Kölner Anwalt warnt Medien: Wie gut funktionieren drahtlose Mikrofone am Wahlabend?

 

Der Kölner Rechtsanwalt Helmut G. Bauer warnt Funk und Fernsehen vor dem Wahlabend in Berlin: Drahtlose Mikrofone benötigen Funkstrecken, doch die werden knapp. In den letzten Monaten ist es immer wieder zu Störungen und Beinahe-Katastrophen gekommen. Und am Wahlabend 2021 wird es noch viel schlimmer.

Helmut G. Bauer hat die Initiative "SOS - Save Our Spectrum" gegründet. Es geht darum, Frequenzspektrum für drahtlose Produktionsmittel zu sichern. Denn mancherorts ist das Frequenzspektrum inzwischen so knapp, dass auch wenige Funkstrecken nicht mehr genügend Platz finden. Die A-cappella-Band UNDUZO habe vor kurzem in Frankfurt eine Funkstörung bei laufender Vorstellung erlebt, berichtet Bauer: "Für eine der sieben Funkstrecken war keine störungsfreie Frequenz mehr vorhanden. An einem Wahlabend könnten von den Fernsehstudios im Berliner Reichstag aber rasch 200 oder mehr Funkstrecken notwendig sein. Fehlt es an freien Strecken, ist die aktuelle Berichterstattung massiv gefährdet."

Funkstrecken werden knapp - insbesondere ab 2019

"Am Wahlabend 2017 wird, bei guter Vorbereitung der Tontechniker und mit etwas Glück, das meiste noch funktionieren. Schwierig wird es nach 2019. Denn dann werden noch mehr Frequenzen vom Mobilfunk belegt. Spätestens die Bundestagswahl 2021 kann für die Fernsehzuschauer zur Nervensache werden - etwa, wenn ein Kandidat seinen Rücktritt in ein Mikrofon erklärt, das diesen gar nicht überträgt oder gestört ist", sagt Bauer. Der Kölner Rechtsanwalt leitet die Initiative "SOS - Save Our Spectrum". Sie wird u.a. von Vertretern des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), des Berufsverbands Filmton bvft, des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien, des Verbands für Medien- und Veranstaltungstechnik und des Deutschen Bühnenvereins unterstützt.

Die Initiative hat sich gegründet, weil der knappe Frequenzbereich immer mehr vom Mobilfunk belegt wird. "SOS - Save Our Spectrum" setzt sich dafür ein, dass die Nutzung von Funkmikrofonen "nicht noch weiter eingeschränkt wird". Streit gibt es um den verbliebenen technisch sehr begehrten Frequenzbereich zwischen 470 und 694 MHz.

Weshalb die drahtlosen Mikrofone ins Hintertreffen geraten sind

Früher wurde der Bereich 470 - 862 MHz vor allem vom Fernsehen dominiert. Hier tummelten sich ARD und ZDF und später auch das Privatfernsehen. Die Frequenzlücken zwischen den TV-Kanälen wurden von drahtlosen Produktionsmitteln wie Mikrofonen benutzt; regional begrenzt, etwa in Theatern, Musicals, Fernsehstudios oder Fußballarenen.

Heute ist der Bereich zwischen 694 und 862 MHz vom Mobilfunk ersteigert (sogenannte "Digitalen Dividenden 1 und 2"). Möglich wurde dies zunächst durch die Umstellung von analogem Fernsehen auf digitales DVB-T-Fernsehen. Durch die Digitalisierung können in nur einem TV-Kanal statt nur einem Programm vier Programme oder mehr übertragen werden. Deshalb braucht man für die gleiche Anzahl an Programmen weniger Übertragungskanäle. Durch die Umstellung auf DVB-T2 HD wurden die TV-Signale weiter komprimiert. In einem TV-Kanal werden seitdem sechs Programme - und das sogar mit einer besseren Bildqualität - ausgestrahlt.

