonders sorgfältig zu arbeiten. Inzwischen wird übrigens auch in den meisten Medien transparent gemacht, wenn beispielsweise Reporterinnen und Reporter zur Vorstellung eines neuen Automodells von den Unternehmens ins Ausland eingeladen wurden - diesem Vorbild sollten alle Medien konsequent folgen, um auch vage Verdachtsmomente einer zu großen Nähe auszuräumen.

Die Fragen an Frank Überall, Professor in Köln und Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, stellte kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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