Alf Frommer über schwarzen Humor im Journalismus: "Eilmeldung - kress.de wird eingestellt"

13.08.2017
 
 

Keine Angst: ich habe die Redaktion von kress.de nicht übernommen (noch nicht!). Sie werden ihren Lieblings-Branchendienst also weiter genießen dürfen. Nicht ganz so harmonisch gelang die Übernahme des Twitter-Accounts vom "Zeit Magazin" durch den Satiriker Leo G. Fischer. Warum eigentlich? Eine Einordnung von Alf Frommer.

Wenn man heute durch die immer überaus gut gelaunten Timelines der Sozialen Medien scrollt oder so was komplett verrücktes macht, wie eine Zeitung zu lesen, dann wird es immer schwerer, Satire von Nachrichten zu unterscheiden. Zu oft überschneiden sich die beiden journalistischen Stilmittel in letzter Zeit und sind kaum noch zu unterscheiden. Was im Weißen Haus geschieht, hat ja durchaus das Zeug zu einer politischen Soap Opera. Von durchgeknallten Trump-Tweets über ständige Mitarbeiter-Wechsel bis zu einer Art Parallel-Realität, in der alles am Schnürchen läuft, während in Wahrheit das Chaos regiert.

In Deutschland wird gleichzeitig ein politisches Kabarett Namens "Diesel-Gipfel" aufgeführt, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Da stehen dann hilflose Ministerpräsidenten herum, denen man selbst gerne ein Software-Update wünschen würde. Überhaupt: satirische Fake-News machte das Zentralorgan der Digital-Satire "Der Postillon" hoffähig für "Spiegel", "FAZ" und Co. Ernsthafter Journalismus insgesamt war noch nie so satirisch wie heute.

Vielleicht war dies der Grund, dass in der vergangenen Woche der ehemalige "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer den Twitter-Account des "Zeit Magazins" übernahm. Wenn eh vieles satirisch eingefärbt ist, warum nicht richtig? Auf den ersten Blick eine traumhafte Kombination. Auf der einen Seite eine betucht-aufgeklärte Semi-Hipster-Publikation mit dem - nach eigener Ansicht - richtigen Weltbild, auf der anderen der letzte wirkliche Freigeist der politischen Satire: für die Leute, denen Jan Böhmermann zu butterweich ist. Der Roberto Blanco des schwarzen Humors. Genau das ist Leo Fischer: ein Nihilist der besten Sorte, der keine Freunde kennt, außer die anderen Mitglieder im Kurt-Tucholsky-Club - und außer dem guten alten Kurt gibt es da in Deutschland eigentlich keinen. Es hätte alles so schön sein können, wie eine vollkommen entspannte Talk-Runde mit Jutta Ditfurth und Wolfgang Bosbach. Hätte.

Leo Fischer aber kennt keine Verbündeten, keine Brüder im Halbgeiste oder braucht Raum für Echokammerspiele. Leo Fischer ist sich selbst genug. Er will niemandem gefallen. So nahm er die Leserschaft des "Zeit Magazins" auf die Schippe, indem er fragte, welche Luxus-Uhren die schlechtesten sind. Also ich persönlich würde mir nach seiner Umfrage keine Breitling mehr kaufen - absoluter Billigkram. Da meinte die Redaktion des Magazins noch "das Satire alles darf" (der vielleicht ausgelutschteste Satz, den es heute gibt).

Das änderte sich schnell. Sehr schnell. Sogar noch schneller, als Trump seine Meinungen ändert. Also sehr, sehr schnell. Erst verkündete Fischer den Tod von Mehmet Scholl und dann einen Angriff auf Nordkorea. Da war selbst für den Kim Jong Un des "Zeit Magazins" - Christoph Amend - Schluss mit lustig. Das Experiment mit dem Satiriker wurde beendet.

Denn gemeinhin gilt: Satire darf alles, solange man nicht selbst Opfer der Satire wird. Zum Beispiel finden AfD-Anhänger bestimmt, dass es von der Kunstfreiheit gedeckt ist, wenn man Erdogan als "Ziegenficker" in einem Schmähgedicht bezeichnet. Die gleichen Leute rufen aber nach dem Richter, wenn man ihre Spitzenkandidatin satirisch als "Nazischlampe" tituliert.

Ich meine: Satire darf nicht allen gefallen. Sonst ist sie keine. Sie muss weh tun (nur mir nicht!) und Grenzen überschreiten. Vor allen die des guten Geschmacks. Genau das hat Leo Fischer getan.

Zudem hat er den Machern des "Zeit Magazins" und ihren Lesern einen Spiegel vorgehalten: diese finden sich weltoffen und tolerant, aber wenn in Hamburg beim G20 Summit Autos brennen entzündet sich daran der bildungsbürgerliche Kleingeist, der zwischen Porsche Cayenne und Privat-Kindergarten mäandert (mit Breitling am Arm). Überraschend ist eher, dass beim "Zeit Magazin" niemand damit gerechnet hat. Vielleicht, weil man denkt, dass man gemeinsam auf der richtigen Seite steht und ein Satiriker das akzeptiert.

In solchen Dimensionen dürfen wahre Satiriker aber nicht denken.

Schwarzer Humor, dies ist der weiße Sandstrand auf den man sich als Journalist flüchtet, wenn die Realsatire Namens Trump, Orban oder VW wieder zu wirklich war. Hier erholt man sich, wenn die Meldungen "Titanic"-Niveau bekommen, aber in der "Süddeutschen Zeitung" stehen. Apropos Realsatire: als einer der ersten beschwerte sich "Bild"-Über-Chef Julian Reichelt über die Tweets von Leo Fischer. Sie wissen: der Mann, der sich mit einer IS-Flagge in den Räumen des Springer-Hochhauses abbilden ließ und stolz verkündete, dass "Bild" diese Flagge in Mossul erbeutet hatte. Was wiederum die Frage aufwirft, wann das Boulevard-Blatt Bodentruppen in Nordkorea einsetzt - oder in den Räumen der Titanic. Ehrlich gesagt: ich halte heute nichts für unmöglich.

Autor: Alf Frommer

Was Sagen Sie? Hat Alf Frommer recht? Widerworte gerne per Email an chefredaktion@newsroom.de.

 

Ihre Kommentare
Kopf

Joachim Datko

13.08.2017
!

Zitat: "Denn gemeinhin gilt: Satire darf alles, solange man nicht selbst Opfer der Satire wird."

Satire sollte nicht dazu dienen zu diffamieren und/oder vulgär sein. Habe ich recht?


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