Weil die Redaktion sich ändern muss: Sechs Vorschläge für eine andere Medienwelt

18.08.2017
 
 

Thomas Knüwer hat wenig Hoffnung, dass ein Großteil der Redaktionen großer Medienhäuser sich in der ihnen noch verbleibenden Zeit so drastisch wandelt, wie es nötig wäre, um zu überleben. Trotzdem liefert er Denkanstöße, was Redaktionen in diesen Tagen ändern sollten.

Es gibt ja diese Phasen, in denen verschiedene Menschen innerhalb eines Themenfeldes über die gleichen Themen nachdenken. Derzeit scheint solch eine Situation im Bereich der Medienwelt erreicht, denn derzeit taucht fast täglich eine längere Abhandlung über den nötigen Wandel in meinem Nachrichtenstrom auf. Jeff Jarvis hat zum Beispiel einen langen Text darüber veröffentlicht, wie er ein Zeitungshaus führen würde, Francois Filloux fordert von der "New York Times" zwei gewichtige Schritte, Christian Jakubetz hat sich eine Verlagsstudie von PwC angeschaut und Tim Cole fragte jüngst "Wozu sind Verlage gut?" Derweil liefern sich Chris Moran vom "Guardian" und Franklin Foer vom "Atlantic" eine lesenwerte Debatte über die Bedeutung von Daten für den Journalismus.  

Warum ist derzeit so viel Gewese um diesen Bereich? Gefühlt, weil sich in den vergangenen Monaten zumindest in dem Teil der Medienwelt, der zu meiner Filterblase gehört, ein paar Dinge verändert.

a) Die Stimmung in Redaktionen ist an einem neuen Tiefpunkt 

Eine gehörige Zahl von Redakteuren, mit denen ich seit Jahren über digitale Themen streite, zucken nur noch mit den Schultern. Statt darüber zu streiten ob und wie sich mit Journalismus im Internet Geld verdienen lässt, demonstrieren sie Fatalismus. Quer über mehrere Verlagskonzerne berichten sie von despotischen Vorgesetzten, die Mitarbeiter weg haben wollen - und weil das Geld für Abfindungen nicht mehr da ist werden Mittel eingesetzt, die mit Mobbing beschrieben werden dürfen. Vielleicht sollten Mediendienste mal die aktuellen Impressa mit jenen von vor 2 Jahren vergleichen: Es könnte Erschreckendes zu entdeckten geben. Selbst jene Redakteure, die davon nicht betroffen sind, zeigen eine Haltung, die mit innerlicher Kündigung gleichzusetzen ist. Jene in meinem Alter rechnen schon nach, wie lang ihr Arbeitgeber noch durchhalten muss, damit sie es in eine einigermaßen gesicherte Rente schaffen: "In meinem Alter kann ich ja sonst nirgends hin."

Der auf Medien spezialisierte Personalberater Attila Albert beobachtet dies auch. Für kress.de schrieb er jüngst:

"In fast allen Redaktionen, falls es sich nicht um reine Onlinemedien handelt, sitzen heute Journalisten in einer bequemen und schwierigen Lage zugleich. Um die 50 Jahre alt, gut bezahlt durch einen Vertrag, den sie schon vor zehn oder zwanzig Jahren abgeschlossen haben und durchaus nicht nur unglücklich im Job - gleichzeitig sich aber im Klaren darüber, dass bei diesem Arbeitgeber keine große Karriere mehr kommt und das Unternehmen sie wahrscheinlich sogar loswerden möchte, da "zu teuer" oder "nicht mehr jung genug".

Die Hoffnung, dass die Zeiten wieder besser werden, haben diese Journalisten nicht mehr, für sie stagniert es seit der New-Economy-Krise von 2000 oder geht subtil abwärts, etwa durch Mehrarbeit, gekürzte Tarifzulagen, immer engere Büros. Bisher haben sie zwar jede Sparrunde überstanden, aber die Jahre vergehen. Frust und Langeweile lassen sie grübeln: Soll ich noch einmal neu anfangen, obwohl ich nicht mehr jung bin und Verpflichtungen habe - bei einem neuen Unternehmen, gar in einer neuen Branche?"

