"Keine Strategie" und "verzweifelt" - Herausgeber des "Jahrbuchs Fernsehen" kritisiert ARD und ZDF

 

Wie zuverlässig ist die Messung der Einschaltquoten? Warum stärken ARD und ZDF massiv Facebook und Twitter? Lutz Hachmeister, Herausgeber des "Jahrbuchs Fernsehen", kritisiert im kress.de-Interview die Strategie der Öffentlich-Rechtlichen zum Teil massiv.

Das jetzt veröffentlichte "Jahrbuch Fernsehen" erscheint seit 1991. Der 57-Jährige frühere Medien-Redakteur des "Tagesspiegels", Lutz Hachmeister, ist heute Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Köln, Sachbuchautor, Filmregisseur und Filmproduzent. Sechs Jahre leitete er das Adolf-Grimme-Institut.

kress.de: Beginnen wir mal mit einer Frage, die Ihr Buch nicht behandelt: Wie lange kann das klassische Fernsehen noch gegen Anbieter wie Netflix, Amazon oder YouTube bestehen?

Lutz Hachmeister: Das Thema haben wir in den vergangenen zehn Jahren immer wieder berücksichtigt und daher diesmal außen vor gelassen. Denn der Markt hat sich einstweilen ausbalanciert, wenn auch - wie jetzt verstärkt mit der Deutschen Telekom - immer neue Wettbewerber hinzukommen.

kress.de: Dennoch: Wie groß ist die Bedrohung für das lineare Fernsehen?

Lutz Hachmeister: Im Moment scheint das nicht so dramatisch zu sein. RTL macht weiter Gewinne, und ARD und ZDF geht es schon aufgrund ihrer stabilen Beitragseinnahmen nicht schlecht. Aber die Streaming-Dienste entwickeln eine immer größere Dynamik. Sie werden auf mittel- und langfristige Sicht das lineare Fernsehen marginalisieren. Aber dieses wird nicht sterben, es werden sich nur noch mehr Bewegt-Bildangebote auf das Netz verlagern. Das heißt: Erst einmal ändert sich nur die Distributionsform, weniger die Produktionsverhältnisse.  

kress.de: Immerhin heißt es bei Ihnen ziemlich kategorisch, "die Generation Y schaut kein Fernsehen". Ist das analoge TV dann nicht doch ein sterbendes Medium?

Lutz Hachmeister: Die Frage ist, wie lange sich dieses Siechtum hinzieht. Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass es eine Renaissance linearer Angebot gibt, wie jetzt die Vinyl-Schallplatten im Musikmarkt. Auch das Schwestermedium Radio steht ja immer noch kräftig da. Also: Kein etabliertes Massenmedium stirbt wirklich und vollständig. Aber ich glaube, wir gehen nicht zu weit, wenn wir sagen: das klassische Fernsehen mit einem gestalteten Programm hat mittelfristig große Bedeutungs-Probleme.

kress.de: Insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen "nötigen" ihre Zuschauer, wie es in Ihrem Buch heißt, sich bei Facebook oder Twitter anzumelden, um über Sendungen mitdiskutieren zu können. Ist das modern oder kontraproduktiv?

Lutz Hachmeister: Es ist der verzweifelte Versuch, Kontakt zum jüngeren Publikum zu halten. Für die Marke ist es aber kontraproduktiv, denn sie wird massiv geschwächt. Die Zuschauer behalten im Kopf: "Das habe ich bei YouTube oder bei Facebook gesehen." Bei ARD und ZDF fehlt ein intensiver Reflexionsprozess über die Folgen, wenn sie eng mit diesen Konzernen kooperieren. Eine Antwort wäre etwa, eine eigene Plattform zu entwickeln. Das müsste aber auch die Medienpolitik begreifen.

kress.de: Wie schätzen Sie in diesem Zusammenhang die Strategie von ARD und ZDF, ihr neues Jugendprogramm "funk" vor allem über soziale Netzwerke auszustrahlen?