"Verbunden mit der Digitalisierung war die Räumung der TV-Kanäle im 700 und 800 MHz-Band und deren Verlagerung in das Spektrum von 470 bis 694 MHz, die 2019 abgeschlossen sein wird. Die Zuschauer des terrestrischen Antennenfernsehens mussten jedes Mal ein neues Fernsehgerät oder eine Set-Top-Box kaufen", erklärt Bauer.

Ob es langfristig noch terrestrisches Fernsehen gibt, ist dennoch offen. Nach dem Willen der EU ist dies bisher nur bis in das Jahr 2030 sichergestellt. Im Jahr 2023 soll entschieden werden, ob auch dieser Teil des UHF-Spektrums an den Mobilfunk vergeben wird.

Mikrofone und In-Ear-Systeme sind betroffen

Diese Veränderungen betreffen nicht nur die Fernsehveranstalter, sondern auch die Nutzer drahtloser Produktionsmittel. Drahtlose Produktionsmittel sind technische Geräte, die zur Produktion von Programmen und Veranstaltungen eingesetzt werden (international verwendete Bezeichnung: PMSE - Programme Making and Special Events). Dazu gehören unter anderem drahtlose Mikrofone, drahtlose In-Ear-Monitoring-Systeme ("Knopf im Ohr") und drahtlose Kameras. Sie kommen bei Musicals, Theateraufführungen, Prozessionen, Sportereignissen, Papstbesuchen oder eben Wahlabenden zum Einsatz - benutzt von Künstlern; Politikern und Journalisten. Mikrofone mit Kabel sind heute keine Alternative mehr, aus Gründen des Arbeitsschutzes, der hohen Kosten (Aufbau und Abbau), und weil sie, etwa bei der Befragung von Politikern am Wahlabend, unpraktisch sind.

"Eine gemeinsame Nutzung des Frequenzbereichs von Mobilfunk und drahtlosen Produktionsmitteln ist technisch nicht möglich. Überschneiden sich beide Übertragungen, kommt es Störungen", warnt Bauer. Der Nutzer des drahtlosen Produktionsmittels erlebe dann einen aggressiven Ton, der Mobilfunk "gewinne", da er stärker ist: Eine Mobilfunk-Basisstation sendet mit 1200 Watt, ein Mobiltelefon mit 2 Watt, drahtlose Produktionsmittel dagegen nur mit 30 bis 50 Milliwatt. Mobiltelefone sind also 66 Mal stärker, Basisstationen sogar rund 40.000 Mal. Und im Berliner Reichstag wimmelt es nur von Mobiltelefonen.

Die Zahl der drahtlosen Mikrofone wächst und wächst und wächst

Was den drahtlosen Produktionsmitteln bleibt, ist zurzeit im Wesentlichen der Frequenzbereich von 470 bis 694 MHz. Sie müssen sich diesen Bereich mit dem terrestrischen Fernsehen teilen. Je nach Anzahl der TV-Programme und der geographischen Lage ist die Situation jedoch sehr unterschiedlich.

In München umfasst das verfügbare Spektrum für drahtlose Produktionsmittel inzwischen nur noch bis zu 15 freie Kanäle.

Frage an Bauer: Ist das viel, oder ist das wenig?

Der Fachmann erklärt: "Das Musical Tabaluga von Peter Maffay verwendet 66 Funkmikrofone und In-Ear-Monitore. Insgesamt werden dafür 13 Kanäle benötigt. Es geht noch, aber knapp! Beim Oktoberfest werden inzwischen mehr als 130 drahtlose Produktionsmittel eingesetzt. Diese lassen sich nicht mehr alle in den noch freien TV-Kanälen unterbringen."

Bauer nennt ein anderes Beispiel, den DFB-Pokal in Berlin im Mai 2015. Für die Produktion wurden damals 223 drahtlose Mikrofone und In-Ear Monitore eingesetzt, vor allem von Journalisten. Dies sei zukünftig im verbleibenden Spektrum von 470 - 694 MHz nicht mehr machbar.

