Sommer-Lektüre-Tipp (3): Wie kann der Journalismus die Demokratie sichern?

 

"JOURNALISMUS!" Wer den Journalismus rettet, der rettet die Demokratie, ist die These dieser Paul-Josef-Raue-Kolumne. Denn Journalismus ist auch in Deutschland in Gefahr - weniger durch den Staat als durch den Leser, das Internet, den Journalisten und durch wen oder was auch immer. Ihm geht jedenfalls das Geld aus: Die politische Debatte darüber ist nie so recht in Schwung gekommen und dürfte auch im gerade eröffneten Wahlkampf keine Rolle spielen. Warum bedrängen Journalisten eigentlich die Wahlkämpfer nicht mit Fragen nach der Zukunft des unabhängigen Journalismus? Das Buch "Medien und Journalismus 2030" liefert dazu Analysen, Streit und Lösungen. Das ist unser dritter Sommer-Lektüre-Tipp.

Ein Drittel weniger Zeitungen als vor fünfzehn Jahren verkaufen die Verlage, berichtet Marc Jan Eumann gleich zu Beginn seines Buchs und folgert: Einige Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr. "Mehr Verbreitungswege, mehr Plattformen: Die mediale Welt wird gleichzeitig vielfältiger und unübersichtlicher. Die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten haben oft nur noch wenig mit denen von vor zehn oder zwanzig Jahren zu tun." Das ist die Diagnose. Und was ist die Therapie?

Eine Lösung bieten einige der 29 Autoren von "Medien und Journalismus 2010" an,  manche bleiben in der Analyse stecken, manche gefallen sich im Lamentieren, einer fühlt sich wohl im reinen Optimismus. Den meisten ist aber klar: Es geht um unsere Demokratie, um das Wertvollste, was unsere Gesellschaft besitzt und was sie nie verlieren darf - und somit geht es um den unabhängigen Journalismus, der die Demokratie stützt, fördert und kontrolliert. Dass sich die Autoren auf Perspektiven für NRW konzentrieren, ist unerheblich: Analysen und Lösungen gelten für das größte Bundesland ebenso wie für die gesamte Republik.

Die Verleger stellen heraus, dass Journalismus und Geld mehr miteinander zu tun haben, als Generationen von Journalisten in den goldenen Zeiten glaubten. "Politiker müssen  die Bedingungen für professionellen Journalismus im Fokus behalten", fordert NRW-Zeitungsverleger-Vorsitzender Christian DuMont Schütte, in dessen Konzern der "Kölner Stadt-Anzeiger" erscheint. Das gesellschaftliche Zusammenleben werde negativ betroffen sein, wenn Journalismus immer weniger professionell und immer seltener von unabhängigen, freien Unternehmern finanziert werde.

DuMont Schütte nennt die Feinde des Journalismus: Facebook, der neue Grosso, und Google, die Dominanz des Marktes - und die EU-Kommission, die diskutiert, aber nicht entscheidet. Die Lösung, die der Verleger fordert: Ein stärkeres Kartellrecht und nationale Alleingänge, wenn Brüssel weiter schläft.

Ein anderer Großer im Mediengeschäft, Funke-Geschäftsführer Manfred Braun, ist der einzige Optimist, ein unerschütterlicher. "Die Deutschen lieben Zeitschriften!", ist seine Analyse für die Magazin-Branche. Zwei Drittel der Verleger beispielsweise planten neue Titel - kurzum: "Alles Gründe, um zuversichtlich in die Zukunft zu schauen."

Diesen Optimismus teilen die nicht, die sich um den unabhängigen Journalismus in den Zeitungen sorgen. Es gehe immerhin um die Freiheit der Meinung und die Achtung der Wahrheit, es gehe um den informierten und selbstbewussten Bürger, es gehe um unsere Zukunft.

Dass unsere Demokratie exzellente Journalisten braucht, zieht sich wie ein roter Faden durch viele Beiträge. "Qualifizierter Journalismus ist die Firewall einer freien Gesellschaft", zeichnet der "Neue Westfälische"-Manager und frühere Journalist Klaus Schrotthofer ein kräftiges Bild, das bei Pegida-Spaziergängen mit Spott überzogen würde. Es ist erstaunlich, dass das Zerrbild "Lügenpresse" öffentlich intensiver debattiert wird als die wirklichen Probleme. Die zählte Herausgeber Marc Jan Eumann schon vor sechs Jahren in seinem Buch "Journalismus am Abgrund" auf: Wie können wir Öffentlichkeit, Vielfalt und damit Demokratie finanzieren und sichern?