b) Neuere Medienmarken tauchen häufiger in meinem Nachrichtenkonsum auf

Als Daniel Drepper zum Chefredakteur von Buzzfeed wurde, hatte ich erwartet, dass Buzzfeed Deutschland eine größere Rolle in meinem persönlichen Nachrichtenfeed spielen würde. Doch so schnell? Das hat mich doch überrascht. Gefühlt taucht jede Woche eine Exklusivgeschichte aus diesem Hause auf, die ich spannend finde. Ganz ähnlich bei Vice Deutschland: Hier sind es weniger investigative Stories als gut geschriebene Reportagen, zum Beispiel über den zweijährigen Kontakt zu einem Online-Dealer.

c) Ich gebe mehr Geld für journalistische Inhalte aus

Auch weiterhin ist es mir ein Rätsel, warum ich ein Online-Abo für eine der großen Medienmarken abschließen sollte. Zu qualitativ dünn und beliebig sind die Inhalte - und selbst Abonnenten werden beschossen mit aggressiver Onlinewerbung. Trotzdem gebe ich mehr Geld für "Content" aus, als je zuvor. Einerseits sind da natürlich Netflix, iTunes & Co. Andererseits aber auch Übermedien, der Mediendienst von Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz. Auch bei Stratechery habe ich ein Abo abgeschlossen: Ben Thompson schreibt in seinem Blog und dem Newsletter die klügsten und tiefsten Analysen, die ich zum Digital-Bereich kenne. Weiterhin bestehen dann meine iPad-Abos bei "Wired UK", "Wired USA" und "Fast Company", die Print-Abos bei "Effilée" und "Schluck". Auf der Kippe steht nur die wöchentlich schlechter werdende "FAS" sowie die "Time", da sie zum Verkauf steht und auch ein Trump-Unterstützer zu den Interessenten zählt. Ich gebe also mehr Geld für journalistische Inhalte aus, als je zuvor. Nur: Es fließt nicht an traditionsreiche Verlage, sondern an kleine Medienunternehmen.

Subjektiv gefühlt hat der Medienwandel also eine neue Ebene erreicht. Es wäre an der Zeit, Dinge in Medienhäusern und Redaktionen zu ändern. OK, diese Zeit ist natürlich seit 15 Jahren da und getan hat sich wenig. Aber hey, BER ist auch nicht in einem Jahrzehnt erbaut worden. 2008 schrieb ich mal einen Artikel mit der Überschrift "Weil der Journalist sich ändern muss". Vieles von dem, was ich dort nochmal hervorkramte, scheint mir heute noch gültig. Allerdings muss man es vielleicht anders beschreiben, damit es 9 Jahre später eventuell Gehör findet.

Hier also ein paar Denkanstöße zur Frage, was Redaktionen in diesen Tagen ändern sollten...

Aus Redakteuren Influeure machen

Viel wird derzeit debattiert über Influencer, auch weil das "Manager Magazin" ein recht unfaires Interview mit der Instagrammerin Caro Daurveröffentlichte. Einerseits ist für das Magazin alles Digitale (abgesehen vom Luft-Begriff Industrie 4.0) ohnehin das Böse. Andererseits manifestiert sich hier aber auch eine gehörige Menge Neid, die durchaus in vielen Redaktionen zu beobachten sind. Denn abgesehen von jenen Instagram-Influencern, die munter ihre Pseudo-Reichweiten fälschen, gibt es ja tatsächlich junge Menschen, die einen Einfluss auf jene ausüben, die ihnen zuschauen.

Die Rolle dieses Beeinflussers ist nicht neu. Doch wurde sie eben früher maßgeblich von Journalisten bekleidet. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Zeit, da Pit Falkenstein, der Weinkritiker des "Handelsblatt" einst Händler vorwarnen musste, die jene Weine führten, die er empfahl. Falkenstein war somit nichts anderes als ein önologischer Influencer.

Es könnte also hilfreich sein, wenn Redaktionen ihre Redakteure in einigen Feldern als Beeinflusser begriffen. Also als Menschen, deren Art, Stil, Auftreten und/oder deren inhaltliche Erzeugnisse Menschen dazu bringen, etwas zu tun oder zu kaufen oder zu denken.

Was müsste passieren, um dieser Idee zu folgen?

