"Müssen jetzt handeln": Entlassungen bei "Hamburger Morgenpost"

 

Der Medienwandel trifft erneut schmerzhaft die "Hamburger Morgenpost". Nach kress.de-Infos informieren Geschäftsführerin Susan Molzow und Chefredakteur Frank Niggemeier gerade die Mitarbeiter über drastische Einschnitte.

Wie kress.de erfuhr, sollen insgesamt elf Stellen in Redaktion und Verlag gestrichen werden.

Im Interview mit kress.de macht "Mopo"-Chefredakteur Frank Niggemeier deutlich, dass es zu den geplanten Entlassungen keine Alternative gebe: "Jede Kündigung ist schmerzhaft und bedauerlich - aus journalistischer und aus menschlicher Sicht. Aus wirtschaftlicher Perspektive sehe ich allerdings keine Alternative zu dieser Umstrukturierung. Es handelt sich ja nicht nur um ein Sparprogramm, das würde deutlich zu kurz greifen, sondern um eine komplette Neuausrichtung der "Hamburger Morgenpost". Das betrifft die gedruckte Zeitung genauso wie unsere Digital-Kanäle. Technische Optimierungen der Arbeitsabläufe setzen hier Ressourcen frei, die wir benötigen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Wenn wir jetzt nicht handeln würden, wäre das fahrlässig. Es geht darum, die Marke zukunftsfähig zu machen."

"Die Neu-Organisation hebt die Trennung von Print und Online auf und betont in der Zeitung noch konsequenter den Markenkern, also Hamburg und den Hamburger Sport", betont ein DuMont-Sprecher: "Mit einem neuen publizistischen Konzept und effizienten Strukturen für eine konvergent arbeitende Redaktion stellt sich die Hamburger Morgenpost für die Zukunft auf. Die Digitalisierung und das integrierte Arbeiten führen dazu, dass künftig weniger Ressourcen notwendig sind. So können Zukunftsfähigkeit und  Wirtschaftlichkeit des Traditionstitels nachhaltig gesichert werden, und die 'Mopo' kann als unabhängige Stimme Hamburgs erhalten bleiben."

Laut dem Unternehmenssprecher positioniert das neue publizistische Konzept die "Hamburger Morgenpost" als moderne Großstadtzeitung mit „Haltung, Herz und Hirn und dem Leitsatz: Aus Liebe zu Hamburg. Die 'Mopo' konzentriert sich in der Zeitung auf ihre Kernbereiche Hamburg und Hamburger Sport. Dabei verschiebt sich der Schwerpunkt der Berichterstattung weg vom rein Nachrichtlichen hin zu mehr Hintergrund, Einordnung und Meinung. Täglich gibt es künftig in der Zeitung exklusive Schwerpunkte, die so nur in der 'Mopo' zu finden sind.  Am offensichtlichsten wird dies in der neuen Rubrik "Standpunkt", die als Auftakt-Doppelseite der Zeitung das bisherige "Thema des Tages" ablöst. Hier schreiben interne und externe Autoren Analysen und Meinungsstücke zu den Themen, die Hamburg bewegen."

Die enge Zusammenarbeit wird künftig durch technische Prozesse und Strukturen einfacher und effizienter. Bislang wurden die Print- und die Online-Artikel in verschiedenen Systemen erstellt und bearbeitet. Zukünftig vereinfacht eine neue Schnittstelle zwischen den Systemen die tägliche Produktionsarbeit. Vom gemeinsamen Newsteam produzierte Inhalte können so ohne den bisherigen hohen Produktionsaufwand in die digitalen Angebote übertragen werden.

Ein weiteres Ergebnis des Projektes sind neue Arbeitsprozesse mit schnelleren Entscheidungs- und Produktionswegen. Diese Workflows  sowie die technische Erleichterung zeitintensiver Tätigkeiten werden den täglichen Erstellungsaufwand erheblich reduzieren, ohne die journalistische Qualität einzuschränken. Im Zuge dessen werden innerhalb der Redaktion künftig sechs journalistische Stellen entfallen. Betroffen sind das Lokale, der Sport und der Bereich Foto.

