"Mopo"-Chefredakteur Frank Niggemeier: "Keine Alternative zur Umstrukturierung"

 

Hiobsbotschaft für Hamburg - Geschäftsführerin Susan Molzow und Chefredakteur Frank Niggemeier haben heute Morgen um 11 Uhr den Mitarbeitern der "Hamburger Morgenpost" eröffnet, dass elf Stellen in Redaktion und Verlag gestrichen werden. Der Umbau bei dem traditionsreichen Boulevardblatt sei ohne Entlassungen nicht möglich, erklärt Frank Niggemeier im kress.de-Gespräch.

kress.de: Herr Niggemeier, erneut wird die "Hamburger Morgenpost" von Entlassungen gebeutelt. Sie haben vorhin der Redaktion erklärt, dass insgesamt elf Stellen gestrichen werden. Wie schlecht steht es um die "Mopo"?

Frank Niggemeier: Es handelt sich um sechs Stellen in der Redaktion, drei in der Produktion und zwei im Verlag. Aber da gibt es nichts schönzureden: Jede Kündigung ist schmerzhaft und bedauerlich - aus journalistischer und aus menschlicher Sicht. Aus wirtschaftlicher Perspektive sehe ich allerdings keine Alternative zu dieser Umstrukturierung. Es handelt sich ja nicht nur um ein Sparprogramm, das würde deutlich zu kurz greifen, sondern um eine komplette Neuausrichtung der "Hamburger Morgenpost". Das betrifft die gedruckte Zeitung genauso wie unsere Digital-Kanäle. Technische Optimierungen der Arbeitsabläufe setzen hier Ressourcen frei, die wir benötigen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Wenn wir jetzt nicht handeln würden, wäre das fahrlässig. Es geht darum, die Marke zukunftsfähig zu machen.

kress.de: Während die Printauflage seit Jahren rückläufig ist, hatten Sie im Juli mit 17 Millionen Visits auf mopo.de einen neuen Rekord. Die gedruckte Ausgabe einstellen, alles auf Online: Wäre das nicht eine Lösung?

Frank Niggemeier: Die bemerkenswerten Reichweitenerfolge unseres Digital-Angebots allein reichen leider nicht, um die Rückgänge im Printbereich vollständig zu kompensieren. Noch sorgt die gedruckte Zeitung, wie bei den meisten anderen Verlagen auch, für einen Großteil der Umsätze - und das wird auch noch einige Jahre so bleiben. Um eine langfristige Perspektive zu haben, müssen wir deshalb Ertragsmodelle jenseits der klassischen journalistischen Angebote erschließen.

kress.de: Sie haben die Veränderungen in den vergangenen Monaten in einer Projektgruppe "Agile Redaktion" erarbeitet, in der Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Bereichen der Zeitung beteiligt waren. Braucht man heute eigentlich nicht mehr Journalisten bei der Zeitung, um mit eigenen Ideen die Hamburger zum Kauf zu bewegen?

Frank Niggemeier: Das ist sicherlich nicht allein eine Frage der Quantität. Man braucht vor allem die richtigen Journalisten und die richtigen Ideen. Und da ist die "Mopo" nach wie vor gut aufgestellt.

kress.de: Wie wird die "Mopo" zukünftig aussehen?

Frank Niggemeier: Die gedruckte Zeitung wird weniger auf reine Nachrichten ausgerichtet sein. Aktualität und Geschwindigkeit sind eine Domäne des Digitalen. Die Printausgabe wird sich deswegen mit selbst gesetzten Akzenten noch stärker auf den Markenkern ausrichten: Hamburg und den Hamburger Sport. Boulevardzeitungen als Überbringer von Nachrichten, das ist ein Konzept von gestern. Unser neues publizistisches Konzept positioniert die Hamburger Morgenpost als moderne Großstadtzeitung mit Haltung, Herz und Hirn. Unter dem Leitsatz "Aus Liebe zu Hamburg" interpretieren wir die Nachrichtenlage, ordnen sie ein und setzen bewusst selbst entwickelte Schwerpunkte zu den Themen, die die Stadt bewegen. Die inhaltlichen Veränderungen gehen mit einem Relaunch des Layouts einher, das wir deutlich moderner und aufgeräumter gestaltet haben.

kress.de: Sie streichen drei Stellen in Layout und Mediengestaltung. Ich dachte bislang, dass eine Kaufzeitung immer auch mit Ihrer besonderen Optik punkten und auf sich aufmerksam machen muss.

Frank Niggemeier: Das war immer eine Stärke der "Mopo" und wird es auch bleiben. Wir erfinden nur nicht mehr jede Seite neu, sondern arbeiten in einem Teil der Zeitung künftig mit Templates, also vorgefertigten Layout-Elementen. Wenn Sie sich andere Titel anschauen, die so arbeiten, werden sie keine Einbußen bei der Qualität erkennen. Die Premium-Seiten der "Mopo", angefangen mit der Titelseite, werden natürlich auch in Zukunft frei layoutet, um ihren besonderen Charakter hervorzuheben.

kress.de: Mit den neuen Strukturen heben Sie die Trennung von Print und Online auf. Kommen Sie damit nicht zu spät?