Zuvorderst müssten diese Redakteure überhaupt eine solche Rolle übernehmen wollen. Sie müssten aktiv im Social Web sein und mit einer bestehenden oder entstehenden Community um sich herum kommunizieren. Dies ist bereits die höchste Hürde: Denn auch im Jahr 2017 ist die Mehrzahl deutscher Redakteure gar nicht oder nur unterdurchschnittlich im Social Web aktiv und mag sich auch nicht mit debattierfreudigen Interessenten auseinandersetzen.

Wer das aber möchte, dem muss sein Arbeitgeber einen Schrebergarten schaffen. Der Influeur bekommt eigene Präsenzen und fokussiert sich zu 100% darauf, diese mit dem Themenfeld zu füllen, für das er seinen beeinflussenden Status erworben hat. Nur dort, wo die Inhalteproduktion zu viel Zeit wegnähme bekommt er Unterstützung. Beispiel Video: Wenn ein Videoformat sinnvoll ist, sollte der Influeur nicht selbst eine Kamera aufstellen und das Video schneiden müssen. Im Extremfall kann das sogar für Instagram gelten: So hat Modejournalismus-Ikone Suzy Menkes weder Selfie-Stick noch langen Arm, sondern Assistenten für ihre Instagram-Fotos. Dadurch entstehen Bilder, die authentisch und ansprechend sind. Ergebnis: ein Instagram-Kanal mit 341.000 Followern und hoher Aktivität. Übrigens hat sie auch ein Blog auf der Vogue-Homepage, einenTwitter-Account und eine Facebook-Page. Sprich: Die 73-Jährige ist einerseits eine echte Influeurin, andererseits um Dimensionen digitaler als jeder deutsche Print-Chefredakteur.

Leidenschaft statt Nachrichtenlage

Der nach meiner Meinung größte Fehler in Medien ist der alte Glaube an eine unausweichliche Nachrichtenlage, die es abzudecken gelte: Zu jedem wichtigen Thema im relevanten Teil der Welt (relevant für das Medium), muss eine Redaktion etwas schreiben. Das hat schon zu Zeiten der Zeitung skurrile Formen angenommen. War zum Beispiel kein Papierplatz mehr für eine längere Story über ein Thema, wurde es in eine nichtssagende Kurzmeldung gepresst, "dann haben wir es aber". Dieses Verhaltung befriedigte immer schon mehr die Nerven des Redakteurs, als das Wissensbedürfnis der Leser.

Mit dem Wegfall der physischen Beschränkungen durch die Geburt des Internets ist diese Haltung außer Kontrolle geraten. Denn die "Nachrichtenlage" kommt ja über Agenturmeldungen rein. Damit aber das Medium irgendetwas eigenes hat, schreiben Onlineredakteure ohne weitgehende neue Informationen die Agenturmeldungen um und knallen ihr Kürzel neben dpa, afp oder reuters. Dies ist Zeitvergeudung in den Zeiten knapper werdender Ressourcen.

Nachrichten erreichen die Menschen heute auf einer steigenden Zahl digitaler Kanäle, von Facebook über Newsletter bis zu Instagram. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Erstkontakt des Nutzers an einem beliebigen Tag auf Artikelebene erfolgt und nicht auf der Startseite des Mediums. Auch hat das Web dafür gesorgt, dass sich die Aufteilung der Zeit des Nachrichtenkonsums verändert hat. Jeder von uns interessiert sich für bestimmte Themen sehr intensiv, egal ob es ein politisches Feld ist, gewisse Aktien, ein Fußballverein oder Schminktipps. Zu jedem Themenfeld gibt es mehr Informationen als früher. Somit fließt mehr Zeit in den Konsum von Informaionen über Themengebiete, für die sich der Einzelne stark interessiert - und weniger in die "Nachrichtenlage".

Doch wofür interessieren sich die Menschen überhaupt? Das weiß kaum ein Redakteur. Stattdessen imaginieren sich alle Leserschaften, die entweder eine erstaunliche Deckungsgleichheit mit den eigenen Interessen haben oder auf zufälligen Begegnungen beruhen. Ich erinnere ich mich noch eine mir unterstellte Redakteurin, die jedes Thema, für das sie ihre Komfortzone hätte verlassen müssen ablehnte mit der Behauptung "Meine Leser interessiert das nicht" (woraufhin ein freier Autor das Thema bekam und sie weniger im Blatt stattfand).