Lutz Hachmeister: Dem kann ich wenig abgewinnen, das ist auch so eine medienpolitische Kopfgeburt. Der einzige Gewinn besteht darin, Nachwuchs zu attachieren und den Kontakt zur YouTuber-Szene zu verfestigen. Auch hier muss ich leider sagen, es ist der verzweifelte Versuch, hip zu wirken - zumal die Reichweite auch noch mager ist. Es wäre besser, eine eigene Strategie zu entwickeln, als sich einfach bruchlos in die Szenerie von YouTube und Facebook einzubinden.

kress.de: Tragen die Fernsehsender damit zur Stärkung der eigenen Konkurrenz, zur "Dominanz von Facebook und YouTube" bei, wie es einer Ihrer Autoren sagt?

Lutz Hachmeister: Ja, Christian Bartels hat in seinem Text recht. Mit Gebührengeldern werden im Grunde Werbe- und Marketing-Maßnahmen für US-amerikanische Daten- und Wissenskonzerne finanziert. Das stärkt das kalifornische Oligopol.

kress.de: Das vielkritisierte Interview des YouTubers LeFloid mit Angela Merkel haben inzwischen fünf Millionen Menschen gesehen. Damit habe es eine Quote, "die die Sommerinterviews bei ARD und ZDF nie erreichen", so Ihr Buch. Was sagt uns das?

Lutz Hachmeister: Vor allem, dass die etablierten Sommerinterviews langweilig und antiquiert sind. Das Problem ist daher eher bei ARD und ZDF zu suchen als beim quantitativen Erfolg von LeFloid. Die Sender sollten wieder lernen, professionelle Interviews nach dem Beispiel der BBC zu führen. Aber zu den Zahlen müssen wir natürlich fairer Weise ergänzen, dass dieses LeFloid-Merkel-Interview die Klicks über einen langen Zeitraum erreicht hat. Die herkömmliche Quotenmessung bezieht sich dagegen immer nur auf einen einzigen Tag.

kress.de: Ist dann das Verfahren, mit dem die Einschaltquoten gemessen werden, überhaupt noch zeitgemäß und vor allem zuverlässig?

Lutz Hachmeister: Es ist fragwürdiger geworden, weil wir doch heute viel exaktere Daten über eine digitale Messung erhalten könnten. Inzwischen können fast alle Ein- und Ausschaltvorgänge und nicht nur die der 6000 "Quoten-Haushalte" gemessen werden. Aber das alte Modell lohnt sich offenbar noch für alle Beteiligten: für die Sender, die Medienplaner und Werbetreibenden. Daher hält man daran fest und versucht, dieses System so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Es soll aber Modifikationen geben.

kress.de: Ist die Quotenmessung also auch nicht mehr glaubwürdig?

Lutz Hachmeister: Nein, das würde ich nicht sagen. Die Zahlen stimmen schon ungefähr, mit einer Schwankungsbreite von rund 20 Prozent. Aber dadurch, dass zum Beispiel höher gebildete Leute nur schwer für dieses GfK-Panel zu begeistern sind, findet schon eine Verzerrung statt, vor allem wissen wir natürlich nicht, wie ein Programm wirkt und ob es über längere Zeit im Gedächtnis bleibt. Als größeres Problem sehe ich, dass die Quote einen religiösen Charakter angenommen hat.

kress.de: Inwiefern?