Dass "Lügenpresse" lauter diskutiert wird als die Leistung des seriösen Journalismus, ist auch Schuld der Journalisten, die das Pegida-Thema immer wieder spielen und so zum Lautsprecher der Demagogen werden. Dabei lassen sich die meisten Bürger nicht beirren und vertrauen den Journalisten, wie eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 2016, auf dem Höhepunkt der Lügenpresse-Kampagne, zeigte:

Die Lokalzeitung ist das Medium des Vertrauens. Auf einer Thermometer-Skala - von plus 5 für exzellent bis minus 5 für katastrophal - liegt sie bei plus 2,4 und die sozialen Netzwerke im Frostbereich bei minus 1,5. Bei den Jüngeren, den digitalen Ureinwohnern, schneiden die seriösen Medien noch besser ab und die sozialen Netzwerke ähnlich schlecht. Das Vertrauen der Bürger ist da - noch.

Dass bei den Bürgern die Lokalzeitung am besten abschneidet, korrespondiert der großen Sorge, die in einigen Beiträgen thematisiert wird - am radikalsten bei Ex-"WAZ"-Lokalredakteur Günter Mydlak: "Die Rahmenbedingungen für Lokaljournalismus hergebrachter Prägung sind kaputt." Dabei sind in NRW die Rahmenbedingungen noch vergleichsweise komfortabel im Vergleich zum Osten und zu wirtschaftlich schwachen Regionen: Dort hat ein Redakteur, der für ein riesiges Gebiet zuständig ist, keine Zeit mehr, den Bürgermeister und Landrat zu kontrollieren.

Gibt es Alternativen für den Bürger, wenn Lokalredaktionen immer kleiner werden oder völlig verschwinden? Stiftungen, Non-Profit-Unternehmen, Genossenschaften, Crowd-Funding  - das sind einige der Modelle, von denen die Autoren berichten. Wer meint, es sei kinderleicht, als Laie eine lokale Debatte im Netz zu organisieren, der lese den Beitrag von Konrad Lischka, Projektmanager bei der Bertelsmann-Stiftung, über die digitale Demokratie im Lokalen: Wo findet einer, der die Flüchtlings-Initiative gründen will, eine leicht zu bedienende Software, eine schnelle Schulung?

Oder er lese den Artikel von Verena Schmidt-Völlmecke, wissenschaftliche Mitarbeiterin der SPD-Fraktion in NRW,  über ein vermeintliches Randthema: Die Gemeinnützigkeit. Sie hat bis in Details recherchiert, wie der Staat Felsbrocken in den Weg legt, und kommt zu dem Schluss: "Im Sinne der Meinungsvielfalt und der vielen großen und kleinen Initiativen ist es an der Zeit, politisch ein Zeichen zu setzen."  Die Autoren sind sich allerdings einig: Gemeinnütziger Journalismus wird niemals den traditionellen Journalismus ersetzen können.

Also: Wie bleibt Journalismus stark und unabhängig? Wie wird er ausreichend finanziert?

"Die größte Schwäche der aktuellen Debatte um die Zukunft der Journalismus-Finanzierung ist ihr Mangel an Radikalität", schreibt Christian Humborg, Finanzchef von Wikimedia Deutschland. Ein "weiter so" könne es nicht geben, sondern nur radikale Innovationen.  Aber das Tempo der Veränderung in den Organisationen halte überhaupt nicht Schritt mit dem Tempo der Veränderung in der Welt. Humborg beklagt wie auch andere Autoren: Auf lokaler Ebene bestehen die größten Sorgen, was unabhängige Berichterstattung angeht.

Und er macht sich, wohl zu Recht, ein wenig lustig über Stiftungen, die dem Journalismus helfen, ihn vielleicht sogar retten wollen: "Ich bin verblüfft, wenn ich sehe, wieviel Geld Stiftungen zur Produktion von Studien stecken und wie wenig in journalistische Recherchen. Eine gute Studie ist teuer, wird bei einer Pressekonferenz vorgestellt und dann erfreut man sich an zwei Schnipseln des Pressespiegels."