Michael Marti, der Digitalchef des Schweizer "Tagesanzeiger" hat das in seinem Blog gnadenlos so formuliert:

"Es gibt kaum einen zweiten Berufsstand, der die Bedürfnisse seiner Zielgruppen so lange und so skrupellos ignorieren konnte wie derjenige der Journalisten.

Wen von den Schreibern interessierte es in der Print-Epoche wirklich, wie viele Leserinnen und Leser einen Zeitungsartikel lasen? Ob sie bis zum letzten Satz dranblieben - oder schon nach dem Lead absprangen? Wen hatte es zu interessieren, ob die Leser zufrieden sind und sich kompetent informiert fühlten nach der Lektüre?

Niemanden. So lange die Auflage hoch war, so lange die Inserate-Einnahmen flossen, war das alles egal. Und wenn es einer doch hätte wissen wollen, dann wären die Messungen fürchterlich kompliziert und teuer gewesen."

Die logische Folge ist für mich, jene scheinbare Vollständigkeit der Themen auch bei großen Medienseiten über Bord zu werfen. Natürlich sollten bei Spiegel & Co. viele Themen stattfinden. Doch wird eben das meiste davon absolut okayisch von Nachrichtenagenturen abgedeckt, deren Inhalte automatisiert in die Content Management Systeme fließen können.

Und die Redakteure? Die sollten sich mit den Feldern beschäftigen, in denen sie Kompetenz, Kontakte und Leidenschaft besitzen. Das Digitale Zeitalter hat in einer Fehlentwicklung dazu geführt, dass Journalisten immer stärker zwischen Themen hin- und herspringen müssen. So aber können sie kein Wissen und keine Kontakte aufbauen.

Chefredakteure sollten eine Bestandsaufnahme ihrer Mitarbeiter machen. Und dann jene fördern, die in einem Gebiet stark sind. Wer in keinem Gebiet Wissen und/oder Leidenschaft mitbringt, der ist ehrlich gesagt ein Streichkandidat oder ein Zeilenschrubber am unteren Ende der Hierarchie.

Somit entstehen weniger "eigene" Inhalte - aber bessere.

Innovationssuche wie im Content Marketing

Nur ganz selten begegnen mir Produkte aus klassischen Medienhäusern, die tatsächlich neu sind. So zum Beispiel jüngst beim Summer's Tale Open Air, wo die Zeitschrift "Walden" auslag, ein Outdoor-Magazin, bei der ich eine eher männliche Zielgruppe vermute. Zur beabsichtigten Leserschaft gehöre ich nicht, doch ist "Walden" (aus dem Hause "Geo") höchst appetitlich gemacht und strahlt eine gehobene Menge Herzblut aus.

In den allermeisten Fällen aber sind neue Zeitschriften oder Onlineangebote nur graduell veränderte Copycats vorhandener Objekte. Es gilt die Faustregel: Je mehr Adjektive die Beschreibung der potentiellen Leserschaft in der Pressemitteilung auflistet, desto unorigineller ist das Produkt.

Dabei gibt es ja nicht abgedeckte Inhaltefelder. Nur lassen die sich nicht über GFK-Studien und Sinus-Millieus finden. Verlage sollten Innovationsteams gründen, die mit dem Ansatz des Content Marketings arbeiten:

  • These aufstellen, dass ein Themengebiet interessant ist
  • Größe des Interesses über Keyword- und Google Trends-Analysen sowie Social Media Monitoring abschätzen
  • Mögliche Mitbewerber ausmachen
  • Interessen der Interessierten über die gleichen Wege tiefer analysieren
  • Redaktionskonzept erarbeiten

Vielleicht gibt es ja schon einen Verlag, der so arbeitet - ich kenne keinen.

Diese Innovationteams könnten sich auch um die Analyse der Leserdaten kümmern. Statt kurzfristig auf Klicks zu starren könnten sie mittel- bis langfristige Analysen darüber anfertigen, welche Themen, Artikelformen und Längen nicht allein Abrufe generieren, sondern auch Verweildauer und weitere Klicks auf der Seite. So gewappnet könnte die Ausrichtung eines Angebotes dann auf die tatsächlichen Leserinteressen gedreht werden.

