Richtig oder falsch? "Journalistico"-Rechercheteam prüft Wahlkampfaussagen

 

Mit einem neunköpfigen Team aus Journalisten und Fachleuten startet das Onlineportal "Journalistico" zum Bundestagswahlkampf einen Faktencheck. Das von Daniel Baumann, Wirtschafts-Chef der "Frankfurter Rundschau", geleitete Team überprüft Statements von Politikern. Seit dem 21. August kommt an jedem Werktag mindestens eine politische Aussage auf den Prüfstand. Redaktionen können den Dienst abonnieren. Kress.de hat mit dem 32-Jährigen gesprochen.

kress.de: Beginnen wir mit einem Faktencheck: Nirgendwo werde so viel gelogen wie vor Gericht und im Wahlkampf, heißt es. Stimmt das?

Daniel Baumann: Ob das stimmt oder nicht, werden wir am 24. September wissen. Wir haben mit unserem Faktencheck ja gerade erst begonnen. Aber auf jeden Fall gilt: Die Menschen können nur alle vier Jahre über die Zusammensetzung des Bundestages entscheiden. Und da sollten sie wahrhaftig informiert werden. Wir Journalisten sollten im Sinne der Wähler genau hinschauen und prüfen, wie richtig die Aussagen sind. Die Wahrheit ist oft komplexer als es auf den ersten Blick erscheint. Und wir schauen uns die Details intensiv an.

kress.de: Politiker haben "Fake News" in sozialen Netzwerken zum Wahlkampfthema gemacht. Werfen sie mit Steinen, obwohl sie im Glashaus sitzen?

Daniel Baumann: Der Begriff "Fake News" ist schwierig, weil er schwammig ist. In den USA sind alles "Fake News", was der Sicht des Präsidenten Donald Trump widerspricht. In Deutschland verstehe ich darunter Nachrichten, die absichtlich manipuliert sind und gezielt lanciert werden. Das machen die etablierten Parteien nicht. Sie geben Sachverhalten aber einen bestimmten Spin, mit dem sie festlegen wollen, wie ein Thema gesehen werden soll. Und außerdem reden Politiker manchmal uninformiert daher und produzieren so "Fake News".

kress.de: Ihr Team hat die Forderung der Linken untersucht, ausreisepflichtige Ausländer nicht abzuschieben. Dabei liegt das vom Linken-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow regierte Thüringen bei den Abschiebungen auf Platz 2 aller Länder. Lügt die Partei also?

Daniel Baumann: So einfach kann man das nicht sagen. Wir verzichten bewusst darauf, Aussagen in "Lüge" und "Wahrheit" zu kategorisieren. Erstens ist das nicht immer so vereinfacht darzustellen, und zweitens vergiftet das das Debattenklima. Wir haben bei der Linken die Forderung nach einem Abschiebestopp mit der Wirklichkeit kontrastiert. Die ist komplex. Wir machen das anspruchsvoll und wollen die Leser befähigen, sich ihr eigenes Urteil zu bilden, nachdem wir ihnen die Fakten und Zusammenhänge präsentiert haben.

kress.de: Müssen Sie eine Lüge nicht aber auch als solche bezeichnen?

Daniel Baumann: Nein, das muss man nicht. Aber ob man das tut oder nicht, ist natürlich eine Wertentscheidung. Meine politische Sicht ist es, das nicht zu tun. Denn andersherum würde es nur die Politikverdrossenheit fördern und zu keinem guten gesellschaftlichen Klima beitragen.

kress.de: Ist Ihnen das politische Klima also wichtiger, als einen Lügner einen Lügner zu nennen?

Daniel Baumann: Mit dieser Vereinfachung kann ich wenig anfangen. Es gibt auch das Gebot der journalistischen Differenzierung, sonst wird man der komplexen Realität nicht gerecht. Etwas anderes ist es, wenn es sich um ganz einfache Vorgänge handelt. Zum Beispiel: Ein Politiker behauptet, an einem bestimmten Datum in Wolfsburg gewesen zu sein, um mit der Belegschaft von VW zu sprechen. Und dann stellt sich heraus, er war nie da. Dann ist das sehr einfach zu widerlegen und kann als klare Lüge bezeichnet werden. Der Rest ist komplexer.

kress.de: Auch die Aussage von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), Deutschland sei eine "Automobilnation" haben Sie überprüft. Stimmt das etwa nicht? Hört sich doch an wie eine Binsenweisheit.