Lutz Hachmeister: Sie dominiert die Programmentscheidungen - und nur sehr selten Kreativität oder Inhalt. Für die öffentlich-rechtlichen Sender hat sie inzwischen genau den gleichen Sinn wie für das kommerzielle Fernsehen. Dabei ist diese Form der Messung ja eigentlich für die Werbewirtschaft entwickelt worden. Aber davon sollte sich ein gebührenfinanziertes Programm nicht abhängig machen. Wir sehen aber auch, dass die Bedeutung der Quote abnimmt, weil damit eben nicht gemessen werden kann, wie attraktiv eine Sendung über den Tag hinaus ist. Das heißt: Reichweite und Repertoire-Wert gewinnen allein durch die Mediatheken und Streaming-Dienste an Relevanz.

kress.de: Ein anderes Thema: Landesmedienanstalten haben zuletzt von YouTubern die Beantragung von Sendelizenzen verlangt. Was steckt dahinter? Möchte der Staat Einfluss aufs digitale Fernsehen gewinnen?

Lutz Hachmeister: Das glaube ich weniger. Den Landesmedienanstalten geht es meines Erachtens eher darum, die Kontrolle nicht zu verlieren und damit ihre eigene, wenn auch schwache Bedeutung zu unterstreichen. Solange es aber als "Rundfunk" gilt, wenn nur 500 Menschen gleichzeitig eine Sendung schauen, wollen die Aufsichtsbehörden ihr Regulierungsprivileg behalten. Auf Dauer wird aber diese kleinteilige Regulierungs-Ebene wegfallen.

kress.de: Ziemlich unbemerkt hat sich mit "KenFM" eines der "erfolgreichsten crowdfinanzierten Medienportale Deutschlands" etabliert, wie Ihr Buch aufzeigt. Dieser YouTube-Kanal habe mehr Zuschauer als der des WDR und auf Facebook mehr Likes als die ARD, lernen wir aus Ihrem Buch. Dahinter steckt der ehemalige RBB-Radiomoderator Ken Jebsen, den viele als rechten Verschwörungstheoretiker bezeichnen. Wäre eine Sendelizenz hier nicht doch angebracht?

Lutz Hachmeister: Nein. Erstens ist Ken Jebsen kein Rechtsradikaler. Und zweitens muss man solche Sendungen aushalten können. "KenFM" ist sowohl inhaltlich wie ästhetisch absolut professionell gemacht und unterscheidet sich so gut wie gar nicht von vergleichbaren Sendungen im linearen Fernsehen. Da kommt dem Moderator seine Ausbildung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zugute. Dass ein solches Programm über das Netz ein beachtliches Publikum erreichen kann, ist der neue Effekt in der politischen Kommunikation. In den USA gibt es diesen Trend schon länger, aber in Deutschland gehört Jebsen zu den Pionieren.

kress.de: Auch Putins Propaganda-Sender "RT Deutsch" ist im Netz erfolgreich. Ist das Ausdruck einer pluralistischen Medienlandschaft oder stellt das eine Gefahr dar?

Lutz Hachmeister: Auch das muss man aushalten können. Es wäre sehr schwierig, das zu blockieren. Und das würde dann an die Methoden totalitärer Staaten erinnern. Wichtig ist es, immer wieder darüber aufzuklären, dass dieses Programm ein Teil von Putins Propagandamaschinerie ist.

kress.de-Tipp: Dieter Anschlag/Claudia Cippitelli/Lutz Hachmeister/Johannes Hensen/Petra Müller (Hrsg.): Jahrbuch Fernsehen 2017. 456 Seiten, Preis: 34,90 Euro, ISBN: 978-3-9813465-7-2

Ihre Kommentare
Kopf

Ruedi Hahn

04.09.2017
!

Guten Tag
ARD, die Dritten, und das ZDF erfüllen ihren
Auftrag eine gewisse Qualität RUND UM DIE
UHR an den Zuschauer zu liefern.
RTL, SAT1 & co. schaffen dies wohlwollend betrachtet höchstens von Uhr 20:00 bis Mitternacht. Davor und danach findet hier
eine Volksverdummung der BILLIGSTEN Machart statt ! Ohne Worte.
Und das hier vorgestellte Jahrbuch nützt nur... - den Herausgebern.
Demnächst schreibe ich auch ein Buch -
über Bücher die es nicht braucht.
MFG
Ruedi Hahn


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