Radikale Positionen, wie Journalismus zu finanzieren sei, fordern auch die Herausgeber Marc Jan Eumann und Alexander Vogt - und sie denken dabei wohl durchaus auch an den Staat. "Die Skepsis, die derartigen Überlegungen nicht nur aus journalistischen Kreisen teilweise entgegen gebracht wird, ist groß. Das ist verständlich. Gleichwohl sollte es hier keine Tabus geben."  Denn wenn wir diesem Streit aus dem Weg gehen: "Dann verlieren wir vielleicht alles, was uns heute als offene, demokratische Gesellschaft auszeichnet und wichtig ist."

Es wird Streit geben, und es muss ihn geben, um eine wirksame Debatte über die Zukunft des Journalismus in Schwung zu bringen. In einigen Beiträgen wird er schon heftig, gleichwohl gehen alle von einer Überzeugung aus, wie sie Nico Lumma, Kolumnist bei Bild.de, skizziert:

"Journalismus hat eine goldene Zukunft, denn nie zuvor war es so einfach, Menschen mit den unterschiedlichsten Erzählformaten zu erreichen. Die Möglichkeiten journalistischer Darreichungsformen sind schier unendlich, wobei die Erlössäulen des Journalismus einer dauerhafte Herausforderung der nächsten Jahre bleiben werden."

Ein gepfefferter Streit über den Journalismus gehört zur Demokratie. Denn wer den Journalismus retten will, der - es sei wiederholt - der rettet die Demokratie. Wir schauen mehr in die Türkei und nach Polen, wir sind irritiert über die Welt, wenn wir die Rangliste der Pressefreiheit lesen, aber wir kümmern uns zu wenig um unser eigenes Land und unsere Gesellschaft.

Im letzten Beitrag antwortet der freie Journalist Hans Hoff einem jungen Menschen, der fragt, ob er es mit dem Journalismus versuchen solle: "Lass das mit dem Journalismus, es sei denn, du stellst Haltung und Engagement, Herzblut und Leidenschaft, Wollen und Wissen über alles. Wenn du das alles weißt, wenn du das alles bedacht hast, dann werde meinetwegen Journalist. Aber komm hinterher nicht und behaupte, ich hätte dich nicht gewarnt."

Also: Wir brauchen Lösungen. Die Wirklichkeit wartet nicht.

Info

Eine Auswahl der Autoren und Beiträge:

  • Das Buch: Ein menschengemachtes Medium - von Hermann-Josef Emons

  • Perspektiven für den lokalen Hörfunk in NRW 2030 - von Ingo Tölle

  • Lokale Nachrichtenportale ,  ein Beispiel - von Günter Mydlak

  • Mosaiksteine der lokalen Vielfalt - von Ulrike Kaiser  

  • Lokaljournalismus hat Zukunft - von Simone Jost-Westendorf

  • Qualitätssicherung - Finanzierung von Journalistinnen und Journalisten - von Frank Überall

  • Keine Umarmung des Digitalen -  Digitale Zukunft und Journalistenausbildung - von Thomas Müller

  • Vielfältige und unabhängige Medien - Rahmenbedingungen für funktionierenden Journalismus - von Cornelia Haß

  • Geld aus dem Schwarm - Alternative Finanzierungsmodelle - von René Schneider

  • Aufdecken - Chancen des gemeinnützigen Journalismus - von Thomas Schnedler

  • WDR 2030 - Vielfältige Herausforderungen - von Tom Buhrow  

  • Übergänge - Vorschläge für neue Geschäftsmodelle - von Peter Pohl

  • Gefälschte Wahrheiten -  Wie Fake News und Desinformation die Basis der Demokratie bedrohen - von Ulli Tückmantel

  • Bürgerjournalismus und Verantwortung in der redaktionellen Gesellschaft - von Christoph Bieber

Der Autor

Paul-Josef Raue ist Herausgeber der "Bibliothek des Journalismus" im Klartext-Verlag. Für diese Kolumne hat er sein Vorwort des Eumann-Buchs überarbeitet und deutlich erweitert. Raue gibt zusammen mit Wolf Schneider das Standwerk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren im Rowohlt-Verlag erscheint. 35 Jahre lang war er  Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main, Marburg und Eisenach, wo er die erste deutsch-deutsche Zeitung gegründet hat. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen, speziell Lokalredaktionen, und unterrichtet an Hochschulen.

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