Auch in der Produktion der Zeitung würden durch die Neuorganisation Tätigkeiten wegfallen. Das Layout der Zeitung werde künftig in weiten Teilen mit Templates erstellt: "Völlig frei gestaltete Layouts werden Premium-Seiten vorbehalten sein, bei denen das grafische Konzept eine größere Rolle spielt als bei Standardseiten. Das ist heute bereits in vielen Redaktionen gängige Praxis. Diese Veränderung führt zu einem Abbau von drei Stellen im Bereich Layout. Im Bereich Mediengestaltung werden zwei Stellen abgebaut. Diese Tätigkeiten werden zukünftig - wie schon für andere Titel der Gruppe – von zentralen Einheiten erbracht und entfallen damit vor Ort."

Mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die von den Personalmaßnahmen betroffen sind, will der Verlag Gespräche führen, um sozialverträgliche Lösungen herbeizuführen. Dabei werde auch das neue Altersteilzeit-Modell zur Verfügung stehen, Anträge auf Altersteilzeit würden bereits vorliegen, heißt es aus dem Verlag.

Heftige Kritik gibt es vom Betriebsrat, der die Entlassungen offiziell ablehnt. In einer Presseaussendung heißt es, dass über 15 Prozent der Redaktion abgebaut werden würden. Betroffen seien vor allem die Lokalredaktion und der Bereich Sport. Die Veränderungen würden die Attraktivität der "Mopo" für Leser und Nutzer gefährden. "Eine Vision von der Zukunft für die Marke 'Mopo' reicht immer nur für ein Geschäftsjahr. So ein Vorgehen scheitert in Umbruch-Zeiten," so Betriebsrat Holger Artus. "Innovation und Mut gehören zum Geschäft. Dabei muss ein Unternehmen auf die Mannschaft setzen, sonst dreht man sich im Kreis bei sich sinkenden Umsätzen und einem veränderten Medienkonsum."

Das Urteil des Betriebsrats ist knallhart: "Schon wieder werden Pläne mit der 'digitalen Zukunft' verkauft, doch diese 'digitale Zukunft' hat das Unternehmen seit Jahren verschlafen und verschleppt. Im Dezember 2014 hatte man ein Transformationsprojekt bei DuMont für die 'Mopo' gestartet. Die Belegschaft hat kein Vertrauen in die Geschäftsleitung. Mit der Redaktion zusammen muss man die digitale Transformation gestalten, dafür tritt der Betriebsrat seit langem und vehement ein. Der Betriebsrat versteht sich als ein Treiber des Umbaus. Jetzt wird es verbunden mit einem Sanierungsprojekt, aber es geht nicht mehr um einen Content-getriebene Strategie. Arbeitsplätze abbauen und Kosten ohne irgendwelche Rücksicht auf die Folgen einsparen, dass läutet nur die nächste Runde ein."

Laut Betriebsrat hat der DuMont-Vorstand erst vor wenigen Tagen darüber informiert, dass die "Mopo" das Geschäftsjahr 2016 mit schwarzen Zahlen abgeschlossen habe.

Kritik kommt auch vom DJV Hamburg: "Einen Umbau in die Zukunft schafft man nicht durch einen Stellenabbau in der Redaktion", sagte die Hamburger DJV-Landesvorsitzende Marina Friedt. "Die Mopo ist eine wichtige Stimme im Hamburger Medienmarkt. Sie braucht keine weiteren Einsparungen, sondern eine starke und kompetente Redaktion."

Hintergrund "Hamburger Morgenpost"

Die "Hamburger Morgenpost" gehört zu den traditionsreichen Boulevardzeitungen des Landes. Die Erstausgabe erschien am 16. September 1949. Bis 1980 war das Blatt in SPD-Besitz. Nach zahlreichen Eigentümerwechseln kam die "Mopo" 2009 zur Mediengruppe DuMont. Geschäftsführer sind Susan Molzow und Michael Braun. Chefredakteur ist Frank Niggemeier, stellvertretende Chefredakteur sind Frank Wieding (verantwortlich für Politik) und Maik Koltermann (verantwortlich für Hamburg). Chef vom Dienst ist Stefan Fuhr, Art-Direktorin Dewi Lesmono.

Als stellvertretender Ressortchef zuständig für Politik und Wirtschaft ist Jürgen Dreves, für Nachrichten Katja Reim, für Hamburg Mathis Neuburger, Sport führen als Doppelspitze Frederik Ahrens und Matthias Linnenbrügger, Stellvertreter ist Lars Albrecht. Chefreporter sind Olaf Wunder, Volker Schimkus, Thomas Hirschbiegel und Rike Schulz. Für das Anzeigengeschäft der "Hamburger Morgenpost" ist die Hamburg First Medien & Marketing GmbH zuständig, Geschäftsführer ist Martin Stedler.

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