Vor allem aber: Diese Art des Trendscoutings ist über alle Medien hinweg einsetzbar. Food, beispielsweise ist ein Meta-Trend. Warum gibt es (meines Wissens nach) kein TV-Format, das auf den riesigen Erfolg von "Chef's Table" aufsetzt? Warum sehen die Food-Zeitschriften der großen Verlage genauso aus wie vor 10 Jahren? Wo ist der Konkurrent zu Vox Medias Eater?

Manchmal reicht ja schon Beobachtung. Seit mindestens einem Jahr sind sowohl an der Düsseldorfer Kö wie in London Mayfair junge Menschen im höheren Teenageralter zu beobachten, die mit Spiegelreflexkameras Sportwagen fotografieren: Carspotter. Wo ist deren mediale Heimat?

Starten wie ein Startup

Kaum ein Top-Medienmanager oder Chefredakteur, der in den vergangenen Jahren nicht ins Silicon Valley gereist wäre. Man kann sich nicht den Eindrucks erwehren, dass dies exakt nichts hervorgebracht hat. Dabei könnte schon der vielleicht offensichtlichste Gedanke im Tagesgeschäft helfen: All die Großen des Valleys entstanden nicht in schmucken Glasbüros und Prachtbauten - sondern in Studentenbuden oder Garagen. In Studentenbuden oder Garagen aber passt nicht viel herein, weder viele Menschen noch viele Schreibtische oder Dienstwagen.

Viele zu viele Produkte aus Medienkonzernen starten aber weiterhin mit großer Bugwelle und vergleichsweise hohen Investments, nicht jedoch mit einem mittelfristigen Businessplan. Sie müssen flott schwarze Zahlen schreiben - trotz des Kostenblocks.

So funktioniert das nicht mehr im Digitalen Zeitalter. Neue Projekte sollten so starten, wie es die Gründerinnen des Frauenportals Très Clickjüngst im Interview mit Meedia beschrieben: "Wir sind zu zweit gestartet, am Wohnzimmertisch von Ninon. Nach einem Monat hatten wir unsere erste Praktikantin." Heute zählt das Team 10 Köpfe und ist profitabel.

Journalismus muss langweiliger werden

In den vergangenen 10 Jahren hat sich der Journalismus zu sehr dem Social Web angenähert. Moment, steht da oben nicht, die Journalisten seien gar nicht in jenem Social Web vertreten? Genau. Und vielleicht liegt da das Problem. Denn die Redaktionen sahen ja, dass immer mehr Storys auf Facebook oder Twitter entstanden. Ab Anfang 2012 war es beispielsweise en vogue jede Ansammlung von drei kritischen Nutzerkommentaren zum "Shitstorm" zu aufzubauschen:

Stück für Stück veränderte sich auch die Sprache, egal ob in Print, Fernsehen oder Radio.

Denn was haben wir, wenn es wegen Schneefalls zu Staus kommt? Schneechaos.

Was ist passiert, wenn jemand einen Fehler gemacht hat? Er hat versagt.

Wie nennt man es, wenn zwei Teilnehmer einer Show unterschiedliche Meinungen haben? Riesen-Zoff.

Diese emotionale Sprachwahl entstammt dem Boulevardjournalismus. Der wusste schon immer, dass wir Menschen auf solche Begriffe einen Moment lang reagieren. Doch oft genug steckt hinter dem Superlativ nur heiße Luft. Ich habe den Eindruck, eine steigende Menge Menschen hat genau das auch begriffen und ist müde ob der Superlative, gerade weil sie jetzt überall Verwendung finden.

Es ist inzwischen Alltag, dass Artikel mit Meinung zugespitzt werden, neutraler und unvoreingenommener Journalismus findet sich fast nur noch als Agenturmeldung in deutschen Medien. Wer so publiziert, nervt auf Dauer. Und er macht sich angreifbar. Die aufgeheizte Stimmung gegen Journalisten ist eben auch damit erklärbar, dass sie selbst immer aufheizen - ständig und bei jedem Thema.

Wie wäre es, abzukühlen? Dass so etwas geht, beweist ja Zeit.de: Die Texte dort sind unvoreingenommener und gelassener als bei der Konkurrenz - und die Seite ist profitabel.

