Chefredakteur Pit Gottschalk: Wenn sich Nachrichten und Gerüchte überschlagen

25.08.2017
 
 

Eigentlich sollte es für eine Sportredaktion doch ausreichen, wenn an einem Tag ausgelost wird, wer in der Champions League gegen wen spielt. Wenn dann aber noch gleich zwei große Transfergerüchte aufkommen, was macht man dann? Pit Gottschalk, Chefredakteur Sport der Funke Mediengruppe, gibt einen persönlichen Einblick in die Arbeit seiner Redaktion.

Man stellt sich am Abend auf eine unterhaltsame Auslosung zur Champions League ein. Und plötzlich wird zur Nebensache, gegen wen Borussia Dortmund, FC Bayern München und RB Leipzig in der Gruppenphase spielen. Zumindest hier im Westen: Ousmane Dembélé doch zum FC Barcelona, Benedikt Höwedes vermutlich zu Juventus Turin - die Nachrichten und Gerüchte überschlugen sich bei Funke Sport.

Da muss man kühlen Kopf bewahren. Keine Bestätigung, dass der Dembélé Deal tatsächlich perfekt ist - verstanden. Kein Angebot vom italienischen Meister - Höwedes immer noch Schalker. Trotzdem stehen beide Wechsel vor dem Abschluss, keine Frage. Wie weit darf man also Spekulationen, Andeutungen oder Hintergrundinformationen für bare Münze nehmen? Wie schnell kann die Nachrichtenlage über Nacht überholt sein? Welches Spiel treiben die Spielerberater mit ihren Hinweisen? Das ist unser Berufsalltag. Nur geht es inzwischen um dreistellige Millionensummen.

Den ganzen Abend blieb meine Truppe in der Redaktion am Europa-Center in Essen zusammen, um Antworten auf diese und mehr Fragen zu bekommen. Die Luft brannte. Einerseits will man absolut zuverlässig sein; andererseits die schnellsten, wenn etwas passiert. Jeder Anruf, jede SMS aus dem Bundesliga-Netzwerk kann entscheidend sein. Mit anderen Worten: Wir hatten unglaublich viel Spaß gestern Abend. Es gibt wohl keinen schöneren Moment, als der Wahrheit, was die Zukunft in den Klubs angeht, schrittweise näher und näher zu kommen.

Keine Ahnung, ob die Leser diese Arbeit heute noch würdigen. Sie lesen die News bei uns oder bei unseren Kollegen von "Bild" oder "kicker" und wissen wohl schon nach ein paar Minuten nicht mehr, wo die Information zuerst gestanden hat. In den digitalen Zeiten werden die News schlagartig von Plattformen wie beispielsweise Onefootball unters Volk gestreut, mit allen Wendungen und Verläufen, für die anderswo Reporter Überstunden klopfen. Kein Vorwurf: So sind die digitalen Zeiten eben.

Warum ich das alles aber schreibe: Erstens um zu zeigen, dass es immer noch Sportjournalisten gibt, die ihren Beruf im Sinne der Leser ernst nehmen, und zweitens um zu bitten, dass Leser und User nicht jedesmal den Untergang des Abendlands heraufbeschwören und die Zurechnungsfähigkeit von Journalisten infrage stellen, wenn in der Hitze der Recherchen oder im Alltag des Geschäfts ein Fehler oder ein Missverständnis passiert.

Gestern ging, Stand jetzt, alles gut. Wir wussten Bescheid wie bei den drei Trainerwechseln im Revier zuvor und haben unsere Leser auf dem Laufenden gehalten. Und natürlich waren wir nicht die einzigen. "Kicker", "Bild", "RevierSport", "Sport Bild" und die vielen anderen Kollegen in den lokalen, regionalen und nationalen Zeitungen und Zeitschriften: Wir alle versuchen aufrichtig, unsere Meinungsstärke mit Nachrichtenstärke zu untermauern. Jeder auf seine Weise, jeder mit eigenem Zugang, wie er das Thema anpackt.

Sorry, ich musste das alles mal loswerden. Ständig werden wir Journalisten angefeindet, nicht selten persönlich verspottet. Von Leuten, die meinen, sie wüssten alles besser - und nicht einen einzigen Menschen in der Bundesliga kennen, sondern das Geschehen am Fernsehgerät oder von der Tribüne aus verfolgen. Dagegen ist ja überhaupt nichts zu sagen. Aber lasst uns unseren Job machen und seid nicht jedesmal auf der Palme, Leute. Amen.

Autor: Pit Gottschalk, Chefredakteur Funke Sport

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