Frank Niggemeier: Print und Digitales haben auch in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet - besonders erfolgreich etwa während des G20-Gipfels. Diese Zusammenarbeit werden wir jetzt konsequent und systematisch in neuen Workflows festschreiben. Nahezu alle Redakteure werden dann in wechselnden Rollen und Funktionen für die verschiedenen Publikationskanäle der "Mopo" arbeiten.

kress.de: Es sind teilweise langjährige Mitarbeiter, die bald ohne Job sind. Was passiert mit ihnen?

Frank Niggemeier: Der Verlag wird sich selbstverständlich für alle betroffenen Mitarbeiter um sozial verträgliche Lösungen bemühen und ich bin zuversichtlich, dass wir zu einvernehmlichen Resultaten gelangen. Für langjährige Mitarbeiter ist die neue Vereinbarung zur Altersteilzeit eine Lösung, die den Interessen aller Beteiligten entgegenkommt. Hier gibt es bereits eine Reihe von Anfragen.

kress.de: 2018 werden Sie zehn Jahre an der Spitze der "Mopo" stehen. Wofür steht die "Mopo" heute?Frank Niggemeier: In dieser Zeit hat sich der Digital-Auftritt der "Mopo" einerseits zum reichweitenstärksten News-Portal Norddeutschlands entwickelt. Auf der anderen Seite ist die gedruckte "Mopo" mit ihrer inzwischen 68-Jährigen Geschichte heute Hamburger Kulturgut mit Kultcharakter: menschlich, kritisch und auf den Punkt. Unsere Titelseiten sorgen gelegentlich sogar international für Aufsehen - und in der Stadt regelmäßig für Diskussionen. Das soll auch so bleiben. Die "Mopo" hatte noch nie Angst vor den Mächtigen und ist im Zweifel auf der Seite der Schwächeren. Unser Ziel ist es, jeden Tag - analog und digital - intelligenten Boulevard für alle zu machen, denen Hamburg am Herzen liegt.

Mit Frank Niggemeier, Chefredakteur der "Hamburger Morgenpost", sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Hintergrund "Hamburger Morgenpost"

Die "Hamburger Morgenpost" gehört zu den traditionsreichen Boulevardzeitungen des Landes. Die Erstausgabe erschien am 16. September 1949. Bis 1980 war das Blatt in SPD-Besitz. Nach zahlreichen Eigentümerwechseln kam die "Mopo" 2009 zur Mediengruppe DuMont. Die verkaufte Auflage beträgt 71.313 Exemplare (laut IVW, 2/2017). Geschäftsführer sind Susan Molzow und Michael Braun. Chefredakteur ist Frank Niggemeier, stellvertretende Chefredakteur sind Frank Wieding (verantwortlich für Politik) und Maik Koltermann (verantwortlich für Hamburg). Chef vom Dienst ist Stefan Fuhr, Art-Direktorin Dewi Lesmono.

Als stellvertretender Ressortchef zuständig für Politik und Wirtschaft ist Jürgen Dreves, für Nachrichten Katja Reim, für Hamburg Mathis Neuburger, Sport führen als Doppelspitze Frederik Ahrens und Matthias Linnenbrügger, Stellvertreter ist Lars Albrecht. Chefreporter sind Olaf Wunder, Volker Schimkus, Thomas Hirschbiegel und Rike Schulz. Für das Anzeigengeschäft der "Hamburger Morgenpost" ist die Hamburg First Medien & Marketing GmbH zuständig, Geschäftsführer ist Martin Stedler.

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H.Georg Eiker

H.Georg Eiker

Eiker - Coaching & Strategische Politikberatung - Medientraining
Inhaber

23.08.2017
!

Ja, bedenkliche Entwicklungen auf dem Markt der Regionazeitungen. Ich glaube auch nicht,dass die "Neuen Medien" das Problem sind. MoPO allein über 10% Einbussen im 1.Q.2017. Möglicherweise ist die "DNA" und das "METAPROGRAMM" dieser Zeitung das "Problem"?? Erfolgreiche Gegenbeispiele (allerdings überregional: FREITAG und JUNGE FREIHEIT mit plus zwischen 5-18% 1.Q.2017!!
H.Georg Eiker 23.8.17


H.Georg Eiker

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23.08.2017
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Ja, bedenkliche Entwicklungen auf dem Markt der Regionazeitungen. Ich glaube auch nicht,dass die "Neuen Medien" das Problem sind. MoPO allein über 10% Einbussen im 1.Q.2017. Möglicherweise ist die "DNA" und das "METAPROGRAMM" dieser Zeitung das "Problem"?? Erfolgreiche Gegenbeispiele (allerdings überregional: FREITAG und JUNGE FREIHEIT mit plus zwischen 5-18% 1.Q.2017!!
H.Georg Eiker 23.8.17


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