Warum sich niemand am Team von Jochen Wegner ein Beispiel nimmt? Weil es mehr Arbeit bedeutet. Es ist einfacher, emotional zu schreiben, Fakten auszublenden ("Die tiefe Recherche ist der Tod jedes Knüllers", sagte Ferdinand Simoneit immer) und andere hochzujazzen, als sich Überlegungen hinzugeben, deren Ausgang nicht sicher sind. Doch wer das tut, der täte vielleicht ja sehr viel für die Marke seines Arbeitgebers.

Journalismus ist ein Service - kein Produkt

Lange, lange Jahre war es für die meisten Verlagsangebote im Web ein Tabu, auf Mitbewerber zu verlinken. Vor rund 10 Jahre beispielsweise, waren solche Links noch eher selten. Und dann kam auch noch das Leistungsschutzrecht (wegen dem auf Indiskretion Ehrensache seit über 5 Jahren nicht mehr auf Verlagsseiten verlinkt wird).

Hinter beiden Sachverhalten steckt eine aus meiner Sicht grundlegend falsche Herangehensweise: Journalismus wird als Produkt interpretiert und nicht als Dienstleistung.

Wenn ein Medienunternehmen dies tut, dann muss es sein Produkt schützen. Das Produkt darf nicht kopiert werden, nicht mal in Ansätzen. Eben so wie bei Luxushandtaschen oder Handys: Schon die Kopie eines einzelnen Bestandteil wird via Copyright verhindert. Ein Produkt bekommt auch immer einen festen Preis. Es ist abgeschlossen, kann nicht variiert oder aufgeteilt werden.

Dies ist die Sichtweise eines Medienkonzernmanagers.

Doch ist Journalismus ein Produkt? Ist es nicht viel mehr eine Dienstleistung? Eine Dienstleistung ist variabel und individuell und aufteilbar.

Wende ich diese Sichtweise auf journalistische Arbeit an, ist Verlinkung keine Option, sondern eine Pflicht. Nachrichtenkuratierung, also das Zusammentragen von Hinweisen auf interessante Artikel überall im Web, wird zum logischen Teil meines Geschäftes. Und natürlich muss ein Dienstleister weitaus feundlicher mit seinen Kunden umgehen als ein Produzent, denn er sieht sie ja häufiger.

2017: wie 2007 nur mit Trump

Bei der Recherche für dieses Posting habe ich viele ältere Blogpostings und Artikel gelesen. Es ist schockierend, wie sehr die weitesten Teile von Meinungsbeitragen, die acht bis 12 Jahre alt sind heute noch gelten. Faktisch hat sich noch immer kaum etwas getan in Medienhäusern und Redaktionen.

2009 gehörte ich zu einer Gruppe von Autoren, die ein Internet-Manifest aufschrieben. Darin steht unter anderem:

"Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren."

Und 2008 schrieb der viel zu früh von uns gegangene Robin Meyer-Lucht:

"Das Loyalitäts- und Wachstumsproblem der Qualitätspresse im Netz ist größer als dies im öffentlichen Bewusstsein der Fall ist. Während die Nutzung des Internets weiter steil wächst und zunehmend neue Massen- Nischenanbieter prosperieren, vermögen viele Zeitungswebsites nicht in vergleichbaren Maße mitzuwachsen. Sie stehen wie altbackene Warenhäuser oder etwas fettig riechende Kantinen in einem sich rasant entwickelnden Umfeld. Sie haben damit ein Qualitätsproblem nicht nur in den Augen ihrer professionellen Kritiker, sondern vor allem auch in den Augen ihrer Nutzer.

Das Hauptproblem ist dabei hierzulande, dass die Verlage noch immer nicht wahrhaben wollen, dass sie keine Zukunft jenseits des Internets haben."

An diesem Hauptproblem hat sich bis heute wenig geändert. Und deshalb habe ich wenig Hoffnung, dass ein Großteil der Redaktionen großer Medienhäuser sich in der ihnen noch verbleibenden Zeit so drastisch wandelt, wie es nötig wäre um zu überleben.

Autor: Thomas Knüwer

Zur Person: Thomas Knüwer ist Gründer und Partner der Unternehmensberatung kpunktnull. Der Beitrag ist zuerst in seinem Blog Indiskretion Ehrensache erschienen.

 

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