Daniel Baumann: Ja, das klingt so, weil wir es immer und immer wieder hören. Die Aussage ist eine der Annahmen, die es aufgrund dauerhafter Wiederholung zur akzeptierten Wahrheit geschafft haben. Die Autoindustrie ist ohne Zweifel wichtig, aber unsere Fakten zeigen, dass es auch andere Branchen gibt, die ebenso viel zur deutschen Wertschöpfung beitragen. Uns geht es darum, dass es vor diesem Hintergrund fragwürdig ist, dass der Automobilindustrie eine derart überragende Bedeutung beigemessen wird und sich Politiker von ihr einspannen lassen, um deren Interessen zu vertreten. Die alte Behauptung, jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland hänge an der Automobilindustrie, streut Sand in die Augen. Dobrindts Satz war insofern für uns eine gute Gelegenheit, das aufzuspüren.

kress.de: Viel Kritik wegen seiner Unrichtigkeit hat das SPD-Plakat auf sich gezogen, Frauen verdienten bei gleicher Arbeit 21 Prozent weniger als Männer. Werden Sie das auch noch einem Faktencheck unterziehen oder ist das Thema durch?

Daniel Baumann: Nein, das ist nicht durch; ein Stück dazu ist in Arbeit. Die 21-Prozent-Angabe stammt vom Statistischen Bundesamt - eine seriöse Quelle. Aber auch hier ist die Wahrheit komplexer und eine Frage der Perspektive. Denn die Zahl ist unbereinigt. Jetzt kommt es auf die politische Argumentation an. Wenn ich nicht bereit bin zu akzeptieren, dass typische Frauenberufe wie in der Pflege schlechter bezahlt werden als Männerberufe, dann ist die Zahl richtig. Nehme ich nun aber zum Beispiel männliche und weibliche Pflegekräfte, dann stelle ich fest, dass hier die Verdienstunterschiede deutlich kleiner sind. Es geht hier also um die politische Sichtweise.

kress.de: Glauben Sie, dass es eine Partei geben wird, die bis zur Bundestagswahl ohne eine dieser fragwürdigen Sichtweisen durchkommt?

Daniel Baumann: Sie meinen, ohne Falschaussage? Das wird es nicht geben. Wir haben zwar noch nicht alle gecheckt, aber an irgendeinem Punkt werden Sie so etwas bei jeder Partei finden.

kress.de: Sie wollen Ihren Faktencheck an Redaktionen verkaufen. Wie läuft's?

Daniel Baumann: Wir haben zwei Kooperationen fix, und mit weiteren Redaktionen sind wir im Gespräch.

kress.de: Welche Redaktionen sind das?

Daniel Baumann: Mit der "Nordwest-Zeitung" und meiner Zeitung, der "Frankfurter Rundschau", kooperieren wir. Über die anderen, mit denen wir bisher noch keine Kooperation abgeschlossen haben, kann ich natürlich nichts sagen.

kress.de: Könnten Medien einen solchen Faktencheck nicht auch selbst machen? Oder fehlt es dafür an Personal?

Daniel Baumann: Jein. Ich habe inzwischen mit fast allen Zeitungen Kontakt aufgenommen. Etliche haben geantwortet, sie hätten ein solches Projekt selbst in Vorbereitung, daher bräuchten sie sich nicht auf unsere Recherchen zu stützen. Und andere, da haben Sie Recht, haben einfach nicht die Ressourcen für ein solches Projekt.

kress.de: Wie geht es nach der Bundestagswahl weiter? Was wird dann aus "Journalistico"?

Daniel Baumann: Wir haben tatsächlich erst einmal nur bis zum 24. September geplant. Danach wollen wir das Projekt beenden. Aber letztlich, weiß man nie, wie sich so etwas entwickelt und welche Dynamik das noch bekommt.

kress.de: Wie ist das eigentlich mit Ihnen? Stellt die "FR" Sie dafür frei oder machen Sie das nebenher?

Daniel Baumann: Ich mache gerade ein Sabbatical, um mich fortzubilden und solche Projekte wie "Journalistico" auszuprobieren.

kress.de-Tipp: "Journalistico" im Netz: https://journalistico.com 

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