Und die Zahl der drahtlosen Produktionsmittel wächst weiter. Experten gehen von 1 Million drahtloser Mikrofone in Deutschland aus. Nach Untersuchungen des Fraunhofer Instituts Nürnberg verdoppelt sich die Zahl der eingesetzten Frequenzen für Funkmikrofone alle 5 Jahre.

Die politischen Forderungen von "SOS - Save Our Spectrum"

Bauers Organisation "SOS - Save Our Spectrum" setzt sich dafür ein, dass "nicht auch noch das Spektrum von 470 - 694 MHz für den Mobilfunk vergeben wird". Außerdem will die Initiative, dass weitere Frequenzbereiche für drahtlose Produktionsmittel ausgewiesen werden. Die neue Frequenzverordnung, über die der Bundesrat im September entscheiden wird, weise Ersatzspektrum in den Frequenzbereichen 1350 - 1400 MHz und 1518 - 1525 MHz aus. Dazu müssten die Hersteller aber noch das Equipment entwickeln und in den Markt bringen. "Diese Frequenzen haben schlechtere physikalische Eigenschaften. Sie können die Verluste durch die Digitalen Dividenden nur zu einem geringeren Teil ausgleichen. Außerdem bedeutet das zusätzliche Investitionen. Trotzdem ist das wichtig, aber bei weitem nicht ausreichend", so Bauer:

"Um ein Desaster zu verhindern, muss die neue Bundesregierung ihren Einfluss in den internationalen Organisationen geltend machen, um das verbliebene UHF-Spektrum für TV und Funkmikrofone langfristig zu sichern. Damit kann sie nicht bis zur Bundestagswahl 2021 warten."

Da drahtlose Produktionsmittel immer nur auf einem begrenzten Frequenzbereich ausgerichtet sind, mussten alle Geräte, die nur im 700 und 800 MHz-Bereich eingesetzt werden können, verschrottet und durch Geräte in dem noch verblieben Frequenzband ersetzt werden.

kress.de-Tipp: Seit 1. Januar 2016 können Nutzer von Funkmikrofonen bei der Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen (BAV) Anträge auf Ausgleichzahlungen für drahtlose Produktionsmittel stellen, wenn diese wegen der Versteigerung des 700-MHz-Bandes und der Verlagerung von TV-Sendern in dem Bereich 470 - 694 MHz gestört werden.

Grundlage ist die "Richtlinie über die Gewährung von Billigkeitsleistungen für Ausgleichszahlungen an Nutzer drahtloser Produktionsmittel ("PMSE") für aus der Umwidmung der Frequenzen im Frequenzbereich 694 - 790 MHz resultierende Umstellungskosten (RL-UmstKoPMSE700).

Im Normalfall (bei Privatpersonen und Unternehmen) wird eine Zahlung nur für Geräte geleistet, die zwischen dem 01.01.2012 und dem 31.03.2015 angeschafft wurden.

Wurden die Geräte jedoch von einer gemeinnützigen, staatlichen oder öffentlich-rechtlichen Einrichtung angeschafft oder mindestens überwiegend aus öffentlichen Mittel finanziert, erfolgt eine Ausgleichszahlung für Geräte, die in der Zeit vom 01.01.1997 bis 31.03.2015 beschafft wurden. Mit dieser Regelung sollen insbesondere Kultureinrichtungen besser gestellt werden.

Die Anschaffung des drahtlosen Equipments muss sich aus dem Kaufbeleg oder einer anderen Vereinbarung ergeben und nachgewiesen werden. Ausgleichzahlungen werden für Funkanlagen gewährt, die wegen der Frequenzumstellung nicht mehr genutzt werden können. Dies gilt nicht für Teile, die auch zukünftig weiter eingesetzt werden können wie z.B. Mikrofonständer. Um einen Anspruch geltend machen zu können, müssen die Geräte einen Anschaffungswert von mindestens 410 Euro haben.

Ausführliche Informationen finden sich hier und bei der Association of Professional Wireless Production Technologies (APWPT).

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